Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 3 Vrflerreichifchr Wochenschrift Seite 41 die Massen glaubten es. Es steckt also int Antisemitismus ein gutes Stück Haß und Widerwille gegen die Herrschaftsgelüste und gegen die Intoleranz der christlichen Hierarchie. Das ist die eine Seite. der Frage. Die zweite ist noch merkwürdiger. Der Antisemitismus geht nämlich größtentheils gerade aus jenem Semitismus hervor, der sich mehr und mehr unserer europäischen Brüder bemächtigt. Die. europäische Welt ist mehr nnb mehr von der Ueberzeugnng durchdrungen daß der gegenwärtige Zustand ein ungerechter, ein zu beseitigender sei, und abermals sucht man nach einem Schuldigen, für das, dessen Verwerflichkeit man erst durch uns erkannt hat und hält uns für diese Schuldigen, weil wir eben doch noch nicht ganz verwachsen sind mit diesen europäischen Völkern, also etwas Fremdes sind. Die dritte Quelle des Antisemitisinus ist allerdings, nach unserer Auffassung nämlich, an und für sich verwerflich. Es ist der in einem großen Theile unserer christlichen Volksgenossen noch immer vorhandene, altarische Kastengeist. Man möchte gerne die Früchte der Freiheit haben, ohne die Freiheit selber. Man fühlt sich bedrückt dadurch, daß der herrschende sociale Zustand mit Druck verknüpft ist, kann sich aber zu der Höhe des Gedankens nicht aufschwingen, daß dieser Zustand eben nur durch volle Durchführung der Gleichberechtigung beseitigt werden kann. Das letzte Ziel des Antisemitismus, die Gleichberechtigung durch Ungleichheit einzuführen, geht aber von jenen Volksschichten aus, die für diese häßliche Abirrung eine Entschuldigung darin finden, daß sie diejenigen sind, die durch das Rad des öcouomischen und technischen Fortschrittes zermalmt werden. Es sind das die Kleingewerbetreibenden. Diese sind gerade gegenwärtig die Opfer dessen, was ich den neuarischen Fortschritt genannt habe, weil sie nicht mehr anfkommen können gegen die Umgestaltung des Productionsprocesses. Sie sehnen sich nach Hilfe greifen nach jedem Strohhalm, und da der Liberalismus mehr und mehr in Conservativismns ausgeartet ist, da er diesen Armen um die Existenz Ringenden sagt: der Gang der Welt ist ganz in Ordnung, seid fleißig und sparsam, und alles wird zum Besten bestellt sein, da mit einem Worte der altliberale Arzt die Krankheit leugnet, deren Todeskeim der Kleingewerbetreibende fühlt, so wird der antisemitische Quacksalber gehört, der den gebratenen Juden als Heilmittel empfiehlt. An dem Tage, wo der Liberalismus sich sagen tvird, daß die politische Freiheit nur der Anfang der Freiheit ist, die wirthschaftliche Freiheit erst durchgesetzt tverden muß, an dem Tage wo der Liberalismus die Fahne der socialen Freiheit entfalten wird, an dem Tage sind die Stunden des Antisemitismuskgezählt; er wird dahin schwinden wie ein trüber, düsterer Traum. Inzwischen aber fürchten wir diese Krankheit nicht; sie kann uns nichts anhaben. Wir sind berufen, Hand in Hand und nur Hand in Hand mit unseren christlichen Mitbürgern eine Umwälzung zu bewerkstelligen, wie die Menschheit sie bisher nicht gesehen. Wir stehen an der Schwelle einer neuen Zeit, die sich so fundamental von der bisherigen unterscheiden wird, daß im ganzen Verlause der Geschichte der Menschheit bloß eine Umwälzung ihr an die Seite gestellt werden kann, das ist der Fortschritt von der Barbarei, der Menschenfresserei zur Cultur. Nur mit vereinten Kräften aber können wir das Ziel erreichen; denn wir haben den Gedanken geschaffen, und der arische, moderne Forscher ,hat die Mittel dazu dargeboten. Was das Erhabenere, was das Größere ist, darüber zu streiten wäre müßig. Nur vereint können wir dieses Ziel erreichen, und seien Sie beruhigt die arische Welt wird auf ihrem weiteren Fortschrittsgange sehr bald zur Erkenntniß dessen gelangen, was sie uns gerade im gegenwärtigen Momente, an der Schwelle der socialen Revolution, zu danken hat und was wir ihr sind. (Lebhafter und anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Ein christlicher Staatsmann in China über den Antisemitismus. Unsere Leser sind über die merkwürdige Entstehungsgeschichte der letztjährigen antichristlichen Bewegung in China mit ihren verhängnißreichen, schauerlichen Folgen für die christliche Mission hinlänglich unterrichtet. Ihren Anfang nahm diese traurige Bewegung durch eine systematische langandauernde Hetze eingewandeter deutscher Antisemiten, unter denen der aus dem Proceß Ahl wardt wohlbekannte Karl P a a s ch eine hervorragende Rolle spielte — gegen ihre christlichen Landcsgenossen als die vermeintlichen Juden. Man erwirkte gegen sie, die im chinesischen Reiche Eisenbahnen bauten und große industrielle Unternehmungen leiteten, allerlei Regierungsmaßregeln und man unterließ nicht, auch den chinesischen Pöbel zum Morde und zur Plünderung aufzureizen. Diese Anstrengung hatte leider einen allzu günstigen Erfolg, denn die nachträgliche Wahrnehmung, daß man sich in der Adresse bedauerlich geirrt hat unb die vermeintlichen Juden arische Christen sind, ermangelten für die nun einmal aufgeregten Nerven des blutlechzenden chinesischen Pöbels jeglicher beruhigender Kraft. Den Chinesen ist der Christ in nicht geringerem Maße als der Jude ein Geschöpf inferiorer .'llasse und verderblicher Confession — ein fremder Ausbeuter. Selbst in Bezug auf das Märchen des rituellen Mordes macht er keine wesentliche Unterscheidung, iin Gegelltheile in den christlichen Klöstern sieht er die Heimstätte dieser abscheulichen Uebung. Dieser Gang der Ereignisse hat es herbeigeführt, daß die besten llnd lüchtigsteir Männer der deutschen Colonie in Ehiila gegen die ausgestreliten antisemitischen Lügen immer entschiedener Front machen. Der „O st a s i a t i s ch e L l o y d" in S ch a n g h a y enthält irr :> Nummern einen ausführlichen und sehr gründlichen Artikel über Rohling und Justus, der zwar für unsere Leser nichts Neues bietet, der aber schon dllrch den Umstand von besonderem Interesse ist, als er zeigt, daß die Christen in China zu ihrer eigenen Sicherheit den Tal- Mlld nnb die rabbinische Literatur vertheidigen müssen. Verfasser dieser Artikel war ehemaliger Ministerpräsident eines afiatischeil Reiches, der in den Pansen seiner Regierungsgeschäfte den Alfasi studirte und in die rabbinische Litteratur lvie wenige christliche Theologen sich vertiefte. Als Lagarde gegen den linerreichten Zunz die schmählichen Anklagen richtete nnb von P rose s s o r David K a ti s m a n n eine ebenso gründliche wie foriilvolleildete Zurückweisung erhielt, erfuhr der bekannte Bndapester Gelehrte eiires Tages die Freude der wärmsten Zustimniung und der Verehnurg für Z u n z von so hervorragender Seite aus dem fernften Osten Asiens. Es ist also ein berufener und wohlinformirter Mann, der die Feder führt: Professor Rohling, Dr. Justus und Karl Paasch. I. Tief die Welt verworren schallt und nur einzelne Laute dringen au unser Ohr hier im fernen Osten von all' den Streitigkeiten und Kümpfen politischer und socialer Natur in der Heimat. Die Zeitungen, welche wir lesen, meist Wochenausgaben, bringen uns nur gedrängte Uebersichteu über das zu Hause Vorgefallene. Brochüren, die einzelne Streitfragen greller beleuchten, werden uns wohl hier und da zugesalldt, doch sind wir mit ihrer Auswahl von den Buchhändlern abhängig, die uns mit der Literatur auf dem Laufenden halten. Wer längere Zeit im Auslände gelebt hat und mit Angehörigen verschiedener Nationalitäten verkehrt, gewinnt so weitere Gesichtspunkte und betrachtet die heimatlichen Verhältnisse wie aus der Vogelperspective. In der Politik sind es nur die großen Parteien, die Interesse erwecken, für FactionSbestrebungen fehlt das genaue Berständniß. In socialen Fragen steht das Wohl des Ganzen voran, von den Sorgen und Interessen des Individuums werden wir hier nicht betroffen. Mit solcher Auffassung treten wir auch an die antisemitische Bewegung, über welche uns in letzter Zeit verschiedene Veröffentlichungen des Herrn Carl Paasch zugegangeu sind, welche sich, obschon in erster Linie nur gegen einzelne, nichtjüdffche Persönlichkeiten geschrieben, mehr und niehr gegen das Judenthum richten. Da Herr Paasch hier allgemein bekannt ist und die von ihm angegriffenen Personen zum größten Theil in China leben, so haben seine Schriften hier einen großen Leserkreis gefunden und so bedeutendes Interesse erregt, daß eine Besprechung derselben am Platze erscheint. Die Angelegenheit, von welcher Herr Paasch ausgeht, ist 8ub juüiee und deßhalb ist eine öffentliche Besprechung derselben ausgeschlossen. Was aber Herr Paasch uns in seinen Schriften von vornherein entfremdet, ist seine indiscrete Art Privatbriefe zu veröffentlichen und Privatunterhältnngen zu erzählen, beides