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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-20 · 3 (20.1.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3 Oesterrenhisrtzr Wochrnfihrift Seite 43 geistigen Zwang gewehrt und hat keine geistige Macht aufkommen lassen, welche die Zügel des Denkens festzuhalten versuchte. Es kamen freilich finstere Zeiten, wie die des Schulchan Aruch, aber stets gab ks Männer, die unerschrocken die Fahne der geistigen Freiheil emporhielten. n. Wie die Thora das Gesetz des alten jüdischen Staates war, so bezeichnet die rlischua das Ende der jüdischen Herrschaft in Palästina. Die beiden Oewaras weisen bereits das Zeichen der Zerstreuung auf, obgleich damals noch ein reger Verkehr zwischen den Juden Palästinas und Babyloniens herrschte, und die von ihnen gesprochene Sprache noch ziemlich dieselbe war. Im dritten Zeitabschnitt, von 500 bis jetzt, ist die Zerstreuung der Juden vollendet. Fast jedes Land, in welchem Juden wohnen, hat eine besondere Richtung, und obschon meist in hebräischer Sprache geschrieben wird, nimmt der Jude die Landessprache an. Im Osten tritt 930 Saadia auf, der arabisch schreibt. Er stellt drei Erkenntnißquellen auf: die Schrift, die Tradition und die Vernunft, die alle drei gleiche Gültigkeit haben. In Spanien, wo zuerst wieder wissenschaftliche Schulen gegründet waren, schreibt der Nordafrikaner Isaak Alfasi (1013—1103) in hebräischer Sprache sein Talmudcompendium, milde und erleichternd. Ebenfalls in Spanien lebte Maimonides (1135 bis 1204), ein hervorragender Denker, der in seiner Lliachneh- Thora (Wiederholung des Gesetzes, auch Jad Hacbazaka — die starke Hand genannt) das ganze Gesetzesmaterial in hebräischer Sprache lichtvoll verarbeitete und mit eigenen Gedanken verwebte. Aber weder Alfasi noch Maimonides wurden als unumstößliche Autorität anerkannt, obschon beide, besonders der Letztere bedeutendes Ansehen genossen. Maimonides hatte in der Einleitung zu seinem Werke, vielleicht allzu selbstgefällig, gesagt: „Ich nannte das Werk daher Wiederholung der Thora, weil man zuerst nur die Thora und dann nur dieses Werk zu studiren hat, welches die ganze Tradition enthält, und weil man keines anderen Werkes daneben bedarf," wurde aber doch von den jüdischen Gemeinden der Provence und Frankreichs, besonders wegen seiner philosophischen Richtung stark bekämpft. Maimonides war ein großer Mann, oöschon ihm die Milde eines Hillel fehlte, und in einer allgemein unkritischen Zeit der einzige Kritiker, dabei allerdings, wie wir gesehen haben, selbstgefällig und für seine Zeit ziemlich intolerant. Mit ihm schließt die Reihe der bedeutenden Denker ab; von ihm an spaltet sich das Judenthum, die Einen behalten die freiere Richtung mit philosophischer Färbung bei, die Andern, und zwar die Mehrzahl, gehen abwärts, verlassen die so schön angebahnte, rabbinisch-philosophische Richtung und werfen sich intoleranter Stockgläubigkeit in die Arme. Nur das Alte wird noch verarbeitet. Eine Ausnahme bildet nur Rabbi Gerschom, der auf einer Rabbinerversammlung die Monogamie, die allerdings schon ziemlich allgemeine Sitte war, zum Gesetz erhob. Nach 1250 erstarrt das Judenthum. Es entwickelt sich in dieser einseitig rabbinischen Richtung der Kampf gegen das freie Forschen, der erst mit Mendelsohn (1780) sein Ende erreicht. In diesem Sinne sind die Rabbiner jener Zeit zu beurtheilen. _ Trotz der einseitigen, starren Richtung der Lehrer stellt sich aber doch das Bedürfnis heraus, sich den gegebenen Verhältnissen anzupassen und für dieselben Vorschriften zu schaffen. Zu diesem Zweck schrieb Moses aus Couch Ende des 13. Jahrhunderts sein Sepher Hamizwoth (Hagadol), Buch der Gesetze. Ein Jahrhundert später gegen 1340, verfaßte Jakob ben Ascher seine Arbaa Turim (die 4 Ordnungen), in welchem'Werke er alle für das tägliche Leben geltenden Vorschriften in vier Ordnungen nach deutscher Anschauung, namentlich nach den Lehren seines Vaters brachte. Zu diesem Werke verfaßte Joseph Qaro (1481—1575) einen Commentar (Leih ckoseph), aus welchem er später (1563), unter steter Vergleichung mit Alfasi und Maimonides, die er mit Ascher nach Majorität entscheiden läßt, den Lehalehau Aruch (der gedeckte Tisch) schrieb. Geboren in Spanien, siedelte er zuerst nach der Türkei über und lebte dann in Safet in Palästina, wo er starb. Es ist also dieses so vielfach angegriffene und vertheidigte Buch eines Einzelnen, welches weder das Imprimatur einer Rabbinersynode noch selbst die Autorität einer Schule erlangt hat. Quaro war kein großer Geist; ohne eigene Gedanken,*) aber *) Herr Dr. Ecker sagt zwar 8. XII-, daß sich