Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 60 Orsterreichische Wochenschrift Nr. 4 Richter: „Dann ist jedes weitere Wort überflüssig, Herr Mercatore, legt eure Hand auf dieses Buch und sprecht meine Worte nach". Mercatore: „Herzlich gerne. Herr Richter, mir sein bereit". Gerontus: „Nicht aus Ueberzeugung, nur um seine Schuld nicht zu bezahlen". Richter (liest vor und Mercatore spricht ihm nach): „Ich Mercatore entsage hiemit vor aller Welt meinem Souverän, meiner Ehre, meiner Familie und meinem Baterlande. Ich verspreche und schwöre ewige Treue diesem Lande; verlasse meinen christlichen Glauben..." Gerontus: „Halt, großmächtiger Richter! Herr Mercatore, bedenkt was Ihr thut. Zahlt mir das Capital und ich schenke euch die Zinsen, obwohl Zinsen nehmen bei Christen und Türken gestattet ist. Legt doch Werth auf euren Glauben und betrügt ihn nicht". Mercatore: „Nix Zinsen, nix Capital". Gerontus: „So zahlt mir die Hälfte des Capitals." Mercatore: „Nix Hälfte, nix Heller, ich will Türk sein mir christliche Religion lästig und daher fort von da". Gerontus: Steht es so, dann möchte ich nicht, daß es heißen soll, ich habe seinen Abfall verursacht, ich schenke Dir daher die ganze Schuld. Ich erkläre hier vor dem Richter und der ganzen Welt, nie mehr einen Heller von Dir zu nehmen". Mercatore: Herr Gerontus, nehme ich an euer Anbieten und tank herzlich". Richter: „Aber, Herr Mercatore, Ihr bleibt doch hoffentlich Muselmann". Mercatore: „Nein, lieber Herr nicht vor alles Kut in der Welt ich verlassen mein Christ." Richter: „Da hat Herr Gerontus Recht, Ihr habt mehr Gier nach Geld als Liebe und Wohlwollen für das Türkenthum". Mercatore: „Sie beleidigen mich, Sie dürfen nich mein Kewißen urtheilen". Richter: Da muß man wohl in Wahrheit sagen, Juden handeln allerchristlichst und Christen recht jüdisch". - Mercatore: „Kut, kut, ich tank euch Herr Gerontus kanz herzlick." Gerontus: Möge es euch wohl bekommen; ich bereue es nicht was ich gethan. Aber ich möchte euch nicht rathen, so etwas bei einem Andern zu versuchen. Zahlet ordentlich und pünktlich so werdet ihr einen guten Ruf haben". Mercatore: Wohl kesprncken, mich freut, daß Hab Jud betroken; möchte nur, daß Frau Gewinnsucht bald davon höre; was will ich nicht alles für sie duen? Und jetzt fort nach Enklant. Ich ein Türk? nein. Frau Kewinnsucht wird lach, wenn hört wie ich schäbig Jud bettoken". In dieser Scene wird dem Leser die Sprache des Mercatore auffallen. Antisemiten, wenn sie dre Worte eines Juden anführen, lassen ihn gerne mauscheln, selbst wenn er die Sprache rein und correct spricht. Hier ist es umgekehrt: Der christliche Italiener spricht das Englische schlecht und unrichtig, während der Jude so gut und fehlerlos spricht, wie a,lle andern Personen des Stückes. Man kann dies auf zweierlei'Art erklären: Entweder es gab damals gar keine Juden in England und der Dichter hatte also keine Gelegenheit ihre Aussprache zu kennen oder die wenigen Juden, die sich dort befanden sprachen ein vollkommen correctes Englisch. Auch bei Shakespeare und Marlowe sprechen die Juden gerade so wie die christlichen Personen ihrer Stücke, während Ersterer die schlechte Aussprache Fremder mitunter corrigirt. Ob nach türkischem Gesetze der zum Islam Uebertretende seiner Schulden ledig wird, weiß ich nicht; aber der Autor des Dramas scheint hier an die pekuniären Verhältnisse gedacht zu haben, die mitunter von christlicher Seite den vom Judenthum Abfallenden geboten wurden. Warum Wilson diese Episode in sein Stück eingeschaltet hat, wissen wir nicht. Sie macht den Eindruck einer Polemik gegen ein judenfeindliches Stück, das aber jedenfalls nicht das erst einige Jahre später geschriebene Marlowe's sein kann. Shakespeare-Forscher vermuthen ein älteres verloren gegangenes Stück, das auch der große Dichter zu seinem „Kaufmann von Venedig" benutzt haben könnte. Auf einen Vergleich Shylok's mit Gerontus kann ich mich hier nicht einlassen; nur hervörheben will ich, .daß Wilson seinen Juden nicht von Edelmuth überfließen läßt. Er ist ein ehrlicher braver Kaufmann, er will sein Capital und seine Zinsen haben und geht auch der Gelegenheit nicht aus dem Wege ein gutes Geschäft zu machen. Nur, da