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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-27 · 4 (27.1.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 62 Oesterrerchssche Wvchenfitzrist tllr. 4 und kampfbereite Dr. Geßmann beeilte sich an die Regierung eine Interpellation zu richten wegen der unsittlichen Inserate, nicht etwa des Grazer Antisemitenblattes, sondern des „Neuen Wiener Tagblattes", welches vor einiger Zeit ein einem unverdorbenen Menschen kaum verständliches Inserat enthielt, welches die Antisemiten allein sinngemäß zu deuten wußten. Es fällt uns nicht ein das Blatt in Schutz zu nehmen. Wir wiederholen die Bemerkung in unserem vorwöchentlichen Leitartikel: „Wenn es sich um unzüchtige und unredliche Inserate handelt, dann sind wir in der Lage des Grafen Sandor, der im Jahre 1848, als man vor seinem Palaste eine Katzenmusik brachte, erst fragte, wem es gelte, und als die Störer der nächtlichen Ruhe antworteten, es sei seiner Frau, einer geborenen Metternich, vermeint, mit der größten Gemüthsruhe zum Fenster hinausrief, die auf der Sttaße sollten nur warten, er wolle auch Herabkommen und Mitwirken." Allein es gehört die ganze Frivolität österreichischer Antisemistlinge dazu, angesichts des unerhörten unsittlichen Treibens der gezeichneten Antisemitenblätter über unschickliche liberale Preßerzeugniffe öffentlich Klage zu führen. Der sattsam bekannte Monsignore Speicher hdt es sich nicht nehmen lassen, in der Generalversammlung des St. Vincenz - Lesevereines vom 15. dieses Monats das gleiche Thema zu behandeln und vor den unzüchtigen Inseraten in liberalen Zeitungen zu warnen. Das „Deutsche Volksblatt" vom Dienstag den 24. dieses Monats versteigt sich zu einem Leitartikel: „Der Gipfel der Schamlosigkeit", in welchem der Bice-Präsident des Abgeordnetenhauses Baron Chlumecky für das Inserat im „Neuen Wiener Tagblatt" verantwortlich gemacht und die gesummte lieberale Partei „geradezu als Mitschuldige dieser sittenlosen Preffe" genannt wird. Dagegen das unsittliche Treiben der antisemitischen Parteipresse wird als etwas ganz Gehöriges, Ordnungsmäßiges, der arischen Natur vollkommen Entsprechendes auch keinem Tadel unterworfen. Wir selber haben diese Sache nie von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet. Noch ein zweiter Vorfall in der Sitzung vom 23. d. M. bedarf einer Erwähnung. Der Abgeordnete Dr. von Kraus wiederholte die Interpellation an den öfterr. Handelsminister, welche der Ungar. Reichstagsabgeordnete Visontay im ungarischen Parlamente an die Ungar. Regierung richtete, betreffend Vorfälle bei Durchführung der Prioritäten-Conversion der Kaschau-Oderberger Bahn seitens der Oesterreichischen Bodencredit- Anstalt. Die Vorgänge, welche die von sämmtlichen liberalen Journalen Wiens reproducirte Interpellation des ungarischen Abgeordneten angiebt, sind ganz ungehöriger Natur. Allein das biedere „Deutsche Volksblatt", das officielle Organ der Wiener Anticorruptionisten hat beide Interpellationen unterschlagen und zwar aus keinem anderen Motiv, als weil bei der Bodencreditanstalt ein gut bezahltes Inserat in Sicht ist. So sind unsere Herren Arier. Schließlich sei noch erwähnt, daß der deutschnationalantisemitische Gymnasial-Profefsor Hans Meusburger in Ried, (Jnnkreis), gegen welchen eine strafgerichtliche Untersuchung wegen Sittlichkeitsverbrechen im Zuge war, auf Anordnung des Untersuchungsrichters verhaftet worden ist, ohne daß die Leser des „Deutschen Volksblattes" es erfahren. Wien. (Fruchtbarkeit der E h,e n zwischen Juden und Christen.) Im neuesten Heft der „Zeitschrift des königl. preußischen statistischen Bureaus" findet sich eine merkwürdige Statistik über die Fruchtbarkeit der Ehen zwischen Juden und Christen. Auf hundert christliche Ehen entfallen in Preußen 454, auf 100 jüdische Ehen 421 Kinder. Auffallend geringer ist indessen die Kinderzahl bei Ehen zwischen Juden und Christen, gleichviel, welches Eheglied jüdischer Rasse ist, denn es kommen auf je 100 Ehen zwischen evangelischen Männern und jüdischen Frauen nur 178, zwischen katholischen Männern und jüdischen Frauen nur 166, zwischen jüdischen Männern und evangelischen Frauen nur 158, zwischen Mischen Männern und katholischen Frauen nur 138 Kinder. Als einzige Ursache der nachgewiesenen Unfruchtbarkeit nennt die „Zeitsch. des k. preuß. statistischen Bureaus" von Baron Fircks den Rassenunterschied zwischen dem arischen und dem semitischen Therl einer solchen Mischehe. In der That scheint uns der Grund anderswo zu liegen. Diese Ehen, welche die unmögliche Aufgabe übernimmt, die von Jugend auf anerzogenen und durch Jahrhunderte ererbten Borurtheile und Abneigungen zu überwinden, enden zum größten Theile unglücklich durch Trennung oder vollständige Scheidung, und wo die sociale Stellung diesen entscheidenden Schritt verhindert, leben die Gatten neben einander und nicht miteinander. Da ist kein Boden für reichlichen Kindersegen. