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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-20 · 3 (20.1.1893) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 46 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 3 sicher, daß sie sie ganz ihren Intentionen entsprechend finden würden e. b. Wie«. (A n t ise m i t e n - T r eu e.) Ein bekannter jüdischer Großindustrieller der inneren Stadt, der im Allgemeinen jeden seiner Angestellten sorgfältig behandelt und ausreichend besoldet, hatte für einen seiner Geschästsdiener ein besonderes Faible. Der Letztere, das Prototyp eines arischen Vorstädters, von hühnenhafter Gestalt, mit einem Schmerbauche, war schon zwanzig Jahre im Hause und genoß daher unbegrenztes Vertrauen. Da dem Geschäftsdiener nebst der reichen Besoldung noch andere Emolumente zugewendet wurden, so fiel es nicht auf, daß derselbe seiner Gattin einen reichausgestatteten Gemischtwaarenladen einrichtete, einen Weingarten ankaufte und sogar Buschenschenker werden konnte. Allein eines schönen Abends kam des Räthsels Lösung zum Vorscheine. Der biedere arische Geschäftsdiener bestahl seinen Brodgeber Tag für Tag und wurde dabei ertappt. Bei der Haussuchung fand man jedoch nicht nur die gestohlenen Waaren, sondern auch das antisemitische „Deutsche Volksblatt" von der ersten erschienenen Nummer bis zur letzten wohlgeordnet. Bon einem so treuen Leser dieses Hetzorganes ist es freilich nicht zu verwundern, daß er seinen jüdischen Chef, auch wenn er dessen Wohlthäter war, bestohlen und dessen Berttauen auf das schnödeste mißbraucht hat. Wie«. (Antisemitenconcert.) Im großen Musikvereinssaale fand vorige Woche das Concert Reiter statt. Der Concertant ist ein Wiener Bolksschullehrer und suchte vor etwa zwei Monaten beim Stadtrathe um die Gewährung eines ganzjährigen Urlaubes mit Beibehaltung der Bezüge an; er motivirte dieses Verlangen damit, daß er in dieser Zeit ein großes Musikdrama schaffen wolle. Der Urlaub wurde gewährt, die Beibehaltung der Bezüge jedoch nicht. Die deuffchnationalen Anttsemiten gaben nun die Losung aus, durch massenhaftes Erscheinen beim Concerte des Herrn Reiter diesem eine pekuniäre Entschädigung zu verschaffen. Es wurde von ihnen ein Auftuf plaratirt, der die Welt für Herrn Reiter interessiren sollte und in welchem es unter Anderem hieß, „daß es gelte, in der Stadt des Mascagni- Götzendienstes eine nationale Kunstthat (!) zu schaffen". Eine größere Zahl von Parteigängern des Herrn Reiter, darunter besonders viele deutschnätionale Studenten, folgte diesem Aufrufe, fand sich bei dem Concerte ein und begleitete in usum der „deutschnationalen Kunstthat" jede einzelne Nummer mit demonstrativem Beifall. Nach dem Concerte fand in Deigner's Lanner-Saal ein Festcommers statt, bei dem es selbstverständlich an den obligaten Trinksprüchen auf Bismark und Schönerer nicht fehlte. Heil der deutschen Nation, denn wenn obigem Glauben beizumessen ist, so ist den Germanen ein neuer Meister Wagner erstanden. Veäeremo! Wie«. (Die Drechslergehilfen gegen die christlich.socialen Meister.) In Hernals fand Sonntag eine von nahezu 1500 Gehilfen besuchte Drechslerversammlung statt, in welcher das Verfahren der christlich-socialen Meister einer sehr abfälligen Kritik unterzogen wurde. Eine Anzahl von Rednern schilderte die traurige Lage der Gehilfen und beschwerte sich über die Ausbeutung christlichsocialer Kleinmeister, der sie zum Opfer fallen. Gehilfe Wisko kündigte sodann einen neuen großen Drechslerstrike an und sagte: „Gerade bei den christlich-socialen Herren werden wir zuerst anfangen. Da werden wir sehen, ob sie uns menschenwürdige Löhne geben wollen, und ob ihre christliche Nächstenliebe nicht beim Geldsack aufhört." (Lebhafter Beifall.) Auch ein Drechslermeister, Herr Guttmann, wendete sich gegen die phrasenhaften Versprechungen der christlich-socialen Führer. Er sei Meister, erkenne aber doch das Recht der Gehilfen an, sich solidarisch gegen die Ausbeutung zu wehren. Da seien es gerade die kleinen christlich-socialen Meister, die ihre Gehilfen aussaugen und überdies durch unloyales Preisdrücken dem fortschrittlich gesinnten Gewerbetreibenden es unmöglich machen, seine Arbeiter so zu zahlen, wie er möchte. In großer Erregung rief der Redner aus: „Wenn ich ehrlich bleiben und dabei doch so gut zahlen will, wie es nothwendig ist, um von den Arbeitern nicht als Ausbeuter betrachtet zu werden, bin ich in kürzester Zeit ruinirt. Ich kann meinen Laden dann sperren und selbst Arbeiter werden. Gerade die Herren Christlich-Socialen, die so viel