Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Ertte 50 Orstrrrerchtschr Wochenphrkst Nr. S und werden dann wohl unsere Glaubensgenossen ihre Geschäftsverbindungen mit Jordan L Timaeus sofort lösen." Luudenburg. (Bürgermeisterwahl) Bei der vorige Woche erfolgten Constituirung der hiesigen Gemeinde-Repräsentanz wurde der Großindustrielle, Herr H. Kuffner, zum Bürgermeister wiedergewählt und wird H»rr Kuffner das Ehrenamt eines Bürgermeisters von Lundenbmg das siebente Mal bekleiden, was wohl das Vertrauen, dessen sich derselbe allgemein erfreut, am besten demonstrirt. Trebitsch. Am 11. Jänner ist hier im hohen Greifenalter der allgemein verehrte Fabrikant I. H. Subak eines sanften Todes verschieden. Der Heimgegangene war ein Mann rastloser Arbeit, redlichen Sinnes, dabei ein treuer Sohn des Judenthums, dem er mit allen Fasern anhing. Er genoß hohe Verehrung bei Allen, die ihm je nahe gestanden. Czernowitz. (Handelskammerwahl) Anläßlich der Wahl des Präsidiums der hiesigen Handels- und Gewerbekammer wurde Herr David Tittin ger neuerlich zum Bicepräsidenten gewählt, was wohl Zeugniß gibt von der Beliebtheit, welcher sich derselbe in Jndustriellenkreisen erfreut. Podgorze. Der hierorts beliebte junge Advocat Dr. Marcus Peiper wurde mit einstimmigem Beschluß des Gemeinderathes zum stabilen Stadt-Syndicus von Podgorze ernannt. Beroua. Der hiesige Oberrabbiner, Rabbi Jizchak Pardo ist im Alter von 68 Jahren aus diesem Leben geschieden, nachdem er nahezu 45 Jahre seines Seelsorgeramtes hier gewaltet hatte. Der Verstorbene war ein Zögling des nun schon längst nicht mehr bestehenden Paduaner Rabbiner-Seminars und hatte er noch zu Füßen der berühmten Männer Samuel David Luzzato und Hillel delle Torre Hakohen gesessen. Rabbi Jizchak Pardo war aber nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein Wohlthäter der Arnien und Hilfsbedürftigen. Tanger, 14. Jänner. Gegen den Gouverneur der Schatzkammer in der Stadt Marokko sind Beschwerden erhoben worden wegen vielfacher Mißhandlungen jüdischer Einwohner, insbesondere habe derselbe einem Greise 500 Peitschenhiebe und einem anderen Juden 800 Peitschenhiebe ertheilen lasten. Es heißt nun, dass die hiesigen Vertreter der Mächte identische Noten an den Hof in Marokko mit dem Verlangen richten werden, daß diesen Verfolgungen ein Ende gesetzt werde. Feuilleton. „Me narrische Jüdin". „Gott über der Welt! Sie bringen mich um! Gott über der Welt! Sie bringen mich um!" Mit diesem Angstgeschrei rennt ein Mädchen durch die lange Zeile des Dorfes und hinter ihr. johlend und Kothballen nach ihr schleudernd, die liebe Jugend mit dem Rufe: „Die narrische Jüdin!" „Die narrische Jüdin!" Ein Schauspiel, das mindestens zwei-, dreimal jede Woche im Dorfe zu sehen ist. Bei den letzten Häusern kehren die Verfolger um und die Verfolgte verschwindet in das'nahe Waldgebüsch. Wer ist diese Arme? Uud hat sie denn Memanden, der sich ihrer annimmt? Memanden! Sie ist die einzige Judenseele im Dorfe! Aber sie ist ja doch nicht aus einem Stein herausgesprungen? Ihre Eltern starben vor drei Jahren binnen einigen Tagen. Sie hielten im Dorfe ein Wirthshaus und einen kleinen Laden gemischter Maaren, besaßen aber nicht mehr, als was ihnen die Bauern und Bäuerinnen schuldeten und fast jedes Haus im Dorfe stand in ihrem Buche — nein, nicht im Buche, denn ein solches führten die Eltern nicht, sondern auf der Thür in jüdichen Buchstaben mit Kreide aufgeschrieben. Kaum hatte die Mutter aber, die nach drei Tagen ihrem Manne in den Tod folgte, den letzten Athemzug gemacht, nahm auf Anstiften der Dorfnotabeln das Bauernmädel, welches im Dienste im Judenhause stand, einen Waschlappen und wischte die Thüren säuberlich ab, daß keine Spur der Forderung an irgend Wen im ganzen Dorfe mehr ersichtlich war und auf die armselige Einrichtung, den geringen Waarenvorrath und die paar Fassel Getränke im Keller legte der reiche