Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020956--02054-3026124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 Oesterreichische Wochenschrift Seite 31 Freiheit, Liebe, Menschlichkeit. (Schluß.) Was ich davon halte? Der Antisemitismus ist — Sie fragen, was ich davon halte — Ein Rückschritt, der nach Jahrhunderten mißt, Die Rohheit wecket, die alte. Er ist eine Schande für unsere Zeit, Ein Auswuchs und häßliches Mal; Ich sehe ihn wachsen und-seh' es mit Leid, Daß möglich ein solcher Scandal. Dort, wo er begonnen, dort mußte er enden, Ich klage die Obersten an, Sie hatten die Macht, das Unheil zu wenden, Und sie gaben frei ihm die Bahn. Run wälzt sich verheerend der gräßliche Brand, Geschürt von dunklen Männern, Durch Deutschlands Gauen von Land zu Land, Geschützt von heimlichen Gönnern, Und so wird es bleiben noch endlose Zeit Trotz eifrigen, mühsamen Strebens, Und nimmer wird enden des Judenvolks Leid, Denn hier kämpfen Götter vergebens. E. Hennle.*) * * * Der Lindwurm zu kanten. Der Drache, der Verderben schnaubt, Der Lindwurm Aberglaube, Erhob in der Siegfriedsstadt das Haupt, Daß Deutschlands Ruhm er raube. Die anderen Völker schier entsetzt Den Blick nach der Hyder sandten, O sei sie für alle Zeiten jetzt Gefällt und begraben in Xanten! Wir wollennicht die Nacht am Rhein, Sind wie Siegfried Lichtesfechter, Wir wollen nur die Wacht am Rhein, Und Juden wie Christen sind Wächter! Baden-Baden, 27. Juli 1892. Johannes Fastenrath, -i- * * Ich glaube nicht, daß es etwas geben könnte, wodurch das zu gleicher Zeit unmenschliche und unchristliche Streben der .Antisemiten besser bezeichnet werden könnte, als durch die Thatsache, daß dieselben mich, der ich aus einer mindestens seit 1517 unzweifelhaft christlichen Familie stamme, zum Juden gemacht haben, nur weil ich die Juden ehrlich und energisch gegen ebenso unsinnige als niederträchtige Angriffe vertheidigt habe. Das beweist, daß in den Augen der Antisemiten ein Christ nicht von Nächstenliebe und Gerechtigkeit erfüllt sein kann. Das beweist zu gleicher Zeit, daß Antisemitismus und Christenthum unvereinbar sind. * Der Rassenhaß ist immer ein Schandmal für den hassenden und eine Auszeichnung für den gehaßten Theil, denn es ist der Haß des Schwachen gegen den Starken, des Minderbegabten gegen den Begabteren, des niedriger Gearteten gegen den Edleren. Wenn ein Volk ein anderes Volk haßt, erkennt es damit dessen Ueberlegenheit an. Genau so verhält es sich mit den einzelnen Individuen eines Volkes. Deshalb ist es durchaus nicht auffallend, daß alle bedeutenden Geister, alle edlen Naturen unter den Deutschen keine Judenfeinde sind. Für sie existirt eben die Ueberlegenheit der jüdischen Rasse nicht, welche den Antisemiten so gefährl ch erscheint. Der Antisemitismus geht überall Hand in Hand mit Beschränktheit, geistiger Inferiorität und sittlicher Verkommenheit.- Die Juden sind das bei weitem älteste Kulturvolk unter den heute noch existirenden. Sie besaßen eine hohe Zivilisation, eine reine, erhabene Religion, eine für alle Zeiten geltende Sittenlehre, humane, von einem erleuchteten Geiste beseelte *) Kurz nach oer Einsendung verstorben, wahrscheinlich letzte Veröffentlichung. Staatseinrichtungen und eine herrliche Literatur, an der sich heute noch alle Völker des Erdballes erbauen, als unsere Ahnen noch Räuber waren, die in Höhlen oder Pfahlbauten ein halb thierisches Dasein führten. Deshalb die auf Atavismus beruhende Scheu der Juden vor Blut und Blutvergießen, vor jeder Art von Waffe und vor gewaltthätigen Verbrechen und Vergehen, im Gegensätze zu unseren, den Halb-Barbaren bezeichnenden kriegerischen Jnstincten und unserer Neigung zu Gewaltthaten. Das muß man bei Beurtheilung aller Kümpfe gegen das Judenthum im Auge behalten. Der Judenhaß in Europa ist nichts anderes, als der Haß des Indianers oder des Negers gegen den Weißen. Daß die heutigen europäischen Juden neben ihren vielen Vorzügen auch einige Schattenseiten haben, soll durchaus nichtbestritten werden. Welches Volk hätte auch keine? Aber diese Fehler haben wir selbst ihnen aufgedrungen und anerzogen, indem wir sie fast 1800 Jahre lang aus unserem Gemeinwesen ausschlossen, sie auf den Kleinhandel beschränkten und ihnen das traurige Privilegium gaben, Wucher zu treiben. * Den ursprünglichen Character des palästinischen und biblischen Juden haben wir heute no ch rein und unverfälscht bei den Charaiten, jenen Juden, welche streng nach dem Gesetze Moses lebend, keiueu Handel treiben, sondern nur Ackerbau. Die Charaiten, die echten, von uns nicht erzogenen Juden, sind die redlichsten, sittlichsten Menschen, die es gibt. Ihr Handschlag wird bei Gericht an Eidesstatt angenommen. Da sie kein Blut vergießen dürfen, leisten sie ihren Kriegsdienst in der Sanitätstruppe, und seitdem sie in Rußland, Polen, der Türkei und Oesterreich wohnen, ist noch kein Charait gerichtlich bestraft worden. Die heutigen europäischen Juden werden also die ihnen von uns anerzogenen Fehler in demselben Maße wieder oblegen, als wir sie mit uns in jeder Beziehung gleichstellen. Die französischen, englischen und amerikanischen Juden geben uns heute schon den Beweis dafür. Leopold von Sacher-Masoch. -i- * Antisemiten sind nun entstanden Aus Concurrenten und Schuldenmachern, Die, weil sie keinen Credit mehr fanden, Wurden zu Judenwidersachern. