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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-20 · 3 (20.1.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«M 42 PljUtXItuftfu^ ii'ttttjfltftijljfft Nr. 3 aus Kreisen, in denen er als „gentleman" verkehrte und die ihm ihr Vertrauen als solchen entgegentrugen. Dabei sind viele seiner gänzlich unbelegten Behauptungen sür den unbefangenen Leser unglaubhaft; es werden Persönlichkeiten in die Debatte gezogen, welche über jeden Zweifel erhaben sind. Seine Schriften sind voll von unbewiesenen Anschuldigungen und dunklen, nicht weiter ausgeführten Verdächtigungen, die den Werth seiner sonstigen Angaben nicht erhöhen. Im Uebrigen wird ihm aber jeder seine Sympathien entziehen, der die kleinlichen Angriffe gegen unfern großen Bismarck liest. Da die Tendenz seiner Schriften antisemitisch ist, so wird jeder von ihm Angegriffene oder Verdächtigte zum Juden gestempelt und Jeder, der etwas gegen das Judenthum geschrieben hat und plötzlich gestorben ist, muß „den talmudischen Gesetzen gemäß" getödtet worden sein. Herr Paasch entsendet seine Pfeile gegen das ganze Judenthum und vergißt, daß, wer die Schandthaten Einzelner generalisirt. und der Gesammtheit zur Last legt, eine wissentliche Fälschung der Thatsachen begeht. Er schreibt in dem genugsam bekannten rohwitzelnden Ton, der jeden gebildeten Leser empören muß. Da er selbst wohl wenig vom jüdischen Schristthum versteht, holt er sich sein Rüstzeug aus Rohling's Talmudjuden, den er aus dem Französischen zurückübersetzt hat, aus Dr. Justus' Judenspiegel, nebst Dr. Ecker's Judenspiegel im Lichte der Wahrheit. Da Herr Paasch uns sür Beweise seiner Aussprüche selbst auf diese drei Werke verweist, haben wir uns dieselben kommen lassen. Herr Professor Dr. August Rohling versucht eine mit Belegstellen aus der rabbinischen Literatur versehene Darstellung des Judenthums zu geben, wie es seiner Behauptung nach ist. Beim ersten Durchlesen glaubt man einen wohlunterrichteten, selbstständigen, wenn auch gehässigen Forscher vor sich zu sehen, aber bald erkennt man die Quelle, aus der er schöpft: Sein ganzes Material stammt aus Eisenmenger. Wo er selbstständig auftritt, verräth er eine klägliche Unwissenheit.* Herr Dr. Justus (Ahron Brimann) hat fast sein ganzes Buch aus Rohling's Talmudjuden entnommen. Er verdächtigt die Moral des Judenthums und stellt 100 Aussprüche (er nennt sie „Gesetze") des Schulchan Aruch zusammen, die er mit frommen, christlich sein sollenden Ausdrücken begleitet. Herr Dr. Ecker endlich, der als Sachverständiger in dem gegen Herrn Dr. Justus angestrengten Processe figurirte, sucht in seinem Buche die Wahrheit der 100 Justus'schen „Gesetze" mit wissenschaftlichen Beweisen zu stützen. Es wird Einem ganz schwül beim Durchlesen derartiger Bücher. Man denkt unwillkürlich an die unmenschlichen Judenverfolgungen am Rhein während der Kreuzzüge, man errinnert sich der spanischen Periode, die mit der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 schloß und an den, wie wir glaubten, endlich vergessenen und überwundenen Eisenmenger, aus dessen „Endecktem Judenthum" alle Citate obiger Schriften stammen. Dies Werk soll, wie wir hören, aus dem wohlverdienten Bibliothekenstaube hervorgezogen werden und jetzt doch wieder in neuer Ausgabe erscheinen. Man glaube nicht, daß solche Werke eine richtige Darstellung des Judenthums anbahnen. Sie sind etwa in dem Geiste geschrieben, als stellte ein Historiker das Christenthum dar aus Citaten der Schriften gegen die Arianer, mit Zuhilfenahme der Ketzerrichter Spaniens und Hollands, mit etwas Liguori'schem Probabilismus versetzt. Und dabei hat das Judenthum Scheußlichkeiten, wie die Inquisition und die Folter, um Geständnisse zu erzwingen, nie gekannt, und keine seelischen Krüppel wie Liguori aufzuweisen. So wie es bei uns steht, ist ein kritisches Verständnis des Judenthums schwer zu erlangen. Für rabbinische Sprache und Literatur haben wir noch immer keine speciellen Lehrstühle auf unseren Universitäten, auf denen doch, wie ein ausgezeichneter Orientalist sagt, für Zigeuner und Botokuden gesorgt ist. Die Lehrstühle für Hebräisch sind in den Händen der Theologen, welche als principielle Gegner der Kenntniß der rabbinischen Literatur eher hinderlich sind uud denen ihre Vertrautheit mit dem alttestamentlichen Idiom für die spätere Literatur auch wenig nützt. Mer wer den Herren Rohling und Justus Glauben schenkt, sollte doch zuerst darauf dringen, daß auf unseren Hochschulen Lehrstühle für eine Literatur errichtet werden, die nach der Behauptung jener Herren von solcher Wichtigkeit für unsere sociale Verhältnisse ist. Bis jetzt geht es noch nach dem altbewährten Sprichwort: calomniare andacter, semper aliquid haeret. Die Aufsicht, der *) Er übersetzt am