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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-20 · 3 (20.1.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 36 Oeflerrekhifchr Wochenschrift Nr. 3 „Carneval 1893. Eine lebenslusiige Svrau aus der Provinz, deren Mann stets auf Reisen ist, sucht sich für den Fasching einen eleganten Herrn, der in der Lage ist, eine^chte Drah e r i n in allen Ehren auf einige Bälle, Nedouten, Theater u. s. w. zu führen. Allfällige Zuschriften sind in der Administration des „Grazer Tagblatt" unter obiger Chiffre zu hinterlegen..53a." , Wie schrieb doch das „Vaterland" im Mai 1886, als Vogelfang noch zu Tage pfiff: „Voran das Deutschthum und hinten die Unzucht." Das galt damals den liberalen Journalen: jetzt lernt man die Inserate des Grazer Tugendbundes kennen; jetzt erprobt sich der Wahrheitsgehalt einer gewissen sittlichen Entrüstung. Eine Zeitung ist nicht immun; die - „lebenslustige Frau", deren Mann stets auf Reisen ist, scheint zu glauben, daß antisemitische Blätter ein uneingeschränktes Privilegium besitzen. Herr Wellenhos vergißt nicht die Nähmaschine; was ist moralisch strafbarer, wenn man mit steirischem (nicht pharisäischem) Tugendeiser ein Blatt gründet, um solche Inserate zu drucken oder wenn ein dunkler Geschäftsmann Spielzeuge an den Mann zu bringen sucht? Der Weltverb e s s er er sollte doch besser sein als die übrige Welt, besser wenigstens als die „lebenslustige Frau", deren Inserate er vermittelt, deren Wünsche er dem Publikum zur Kenntnis; bringt. Wenn man da die letzten Conscquenzen zieht, kann man an das Musterinserat des Grazer Mnsterblattes weitgehende Betrachtungen knüpfen. „Voran das Deutschthum und hinten das Geschäft"; wird das deutschnationale Zukunftsbild in Wien unter diesem Motto erscheinen? Und wir ziehen die letzten Eonseguenzen; nur verurtheilen das nnzüchige Inserat, weil es eine Vermittlung ist, eine Kuppelei, um eine schimpfliche Handlung mit dem gehörigen Namen zu bezeichnen. Wenn es sich um unzüchtige und unredliche Inserate handelt, daun sind wir in der Lage des Grasen Sandor, der im Jahre 1848, als man vor seinem Palaste eine Katzenmusik brachte, erst fragte, wem es gelte, und als die Störer der nächtlichen Ruhe antworteten, es sei seiner Frau, einer geborenen Metternich, vermeint, mit der größten tZemükhsruhe zum Fenster hinausrief, die' auf der Straße sollten nur warten, er wolle auch herabkommen und Mitwirken. Aber wir protestircn dagegen, daß man aus solchen Beschwerden Capital schlägt gegen das Judenthum oder gegen die Juden der Gegenwart. Das jüdische Sittlichkeitsgesetz hat für solche Inserate die schärfste Vernrtheilung. Im jüdischen Staate war die Prostitution verboten; dort war kein Raum für die lebenslustige Frau des „Grazer Tagblatt". Im Mai 1886 enthielt die „Oesterreichische Wochenschrift" zwei Artikel gegen das „Vaterland", welches die jüdischen Elemente in der französischen Literatur für die Unsittlichkeit in Frankreich verantwortlich machen wollte. Es ist -schwer für solche Verleumdungen, die auf die größte Unwissenheit berechnet sind, das richtige Wort zu finden. Wurden die alten Chansonetten, wurden die schlüpfrigen Orates von Juden geschrieben? Sind die geistreichen Memoiren des französischen Hofes und Adels ans dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert ein Spiegel der Sittlichkeit? Kann die Maitresscnwirthschast am französischen Hofe mit dem Judenthumein Zusammenhänge gebracht werden? Das ließe sich ins Endlose fortfetzen. Die Sittenstrenge des jüdischen Hauses und der jüdischen Gemeinden war fast voll einer idealen Vollkommenheit. Die ganze Bibel ist ein Protest gegen die Unsittlichkeit der heidnischen Nachbarn und gegen die Unsittlichkeit ihres Cultus. Mit Rücksicht auf feine Rede vom 29. Octobcr 1891 im Abgeordnetcnhausc haben wir Hofniann von Welleuhosen den Jnscratenherkules genannt. Er wüthete damals unter den Liliputanern, welche die Spalten der Zeitungen füllen, ohne zwischen Gerechten und Uilgcrechten einen Unterschied zu machell. Unter dem Schutze der Jnlmullität konnten damals rechtschaffene Geschäftsleute in ihrer Ehre gekränkt uild in ihren Geschästsintereffen geschädigt werden. Jetzt aber veröffentlicht das „Grazer Tageblatt" das