Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 40 Vesterreichische Worlrenschrist Nr. 3 same, so doch unabwendbare Culturnothwendigkeit war, zu einem Culturhindernisse und deshalb nicht bloß entbehrlich zu machen, sondern einen Zustand zu schaffen, in dem jene Institution beseitigt werden niußte. Der arische Geist hat die Naturkräfte in den Dienst der Menschheit gestellt. Während früher das ökonomische Grundgesetz lautete: der Mensch kann das und nur das genießen, was er hervorzubringen vermag, lautet jetzt das Grundgesetz: Wir können nur das erzeugen, was wir zu genießen vermögen. Unsere Productionskraft ist heute eine grenzenlose. Das Uebel unserer Zeit ist die Ueberproduction. Wir wissen nicht, was wir mit unseren so gewaltig angewachsenen Kräften zur Hervorbringung von Producten anfangen sollen. Wir könnten unzweifelhaft Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Werkzeuge u. s. w. in übergroßer Zahl für alle Lebenden Herstellen. Aber unsere socialen Einrichtungen hindern die ungeheure Menschenmaffe, vom Ergebnisse dieser Kräfte Gebrauch zu machen. Es gibt z. B. eine Maschine, mit der 100 Schuster eben so viel gute, vielleicht noch bessere Schuhe produciren könnten, als ohne sie 2000 Schuster. Trotzdem geht die größere Hälfte der Bevölkerung barfuß und von dem Reste geht die übergroße Mehrzahl in zerrissenen Stiefeln. Warum erzeugt man also diese Stiefel nicht? Aehnlich ist es ans anderen Gebieten. Die Industrie könnte leicht Hemden in solcher Masse erzeugen, daß Jeder täglich ein ftisch gewaschenes Hemd haben könnte. Trotzdem geht die Masse der Menschen in zerrissenen, schmutzigen Hemden. Warum erzeugt man diese Hemden nicht? Weil, unsere socialen Einrichtungen die Anzahl von Stiefeln und Hemden, welche von den 43 Mill. Oesterreichern 42 Vs Mill. tragen, nicht davon abhängig macht, was diese 43 Mill. erzeugen, sondern von dem Lohne, also einem Lebensfristungsausmaße, welches gar nicht geändert wird, wenn man mehr erzeugen wollte. Führen Sie die erwähnte Maschine ein und es werden ein paar tausend Menschen noch schlechtere Stiefel tragen müssen, weil ihre Kraft neuerlich überflüssig wird. Besäßen diese Schuhmacher die durch eigene Arbeit hervorgebrachten Stiefeln Ms. dem Zwanzigfachen und könnten sie tauschen mit den Besitzern des Zwanzigfachen an Hemden, diese mit Jenen dex zwanzigfach verbesserten Möbel und den zwanzigfach veredelten Nahrungsmitteln, so besäßen sie alle Ueberfluß. Was aber der Schuharbeiter, der Tischler, der Feldarbeiter bekommt, richtet sich nicht nach dem, was er hervorbringt, sondern nach dem, was er nach dem Verhältnisse von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte zugemessen erhält: das ist seine Leibesnothdurft, ebenso wie ein Pferd nicht besser gefüttert wird, das vor einem besseren Pflug gespannt wird. Wir Begüterten haben aber nur einen Magen., einen Körper; wir können nur ein gewisses Quantum gebrauchen, das Pins wäre unbrauchbar, werthlos, es kann nicht erzeugt werden. Heute steht also die Sache so, daß wir nur deshalb elend sind, weil unsere socialen Einrichtungen uns die Ausnützung der technischen Fähigkeiten, die wir im Ueberfluße besitzen, unmöglich machen. Es ist der Dampfpflug erfunden worden, ein Instrument, mit dessen Hilfe man in derselben Zeit mindestens zehnmal so viel Boden bestellen kann, als ohne ihn. Wo wird er verwendet? da und dort auf einigen Musterwirthschaften, wobei aber Derjenige, der ihn verwendet, noch verliert, sonst aber nicht. Wenn nun von den 9 Millionen der landwirthschaftlichen Bevölkerung Oesterreichs, sagen wir auch nur 8 Millionen entbehrlich würden, weil bei Benützung des Dampfpfluges durch die eine Million dasselbe erzeugt werden könnte, und wenn diese 8 Millionen anderen Gewerben mit gleichfalls vollkommenen Instrumenten zugewiesen würden, so würden sie so unermeßliche Reichthümer produciren, daß, um all' das zu verbrauchen, jeder Oesterreicher ein Dasein führen müßte wie etwa heute ein Hofrath. Aber ebenso wenig, als unsere Pferde und Ochsen ein Hofrathdasein führen, weil die Productionskraft gewachsen ist, eben so wenig können es heute alle Menschen, weil sie nur das bekommen, was unumgänglich nöthig ist. Die Größen jener Wissenschaft, der auch ich angehöre, haben bis' vor Kurzem hiefür eine scheinbar sehr plausible, aber den Thatsachen in so brutaler Weise ins Gesicht schlagende Erklärung gegeben, daß kein zurechnungsfähiger Mensch, er sei denn Fachmann, auf eine solche Erklärung verfallen würde. Sie sagen, der Capitalsmangel verhindere die Verwendung dieser Productivkräfte, man würde alle diese technischen Instrumente verwenden, wenn Capital vorhandeu wäre. Wenn das wirklich der