Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 3 ist doch eine Krankheit, wenn Jemand gezwungen ist, fortwährend seine ganze Denkkraft auf einen imaginären, fixen I Punkt zu richten, wobei ihm in allen Dingen jede Freiheit des Urtheils entzogen ist. Noch im Bette wird unserem Antisemiten die Zeitung gebracht, selbstverständlich ein Antisemilenblatt, er stärkt sich für die Arbeit des Tages. Liest er ein Blatt von nicht antisemitischer Couleur, so entdeckt er bald einen Stein des Anstoßes und dann schimpft er weidlich über die Zeitungsjuden. Beim Frühstücke weist er seinen Kindern an, wie sie in der Schule mit Juden umzugehen und wie sie die biblischen Geschichten aufzufassen haben. Wehe, wenn er durchs Fenster einen Juden erblickt und dreimal Wehe, wenn er einen jüdischen Geschäftsinhaber zum Nachbarn hat. „Es wird anders werden, murmelt er, und es muß anders werden"; mit diesen schönen Gedanken geht er an das Tagesgeschäft. Er vergißt nicht, sein antisemitisches Leibblatt in die Außentasche des Rockes zu stecken; man soll ihn als einen Antisemiten erkennen, er ist in Gefechtsbereitschaft. Im Geschäftslocale hört er die antisemitischen Schimpfworte seiner Geschäftsbediensteten; allein er fühlt sich dennoch nicht festgehalten und er eilt zum zweiten Frühstück ins Wirthshaus. Befriedigend streift sein Blick das volle Zimmer; lauter Antisemiten. Da wird auf die Juden geschimpft, auf alle Zeitungen, die antisemitischen Zeitungen mit eingeschlossen, aus das Parlament, aus den Gemeinderath, dann werden auch die albernen Einrichtungen kritisirt und wird die Verbesserung des Staates und der Gesellschaft in Angriff genommen. Und so geht es fort den lieben langen Tag, man schimpft auf die Juden oder streitet mit einem Juden und Abends hört man die antisemitischen Reden im Vereine. Es bleibt kein Raum mehr für andere Dinge. , Alle Saiten des Gemüths sind zerrissen; Welt und Leben werden aufgezehrt durch die eine Religion des Judenhasses. So ist der Antisemitismus eine Entweihung des persönlichen Daseins, eine Entweihung des Volkslebens, eine Pestbeule an dem Antlitze der Gegenwart. Antisemitenspiegel — der Titel ist entstanden im Gegensätze zu dem in zahlreichen Exemplaren verbreiteten „Judenspiegel". Der „Judenspiegel" ist das unfteiwillige Bekenntniß der Krankheit' durch Diejenigen, welche den Krankheitsstosf verbreiten, das Volksleben vergiften; der „Antisemitenspiegel" gibt das Bild der Krankheit, wie es dem Arzte sich darstellt, der die Krankheit bekämpfen will. Das ist der Spiegel unserer Zeit, der Spiegel wenigstens ihrer pathologischen Erscheinungen. Der „Antisemitenspiegel", dieses vortreffliche, durch Mäßigung und Objectivität, durch die strengste Wahrheitsliebe sich auszeichnende Volksbuch ist in erster Reihe auf Deutschland berechnet. Allein selbstverständlich mußten auch die wichtigsten Erscheinungen auf österreichischem Gebiete in Betracht gezogen werden. Da sahen wir zu unserem Bedauern, daß der Eifer in der Abwehr des Antisemitismus bei uns noch Vieles zu wünschen übrig läßt. Wir lesen den Namen des edlen und berühmten Gelehrten Professor Nothnagel, des Baron Suttner, des Baron Leitenberger und der hervorragenden Männer, die den Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben gerufen haben; wir lesen auch den Namen Dr. Bloch und der Name des Herausgebers dieser Wochenschrift kommt so häufig hervor, seine Reden im Abgeordnetenhause, seinem Kampfe gegen Rohling, wird eine dermaßen breite Erwähnung gewidmet, daß wir ausdrücklich bitten müssen, unserer Empfehlung des Buches keine selbstische Deutung geben zn wollen. Man mag es uns glauben, es ist uns nur um die Sache zu thun. Der Standpunkt, Haß ein passives Verhalten gegen den Antisemitismus ausreiche, ist als ein überwundener zu betrachten. Uns bestimmt nur die Wahrnehmung, - daß bisher in der Abwehr des Anitsemitismus zu wenig geschehen ist. In Hunderttausenden von Exemplaren werden die antisemitischen Schund- und Lügenschriften verbreitet. Wer die Hände feig in den Schooß legt, macht sich des Verrathes schuldig. Für heute wiederholen wir die Mahnung: „Kauft un-d verbreitet den Antisemiten spi eg el". Wochrnkalender. Schewat 5653. — Januar 1893. Freitag 3 20 E. b. N. 5b 12 7« Samstag 4 21 Bo Sonntag 5 22 Montag 6 23 Dienstag 7 24 Mittwoch 8 25 Donnerstag 9 26 Freitag 10 27 Briefkasten. I. D. Baron Hirsch de Gereuth, Paris, 2, Rne de l'Elyfee. 11111 Für Braute! Als leistungsfälligste, altrenommirte, anerkannt solideste Firma für MÖBEL und Wohnungs - Einrichtungen empfiehlt sich die Möbelfabrik Heinrich Bäck vormals A. BREZINA’S Nachfolger Wien, VII. Bezirk, Mariahilferstrasse Nr. 74a vis-a-vis Hotel Kummer und englischer Hof. 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