Inserat der „lebenslustigen Frau," Wenn dieses Inserat in einem liberaleil Blatte enthalten wäre, welche Eiltrüstung ivürde da nicht Hofmann von Wellenhofen zur Schau tragen? Er würde uns die Gelegenheit gewähren, seine catonische Sittenstrenge nach Gebühr bewundern zu können. Wenn man erst die Geschichte eines solchen Inserates kennen würde; vielleicht schließt es einen ganzen Roman in sich, vielleicht ohne Jemandem nahe treten zu wollen, vielleicht einen deutschnationalen Roman. Carneval 1893; die „lebenslustige Frau" sucht eines der eleganten Blätter, die Deutschnationalen gründe n in Wieil eiil Blatt. „Voran das Deutschthum und hinten . . •" Gegen wen richtet sich heute das Wort des „Vaterland", gegen diejenigen, welche Sittenstrenge nur stets bei anderen suchen, welche sich nur beklagen, daß der Versucher nicht bei ihnen erscheint, ivelchen an der Bibel und am Judenthume vor allem die sittliche Streilge verhaßt ist und welche ans diesem Grunde auch gegen das Christenthum sich auflehnen. Carneval 1893; die Deutschnationalen drohen auch mit der Gründung einer deutschnationaleil .Zeitung in Wien und hinten kommt die „echte Dräherin." Anti semitische Moral. Seit Jahren hat sich die antisemitische Bewegung auch unter den Wiener Handlungsgehilfen verbreitet, und nirgends tritt sie uns in so häßlichen und widerwärtigen Formen entgegen als just hier. Wenn man dem Jndenhasse auf anderen Gebieten noch verschämt das Mäntelchen der Wissenschaft, des Rassengegensatzes oder der Confessionalität umzuhängen sucht, so zeigt er sich unter den Handlungsgehilfen als Ausfluß des niedrigsten Egoismus, des Brotneides und der Habgier. Die Verächtlichkeit dieser Propaganda wird noch gesteigert durch die Thatsache, daß zahlreiche antisemitische Handelsgehilfen das Brot jüdischer Prinzipale genießen, ja selbst, ihr Wortführer ein Herr Julius Axmann, der zu den intimsten der Herren Schneider, Lueger und Geßmann gehört und seit einiger Zeit in den „christlich-socialen Arbciterversammlungen" die Primgeige spielt, lst Bediensteter einer Firma, ivelche den keineswegs „christlich-socialen" Namen Pollak führt. Mit diesen kurzen Streiflichtern haben wir jedoch die Moral der antisemitischen Handelsgehilfen noch nicht erschöpft. Sie essen nicht blos das Brot der Inden, sie betteln auch noch um Geldnnterstützungen bei allen jüdischen Firmen, und entfalten nach dieser Richtung eine sehr eifrige Thätigkeit. Der beteffende Verein — es ist ein interessanter Zufall, daß er seinen Sitz im Hause Krugerstraße Nr. 6 hat—veranstaltet am 22. d. M. ein Kränzchen, zu welchem Ehrenkarten an die Chefs der hervorragendsten Firmen ohne Unterschied der Confession ansgeschickt wurden. Man weiß wohl, was nsit solchen Ehrenkarten bezweckt wird, sie bedeuten eine sanfte Pression auf die Brieftasche des Betroffenen. Die antisemitischen Handlungsgehilfen wollen sich also auf Unkosten der Inden unterhalten, und der Ueberschuß soll zur weiteren Hetze gegen die jüdischen Geschäftsleute verwendet werden. Wir wissen nicht, welchen Erfolg die gesinnungstüchtigen Jünglinge bei der Mehrzahl der von ihnen angeschnorrten jüdischen Firmen erzielten, wir wünschten aber, daß jeder jüdische Chef die Selbstachtung hätte, das Beispiel einer großen, allgemein bekannten Firma nachzuahmen, deren Träger die ihm zugekommenen „Ehrenkarten" wieder sorgfältig eiupackte und. mit folgendem Begleitschreiben dem Obmann des „Vereines österreichischer Handelsangestellter" zurückschickte. „Wien, 13./L 1893. Herrn Julius Axmann, Obmann des Vereines österreichischer Handelsangestellter Wien. I., Krugerstraße 6. Die mir cingeschickte beiliegende Ehrenkarte für das am 22. d. M. stattfindende Kränzchen kann nur irrthümlicher Weise an mich adressirt worden sein, weil ich mir nicht denken kann, daß Ihr Vorstand, bekannt als Antisemit, ans jüdisches Geld reflectirt. Ich bin Mitglied von 150 Vereinen, jedoch erlauben mir meine politischen Gesinnungen und meine Verhältnisse nicht, auch noch antisemitische Vereine zu unterstützen. Wollen Sie sich an die Herren Lueger, Geßmann, Schneider rc. wenden, diese Herren sind ohnehin Ihre Berather, sie sollen auch Ihre Unterstützer sein. Mit gebührender Achtung S. f>."

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