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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-20 · 3 (20.1.1893) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 3 Oesterreichische Wochenschrrst Seite 51 Gottes seien und daß der Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's der Vater der Waisen ist und ein Tag kommen werde, der sie von ihrem Leiden erlösen werde. Außer ihrem Deutsch in dem slovakischen Dorfe mahnte auch ihre Kleidung, daß sie nicht dem Bauernstände ganz angehöre. Durch diesen Hausirer schickten ihr Frauen aus der nahen Cultusgemeinde von Zeit zu Zeit Kleider, aber nachdem diese niemals auf ihren Leib angepaßt waren, nahm sie sich komisch darin aus. Sie verlor mit der Zeit jedoch allen den der weiblichen Natur angeborenen Formsinn. Drei Jahre leidet sie schon dieses Martyrium. Sie ist noch kaum siebzehn Jahre alt, sieht aber fast wie ein altes Weib ans. Die runzelige Stirn, die großen blauen Augen, die am Firmiment herumschweifen und dort einem Traume nachzuhängen scheinen, geben ihr ein seltsames, ernstes Aussehen. Eine tiefe Falte senkt ihre Mundwinkel; sie hat sehr oft nnd bitter gelacht, bis sich diese Furche eingrub. Wenn man sie mit ihrem leichenfahlen Gesichte, verwirrten Haaren und lächerlichem Anzuge durch das Dorf rennen sah, konnte man sie für ein schlechtes Geschöpf halten, welches aus einem verrufenen Hause in der Stadt entwischt ist nnd mit ihrem lüderlichen Plunder durch das Land streicht. Aber sie eine Dirne!? Nein. Dieser Blick mit den sanften Strahlen erzählte eben so von ihrer Unschuld, wie von ihrem Unglücke. Mehr als einmal versuchten die Burschen des Dorfes, ihr nahe zu treten, aber sie besaß Riesenstärke in der Verteidigung ihrer Ehre, trotzdem waren alle Mädchen des Dorfes auf sie eifersüchtig und drängten die Burschen, ihr böse Possen zu spielen. Das größte Sonntagsvergnügen war, wenn die narrische Jüdin ins Tanzlocal geschleppt, um sie herumgetanzt und von jedem Tänzer ihr ein Puff applicirt wurde. Ein solches Poffenspiel führten sie gestern an ihr aus. Halb todt schleppte sie sich Abends nach Hause. Als sie sich heute Morgens von ihrem Lager erheben wollte, vermochte sie es nicht. Die Knechte verklagten sie bei der Bäuerin als Faullenzerin. Diese zerrte sie auf. Unter Fieberfrost. warf sie sich in die Kleider und ging an die Arbeit, aber sie sank dabei um, was die Bäuerin für Trotz und Verstellung hielt und tractirte sie mit der großen Feuerzange. Das Mädchen raffte sich in ihrem Schmerze auf und mit bent Aufwand ihrer letzten Kräfte rennt sie aus dem Hause durch das Dorf, mit dem von ihr bekannten Rufe: „Gott über der Welt, sie wollen mich umbringen!" Diesmal fehlte in der That nicht viel dazu. Jedesmal, wenn sie von den Peinigungen vom Hause flüchtete und im Walde Schutz suchte, verweilte sie da, bis es Nacht ward, kehrte dann im Dunkel ins Dorf zurück, kletterte über den Zaun ihres Hauses und schlich in den Stall, wo ihr Lager war. Diesmal haben auch Fieberphantasien mitgemalt, dem armen kranken Ki ibe im Walde seine traurige Lage zum Bewußtsein zu bringen und ihr den Tod als Erlösung zu wünschen. Gegen Abend erhob sich ein Sturm, das Pfeifen des Windes durch die Bäume, die den Himmel öffnenden Blitze, das Grollen des Donners, schienen ihr Stimmen und Zeichen einer höheren Macht zu sein, nach der sie sich sehnte. Noch einmal wollte sie das Haus sehen, wo sie ihre Jugend verlebte. Sie sammelte ihre letzte Kraft, in das Dorf zurückzukehren. Das Wirthshaus war bereits leer, das Wetter hatte alles vertrieben. Sie warf sich vor die Stufen, die zum Laden führten, nieder, rief im Geiste die Eltern an, daß sie sie erwarten mögen, sie wolle noch heute Nacht sterben. Dann erhob sie sich wie getröstet, ging zu dem Haufe, wo sie seit mehr als drei Jahren litt, überstieg den Zaun und schlüpft in den Stall. Aber sie sucht heute nicht ihr Lager auf, sondern legt sich ganz nahe dem großen schwarzen Ochsen, der sie schon einmal gestoßen, daß sie bewußtlos liegen blieb. Des Morgens, als man die Spreu besorgte, fand man ihren zertretenen Leichnam. ... Die „narrische Jüdin" wurde noch an demselben Tage in die benachbarte Cultusgemeinde überführt. Das ganze Dorf lachte über den Spaß, und bis heute ist dort der Spruch üblich: „Gott über der Welt, sie wollen mich umbringen'" womit man jeden Juden begrüßt, der in das Dorf kommt und den die Burschen und Mädchen beim Tanzen gebrauchen, wenn sie witzig sein wollen. Brave Leute! Der Spiegel dqr Mt. Kaiser und Kanzler setzen ihre Kraft ein für den Ausbau des deutschen Wehrsystems, Deutschland soll militärisch gerüstet sein für einen Doppelkrieg. Deutschland ist auch politisch gerüstet vermöge des Dreibundes. Ist aber auch in moralischer Beziehung die Rüstung Deutschlands von der Art, daß Stärke und Ueberlegenheit uns vor Augen treten?