Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Oesterrenhifihr Woitzrnfitzrist Seite 57 und Erfahrungen der Anthropologie und Etnographie — aber es geschieht ja hiebei nicht das erste und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal, daß die eine Wissenschaft der andern gegenübertritt. Eugen Dühring hat ja auch keineswegs die absolute Wahrheit gesucht, sondern eine solche, die sich für die besonderen Zwecke des Antisemitismus biegen und beugen ließ, und diese edle Bemühung ist ihm auch glücklich gelungen. Wer an seine Lehre glauben will, der glaubt an sie — auf alle Uebrigen wird der neuerfundene Begriff der Rassenschweinerei angewendet. Die Corruption, der Schachergeist, die Skrupellosigkeit ilnd Unmoral in geschäftlichen Dingen, sagt Dühring, wurzeln von Anbeginn tief im semitischen Geiste und sei durch keine wie immer geartete Raffenvermischung auszurotten; zum Beweise für diese Behauptung geht er bis auf die Uranfänge der Geschichte und der biblischen Überlieferung zurück. Er verweist auf die Unterredung Abrahams mit Gott, in welcher er bittet Sodom und Gomorha zu verschonen, wenn sich nur 50, 40 oder auch nur 10 Gerechte unter den Bewohnern finden. Schon hier, in dieser „Minuendo-Licitation", erklärt Herr Dühring, zeige sich deutlich der jüdische Schachergeist. Der Gedanke, den Erzvater Abraham als einen vormosaischen Handeljuden hinzustellen, entbehrt gewiß nicht der Originalität, und es ist begreiflich, daß Tausende urteutonischer Jünger dieser „wissenschaftlichen Entdeckung" des „Meisters" jubelnden Beifall klatschten, und daß sie ihm auch auf seinen sonstigen Kreuz- und Ouerzügen durch die Bibel mit Begeisterung folgten. Aber auch die Evangelien sind ihm semitischen Ursprungs und entgehen nicht ihrem Geschick. Er behandelt die Moral des Neuen Testamentes sehr ausführlich und verwertet sie als Beweise — für seine Rassentheorie!! Unter den Händen Dührings ist aus dem Buche der Bücher eine Anklageschrift geworden. Wo die heilige Schrift Menschen mit der ganzen Ursprünglichkeit und Frische des Naturzustandes schilderte, dort sah Dührfng bereits Auswüchse der semitischen Cultur und die Vorläufer der modernen jüdischen Capitalsausbeutung. Wir werden nicht die Lächerlichkeit begehen, eine solche Anklage zu widerlegen. Ob der tausendjährige Haß gegen das Judenthum aus die eine oder andere Art begründet wird, könnte im Grunde gleichgiltig sein. Das Christenthum aber kann es kaum ruhig hinnehmen, wenn durch die Rassentheorie der Glaube an das alte und das neue Testament als Ausflüsse eines tief demoralisirten und durch und durch corrumpirten semitischen Geistes erschüttert wird. Wie oberflächlich die Dühring'sche Gelehrsamkeit'auf diesem Gebiete operirt, zeigt seine immerwährende Anzapfung des biblischen Satzes II Mos. 21.3 (vergl.HI M. 24.19 VM. 19.21): „Auge um Auge, Zahn um Zahn" — in welchem die pädagogische Weisheit eines großen Herzenskenners sich offenbart, der da weiß, daß der Rachedurstige niemals geneigt ist, sich blos so weit zu rächen, als er gelitten hat. Der Arier giebt zehn Schläge wieder, wenn er einen erhalten. Zu seiner Frau Hera sagt Zeus (Ilias 4.35): „Du möchtest ihn am liebsten noch verschlingen, den Priamos und Priamos Sohn." Hebake sagt (Ilias 84.213): von Achill „dem gern aus dem Busen die Leber roh ich verschlingen möchte, einbeißend." Weil Dirke die Mutter des Amphion beleidigt, die Antiope, ihres Gatten erstes Weib, so rächen sich die Söhne, indem sie die Dirke an die Hörner eines wilden Stieres banden und sie zu Tode schleiften. So handelten die den Menschen zur Nacheiferung empfohlenen Jdealgestalten der Arier. Erst das alte Testament hat die Lust nach Rache gezähmt und begrenzt auf das Ausmaß des erlittenen Schadens, um sie schließlich völlig zu verbieten. (HI M. 19.18). Man versuche einmal die Methode des Dühring auch auf die Jliade, auf die Edda und das Nibelungenlied anzuwenden. In der Jliade finden wir eine Stelle, welche schildert, wie Achilles nach Empfang eines Lösegeldes die Leiche Hectors dem alten Priamos