Hausbesitzer angeblich wegen rückständigen Miethzinses und eines Darlehens in Baarem- Beschlag, so daß nichts zurückblieb und die Juden der einige Wegstunden entfernten Cultusgemeinde sogar den Transport der Leiche aus Eigenem bestreiten mußten. Das einzige Kind, ein zartes, schwächliches Mädchen von dreizehn Jahren, stand nun ohne jedes Subsistenzmittel da; aber sie konnte ihr ganzes Unglück gar nicht erfassen. Weinend saß sie auf dem Wagen, der die Leiche der Mutter führte, neben dieser, und als der Sarg in die Grube gesenkt wurde, hatte sie keine Thräne mehr. Ihr entsetzlicher Schrei: „Begrabt auch mich mit!" erschütterte die Luft und darauf sank sie bewußtlos zusammen, daß man sie aus dem Gottesacker tragen mußte . . . Der Vorstand des „heiligen Vereines" berieth, was man mit diesem armen Wesen anfangen sollte und beschloß, sie auf Vereinskosten bei einer armen braven Frau in die Pflege zu geben. — Aber schon nach wenigen Tagen ent'ief sie dieser in ihr Dorf zurück, nach welchem ein mächtiges Heimweh sie ergriff. Im Dorfe angelangt, kauerte sie sich vor dem Hause, in welchem sie wohnten, das aber inzwischen schon von einem anderen, einem christlichen Miether, bewohnt wurde, der darin dasselbe Gewerbe wie ihr Vater betrieb. Herzlos ließ er das Judenmädchen vor der Thür sitzen und hungern. Eine arme Bäuerin erbarmte sich ihrer, führte sie in ihre Hütte, reichte ihr ein Stück Brod und ließ sie bei sick übernachten. Nächsten Tag fand sich noch ein barmherziges Weib, das ihr einen Bissen Brod reichte und einen Platz, den Kopf niederzulegen, gönnte. Am dritten Tage aber saß das Kind den ganzen Tag vor dem Wirthshause, das bis jetzt ihre ganze Welt, ihr Paradies war, und hungerte und weinte. Nun trieb der Hunger sie, zu betteln. Man gab ihr in manchem Hause die Speiseabfälle und sie verzehrte dies gierig in Gemeinschaft mit den Hunden und Katzen, die sie alle kannten und traulicher mit ihr waren, als die Menschen. Des Nachts schlief sie auf der bloßen Erde vor ihrem väterlichen Hause, das ihr an's Herz gewachsen war und von dem sie nicht lassen konnte. Ani nächsten Sonntage gab es in der Gemeindestube Spectakel. Die Bauern und vorzüglich diejenigen, welche dem Vater des Kindes das meiste Geld schuldig waren und ihr Gewissen betäuben wollten, schrien: „Das Judenmädel müsse aus dem Dorf geschafft werden". Und noch an demselben Nachmittage wurde das mit aller Kraft sich wehrende Kind gebunden auf einen Wagen geworfen und in die nahe Judengemeinde gebracht. Sie wurde vom Vorstande wieder derselben Frau in Pflege gegeben, aber sie flüchtete nach zwei Tagen wieder in ihr Dorf zurück und die Dorfobrigkeit sah sich genöthigt, die Intervention des Stuhlrichters anzurufen. Dieser entschied: Da das Kind in dem Dorfe zuständig ist, müsse die Dorfgemeinde fiir dasselbe auch sorgen. Und nun begann erst recht ihr Martyrium. Der Richter behielt sie in seinem Hause und verwendete sie zu den härtesten Arbeiten, und es gab keine Quälerei, die ihr erspart blieb. Sie wurde das Gespött und der Gegenstand der Peinigung der Mäochen und Burschen des ganzen Dorfes. Ihre größten Peiniger aber waren die Tochter und die Knechte des Richters selbst, die förmlich wetteiferten, das Opfer zu foltern. Sie wird endlich ihr Martyrium gewöhnt; sie hängt sogar mit einer gewissen Liebe an dem Hause des Dorfrichters. Nur wenn ihr die Schläge und Peinigungen den größten Schmerz verursachten, lief sie aus dem Hause durch das Dorf mit dem von Verzweiflung erpreßten Rufe: „Gott über der Welt, sie wollen mich umbringen!" Und das war das Signal für den Janhagel des Dorfes zur Hetze. An ihr Judenthum wurde sie Hundertemal täglich erinnert, denn man nannte sie im Hause nicht anders als „Saujüdin" oder „Verfluchte Jüdin". Aber sie fühlte sich glücklich bei diesen Benennungen, denn der alte Hausirer, der einmal wöchentlich in das Dorf kam, tröstete sie immer, daß die Juden Kinder