über Schmutzconcurrenz jammern, sind die ärgsten Schmutzconcurrentenl" (Lebhafter Beifall.) Gehilfe Wisko beantragte hierauf, die Versammlung möge die christlich-sociale Genossenschaftsvorstehung auffordern, dem Gehilfenobmanne aus dem aus „Ärbeiterkreuzern", dem sogenannten Aufdinggeld u. dgl. stammenden, 92.000 fl. bettagenden Genossenschaftsvermögen eine Jahresremuneration von 200 fl. zu gewähren. Unter dem stürmischen Beifalle der Versammlung bemerkte der Redner, ein Zulukaffer sei den Arbeitern lieber als ein christlich-socialer Meister, da diese Letzteren ihre Arbeiter langsam auffressen. Nachdem noch mehrere Redner ihrer Opposition gegen die christlich socialen Meister Ausdruck gegeben hatten, schloß die mehrstündige Versammlung mit dem „Lied der Arbeit." In Antisemitenversammlungen hört man so viel von „Ausbeutung" und „Schmutzconcurrenz"; Arbeiter aber klagen die Herren Christlich-Socialen an, daß diese es sind, welche auf dem Gebiete des „Beuschelausnehmens" unübertroffen dastehen. Wien. (Antisemitische Manieren.) Im verflossenen Monate befand sich in Stalehner's Etablissement in Hernals eine ftöhliche Gesellschaft, darunter der Geschäftsmann Herr F. Kudlitschek und der Lieutenant Herr Th. J ngerl. Im Laufe des Abends kam es zwischen dem Officier und einem Apotheker namens Anton Haller zu einem Wortwechsel, da der Lieutenant den Apotheker wegen dessen unpassenden Benehmens einer Dame gegenüber zur Rede gestellt hatte. Als dies nichts fruchtete und Herr Kudlitschek fürchten mußte, es werde zwischen dem Officier und Haller zu einer unliebsamen Scene kommen, sah er sich veranlaßt, Letzteren in nicht unhöflicher aber bestimmter Weise aufzufordern, sich zu mäßigen und die Gesellschaft zu verlassen. Daraufhin fuhr Haller, der sich nun als strammer Antisemit entpuppte, Herrn Kudlitschek, indem er ihm mit der Faust einen Stoß in den Leib gab, mit den Worten an: „Sch au, daß du abfahrst, Juden bub!" Da Haller auch einen der anwesenden Officiere beleidigt hatte, welcher nach den militärischen Ehrengesetzen verpflichtet war, sich Genugthuung zu verschaffen, so wurde der Gegner am nächsten Tage zu einer Besprechung über die Art der zu leistenden Genugthuung eingeladen. Diese Zusammenkunft fand einige Tage später statt, und Herr Kudlitschek war ebenfalls anwesend. Als nun einer der Officiere eine entsprechende Erklärung abgeben wollte, fiel ihm Haller in's Wort und schrie, er werde nicht weiter verhandeln, denn es sei ein „elender Schuft", „Denunciant" und „jüdischer L . . .- bub" anwesend! Er werde die Verhandlungen nicht wieder aufnehmen, so lange sich Kudlitschek am Tische befinde. Herr Kudlitschek erhob sich, setzte sich an einen anderen Tisch, von dem aus die Verhandlung, die nun fortgesetzt wurde, nicht genau gehört werden konnte; der Beleidigte hörte aber weiter, wie Herr H aller mit den niedrigsten Schimpfworten, wie „elender Schuft", „elender Judenhund", auch die Drohung ausstieß, er w er d e den Judenbengel, wenn er ihn erwische, wie einen tollen Hund Niederschlagen. Herr Kudlitschek strengte hierauf die Ehrenbeleidigungsklage gegen Haller an, und am 10. d. M. fand vor dem Bezirksgerichte Alsergrund die Schlußverhandlung in dieser Angelegenheit ftatt) wobei der wackere und gesinnungstüchtige Antisemit zu einer Geldstrafe von dreißig Gulden verurtheilt wurde. Zu bemerken ist, daß der von Haller Jnsultirte — kein Jude ist. Budapest.- Im Prunksaale der Pester israelitischen Religionsgemeinde fand gestern Vormittags 10 Uhr behufs Wahl eines Präsidenten an Stelle des verstorbenen Moritz Wahrmann eine außerordentliche Generalversammlung statt. Dieselbe war überaus gut besucht; es waren nahezu sämmtliche Repräsentanten anwesend. Unter den Erschienenen bemerkten wir den Gesammtvorstand der Gemeinde, Magnatenhausmitglied Karl Svab, die Reichsraths-Abgeordneten Dr. Armin Neumann, Dr. Moritz Mezei und Dr. Ambrus Nemenyi, den Kurialrichter Dr. Ignaz Neuberger, die Barone Sigmund und Ferdinand Schosberger,ferner Bernhard v. Deutsch, Berthold v. Goldberger, Karl Reuß, Professor Dr. Berthold Stiller, Dr. Alexander v. Ullmann, u. A. Den Vorsitz führte das Vorstandsmitglied Martin Schweiger, als Schriftsteller fungirte Dr. Ignaz Goldziher. Auf Antrag Paul Tencers, wurde die geheime Abstimmung vorgenommen und einige Minuten darauf enunciirte Tencer, daß alle Anwesenden für Sigmund Kohner gestimmt haben, somit dieser nun der einstimmig gewählte Präsident der Pester israelittschen Religionsgemeinde ist. Das Wahlergebniß

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