er lieber sein Geld verlieren als in den Verdacht gerathen will den Abfall des Christen von seiner Religion verursacht zu haben, wird er wahrhaft groß, und erinnert an den weisen Nathan. Und was sagt der Dichter darauf mit dem Munde des türkischen Richters? „Da muß man wohl in Wahrheit sagen, Juden handeln allerchristlichst und Christen recht jüdisch". Es ist wohlbekannt, daß der Verfasser des Stückes, der beliebte Schauspieler Wilson ein Christ war, aber wenn man es nicht wüßte, diese eine, noch dem Türken in den Mund gelegte Sentenz kann nur der Ausdruck christlicher Anschauung sein. Es gibt viele Christen, die einem Juden das glänzendste Zeugniß auszustellen glauben, wenn sie sagen, er habe wie ein Christ gehandelt. _ M. L. Gin Beitrag;ur Culturhöhe des 19. Jahrhunderts. Der k. k. Bezirksarzt Herr Dr. Kavalier in Pisek liefert im ,,UIa8 Mr." ein trauriges Bild der Vorurtheile, welche heute noch in gewissen Gegenden des Piseker Bezirkes bestehen. Er schreibt nämlich: „Als sich im heurigen Jahre im Kaukasus und dann weiter in Rußland die Cholera zeigte, wurde in Böhmen und daher auch im politischen Bezirke Pisek, in welchem ich glücklicher k. k. Arzt bin, sogleich in möglichster Weise eingeschritten, daß in den Gemeinden gutes Trinkwasser beschafft, in den Höfen und auf den Ortsplätzen größte Reinlichkeit und überhaupt die möglichst günstigen sanitären Verhältnisse hergestellt werden. Von der Durchführung dieser Maßnahmen hatten sich der k. k. Bezirksarzt und die Districtsärzte zu überzeugen. Welche Hindernisse hatten wir aber hier zu überwinden! Das Volk bereitete Heugabeln und Mistgabeln vor, mit der Drohung, daß, wenn ein Arzt in Angelegenheit der Cholera kommen sollte, sie ihn durchbohren würden. In einem Dorfe wurde sogar ein solcher Widerstand organisirt, daß die Bewohner vereinbarten, mit der Glocke Sturm zu läuten und sich Demjenigen zu widersetzen, der da im Orte erscheinen sollte. Und warum handelt das Volk so unsinnig? Darum, weil es der Ansicht ist, daß es überhaupt keine Cholera-Krankheit gibt, daß vielmehr hauptsächlich die Aerzte, oder auch die Beamten und alle „Herren" im Allgemeinen die Cholera durch ein Pulver verbreiten, welches sie in die Brunnen werfen zu dem Zwecke, damit die armen Leute sterben rc. Hauptsächlich seien es die Aerzte, von welchen die armen Leute vergiftet werden sollen, die Aerzte seien die Giftmischer. Confiszirt. — — ----- — — — — — — — — — — — — Wenn ich nun in irgend eine Gemeinde kam, sei es auch aus einer anderen Ursache, etwa um die gerade im Bezirke herrschende Röthel-Epidemie zu erheben, so ließ sich der Gemeindevorsteher entweder verleugnen oder er weigerte sich, mit mir durch das Dorf zu gehen, indem er sich vor einen Angriff durch das Volk fürchtete. Niemals werde ich das peinliche Gefühl vergessen, das sich meiner bemächtigte, als ich sah, wie das Volk aus den Chaluppen herauslief, mich mustert, und wie es mich, wenn ich in eine Stube eintrat, um so strenger beobachtete, ob ich daselbst nicht etwa irgend ein Pulver ausstreue; manchmal ließ man mich mit Mühe in die Wohnung, einmal hat mich auch das Weib eines Gemeindevorstehers hinausgestoßen, als ich in der Thüre erschien. Ich pflegte anfangs Dower'sche Pulver für den Fall des eigenen Bedarfes und ein Gramm Sublimat zum Händewaschen bei mir zu ttagen. Als ich aber bemerkte, welche Abneigung das Volk gegen jedwedes Pulver hegt, ließ ich die Pulver zu Hause, denn es wäre mir sicherlich schlecht ergangen, wenn man die Pulver vielleicht bei mir gefunden hätte — man hätte auch verlangen können, daß ich das eine Gramm Sublimat verschlucke, damit man sich überzeuge, ob das Pulver abscheulich sei oder nicht. Und daß ein solches Volk auch klug sein will, beweist Folgendes: In einem Dorse unweit von Pisek brachte der Gemeindevorsteher Carbolsäure als Desinfectionsmittel mit nach Hause und um sich zu überzeugen, ob das Mittel schädlich sei oder nicht, goß er es in Milch und gab diese der Katze. Die Katze verendete — ein klarer Beweis, daß die „Herren" die Cholera geben. Eines Tages im August gieng ich nach längerer Untersuchung eines Falles von ebalerg. no8tr»3 durch das Dorf. Am nächsten Tage kam ein Gensdarm mit der Mit-