Grund wäre, dann wüßte ich nicht, warum Fürst Liechtenstein oder Baron Rothschild den Dampfpflug ebensowenig auf ihren Gütern verwenden, als der ärmste Gutsbesitzer; sie müssen sich mit einer drei- bis vierpercentigen Verzinsung begnügen und haben eine Maschine, mit der sie sich tausend Percent Arbeitskräfte ersparen würden. Sie können die Maschine aber nicht verwenden, weil die Producte unverwendbar sind. Wir sind also vor einem Wendepunkte angelangt, wo jeder fernere Fortschritt auf materiellem Gebiete zum Fluche der Menschheit wird. Wir können nicht weiter fortschreiten, bevor wir uns nicht eine andere sociale Einrichtung schaffen, die uns in den Stand setzt, zu genießen, was wir kraft dieses Fortschrittes produciren können. Ich komme nun auf diesen etwas langwierigen Umwege zu dem eigentlichen Thema meines Vortrages, bezüglich dessen ich mich aber kurz fassen möchte. Ich glaube Ihnen gezeigt zu haben, daß die Idee der Gleichberechtigung semitisch ist, und daß die arische Welt ohne uns Semiten vielleicht noch heute davon gar nichts wüßte. Ich habe hinzugefügt, daß die künftige Aufgabe der Menschheit die ist, dieser aus dem Semitenthum entsprossenen Idee mit Hilfe der durch den arischen modernen Geist geschaffenen Behelfe zur Durchführung zu verhelfen. Wie konnte nun angesichts dieser Thatsache eine Geistesrichtung entstehen, nach welcher die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen das Kriterium des Semitismus sein soll, die befreiende That der Menschheit, die Beseitigung des Blutsaugersystems, das auf den Massen lastet, einzig die Aufgabe der arischen Welt ist? Mit einem Worte, wie konnte der Antisemitismus entstehen? Ich sehe von den gemeinen Triebfedern für diese modernste der Geisteskrankheiten, von Bosheit, Haß und Neid ab; gewiß sie spielen eine mächtige und leider die führende Rolle. Aber das würde die Sache nicht erklären; es ist undenkbar, daß eine blos aus Bosheit und Haß hervorgegangene Bewegung einen solchen Umfang gewonnen hätte. Ein gutes Drittheil, vielleicht die Hälfte (Ruf: 75 Percent) unserer Mitbürger in Wien, einer sonst durch die Gutmütigkeit und Harmlosigkeit der Bewohner berühmten Stadt, ist von dieser Pest befallen. Das kann durch gemeine Motive allein nicht erklärt werden. Der Antisemitismus hat nach meiner Auffassung drei Quellen; vor Allem eine wissenschaftliche Quelle. Gerade der edelste Trieb des neuen arischen Geistes, der Forschertrieb, der Freiheitsdrang, den die arische Welt an den Brüsten des Semitismus in sich gesogen, hat den Antisemitismus in die Welt gesetzt, allein aus einem merkwürdigen Mißverständniß. Aus ihren Kampf.um die Freitheit stieß nämlich die moderne Wissenschaft, nachdem sie alle anderen Gegner besiegt, nachdem die politische Gewalt vor ihr capitulirt hatte, auf einen Gegner, der gleich einem Felsen gegenüberstand und allen Forderungen ein unerbittliches von possnmus entgegensetzte, nämlich die Kirche. Diesen Gegner wollte die moderne Forschung auch zu Bodeu strecken; der nun beginnende Angriff gegen das Christenthum war ltidjt gegen dasjenige in demselben gerichtet, tvas wirklich semitisch ist, nicht gegen die Evangelien, nicht gegen den Grundgedanken, die Gleichberechtigung, sondern gegen die christliche Hierarchie, den Ablaß, die Unduldsamkeit und daran haben wir nicht mitgearbeitet; das Werk Jsrael's am Christenthum hat mit den Evangalien sein Ende gefunden; was von da an weiter geschah, geschah ohne uns. Das aber gerade war es, das Nichtsemitische, was die moderne Forschung bekämpfen wollte. Es war nun eine nicht ungeschickte Taktik, den Feind zu discreditiren, indem man ihn als Fremden hinstellte. Keine Nation will sich bei häßlichen Eigenschaften, die sich in ihrer Mitte vorfindet, selber anklagen. Ich bin überzeugt, daß beispielsweise Sie jenen Theil.meiner Rede, in welchem ich auseinandersetzte, daß der jüdische Geist für gewisse Aufgaben der Menschheit nicht geschaffen sei, nur aus einer gewissen Courtoisie ohne Wioerspruch ließen. (Heiterkeit.) Keine Nation ist von solchen Gefühlen frei, wir nennen uns das auserwählte Volk, die Germanen nennen sich das Volk der Wissenschaften die Franzosen die grande Nation, die Ungarn sagen: Außer Ungarn kein Leben, und wenn schon ein Leben, so ist es nicht dasselbe. Jedes Volk hält sich für den Inbegriff aller Tugenden und kann nicht glauben, daß das, was häßlich in ihm ist, seine eigene Schuld sei. Die Forscher suchten also nach etwas Fremden, und da die Deutschen nicht sagen konnten, die Franzosen oder Ungarn seien Schuld an der christlichen Kirche oder.umgekehrt,so schob man die Schuld an gerade jenen Eigenheiten des Christenthnms, an denen wir unschuldig sind, uns zu, und