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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-27 · 4 (27.1.1893) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 Oestrweichifche Wochenschrift -Leite 61 theiluug, wie mich die Leute im Orte beobachtet hätten, ob ich etwa um ein Pulver in die Tasche greifen würde, ich hätte es nur wagen sollen, so wäre rc. Unter solchen Verhältnissen war, wie ersichtlich, der Aufenthalt unter solchen Leuten wirklich gefährlich. Als ich bei der Anwesenheit der Sanitäts-Jnspection in Pisek auf diese traurigen Verhältnisse hinwies, sagte man, das könne nicht sein, daß es ein solches Volk im 19. Jahrhundert noch geben könnte! Man schenkte ganz einfach meinen Worten keinen Glauben, im Gegeutheil, man hat mir die Schuld zugeschrieben, daß das Volk so ungebildet sei. Wie ich zu dieser Beschuldigung kommen konnte, lveiß ich allerdings nicht, denn es kann doch nicht die Aufgabe des Arztes sein, aus einem dummen Volke ein gebildetes zu machen. Und als ich — das hiesige Volk gut kennend — weiter bemerkte, daß im Falle eines Ausbruches der Cholera das Volk keinerlei Heilmittel anwendeu werde in der Meinung, daß man ihm dadurch gerade die Cholera ins Haus bringen wolle — da spottete man meiner Prophezeihung. Was ich gesagt habe, das geschah. Als in Dietrichstein im Piseker Bezirke tatsächlich ein ans Budapest zurückgekehrter Mann an asiatischer Cholera starb und dessen Weib an Durchfall und Magenbeschwerden zu leiden begann, bot ich ihr 10 Tropfen Opiumtinctur, welche ich mit mir hatte, an. Und was that das Weib? Es nahm die Tropfen auch dann nicht, als ich ihr vorschlug, daß ich erst 10 Tropfen zu mir nehmen werde, dann möge sie auch 10 Tropfen nehmen. Als all mein Zureden, die Tropfen zu nehmen, vergeblich war. sagte sie: Die Leute haben mir davon abgerathen, sie würden mir ohnehin von ihr (d.h. von derCholera) noch ganz gehörig die Wohnung vollstopsen! Was hätte der Arzt dann etwa mit der Enteroklyse, was mit der Hypodermoklyse mld der intravenösen Infusion ausgerichtet? Und wie war es mit den Desinfectionsmitteln bestellt? Das Volk wollte sie nicht einmal unentgeltlich nehmen, indem es - vorgab, daß sie nicht immer gleich wirken, das heißt, daß sie nicht immer gleich Cholera erzeugen, sondern erst nach einem Jahre, ja selbst nach sieben Jahren. Und als in Dietrichstein die Geusdarmen mit den Mitteln herumgingeu, verschloß das Volk die Thüren und beschimpfte die Geusdarmen. Das Volk ist so mißtrauisch, daß es nicht einmal sich selbst traut; denn es ließ nicht einmal den eigenen Gemeindevorsteher, welcher gemeinsam i' mit der in den Gemeinden eingesetzten localen Sanitätscommission die Häuser hinsichtlich der sanitären Maßnahmen besichtigen kam, ins Haus, sondern sperrte vor ihm das Thor zu und drohte demselben mit dem Beten, hinzufügend, daß der Herr Vorstand von den „Herren" bestochen sei. Es sind das furchtbare, aber leider wahre Begebenheiten und damit ich den Jammer, mit welchem der Arzt hier kämpfen muß, noch erhöhe, muß ich anführen, daß das Volk auch ein Mittel gegen die Cholera hat, und was für ein Mittel! — Der Dünger und die Dünger-Jauche sind ihm die besten Heilmittel! Im Jahre 1866 hat man nämlich die Kranken in Dünger eingegraben, so daß ihnen nur der Kopf herausragte und dann gab man ihnen Jauche zum Einnehmen! Und dann sollen diese Leute Dünger und Jauche, diese ihre besten Heilmittel, aus den Höfen beseitigen! Daß sich die Cholera heuer nicht verbreitete, das schreibt das Volk dem Umstand zu, daß die „Herren" heuer zu wenig ausgestreut haben! Es wird vielleicht schon genug sein solcher Erfahrungen — Pardon, nur noch einen kurzen Dialog zur Erheiterung. Zur Zeit, wo bei uns in Dietrichstein Alles bereits zu Ende war, also auch die Absperrung des Ortes durch die Gensdarmerie, kam eine Frau von dort in die Mühle im benachbarten Cimelitz, wo sie ihr Vater solaendermaaßen anredete: „Nun, wie habt Ihr es denn bei Euch äort mit der Cholera^?" — Sie antwortete: „Cholera? nichts Cholera; da haben sich die „Herren" wieder einmal ordentlich geirrt; der Mensch, der gestorben ist, hatte sich mit Zwetschkenknödeln, die mit Mohn bestreut waren, angegessen, und da glaubten die Herren in Prag, daß der Mohn die Bacillen seien!" (Das Volk ist hier nämlich der Ansicht, daß es in Dietrichstein nicht die Cholera war, weil nur ein Mensch gestorben ist.) — Uebergehen wir nunmehr dazu, was von Seite der k. k. Bezirkshauptmannschaft geschehen ist, damit diese traurigen Verhältnisse verbessert werden, damit das Volk belehrt werde, und mit welchem Erfolge dies geschehen ist? Jedermann — und sei es vor allem constatirt, daß es zumeist das weibliche Geschlecht war — der die unsinnigen Gerüchte von Ausstreuen der Cholera verbreitete, wurde dem k. k. Bezirksgerichte zur Bestrafung übergeben. Nun wurde einer entlassen, eine andere wurde unschuldig befunden und so ging es weiter. Die Sache tvar schlimmer als besser, denn sie sagten: Sehet, man hat uns nichts gemacht, weil wir die Wahrheit sprechen. Ferner wurden alle Pfarrämter und Schulverwaltungen ersucht, das Volk über die Unsinnigkeit solcher Gerüchte möglichst zu belehren. Sie thaten es, allein fast ohne jeden gewünschten Erfolg, denn das Volk sagte: Selbst den Geistlichen haben sie schon ans ihrer Seite; und als einmal der Geistliche von der Kanzel herab das Volk über die Cholera belehren wollte, was that das Volk? Es verließ die Kirche!" -(Relchenberger „Humanität") | Dr. David Cassel, | In der Nacht vom 22. Januar starb in Berlin Dr. David Cassel, im Alter von 75 Jahren, und mit ihm schied ein ausgezeichneter Gelehrter und Forscher aus der Reihe der Lebenden. Dr. David Cassel zeigte sich in den zahlreichen Werken, die er veröffentlicht hat, gründlich, besonnen, zuverlässig. Seine literarische Thätigkeit erstreckte sich aus verschiedene Gebiete des jüdischen Schriftthums. Die biblksche Literatur und die Geschichte der Juden tvurden von ihm bearbeitet, Quellenschriften mit musterhafter Sorgfalt edirt, alte Responden mit einem Aufwand von talmndischer Gelehrsamkeit nach Handschriften veröffentlicht. Man sagt: Der Styl ist der Mensch: man kann hinzufügeu, das literarische Werk ist der Mann. Aus den literarischen Erzeugnisse» Dr. Cassels spricht zu uns ein ernster, gewissenhafter, pflichtbewußter, ehrenhafter Charakter, der streng mit sich zu Werke geht, wenn er in der Gelehrtenwelt mit einenr neuen Prodncte seines Fleißes erscheinen soll. Seine Uebersetzung und Erklärung des religionsphilosophischen Werkes Cusari von Juda-Ha-Levi ist ein vollgültiges Zeugniß für dessen Strenge und Ernst in literarischen Dingen und obwohl das arabische Original des Cusari nebst einer aus Grund desselben bearbeiteten Üebersetzung erschienen ist, so behält die Leistung Dr. David Cassels noch immer ihren Werth. Er war nicht blos ein eminenter Gelehrter, Forscher und Schriftsteller, sondern auch practisch in vielfacher Beziehung thätig. Als Dr. Michael Sachs noch lebte, betheiligte er sich schriftstellerisch au der Lösung von Cultusfragen in der Berliner Gemeinde und schrieb gegen Professor Birchow, der den Juden die Humanität, welche in Krankenhäusern sich äußert, streitig machte. Als Schulmann verfaßte er eine Geschichte der Juden für Schulen, die mehrere Auflagen erlebt hat, und veröffentlichte Sabbathvorträge für die Heranwachsende Jugend. Eine sehr erfolgreiche Thätigkeit entfaltete er an der Hochschule zur Heranbildung von Rabbinern, indem er dort Bibel und jüdische Ge schichte docirte. Als Mensch war er milde, sanft, gutmüthig, human und hilfebereit jyi jeder Zeit und heitern Temperamentes, so daß man sehr gern mit ihm verkehrte Als in Budapest die Landes- Rabbinerschule eröffnet wurde, erschien er dort als Vertreter der Berliner Hochschule, und machte durch die Rede, die er bei dieser Gelegenheit hielt, einen tiefen und angenehmen Eindruck, sowohl durch seine Worte, als durch seine Persönlichkeit. Vor einigen Wochen starb sein Bruder, Dr. Paulus Cassel, der bekanntlich zum Christerlthum übergetreten war, und als evangelischer Geistlicher in Berlin wirkte. Nach vollzogenem Austritte aus dem Judenthunl hielt Dr. David Cassel von seinem Bruder sich fern. Als aber derselbe in den antisemitischen Kämpfen mit großer Entschiedenheit für seine früheren Glaubensgenossen eintrat, gestaltete sich das Verhältniß der beiden Brüder zu einander freundlicher. Der Berliner Gelehrtenkreis verliert durch den Heimgang des Dr. David Cassel einen hervorragenden Repräsentanten der jüdischen Wissenschaft und das Judenthum wird ihm ein ehrenvolles Angedenken bewahren für die Werke, die er auf dem Gebiete der jüdischen Literatur verfaßt hat. .1. EorresponäenLM. Wie». Unser vorwöchentlicher Leitaussatz: „Voran'das Deutschthum mtb hinten die Unzucht" hat in parlanlentarischen Kreiserr vielfache Aufmerksamkeit erregt. Während der Sitzung vom 23. d. M. haben Abgeordnete aller Parteien die öffentliche Bewerbung der „echten Drahrerin" im Grazer deutsch-nationalen Musterorgan unter einander besprochen. Der stets schlagfertige

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