Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 64 Oestrrreichische Wottzrnschrist Nr. 4 Zucker nahm die Adresse mit wärmstem Danke für das ihm aus! Interessentenkreisen spontan und direct dargebrachte Vertrauen entgegen und versprach, das Ersuchen um Verbleib im Abge-! ordnetenhause erwägen zu wollen. Doch hatte die, ohne Rück-! sicht auf irgendwelche Parteiverhältniffe aus Alt- und Jungczechen zusammengesetzte Deputation leider den Eindruck, als ob , Abgeordneter Professor Dr. Zucker entschlossen sei, sein Mandat! wegen der bekannten Vorgänge in der Prager Handelskammer niederzulegcn und auf weitere politische Thätigkeit vorläufig zu verzichten." — Mittlerweile ist die Maüdatsniederlegung bekanntlich schon Thatsache geworden. M. Wei^kirchen. Seit dem Abgänge Sr. Ehrwürden des H. Dr. Deutsch konnte sich die hiesige Cultusvertretung nicht entschließen, an die Wahl eines Seelsorgers zu schreiten. Im Vorjahre wurde nach erfolgter Concursaus'schreibung H. Dr Adolf Leimdörfer aus Böhm.-Leipa hieher berufen. Und wahrlich, die Gemeinde Kat sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht, denn dieser Mann vereinigt in sich alles das, was ein wahrer Seelenhirt seiner Gemeinde sein muß. In unserer Gemeinde lebt ein Mann, Herr Hermann Wolf, der ein warmfühlcndes Herz für Nothle^dende hat. Als Obmann der „Chevra Kadischah" sucht er die Hütten der Armen und Nothleidenden auf und trachtet nach Möglichkeit die Noth zu lindern. In Folge des strengen Winters in diesem Jahre und der herrschenden Noth hat er eine Sammlung unter den Gemeinde- Mitgliedern eingeleitet, um die Armen mit Brennmaterial zu versorgen. Seiner Mühe ist zu verdanken, daß ein großer Betrag zu diesem Zwecke gesammelt wurde. ' tt. Lomnitz, (llrische Ges chäftsgeb a h rung.) Sollte irgend ein jüdischer Hausierer sich die Geschäflsroutine aneignen wollen, Kunden, die ihm wiederholt die Thür gezeigt, dennoch an sich zu locken und ihnen seine Artikel um fünfundzwanzig Percent über den gewöhnlichen Einkaufspreis aufzudisputiren, dem wird hier die Firma Schelhammer und Schattera Wien, I" Kärntnerstraße 20 als gute Schule anempfohlen. Ich will' indeß mit meinem Urtheile über echt arische Geschäftsgebahrung zurückhalten und die Thatsache für sich selbst sprechen lassen. Das Bankhaus Schelhammer und Schattera pflegte, als Verschleißer von Losen der Wiener Armenlotterie, alljährlich eine Anzahl von Losen — das Stück zu 46 kr. einer hiesigen jüdischen Fabriksfirma einzuschicken, die sie auch in befreundeten Kreisen absetzte. Nach Bekanntwerden aber, daß besagtes Bankhaus der Gesolgeschaft Schönerer's und Lueger» angehört, wollte erwähnte Firma nicht mehr damit zu thun haben. Was! thaten aber die Herren Schelhammer und Schattera? Man. ist 1 nicht umsonst Antisemit. Wenn man mit Leib und Seele einer. Bewegung sich verschreibt, die, wie der Antisemitismus, unter falschem Aushängeschilde ganz andere Zwecke verfolgt, muß man dies auch praktisch, resp. geschäftlich verwerthen können. Und das geschah auch Heuer. Bor einigen Tagen erh'elt die hiesige Fabriksfirma vom „General-Losverttieb" zehn Stück Lose der Wiener Armenlotterie nebst allew Druckbeilagen, unter denen auch eine Postanweisung sich befand, welcher schon der einzuzahlende Betrag in der Höhe von 4 fl. 95 kr. eingedruckt war. Das Los war somit mit 50 kr. incl. um 25 Procent höher berechnet. Im guten Glauben, die Sendung rühre direct von der Unternehmung her, schrieb Empfänger an den „Generallosvertrieb", I., Kärntnerstraße 20 Wien, er werde die Lose behalten, kann jedoch von seinen Abnehmern nicht mehr als 40 kr. verlangen, nachdem er alljährlich zu diesem Preise ihnen verkauft habe. Dieses Verlangen wurde ihm brieflich bewilligt und war auf dem Briefe statt der Unterschrift vermittelst Stampiglie „Generallosverttieb" aufgedruckt. Indeß ist nichts so fein gesponnen, die Schrift schien dem Empfänger bekannt. Und wirklich überzeugte ihn die Liste des „Clearing-Verkehrs" der Postsparcaffe, daß I., Kärntnerstraße 20 das Bankhaus Schelhammer und Schattera etablirt ist. Das der einfache Thatbestand. Daß eine solche geplante Täuschung der Consumenten einen ethischen Bettug involvire, unterliegt keinem Zweifel. Indeß haben die antisemitischen Anticorruptionisten bekanntermaßen ein sehr elastisches Gewissen. Nöthigenfalls wird ihnen — da doch dieser moralische Bettug wahrscheinlich nur gegen Juden ausgeführt wurde P. Eichhorn Absolution ertheilen. In sicherer Voraussetzung, daß gar mgncher Leser dieses geschätzten Blattes unter dem Aushängeschilde ^Generallosoertrieb" Lose erhalten, gestatte ich mir, -auf