Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 58 OrsterMchiptze Wochenfchrifl Nr. 4 Prospecten und Ankündigungen, durch welche die „kleinen Leute" aufgefordert wurden, ihre Ersparnisse zusammenzulegen und auf solche Weise größere Actionen zur Rettung und Erhaltung des Mittelstandes zu ermöglichen. Die Geschichte der clericalen Gründungen ist nun keine besonders säuberliche. Von der Dachauer Bank der Spitzeder bis zur „Union Generale" des Herrn Bontourx und der Wiener Unio catholica hat es der financiellen Skandale in Hülle und Fülle gegeben und es hat sich gezeigt, daß das specifisch „christliche" Capital genau dieselben corrumpwenden Wirkungen äußert, wie das sogenannte „jüdische". Trotz alledem nimmt die clerical-antisemitifche Verbindung noch immer das Privilegium für sich in Anspruch, daß sie allein berufen sei, die socialen Gegensätze auszugleichen und jene wirtschaftlichen Segnungen zu gewähren, welche man vom Liberalismus allerdings vergeblich erwartet hat. Die antisemitischen Blätter Men ihre Spalten Tag für Tag mit Hinweisen aus die Fäulniß der bürgerlichen Gesellschaft und mit Beispielen vckn der Ausbeutung des christlichen Volles durch die Juden. Sie wissen, daß heute die größten Schreier Recht behalten und die Menschen meist ein kurzes Gedächtniß haben. Dieses Gedächtniß reicht oft nicht einmal von dem Leitartikel bis zum Jnseratentheile, sonst würden die Leser sich doch einige Gedanken darüber machen, wie man auf der ersten Seite über das Haus Rothschild schimpft und auf der letzten Eonversionsinserate mit der Unterschrift dieser jüdischen Weltfirma veröffentlichen kann. Die nichtswürdige Heuchelei der clerllal-antisemitischen Partei wird nun durch eine Reihe sensationeller Enthüllungen, über die Vorgänge bei einer clerical-antisemitischen Gründung, dem falliten „Sanct Josef Spar- und Vorschußvereinein der Leopold st ad t", grell illustrirt. Dieser Verein war durchaus judenrein. Er wurde im Jahre 1873 vom Leopoldstädter Pfarrer Poppenberger gegründet, um „durch gemeinschaftlichen Credit seiner Mitglieder denselben die zur Förderung ihres Geschäfts- und Wirthschaftsbetriebes, sowie zur Deckung sonstigen Bedarfes nothwendigen Geldmittel so schnell und billig als möglich zu verschaffen. Unter den Mitglieder^ dieser Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung befanden sich* 25 Pfarrer, 7 Cooporatoren, ein katholischer Religionsprofessor, ein Probst, ein fürsterzbischöflicher Rath und päpstlicher Ehrenkämmerer, ein fürsterzbrfchöflicher Curpriester, ferner von weltlichen Herren: Victor v. Fuchs, Dr., Hof- und Gerichtsadvocat und Reichsrathsabgeordneter; Grotta v. Grottenegg Eduard, Graf, Freiherr auf Finkenstein und Kray; Landstand von Kärnten, Kram und Tirol; F o r ch e r Conrad, Gutsbesitzer und Sensenfabrikant; Höflmayer Franz, n.-ö. Landesrechnungsrath; Klinkow ström Clemens v., Staatsarchivar; Patt er i Alfons, Marquis, k. k. Hauptmann; Raimann Franz, Ritter v., k. k. Oberlandesgerichtsrath; Rozhozil I. A., Dr., k. k. Bezirksrichter; Schuster Johann, k. k. Major und Hausbesitzer; Schmid Moritz, Bureauchef der Schrammbacher Kohlenwerke; Schöpfleuthner Anton, Kirchendirector von St. Ursula; Truxa Carl, k. k. Statthaltereirath; S ch m i d Johann, Buchdruckereibesitzer: W i tz m a n n Franz, Hotelier; Wagner Michael, Adjunct der k. u. k. Reichscentralcaffa; Pergen Anton, Graf und Gutsbesitzer in Aspang. Alle diese Genossenschafter hafteten solidarisch mit ihrem ganzen Vermögen dem Gläubiger des Creditvereines. Durch die illustren Namen und die hervorragenden Stellungen der genannten Herren verlockt, trugen die ärmsten Leute Ersparnisse, zum St. Josefsverein. Unter den Spareinlegern finden sich Maschinenwärter, Plattirer, Pfründner, Maler, Taglöhner, Bedienerinnen, Eisendreher, Schlosser, u. s. w. die höchsten Spareinlagen beliefen sich auf 400 fl., 1200 fl. und 1600 fl. Die Summe der gesammten Spareinlagen betrug Ende 1687 1,356.837 fl. Der Verein war bereits im Jahre 1883 passiv und die Herren Graf Per gen und Dr. Victor v. Fuchs sollen von dieser Tathsache in Kenntniß gewesen sein. Seit dem Jahre 1889 waren nämlich im Wechselportefeuille eine Anzahl werthloser Wechsel vorhanden. Um die Verluste zu markiren, wurden die Realitäten mit immer -höheren Werthen in die Bilanz gestellt. Bei Ankauf von Häusern und Belehnung der Realitäten, wurden als Schätzleute keine Fachmänner verwendet, sondern Schuster, Schmiede u. dgl. Man belehnte auf zw eite Sätze, und Wechsel im Betrage von mehr als 109.000 fl., die gauz werthlos waren, wurden im vollen Nennwerthe in die Bilanz eingestellt. Im Jahre 1877 wurde u. A. ein Bergwerk mit 10.000 Gulden erworben und in die Bilanz mit 234.000 fl. eingestellt, während es