haarez mit Nichtjuden, was doch den des Gesetzes unkundigen Juden bedeutet (Ev. Job. 7, 49). Zügel fehlt, der den Universitätslehrern zukommt, sonst würden solche vage Redensarten und so vereinzelte, aus dem Zusammenhang einer Discussion gerissene Citate, die noch dazu zum Theil falsch übersetzt oder falsch verstanden worden sind, von den Antisemiten nicht gewagt werden. Ehe wir zu Einzelnheiten übergehen, verfolgen wir in Kürze den historischen Lauf der jüdischen Gesetzgebung. Dieselbe umfaßt drei große Zeitabschnitte. Der erste reicht bis Esra oder 500 v. Chr. In ihm entstand das geschriebene Gesetz, die Thora, der Pentateuch, das Gesetz bar' exochen. Alles spätere sind Zusätze und Erläuterungen der Lehrer, das mündliche Gesetz. Der alte Staat war vergangen, die neuen Verhältnisse machten neue Gesetze nothwendig. Die politischen Bewegungen traten mehr und mehr zurück und die ganze Geistesthätigkeit richtete sich auf den Ausbau der Lehre. Was von den Lehrern dieser Zeit (Tanaiten, Lehrer, genannt) als Lehrsätze (Lalaeba) überliefert war, wurde von Rabbi Jehuda gesammelt und in der Mischna 189 n. Chr. zusammengefaßt. Thora und Mischna bildeten dann in den Hochschulen Palästinas und Babyloniens den Lehrstoff und wurden von den nachmischnischen Lehrern (Amoräer, Erklärer) angelegt. Die Mischna, noch in Palästina abgeschlossen, war allgemein angenommen worden, für die späteren Schulen fehlte der geistige Mittelpunkt und in den verschiedenen Hochschulen konnte jeder Lehrer frei und ungehindert seine Ansicht vortragen. Der Umfang seines Einflusses hing von seiner Bedeutung ab und von der Zahl seiner Schüler, die er vermöge derselben an sich fesselte. Thora und Mischna wurden in diesen Schulen mit Commentaren versehen, in welche sich Discussionen über die verschiedenartigsten Materien mischten. Die Zeit steht nicht still und bringt immer neue Fälle zur Entscheidung. Alles was das öffentliche oder private Leben der Juden betraf, gehörte in das Bereich dieser Lehranstalten, die so eine Erklärung, Ergänzung und Vervollständigung der Mischna anstrebten. Etwa 350 n. Ehr. sammelte man das ganze so geschaffte Material in den Gelehrtenschulen von Palästina und aus der Mischna, mit diesen Zusätzen (Gemara) vereinigt, entstand der sogenannte palästinische oder jerusalemer Talmud. Hundert Jahre später wurde dieselbe Arbeit in den Hochschulen von Sura und Pumbedita (nicht weit von Bagdad) in Babylonien gemacht und der babylonische 'Talmud zusammengestellt. Jene Zeit, so reich an tüchtigen Männern, besaß jedoch keinen Gelehrten mit hinreichender, allgemeiner Autorität, das man ihm die kritische Redaction und endgiltige Feststellung der vorgetragenen Lehrsätze hätte anvertrauen können.' So wurden die Ansichten der bedeutenderen Amoräer in zwar kritikloser, aber durchaus unparteiischer Weise vereinigt. Beide, Tanaiten und Amoräer, waren Lehrer von hoher Begabung und zum Theil höchst originelle, selbstständige Denker und edle Männer, welche nur das Beste wollten. Keiner von ihnen aber konnte sich eines solchen Ansehens unter den Gesetzeslehrern rühmen, um seiner Ansicht Geltung ohne Widerspruch zu verschaffen. Einige gaben ihre Auslegungen mit erleichternder, Andere mit erschwerender Tendenz; die Einen waren fremdenfreundlich (wie Hillel und Akiba), die Andern fremdenfeindlich (wie LUeser den Hyrkanos) in ihrer Gesinnung. Auch eine Reihe von halbebenbürtigen Schriften, wie Mechilta, Tosephte, Sifra, Sifte und andere Boraithas gehören in diesem zweiten oder talmudischen Zeitabschnitt. Die widersprechendsten Urtheile sind über das talmudiiche Schriftthum gefällt worden. Die judenfeindliche Partei stützt sich mit ihren Argumenten fast ganz auf Eisenmenger's Entdecktes Judenthum (1700), in welchem man Alles was sich in der rabbinischen Literatur an fremdenfeindlichen Aussprüchen findet, einseitig und gehässig zusammengestellt findet. Das zwei Ansichten über das rabbinische Schriftthum im Allgemeinen und über den Talmud im Besonderen bestehen können, liegt an der Verschiedenartigkeit des Inhalts dieser Literatur. Weder der Talmud noch die später zu besprechenden Compendien von Alfasi und von Maimonides, noch die von Moses aus Coucy und von Qaro sind Gesetzbücher in unserem Sinne von unbeschränkter Giltigkeit. Ja, man hielt das Verbot des Niederschreibens sowohl der Mischna wie der Gemara lange Zeit aufrecht, weil man fürchtete, solche Zusätze zur Thora könnten mit der Zeit wie diese kanonische Autorität erlangen. Es sind eben einfach Sammlungen von Aussprüchen, welche die Lehrer zu verschiedenen Zeiten gemacht haben. Schon die Lehrer der Mischna, die Tanaiten, werden mit ihren widersprechenden Urtheilen nebeneinander angeführt. Das Judenthnm hat sich stets gegen

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