der Trauspruch nur im Schulchau Aruch E. H. 27, 1 Haga finde; er ist jedoch entvoll kabbalistischen Aberglaubens, entschied er blind nach jenen drei Autoritäten, die entgegengesetzte Ansicht anderer Gelehrter unbeachtend lastend, auch wo diese die besten Gründe vorbrachten. Es steht also ganz und gar auf dem Boden des einseitigen Rabbinismus und somit im directen Widerspruch mit der vom Judenthum stets erfolgreich verfochtenen Freiheit der Forschung. Die Eindrücke, welche er aus Spanien, seiner Heimat, mitgebracht hatte, waren nicht geeignet, einen toleranten Gesetzgeber aus ihm zu machen, finster und unduldsam wie sein Jahrhundert ist auch sein Buch. Wohl hauptsächlich seiner Ausführlichkeit wegen, die in den kleinsten Fragen des rituellen Lebens Auskunft ertheilt, ist es seit seinem Erscheinen sehr beliebt gewesen und wird bei rabbinischen Entscheidungen auch jetzt noch mit Vorliebe citirt. Auch ist es insofern wichtig für das Judenthum, als es zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Interessen und Bestrebungen des Orients und des Occidents in einem Punkt vereinigt. Eine Schule hinterließ Quaro nicht; Alle seine Schüler widmeten sich der Kabbala, der er selbst anhing. Daß der 8chulchau Aruch sofort nach seinem Erscheinen in einzelnen Punkten angegriffen und nicht ohne Weiters acceptirt wurde, wie Herr Dr. Ecker S. XI. sagt, zeigt die Vorrede des Moses Jsserles, die wir S. X. finden. Auch galt der Schnlcban Aruch nicht überall, wie Dr. Ecker S. XII. behauptet, denn gleich dahinter führt derselbe Herr Stellen an, in denen sich Rabbiner frei äußern: „Diese Vorschrift existirt' nicht zwischen uns." Zur selben Zeit wie Qaro beschäftigte sich Moses Jsserles (- Israels, genannt Rema, 1520—1572) in Krakau mit einem ähnlichen Werke. Er lieferte später Zusätze und Veränderungen zu Qaro's 8chu1chau Aruch, den er mit seinen Gedanken unter dem Namen Haga herausgab. Jsserles war ein edler Mensch und tüchtiger Gelehrter, der wohl in einem anderen Lande und in anderer Umgebung bedeutendes geleistet hätte. Auch er war abergläubisch und einseitig, doch änderte er öfters Quaro's Berschriften im erleichternden Sinne.**) Ueber den Unterschied zwischen sich und Qaro sagt er in der Vorrede zu einer 8chu1chau Aruch-Ausgabe (Ecker S. X.): „Schon unsere Rabbiner haben gesagt, es sei ein Unterschied zwischen vielen Sachen der Orientalen und Occidentalen, bereits in den früheren Geschlechtern, geschweige in diesen späteren. Darum hielt ich es fi'ir gut, an solchen Stellen, wo seine (Qaro's) Worte mir nicht gefielen, die Ansicht der Späteren am Rande beizufügen, um überall die Schüler aufmerksam zu machen, damit sie wissen, daß man über seine Worte streitet und überall wo ich gewußt habe, daß der Gebrauch nicht ist, wie er (Quaro) angiebt, da forschte ich nach, fand ihn und schrieb ihn wieder und fügte ihn am Rande bei." Diese Vorrede zeigt doch deutlich genug, daß es selbst in jener stockgläubigen Zeit unter den Juden keinen starren Autoritätsglauben gab. Uebrigens heißt es auch von Jsserles (Ecker S. XII.'), er habe nur für Polen geschrieben. Weder Qaro noch Jsserles waren bedeutend genug, ihrer Zeit den Stempel ihrer Geister aufzudrücken; im Gegentheil beide, besonders Qaro, tragen durchaus die Züge ihres Jahrhunderts und ihr Werk hat nur insofern Werth, als es uns zeigt, welches der jüdische Brauch vor 400 Jahren in Safet und Krakau war. Benjakob in seinem Ozar Hasepharim führt 43 Commentare zum 8chu1chau Aruch auf, die also nicht „unzählig" sind, wie Herr Dr. Ecker S. XI. behauptet. “ Auf dieses Werk nun fußten Herr Prof. Dr. Rohling und nach ihm Herr Dr. Justus und mit ihnen Herr Paasch, Alle drei darin einig, jedem in diesem Werke enthaltenen Ausspruch die schärfstmögliche Auslegung zu geben und ihn zum allgemein gültigen „Gesetz" zu stempeln. Die Juden sind aber seit Mendelsohn zur Denkfreiheit zurückgekehrt und wir find verpflichtet, ihren Autoren seit 1780 ebensoviel Glauben beizumessen, wie denen, die vor 1250 schrieben. Citirt man daher aus dem rabbinischen Schriftthum, so muß man den Autor des betreffenden Ausspruches beifügen, zur Beurtheilung ist die Zeit ihrer Entstehung und die Persönlichkeit von größter Wichtigkeit. nommen ans Kidduschiu 5b, Tosephot Kethub. 3a, Gitfcin 33, Jerus. Jebamoth 15; siehe Hamburger, Real-Encyclop. Bd. H., Seite 1228. *•) So z. B. hat die Thora das Schreiben in bebrmicher Sprache am Sabbath verboten. Die Rabbiner verboten darauf das Schreiben am Sabbath auch in anderen Sprachen, Sr. ch. 306 11 während in der Saga Jsserles das Letztere erlaubte.

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