diese Täuschung aufmerksam zu machen, sowie darauf, daß bei der Firma Schelhammer und Schattera die Lose bloß 40 kr. per Stück kosten, ihnen somit eine ganz unberechtigte Preiserhöhung um 25 Procent, sage fünfundzwanzig Procent aufgeschwindelt wurde. Dr. Simon Wolffsohn. Czernowitz. (Zur Wahl eines Rabbiners) veröffentlicht der hiesige isr. Cultusvorstand, sowohl im Amtsblatte, wie in seinem eigenen Organe, folgende Kundmachung: Im Grunde Beschlusses des Cultusrathes der Czernowitzer isr. Cultusgemeinde Vom 12. Jänner 1893 und in Gemäßheit der Bestimmungen des § 29 I. Theil und § 5 II. Theil des Cultusgemeinde-Statutes wurden bezüglich der bevorstehenden Neuwahl eines Oberrabbinerszugleich. Predigers für die hiesige israel Cultusgemeinde die Listen, der wahlberechtigten Gemeindemitglieder bereits fertiggestellt und in der Kanzlei der Cultusgemeinde (Universitätsgasse Nr. 5) zu jedermanns Einsicht aufgelegt. Dies wird mit dem Beisatze zur öffentlichen Kenntnis gebracht, als allfällige Neclamationen gegen diese Wählerlisten innerhalb der statutenmäßigen achttägigen Reclamationsfrist vom Tage.der Einschaltung dieser Kundmachung in das Amtsblatt der „Czernowitzer Zeitung" an gerechnet an die Wahlcommiffion zu richten und sei es schriftlich, sei es mündlich in der Cultusgememde-Kanzlet während der gewöhnlichen Amtsstunden einzubringen sind." Budapest, 16. Januar.- Der Gesetzentwurf über die „Jnartikulirung (gesetzliche Anerkennung) der israelitischen: Religion" ist fertiggeftellt. Derselbe wird ans drei Paragraphen bestehen. Im ersten Paragraphe wird die israelitische Religion für eine gesetzlich anerkannte erklärt; im zweiten wird bestimmt, daß die 1—8 des Gesetz-Artikels LIII vom Jahre 1868,. welche den Uebertritt regeln;' auf die israelitische Religion ausgedehnt werden; und im dritten wird mit der Durchführung des Gesetzes das Ministerium betraut. Diese letztere Verfügung scheint der Umstand veranlaßt zu haben, daß der katholische Clerüs in der Wegtaufungsfrage auch aus dem Grunde die Suspendirung des Vollzuges der Gesetzesbestimmungen verlangte, weil mit der Durchführung des Gesetz-Artikels LOT vom Jahre 1868 Niemand betraut wurde, daher für den Vollzug desselben auch kein Minister verantwortlich gemacht werden kann. Einer solchen Argumentation wollte vielleicht die Regierung Vorbeugen, indem sie mit der Durchführung des Gesetzes über die Jnartikulirung der israelitischen Religion das Ministerium zu betrauen beantragt. In der gestern abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung der hiesigen jüdischen Cultusgemeinde wurde als Nachfolger Moritz Wahrmann » das bisherige Ausschuß-Mitglied Herr Sigmund Kohner zum Präsidenten der Gemeinde gewählt. Die Wahl erfolgte mit Stimmeneinhelligkeit, ein Beweis für die Hochachtung und Sympathie, deren der neue Präsident sich erfreut. In der von edler Begeisterung durchglühten Rede, mit welcher Herr Kohner die auf ihn gefallene Wahl annahm, gelobte derselbe, daß seine Devise sein werde: „treu unserem Glauben, treu unserer Gemeinde, treu unserem geliebten Vaterlande!" Braunschweig, 17. Januar. Unter dem Titel „Antisemitismus und Christenthum" befindet sich hier augenblicklich eine Flugschrift unter der Presse, welche vom früheren General-Hofintendantcn des" Prinzen Albrecht von Preußen, Freiherrn v. Löhneysen verfaßt ist und welche sich die Aufgabe gestellt hat, das Unmoralische, der antisemitischen Agitation vom Standpunkte der christlichen Ethik zu beleuchten. Das Erscheinen dieser Schrift ist um so beachtenswerther, als deren Verfasser ein Mann von unzweifelhaft conservativer Parteirichtung ist, der es unternimmt, einer gerade unter seinen Parteigenossen gepflegten Richtung entgegenzutteten und der damit ein anerkennenswerthes Beispiel von Characterstärke und Unabhängigkeit der Denkweise gibt. Breslau. Durch ihr rüdes Auftreten im Wahlkreise Liegnitz haben es die Antisemiten zu Wege gebracht, daß der freisinnige Candidat Stadttath Wecker von seiner Kandidatur zurückgetreten ist. Die Freisinnigen sind im Augenblick bemüht, einen Ersatzmann zu finden, der bereit ist, in die Bresche zu treten. Dieser ganze Zwffchenfall ist in mannigfacher Beziehung characteristisch; er zeigt an einem concreten Beispiel, welche Wirkungen die antisemitische Agitation für unser politisches Leben Hot. Herr Wecker zog sich von dem Kampfe zurück, weil er angeekelt war von den Formen, in denen dieser Kampf geführt wurde, Wir können nun zwar ein. solches Zurückweichen keineswegs billigen,' denn gerade der Wahlkamps ist ein Mittel, um die Bevölkerung politisch zn erziehen, und die Bedeutung