Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 38 Oesterrrrchifchr Wochrnfchrrst Nr. 3 schast und der Kunst, man betont und nicht ohne Recht, daß in mancher Beziehung heute der Aermste und Elendeste höhere Genüsse hat als in früheren Jahrtausenden vielleicht der Mächtigste und Größte. Aber niemals zuvor war die große Masse der Menschen von so quälenden Sorgen, von einer solchen Unsicherheit über den. morgigen Tag erfüllt wie heute. Das, was die Menschen früher zu genießen hatten, war wenig, aber das Wenige war sicher. Heute gibt es wenige unter uns, die mit Bestimmtheit sagen können, ob ihnen der morgige Tag noch die Fortfristung der Existenz unter den gewohnten Verhältnissen ermöglichen werde. Das zweite Bedenken liegt darin, daß gerade der Anblick jener Genüsse und Errungenschaften der Technik, die unseren Augen sich darbieten, jenem Menschen, der das Alles entbehren muß, die Empfindung des Entbehrens doppelt schmerzlich macht. Bei der Beurtheilung dessen, ob wir glücklich sind oder nicht, kommt es nur auf die Empfindung an. Man kann sehr glücklich sein bei trockenem Brod, wenn man nichts anderes kennt, und man kann bei verhältnißmäßig günstiger Lage von dem bittersten Unglücklichkeitsgefühle verfolgt sein, wenn inan sieht, daß bloß äußerliche Zufälligkeiten oder eine bloße ungerechte Bertheilung der Güter uns zu Entbehrungen nöthigt, die uns andernfalls erspart geblieben wären. Aber auch das ist nicht entscheidend. Das entscheidende Criterium über Glück oder Unglück ist die Frage nach der Freiheit des Menschen. Diesfalls scheint es heute unendlich beffer zu sein. Ich leugne aber Letzteres. Die. Massen haben eine ganze Menge von Freiheitsrechten: der letzte und elendste Proletarier, der vielleicht heute dem Himmel dankt, daß Schnee gefallen ist, weil ihm das ermöglicht, seiner Familie morgen Brot zu bringen, er kann Minister werden, er ist vor den Gerichten gleich, er hat alle politischen Rechte, aher ein Recht fehlt chm, das Recht, ohne den guten Willen anderer Menschen zu leben. Er hat seine Kräfte des Geistes und des Körpers wie wir alle; sie nützen ihm nichts, wenn sich nicht jemand findet, der diese seine Kräfte für sich gebraucht. Dieser Proletarier ist darauf angewiesen, daß ich ihn brauche, damit er leben kann, also er ist kein auf sich selbst gestellter vollkommen berechtigter Mensch, er steht in dieser Beziehung nicht über den Thieren, am allerwenigsten aber zwischen Sclaven und höheren Geschöpfen. Ein Jurist wird Ihnen auseinandersetzen, daß hier ein gewaltiger Unterschied obwaltet. Der Sclave der antiken Welt war gekauft und sein Herr konnte deshalb auf die Früchte seines Fleißes Anspruch erheben, und der Hörige des Mittelalters mußte sie mit dem Herrn theilen, weil er geboren war auf dem Grund und Boden, den der Herr erobert hat. Heute gibt es nur freie Verträge, die der Arbeiter annehmen oder ablehnen kann. Aber diese Verträge sind nicht frei, der Arbeiter muß die Früchte seines Fleißes nicht bloß theilen, er muß sie gänzlich abtreten, wenn er leben will, und der Herr, der ihn beschäftigt, ibt ihm gleich seinen Thieren bloß das, was er zum Leben raucht. Diese Äebensportion kann höher oder niedriger bemessen sein, gerade so wie bei den Thieren. Es gibt Pferde, die mit Häcksel gefüttert werden und auf faulem Stroh liegen, und es gibt Pferde, die in Marmorställen untergebracht sind und den schönsten Hafer bekommen. Ebenso gibt es zweibeinige Arbeitscreaturen, die sich mit Kartoffeln nähren müssen, und Andere, die Braten und Champagner zugewiesen bekommen, aber Menschen, die das, was sie mit ihren geistigen und körperlichen Fähigkeiten hervorbringen, abtreten müssen an Andere, sind keine Menschen im wahren Sinne des Wortes. Es wird nun die Frage aufgeworfen, ob wir es da nicht mit einem ewigen Naturgesetze zu thun haben, das sich nicht ändern läßt, über das wir uns beklagen mögen, das aber unserer Einwirkung ebenso entzogen ist, wie Krankheiten oder der Tod. Das ist auch die Anschauung aller Nationen der Erde gewesen, mit Ausnahme eines einzigen Volkes, des jüdischen Volkes. Schon in den ältesten Büchern, welche die Grundlage unserer Religion bilden, steht als erstes der Gebote, das wir beachten müssen: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst". Mit diesem „wie Dich selbst" wird nicht ein höheres Ausmaß von Liebe verlangt, sondern eine ganz bestimmte Art von Liebe. Wie mich selbst liebe ich den Menschen, den ich für meine Zwecke gebrauche, nicht. Diesen liebe ich wie mein Hausthier. Denjenigen, den ich liebe wie mich selbst, den darf ich für meine Zwecke nicht gebrauchen. Auch in anderen Bestimmungen findet sich dieser Gedanke ausgedrückt, da heißt es: „Weh' Dir, wenn Du Dich mästest vom Schweiße