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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-13 · 2 (13.1.1893) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Eeke 34 Oesterreichischr Wochenschrift Nr. 2 täglich vorübergehen, wenn ich die Synagoge besuchte. Das Haus fiel mir jedesmal wegen seiner Ansehnlichkeit in die Augen und ich konnte mich einer gewissen Beklemmung nicht erwehren, wenn ich auf das immer geschlossene Hausthor sah. Erst einige Tage im Orte, wußte ich nicht die Geschichte dieses Hauses. Da sprach einer der Schulvorsteher mir gegenüber den Wunsch aus, ich möchte mich dem Herrn dieses Hauses vorstellen, denn er sei der eigentliche Patron unserer Schule, ohne seine materielle Unterstützung wäre es überhaupt nicht möglich gewesen, die Schule ins Leben zu rufen und er trage auch säst alle Kosten ihrer Erhaltung. Schon am nächsten Tage trat ich diese mir so unliebsame Visite in das mir so mysteriöse Haus an. Ein Dienstmädchen führte mich durch eine Flucht von mit dem solidesten Comforte eingerichteten Zimmern und ich stand endlich in einem kleinen Gemache vor einem Greise mit ganz weißen Haaren, der . in einem Lehnstuhle vor einem Schreibtische saß, auf die Ellenbogen gestützt, den Kopf in die Hände vergraben; in einem Winkel bemerkte ich erst später eine alte Frau ganz in Trauer gekleidet mit einem dicken Gebetbuche auf dem Schooße. Nach den üblichen Redensarten der Vorstellung wurde ich freundlich platzzunehmen eingeladen und ganz im Gegensätze zu meiner Angst, auf Gespenster in diesem Hause zu stoßen, zog man mich in das leutseeligste Gespräch. Ich wurde über meine bisherige Laufbahn, über meine letzte Station und wie mir im Vergleiche zu derselben der hiesige Ort gefällt, über unsere Schule, die Classeneintheilung in derselben, der Kinder und über noch vieles Andere gefragt und mir das Versprechen gegeben, daß er das Möglichste für diese Schule thun werde, nur, betonte er einmal, mögen die Kinder zu Gottesfurcht und Charakterfestigkeit erzogen werden, denn das allein mache die Menschenbildung aus. Ein schwerer Seufzer, der sich bei diesem Wunsche seiner Brust entrang, entgieng mir nicht und ein zufälliger Blick auf die Frau ließ mich die Thränen bemerken, die auf das Buch fielen, das sie vor sich hatte. Ich litt unsäglich unter dem Kummer dieser, alten Leute, dessen Ursache ich nicht kannte und dahernicht zu trösten vermochte. Nach etwa emer halben Stunde entfernte ich mich so voll Webmuth. daß ich, kaum in das Schulhaus zurückgekehrt, meinen Unterlehrer, der ein Einheimischer war, über das edle Greisenpaar ausfragte. „In diesem Zustande", sagte er, „wie Sie die Leute getroffen, sind sie seit Monaten, seit dem Unglücke ihres Sohnes. Sie gehen nicht aus, empfangen gar selten einen Gast, theils aus Trauer, theils aus Scham". „Scham?" fragte ich, „braucht man sich des Unglückes eines Sohnes zu schämen?" „In diesem Falle ja. Er hat sich selbst getödtet und ein Selbstmörder ist in unserer Gemeinde vielleicht noch niemals vorgekommen, seit sie existirt, und sie ist eine der ältesten Genieinden Ungarns. Er hat auch keine der Stellung seiner Eltern entsprechende Bestattung gehabt, wenn auch die Chewra- Kadischa aus Achtung vor den Alten gegen ihn nicht die ganze vorgeschriebene Strenge gegen Selbstmörder lvalten ließ und ihn nicht an der Mauer des „Guten Orts", dort wo die todt-. geborenen Kinder begraben werden, begrub, sondern ihm ein ehrliches Grab gewährte". Auf meine weiteren Fragen nach der Ursache dieses Selbstmordes, erzählte er mir die Geschichte wie folgt: Er hieß Simon und war ein prächtiger Junge von 22 Jahren, züchtig wie eine Jungfrau, mit einem offenen sonnigen Gesicht. Wenn er durch die Gasse ging,, schauten ihm alle Mädchen bewundernd nach; er aber hatte nur eine im Sinn — die kleine Wienerin, ganz in Seide und Spitzen gekleidet und bezaubernd durch Geist und Witz, wie kein Mädchen der Gasse. Ihre Eltern sind hiesige, wohnten aber seit langen Jahren in Wien, wo auch sie geboren wurde. Als vor zwei Jahren unter dem judenfeindlichen Bach-Thun'schen Regime so viele Juden von Wien ausgewiescn wurden, kam sie mit ihren Eltern hieher und man nannte sie nur „die Wienerin". Sie hat viel Unheil hier angerichtet. Sämmtliche Mädchen in der Gaffe wollten ihr im Putz nachahmen und die männliche Jugend promenirte an Sabbathen und Feiertagen, anstatt in's Gotteshaus zu gehen, vor ihren Fenstern, um einen Blick von ihr zn