^. Das wäre der Fall, wenn Deutschland sich frei fühlen könnte vom Antisemitismus. Die Nonne ist im deutschen Wald, jene furchtbare Raupe, welche die herrlichsten Forste verwüstet. Seinen Rang in der Reihe der Nationen könnte Deutschland mit vollem Stolze behaupten, wenn der Antisemitismus nicht wäre. Der Kampf gegen diese Seelenpest aus deutschem Boden ist aus diesem Grunde nicht ein Kampf für die Interessen des Zudenthums, sondern vielmehr ein Kampf für .die wichtigsten deutschen Interessen, ist die Abwehr der größten Demüthigung, welche Deutschland in unserer Zeit erfahren konnte. Danach ist das Verdienst der deutschen Männer zu bemessen, welche Freiheit, Recht und Wahrheit gegen eine rastlose, fanatische Agitation verlheidigen. Hier ist in erster Reihe der freisinnige Abgeordnete Rickert zu nennen. Zn Wort und Schrift hat er niemals die Gelegenheit versäumt, um die Sache der Gerechtigkeit gegen Lüge und Verleumdung zu vcrtheidigen. Auf die Urheberschaft des Abgeordneten R i ck e r t dürfen wir auch das Buch zurückführen, auf das wir [jeute mit einigen Worten die Aufmerksamkeit lenken wollen : „A n t i s e m i t e n s p i e g e l." Die Antisemiten in Lichte des Christenthums, des Rechtes und der Moral. Preis 1 Mark. Danzig, Verlag und Druck von A G. W. Kasemann. 1892." Das Buch hat 388 Druckseiten; außerdem ist auf das Buch jede erdenkliche Sorgfalt verwendet, wie unter Anderem das ein lückenloses Sachregister am Ende des Buches beweist. Der wohlfeile Preis soll dem Buche eine große Verbreitung ermöglichen. Für uns ist aber damit die Anregung gegeben, statt aller kritischen Betrachtungen zunächst die praktische Seite in Angriff zu nehmen. Das Buch soll gelesen, soll verbreitet werden, das ist die Hauptsache, alles Andere steht in zweiter Ordnung. Es kann Niemandem schwer fallen, einige Exemplare zu kaufen und sie unter seinen Bekannten zu verbreiten. Den Gemeinden und Corporationen liegt es ob, hier nicht gleichgiltig zu bleiben. In solchen Dingen zeigt es sich, in wie weit ein Verständniß der Situation vorhanden ist. Das Buch ist ein echtes Volksbuch, das nothwendigste Volksbuch, das mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gegenwart erscheinen konnte. Schließlich kann es doch Niemand vermeiden, einmal in eine Controverse über den Antisemitismus hineingezogen zu werden. Von den Wenigsten aber kann man verlangen, daß sie das ganze einschlägige Material im Gedächtnisse haben sollen. Da wird nun unser Volksbuch zu einem brauchbaren Handbuch; eine erstaunliche Fülle von Thotsachen und Citaten ist hier in übersichtlicher Kürze zusammengedrängt. Das Buch empfiehlt sich durch seinen Inhalt. Es bedarf keines Lobes. Aber aufs Dringlichste sei es an's Herz gelegt, die geringen Opfer für die Verbreitung des Buches nicht zu scheuen. Die Antisemiten reden ja so viel vom „Schulchan Aruclr4; nun da ist auch ein Tisch dem Antisemitismus säuberlich bereitet, es ist aber ein Secirtisch. Die Geschichte der antisemitischen Bewegung ist noch nicht geschrieben, das Wesen und die Bedeutung des Antisemitismus noch nicht in erschöpfender Weise dargestellt. Der „Antisemitenspiegel" gibt aber doch wenigstens einen Begriff von dem Umfange und der Ausdehnung der durch den Antisemitismlis Ungerichteten Verheerungen. Selbst der Antisemit, wenn er noch eines Urtheils fähig ist, wird zugeben müssen, daß der Antisemitismus eine Krankheit ist. Er kann diese Krankheit von seinem Standpunkte auL als einen unvermeidlichen Prozeß hinstellen wollen; aber das pathologische Moment wird er nicht hinwegstreiten können. Es

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