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sie haben in ihrer jüngsten Nummer gegeißelt, daß der Antisemit Axmann es mit seiner antisemitischen Gesinnung vereinbarlich erachtet, jüdische Firmen anzuschnorren. Geehrter Herr Redacteur, Sie kennen, wie es scheint, diese Biedermänner noch nicht ganz. Im „Neuen Wiener Tagblatt" lesen Sie ein Bettelinserat, gerichtet speciell an „Gutherzige Israeliten" von einem Arier, welcher sich seit je durch die kräftigsten Schimpfworte für die Juden bemerkbar gemacht hat. Er weigerte sich sogar für Juden zu arbeiten, nun bettelt er bei den Juden. Ein anderes Beispiel: Sie wissen, wie die junge katholische Geistlichkeit, nicht ganz zum Wohlgefallen der Oberhirten, die antisemitische Propaganda betreibt. Im niederösterreichischen Landtage erklärte Pater Schnabel, die Juden seien von der Nächstenliebe auszuschließen und vor Gericht wurde eine Declaration des Pater Eichhorn sichergestellt, daß er jeden Dieb, der nur Juden bestohlen hat, absolvirt. Nichtsdestoweniger versendet ein Herr Johann Hikl, Kaplan in Holleschau (Mähren), Präses des katholischen Gesellenvereines, an die Juden aller'österreichischen Kronländer, selbst an die in Croatien, Bettelschreiben, um Unterstützung des katholischen Gesellen-Bereines, der sich „im größten Bedrängnisse und in verzweiflungsvoller Lage, aus der ihm nur Gott und die hochherzigen Wohlthäter helfen können", befinden soll. Man darf billig fragen, warum der Pfarrer sich nicht an den gräflichen Präsidenten des Linzer Katholikentages, an den Socialpolitiker Prinzen Liechtenstein oder an die Fürsten Schwarzenberg wendet, deren Reichthümer jene der Familie Rothschild übersteigen. Gegen die Juden wird in den schmählichsten Ausdrücken gehetzt, ihre Religion wird verleumdet, ihr Familienleben beschimpft, die Gebeine ihrer Vorfahren im Grabe werden nicht geschont, der Jude wird geradezu als vogelfrei erachtet und nun wird er obendrein noch angeschnorrt. So manifestirt sich der arische Charakter. Wien im Januar. Die Methode der antisemitischen Blätter, jeden großen Gauner zum Juden zu stempeln, ist bekannt. In letzter Zeit ist sie förmlich zur Manie ausgeartet. Natürlich ist es nicht möglich, in jedem Fall die Lügner zu entlarven. Aber einige hervorragende Beispiele aus der letzten Woche mögen genügen, um die ganze Sache zu characterisiren. Es ist eine Lüge, daß der französische Exminister Rouvier ein Jude oder auch nur von Juden abstamme; es ist eine Lüge, die auch schon von einzelnen Blättern hat widerrufen werden müssen, daß der Sammler der Welfenfondsquittungen, Lunge, ein Jude; und ebenso ist es notorisch, daß der in den Panama-Proceß so arg verwickelte Bankier Arton streng katholisch ist und erst jüngst mit Cardinälen und hohen Geistlichen wieder dys Project einer „katholischen Bank" ausgeheckt hat. Von all' den zahlreichen Schwindlern des Panama-Processes sind notorisch nur zwei Juden: Reinach und Cremieux. Es ist nothwendig das allen Insinuationen gegenüber immer und immer wieder zu betonen. Wien, 21. Jänner 1893. Herr Redacteur! Der Artikel „Ein christlicher Staatsmann in China rc." bezeichnet den Verfasser der Artikel im „Ostasiatischen Lloyd" in einer Weise, der .die Unterschrift „v. M." jedem vertraulich erscheinen läßt, der die dortigen Verhältnisse kennt. Aber wer kennt hier die Verhältnisse in Coreg? „v. M." „von Möllendorf" ist ehemaliger Ministerpräsident von Corea, ein directer Urenkel des bekannten preußischen Generals von Möllendorf aus den Zeiten Friedrich des Großen und also gewiß ein reiner Arier. Das sollte genau, klar und deutlich gesagt sein. Hochachtungsvoll Julius Rosenbaum. E. B. Wien. (Mansch elnde Magistrats beamte.) Ein Beamter des Wiener Magistrates wurde in einem Jnjurienprozesse freigesprochen, weil der betreffende Richter Mauscheln gegenüber einer jüdischen Partei nicht als Ehrenbeleidigung, sondern nur als Verhöhnung erkannte. Es fragt sich nun, darf ein Wiener Magistratsbeamter einen Juden anmauscheln, respective verhöhnen, insbesondere bei einer Amtshandlung und dazu noch in Steuersachen? Der Fall, daß Wiener Gemeindebeamte Silben in gleich rüder Weise begegnen, ist leider nicht vereinzelt und es ist ein öffentliches Geheimniß, daß die Du minorum gentium der Beamtenschaft des Wiener Magistrates antisemitisch verseucht ist. Wir fordern den Bürgermeister Herrn Dr. Prix als Chef des Magistrates auf, gegen diesen Unfug mit aller Entschiedenheit aufzutreten und sich hier als „eiserner

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