später in der Concursmasse auf 5000 fl. geschätzt wurde, sehnlich verhält es sich mit der Erwerbung eines Bauerngutes in der Feilsch in Obersteiermark. Es wurde mit. rund 30.000 fl. belehnt und mit 80.000 fl. in die Bilanz eingestellt. So wirthschafteten die christlich-socialen Häupter des Vereines mit den Ersparnissen der kleinen Leute. Der unausweichliche Concurs wurde 1890 eröffnet. Concürsmasseverwalter wurde der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Max Löw^ ein Jude, der sich vor 3 Jahren taufen ließ und seither ein wüthender Antisemit ist. Dr. Max Löw hatte seine Wahl der Protection des Herrn Graf Pergen und andern klerikalen Häuptern zu danken, indeß die kleinen Einleger einen Masseverwalter wählen wollten^, der ihre Interessen und nicht jene der hochgeborenen und hochwürdigen Gründer des Vereines vertreten hätte. Die Genossenschafter hatten nun für Forderungen im Betrage von rund 1,200.000 fl. mit ihrem ganzen Vermögen zu haften. Sie sind jedoch mit Hilfe der bekannten Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Johann Krükl und Dr. Porz er und unbehindert vom Masseverwalter bemüht, sich dieser Haftpflicht durch alle möglichen Winkelzüge zu entziehen. Diese Herren, welche in ihren christlich-socialen Vereinen und Versammlungen gegen die Juden als angebliche Ausbeuter des christlichen Volkes donnern, haben die Stirne, den kleinen Spareinlegern die Hälfte ihrer Einlagen unter der Bedingung anzubieten, daß diese sie aus ihrer Solidarhaft entlassen. Um diesen Betrag sollen den Spareinll gern ihre Sparbüchel abgekauft werden und die reichen Genossenschafter haben zu diesem Zwecke ein Comite eingesetzt, an dessen Spitze ein Gemischtwaarenhändler aus der Leopoldstadt gestellt wurde. In einem Circuläre dieses Comite's wird den Spareinlegern empfohlen, „sich vor Augen zu halten, daß, je länger der Concurs andauert, auch das Concursvermögen sich mehr und mehr verringern muß, in Folge der unvermeidlich anwachsenden Spesen." Das ist ganz richtig, denn Dr. Max Löw hat bereits 50.000 fl. an Expensen liquidirt und wird wahrscheinlich noch das Doppelte dieser Summe liquidiren. Das Circulär sagt weiter, und damit lügt es, daß sich unter den Genossenschaftern nur wenige befinden, die etwas vermöglicher find und daß das Groß aus zahlungsunfähigen Gewerbsleuten besteht. Allein das Verzeichniß der Genossenschafter weist außer dem Besitzer des Fideicommisses Aspang und auch mehrerer Allodialgüter des,Herrn Grafen Anton - Pergen, noch einen Gutsbesitzer und Sensenfabrikanten, einen Schloß- und Hausbesitzer, einen Fideicommißbesitzer (Eduard Grafen Grotta), zwei Realitätenbesitzer und Holzhändler, einen Lederhändler und Hausbesitzer, einen Gutsbesitzer und Traiteur, einen Hausbesitzer und Parquettenfabrikanten, einen Sensenfabrikanten, einen Hausbesitzer und Wagnermeister, zwei Haus¬ und Fnhrwerksbesitzerinnen, einen Hausbesitzer-und Schmied, einen Ziegeleibesitzer, einen Stadtschieferdecker und Hausbesitzer, die Lichtenwalder Montangesellschaft, -zwei Buchdruckereibesitzer, einen Bauunternehmer, einen Blechofensabrikanten, einen Großfuhrmann und Kohlenhändler, die Ordensoberin Mathilde M. Petri, einen Großfuhrmann und Hausbesitzer, das Rudolfsthaler Eisen- und Graphitwerk, einen Lohnwageninhaber, einen k. k. Major und Hausbesitzer, einen k. u. k. Hofbaumeister, einen Cafetier und Hausbesitzer, einen k. k. Statthaltereirath, einen Zimmermeister und Hausbesitzer, einen Gastwirth und Hausbesitzer, eine Sodawassersabrikantin, einen Hotelier (Franz Witzmann), eine Hotelbesitzerin, dann 24 Pfarrer, 10 andere Geistliche, zwei Hof- und Gerichtsadvocaten, zwei k. k. Majore, 24 Beamte, mitunter in den schönsten Stellungen; 27 Hausbesitzer u. s. w. aus. Zu Gunsten dieser großen Herren sollen die armen Spareinleger um die Hälfte ihres kümmerlich ersparten Vermögens direct betrogen werden, betrogen dadurch, daß sich die reichen Genossenschafter ihrer Haftpflicht entziehen. So sieht die Rettung des kleinen Mannes, des „christlichen Volkes" durch die christlich-sociale Partei ans. Bei dem ganzen Schwindel ist nur ein einziger Jude betheiligt, — einer, der sich just zur selben Zeit taufen ließ, als er Aussicht hatte. Verwalter der fetten Concursmassa zu werden, und der seither wie ein Rohrspatz öffentlich auf die Juden schimpft. Im Uebrigen waren die Leuchten des „christlichen Volkes" beim St. Josefsverein vollkommen unter sich und das ist sehr erfreulich. Die Probe auf die „christliche Nächstenliebe" der clerical - antisemitischen Partei ist dadurch eine ganz unverfälschte und man darf ruhig behaupten, daß die Vorgänge bei diesem Vereine alle financiellen Schwindeleien von Juden und Nichtjuden aus ftüherer Zeit in den Schatten stellen.