erhaschen. Den reichen Simon wußte sie aber zu ködern, daß er bis zum Wahnsinn in sie verliebt wurde. Im Hause seiner Eltern sah man Anfangs diese Neigung nicht gern. Die Wienerin galt als Kokette. Aber Simon wollte das Mädchen um jeden Preis. Er sagte: „Wenn man sie mir nicht gibt, so sterbe ich." So mußte man wohl „Ja" sagen. Die Hochzeit sollte im Frühjahr stattfinden. Eines Freitag Abends aber, die Familie des jungen Mannes saß bei Tische und hatte eben die Mahlzeit beendigt, da tritt ein Mann in's Thor und mit fast bebender Stimme verlangt er, den Alten, aber ihn ganz allein, zu sprechen. Der Vater steht auf und geht mit ihm in ein besonderes Zimmer. „Herr," sagte der Fremde, „ich komme von Wien. Sie wollen Ihren Sohn an eine Nichtswürdige verheirathen, die zwei Jahre lang meine Geliebte gewesen ist. Was ich da sage, beweise ich: hier ■ finb ihre Briefe! .... Ihre Eltern wissen Alles und hatten sie mir versprochen; seitdem aber Ihr Sohn sich um sie bewirbt, wollen weder sie noch die Schöne etwas von mir wissen. . . Und doch hatte ich gemeint, sie könne nach dem Vorgefallenen nicht mehr die Frau eines anderen sein." „Es ist gut," sagte der Alte, nachdem er die Briese gesehen. „Kommen Sie auf ein Glas Wein herein." Der Fremde erwiderte: „Biel Dank! Ich habe heute mehr Kummer als Durst. Trotz des Sabbaths muß ich heute Nacht noch fort." Und er eilte aus dem Hause. Der Vater tritt wieder ein, als wäre nichts vorgefallen, in das Speisezimmer, nimmt wieder seinen Platz am Tische ein und das Mahl endet fröhlich wie es begonnen., Als sie vom Tische aufstanden, führte der Vater seinen Sohn in das anstoßende Zimmer, das ebenfalls im Lichterglanze des Sabbaths prangte. Sie blieben lange drinnen. Als sie wieder herauskamen, führte der Alte seinen Sohn der Mutter in die Arme: „Küsse ihn, er ist unglücklich!" Simon sprach nicht mehr von der Wienerin. Und doch liebte er sie noch immer, ja, mehr als je, seitdem man sie ihm in den Armen eines Anderen zeigte. Er war blos zu stolz, um etwas zu sagen; und das kostete ihm das Leben, dem armen Jungen. ... _ . _ Manchmal verbrachte er ganze Tage lang auf seinem Zimmer. Andere Tage ging er wieder mit Eifer an das Geschäft, aber ohne ein Wort mit Jemandem zu wechseln. Die Eltern, die ihn immer so traurig sahen, wußten sich zuletzt keinen Rath. Sie befürchteten ein Unglück. . . Einmal sagte die Mutter, als sie ihn so betrachtete, mit Thränen in den Augen zu ihm: „Höre, Simon, wenn Du sie dennoch willst, so wollen wir sie Dir geben. . ." . Der Vater erröthete vor Scham und ließ den Kopf sinken. ... Simon winkte verneinend und ging aus dem Zimmer. Von jenem Tage an war er ein anderer Mensch. Er nahm nunmehr ein heiteres Wesen an, seinen Eltern zu Liebe, man sah ihn wieder auf der Gasse, in der Synagoge, in Gesellschaften. Der Vater sagte: „Er ist geheilt!" Der Mutter aber war es immer noch bange um ihn und sie behielt ihn mehr als je im Auge. Sie ließ sich ihr Bett neben seinem Zimmer Aufschlägen, mit der Ausrede, daß sie da besser schlafe, weil dieses Zimmer entfernter von der Küche sei. So kam das Purimfest. In der Gasse herrschte Freude, auch in diesem gastlichen Hause, wo die Masken bis spät in die Nacht ein- und auszogen. Simon selber sah fröhlich aus, er wollte selbst sich maskiren und einige befreundete Häuser besuchen. Die. arme Mutter weinte Freudenzähren. Um Mitternacht ging man zu Bette. Alle Welt war müde und schlafbedürftig. Simon aber schlief nicht. ... Gegen Morgen hörte die Mutter, wie Jemand hastig ein Fenster aufriß. Es war ihr wie eine Ahnung: „Simon, bist Du es?" Er antwortete nicht. Die Mutter erhebt sich eilig von ihrem Lager. Sie sucht hastig mit ihren alten zitternden Händen die Klinke und während sie über die Schwelle des Zimmers ihres Sohnes den Fuß setzte, erfolgte der Wiederhall eines Körpers auf den Steinfließen im Hofe — und Alles war still. Am Morgen fragten die Leute in der Gasse, wer wohl im großen Hause so entsetzlich aufgeschrieen. Die Mutter war es, die halbbekleidet im Hofe dort' den furchtbaren Schrei gethan. Dort hielt sie, mit Blut und Morgenthau bedeckt, in ihren Armen den todten Sohn. Seitdem lebten die unglücklichen Eltern nur ihrem Schmerze und ihrer Schande, zurückgezogen von aller Welt. Und auch die Familie der „schönen Wienerin" ist bald nach diesem traurigen Vorfälle von hier wieder weggezogen, verwünscht von der ganzen Gemeinde.

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