Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020958--02084-3026156- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4 Oefierrerchifche Wochenschrift Seite 59 Gin judenfreundlichrs Hrama aus der Zeit Shakespeare'«. Bor einigen Wochen habe ich in diesen Blättern nachgewiesen, daß man Shakespeare mit Unrecht des Judenhasses beschuldigte, seinen „Kaufmann von Venedig" mit Unrecht fiir ein zur Verspottung der Juden geschriebenes Drama hielt. Daß aber Männer von Wissen und Einsicht eine solche Meinung hegen konnten, ist ein Beweis, daß das Stück, wenn nicht judenfeindlich, doch auch nicht judenfreundlich ist. Für Shakespeare * existirte keine Judenfrage, wenn er auch den Juden auf die Bühne brachte. Warum es gerade ein schlechter Jude war, darüber habe ich im erwähnten Artikel meine Ansicht auseinandergesetzt. Entschieden judenfeindlich ist nicht einmal Marlowe's einige Jahre vor dem „Kaufmann von Venedig" geschriebener „Jude von Malta", obwohl im Vergleich mit dem darin die Hauptrolle spielenden Juden Barabas, der geizige Shylock als Engel an Güte und Liebe erscheint. Aber jedenfalls sehen wir am Ende des sechzehnten Jahrhunderts zwei böse Juden auf den Bühnen. Londons erscheinen, und man möchte daher glauben, daß die Engländer jener Zeit besonderes Gefallen an so schwarz gemalten Juden fanden und daß noch zwei Jahrhunderte verstreichen mußten, bis Cumberland es wagen konnte, einen edlen Juden auf die englische Bühne, zu bringen.*) Welch' eine Ueberraschung ist es daher auf ein besonders judenfreundliches Drama aus jener Zeit zu stoßen, auf ein Stück, in dem ein Jude eine sehr edle, ein Christ eine sehr schändliche Rolle spielt. Und dieses Stück wurde fast gleichzeitig mit dem „Kaufmann von Venedig" und dem „Juden von Malta" in London aufgeführt, ja, wie es scheint, ziemlich häufig aufgeführt. Ein Beweis für seine Beliebtheit ist es auch, daß es im Jahre 1584 gedruckt schon acht Jahre später in zweiter Auflage erschien. Der Titel dieses Stückes, von dem im Jahre 1874 ein Neudruck in London erschien und dessen Verfasser der Schauspieler Robert Wilson war, lautet etwas weitläufig: „Die vortreffliche weitberühmte Comödie, genannt „Die drei Damen (Ladies) von London", worin erklärt und vorgestellt wird, wie durch Gewinnsucht (Lacre) Liebe und Gewissen so verdorben werden, daß die eine mit Verstellung verheiratet, das andere mit aller Schändlichkeit beladen wird. Ein von allen Ständen wohl zu beherzigendes Vorbild und ein der Beachtung sehr würdiges Werk. Geschrieben von R. W., so wie es aufgeführt wurde. In London gedruckt bei Roger Warde im Jahre 1581 40. Außer den bereits erwähnten drei Damen — Gewinnsucht, Liebe und Gewissen — kommen in dem Stücke noch eine Mengeallegorischer Personen — Ruhm, Aufrichtigkeit, Verstellung, Einfalt, Betrug, Wucher, Simonie u. s. w. und nur wenige wirkliche Menschen von Fleisch und Blut vor. Unter diesen finden wir den Juden Gerontus, einen italienischen Kaufmann, der nur Mercatore genannt wird, und einen Geistlichen Peter Pleasemen (Menschengefallen). Letzterer sagt selbst, er habe nicht viel Theologie studirt, und das wenige nur der Frau Gewinnsucht zu Gefallen. Bon Simonie nach seiner Religion befragt, sagt er, er bekenne sich eigentlich zu allen Religionen, wüßte es aber selber nicht recht. „Aber jetzt sind Sie doch Protestant" fragte Simonie. „In der That war ich früher Katholik, aber jetzt bin ich meistens protestantisch. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, wenn Gewinnsucht sich meiner zu bedienen wünscht, meine Religion wird kein Hinderniß sein" antwortet der Brave. Doch ich kann hier keinen Auszug des ganzen Stückes geben und will mich daher auf die mit der Haupthandlung nur lose zusammenhängende Episode vom Juden beschränken: Zuerst erscheint der italienische Kaufmann Mercatore aus der Türkei kommend unv tritt in Verbindung mit Fran Gewinnsucht. Er erklärt sich bereit für sie. Vater, Mutter, König und Vaterland, ja noch Höheres zu opfern, zu lügen und falsch zu schwören, ohne sich um Gott oder Teufel zu kümmern. Sie kommen überein, er solle Getreide, Leder, Talg, Rindvieh, Metall und andere nützliche und nothwendige Waren aus England aus¬ *) Richard Cumberland's „Jude" wurde schon im Jahre 1798 in's Deutsche übertragen