ausliefert. Wie? Tritt uns da nicht ein geradezu ungeheuerlicher, schaudererregender Schachergeist in einer der strahlendsten Erscheinungen der arischen Rasse entgegen? Selbst ein so ein erfinderischer Geist wie Dühring kann nicht behaupten, daß Abraham von seinem „Handel" mit dem lieben Gottden geringsten materiellen Vortheil hatte, ja im Gegentheil, in seiner Affaire mit Abimelech erweist sich der Erzvater als ein durchaus uneigennütziger Character. Achilles aber, der leuchtende Heros, der sich göttlichen Ursprungs rühmt, nützt die heiligsten Gefühle eines Vaters zu erbärmlichem Gelderwerb aus — er „schachert" mit der Leiche des erschlagenen Hector. Und weiter! Um Gold ändern die Griechengötter ihre ernsthaftesten Entschlüsse. Leto windet sich in Geburtswehen, aber Hero läßt die eifersüchtige helfende Göttin Eileithya nicht vom Olymp. Da versprechen ihr die Göttinnen ein prächtiges Halsband. Diesem kann sie nicht widerstehen und sie eilt zur Leto hinab. So die arischen Götter! Auch. einen Gott der kaufmännischen Betrüger ei, der heuchlerischen Ueberredungskunst und List kennen die Griechen: Hermes oder Merkur. Es ist auch der Gott des Diebstahls (!). Dem Apollo stahl diese Pflanze bereits am Tage seiner Geburt (ftüher ging es ja nicht!) fünfzig Rinder. Emen Meineid leistet er unbedenklich, als Apollo fragt, ob er der Dieb gewesen sei. Und was thut das Prachtexemplar von „obersten" Gott? Zeus lächelt über den Knaben, weiter so klug den Diebstahl zu leugnen wußte (s. R. PH. M o r i tz, Götterlehre der Griechen und Römer. Lpg. Reclam, S. 116). Und Apollo? Erläßt sich die von Merkur erfundene Harfe schenken und erklärt so Meineid, Lüge etesteru für erledigt. Nichts ist bezeichnender für die Gesinnung der für die Arier mustergebenden Griechen als diese Geschichte ihrer „göttlichen" Gauner, denen alles ein Geschäft ist! Die Gestalten eines Tantalos, eines Thyestos, eines Oedipus — sind sie nicht tausendjährige Zeugen des blutschänderischen, unzüchtigen Geistes, der der arischen Rasse innewohnt? Wohin gelangen wir, wenn die Theorien durchwegs allgemeine Anwendung finden sollten? Die Gestalten des germanischen Sagenkreises würden uns — man dßnke an die Kämpfe 'der Nibelungen um einen Schatz — die angeborene Geldgier, Sauf- und Rauflust der Deutschen, ihre Grausamkeit und ihren unersättlichen Rachedurst beweisen. Und rücken wir weiter heraus in der Geschichte der menschlichen Civilisation und der wirthschaftlichen Entwicklung, dann treten uns unter den arischen Völkern Erscheinungen entgegen , welche die Corruption als ein Gemeingut der ganzen Menschheit und den „Schüchergeist" als ein unausrottbares Uebel auch der arischen Rasse erscheinen lassen, ganz abgesehen davon, daß dieser „Schachergeist" den Juden erst von der Zeit nachgesagt werden kann, wo ihnen jedes andere Gebiet des Erwerbes verschlossen worden war. Weiß Herr Dühring nichts von den Zuständen in England unter Georg HL? Weiß er nichts von dem Haarlemer Tulpenschwindel und dem ersten „großen Krach", der in Frankreich durch John Law herbeigeführt wurde? Weiß er nichts von der Fäulniß, die unter der Regentschaft und dem Juli- Königthum ganz Frankreich ergriffen hatte, und sagt ihm nicht der gegenwärtige Panama-Scandal, daß der Klang des Goldes Arier und Semiten in gleichem Maße verführt? Herr Dühring wurde gefeiert, weil er 60 Jahre alt geworden ist, aber eine Narrheit oder Bosheit wird deshalb nicht klüger oder besser, weil sie von einem silberhaarigen Greise verkündet wird. Das traurige Schicksal aber, daß Eugen Dühring sich die Lob es Hymnen eines — Vergani gefallen lassen muß, hat er sich selbst bereitet. Das ist die blutigste Ironie, die ätzendste Satire auf seine Lehre. Die großen Schützer des „kleinen Mannes." Die clerical-antisemitische Propaganda hat die wirthschaftliche Lage des Kleinöürgerthums als Borwand zu mancherlei Gründungen benützt, durch welche jedem Bauer sein Sonntagshuhn und jedem Gewerbetreibenden sein eigenes Haus verschafft werden sollte. So hieß es wenigstens in den pomphaften