Deines Nächsten". An einer anderen Stelle wird die Grundlage jener socialen Ordnung, in der allein die Ausbeutung möglich ist, direct angegriffen; es ist dies der von Einzelnen mit Beschlag belegte Boden. Mit dürren Worten ist in unseren heiligen Büchern ausgesprochen, daß die Erde nicht Eigenthum eines einzelnen Menschen sein solle. Eigenthum darf nur das sein, was der Mensch hervorgebracht hat, und zwar Eigenthum Desjenigen, der es hervorgebracht oder gegen ein gleichwerthiges anderes Product des Fleißes seines Nachbarn getauscht hat. Aber die Erde hat niemand geschaffen. Die Bibel geht offenbar von dem Gedanken aus, daß die Erde von Gott für alle Menschen geschaffen wurde und nicht fiir einzelne. Die praktische Durchführung dieses Gedankens ist mit dem Satze gegeben, daß alle 49 Jahre eine neue Bertheilung des Bodens stattzufinden habe. Ich bemerke, daß dieser national - ökonomische Vorgang falsch und undurchführbar ist. Was an seine Stelle zu treten habe, wie die Verwirklichung der Intentionen unserer heiligen Bücher geschehen solle, darüber kann ich mich heute nicht auslassen; aber die Intention dieser Bücher ist klar und deutlich, sie erlaubt nicht, den Nebenmenschen auszubeuten. Dergleichen Ideen waren wie bemerkt ausschließlich den Juden eigen. Kein anderes Volk hat sich mit solchen Ideen jemals vor den Juden befaßt, nicht einmal die edelsten und erhabensten Geister der anderen Nationen. Es wird sich niemand unter uns einbilden, edler zu sein als Plato, Aristoteles, oder Socrates. Diese Männer aber haben über diesen Punkt ganz anders geurtheilt, als die Juden. In ihren Augen war die Ausbeutung der Menschen durch die Nebenmenschen eine Nothwendigkeit, Sclaverei und Knechtschaft ein Naturgesetz. Sie wußten nichts von jener anderen Forderung des Pentateuchs, daß der Knecht in jedem siebenten Jahre fteigelassen werden müsse; ihnen war die Sclaverei mit Vernunft und Recht vereinbar. Wie kommt es, daß diese ursprünglich ausschließlich jüdische Auffassung, die Schuld daran war, daß Juda zu Macht und Reichthum nicht gelangen konnte, über andere Nationen sich verbreitet hat? Die Antwort ist sehr einfach. Das Christenthum, dieser.Ableger des Judenthums, hat diese Ideen zu den westlichen Völkern gebracht. Christus erklärte ausdrücklich, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz zu ändern, sondern zu bekräftigen. Was er spricht und predigt, das sind ausschließlich sociale Satzungen, er betont diese von mir soeben angedeuteten Forderungen des Judenthums mit besonderem Nachdruck und verlangt in gewaltiger, zündender Rede ihre buchstäbliche und unverweilte Durchführung. Christus war, mit einem Worte, ein jüdischer Socialist und wurde als solcher in Jerusalem hingerichtet; natürlich! Er konnte ja in Wien gar nicht hingerichtet werden, weil er hier nicht lebte, und Wien überhaupt nicht existirte. Wenn er in Wien gelebt hätte, dann würde es ihm auch nicht anders gegangen sein. Es ist überhaupt ein trauriges Privilegium eines jeden Volkes, Mörder seiner eigenen großen Männer zu sein. In gleicher Weise konnten nur die Athener Socrates hinrichten. Jedes Volk bringt die Geister, die berufen sind, den eigentlichen Inhalt der Volksseele stürmisch vorwärts zu schieben, naturgemäß selber hervor, und wenn dieser Sturm und Drang besonders kräftig ist und in Conflikt geräth mit den Machthabern, so tödten sie diese Männer. Aber Christus wurde nicht von den frommen Juden gekreuzigt, sondern von den mächtigen, reichen. Diese haben ihn zum Kreuze geführt. Thatsächlich zwar haben ihn Römer ans Kreuz geschlagen, wie ein sehr geehrtes Mitglied dieser Versammlung zuerst auseinandergesetzt hat, der ausführte, daß der Kreuzestod keine jüdische, sondern eine römische Hinrichtungsart gewesen rst. Wenn aber daraus geschlossen werden sollte, daß das jüdische Volk daran unschuldig war,' so bestreite ich es. Die Römer hätten Christus gar nie hingerichtet, weil sie nicht begreifen konnten, was er wollte. Pontius Pilatus wußte nicht, was Christus darunter verstand: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und „Weh' dir, der du dich mästest vom Schweiße deines Nächsten". Pilatus hätte gesagt, das ist eine leere Redensart, einen Menschen, der solches spricht, kann man als harmlosen Menschen laufen lassen. Die jüdischen Mächtigen wußten aber ganz gut, was es zu bedeuten habe, weil es in ihren eigenen heiligen Büchern stand, und deswegen haben sie seinen Tod gefordert. Als dann die Römer zu begreifen anfingen, was diese neue Lehre zu bedeuten habe, so haben sie gegen das Christenthum gewüthet, wie nie gegen eine fremde Religion, immer aber gegen diejenigen, welche die Grundlagen des Eigenthums angriffen. Waren ja doch die ersten christlichen Gemeinden,