und ist noch in neuerer Zeit wiederholt ausgeführt worden. führen, dagegen allerlei werthlosen Tand, Spielereien und Luxusartikel und Putzsachen, wie sie die Frauen so gern haben, einführen. Ganz modern klingt es, wenn Mercatore auch Geschütze ausführen will, um andere Länder ebenso wehrfähig, wie England zu machen und wenn Gewinnsucht ihn belehrt, wie er Reclame machen und seine werthlosen Einfuhrartikel zu hohen Preisen anbringen soll. „Wie aber, wenn deren Einfuhr verboten wird?" fragt Mercatore. „Das brauchest Du nicht zu fürchten", antwortet Gewinnsucht, „es werden sich schon Leute finden, die dagegen auftreten, wenn ein Antrag auf ein solches Verbot im Parlament eingebracht werden sollte. Und wenn auch ein Einfuhrverbot erlassen wird, so werden die Kaufleute sich schon zu helfen wissen, das Verbotene hereinschmuggeln und sagen, es sei 'noch vor dem Verbote eingeführt worden. Und im schlimmsten Falle kann man ja die Zollbeamten be-- stechen." — Das Compagniegeschäft des Italieners und der Engländerin florirt und beide treten auch in Geschäftsverbindung mit Herrn Wucher, der es auch versteht, die Wohnungsmiethen armer Leute enorm zu steigern. Aber die unersättliche Frau Gewinnsucht schickt den Mercatore nach dem Orient, um dort allerlei werthloses Zeug zur Uebervortheilung der Engländer einzukaufen, und dort ereilt ihn sein Schicksal. In Konstanti-- nopel wird er von dem Juden Gerontus gefunden, dessen Schuldner er ist. „Sagt selbst, Herr Mercatore", klagt der Jude, „ob Ihr recht gegen mich gehandelt habt. Ich lieh Euch 2000 Ducaten auf drei Monate und bevor diese fällig waren, gelang es Euch, mir mit Schmeicheleien weitere Tausend zu entlocken. Und als es zum Zahlen kam, wo ist Herr Mercatore? — Aus der Türkei entflohen. Thäte einer von uns Juden so etwas, dann könnte ein Brüder nicht mehr dem andern trauen; aber viele Christen machen sich kein Gewissen daraus, zu betrügen und keine Zahlung zu leisten. Jetzt sind schon zwei Jahre seit dem Verfalltage Ihrer Schuld verstrichen und da werde ich wohl endlich Capital und Zinsen bekommen." Dem schlauen Mercatore gelingt es noch einmal, den Juden mit Schmeicheleien und Versprechungen zu bethören, so daß er ihm eine Frist von einigen Tagen bewilligt und sich sogar anheischig nracht, ihm bei seinen Einkäufen zu helfen. Die Frist verstreicht, ohne daß Mercatore gezahlt hätte und Beide erscheinen wieder auf der Bühne. Der Jude beklagt sich bitter, daß der Kaufmann ihn schon zum dritten Male betrogen habe und droht ihn einsperren zu lassen, wenn er nicht sofort zahle. Mercatore bittet um eine weitere Frist, und da der Jude sie nicht bewilligt und schon die Polizei herbeirufen will, um ihn zu arretiren, wird der Italiener grob. und unverschämt. „Wage es nur mich einzusperren, du Schurke", schreit er, „ich werde keinen Heller zahlen. Mich einsperren! ich werde ein Türke und lache Dich aus". „Das sind leere Ausflüchte. Ihr werdet doch nicht so leichtsinnig von eurer Religion abfallen; aber wenn Ihr mich zum Aeußersten treibt, so mag es sein; ich will die Probe machen" antwortet der Jude, und geht fort um die Wache zu holen. „Schäbiger, betrunkener Jude", ruft ihm der christliche Kaufmann nach, „geh und lasse Dich hängen. Ich hätte wohl das Geld Dir zu zahlen, aber Frau Gewinnsucht schreibt mir, ich soll ihr zu Liebe den Juden betrügen, und das will ich auch. Schnell türkische Kleidung angelegt und der Sache ein Ende gemacht!" In der nächsten Scene finden wir die Beiden vor dem türkischen Richter und Gerontus trägt seine Klage vor, die mit den Worten schließt: „Jetzt will er Türke werden, um mich meines Geldes zu berauben, aber ich glaube er ist doch zu ehrlich, um seine Religion zu verlassen". Und nun wollen wir den Rest der Scene wörtlich widergeben : Richter: „Ihr wißt, Herr Gerontus, wenn Jemand seinen Glauben, König und Vaterland aufgibt und Mohamedaner wird, so hat er damit alle seine Schulden bezahlt. Das ist Gesetz unseres Reichs und Ihr dürft nichts dagegen sagen". Jude: „Wahr, Herr Richter, ich darf und will nichts gegen das Gesetz des Landes sagen". Richter: „Herr Mercatore! sagt Gerontus die Wahrheit?" Mercatore: „Mylord Richter, dies Sach und Umständ! sein währ, wissen wohl, aber wollen Türk werden und dafür! sein Herkommen".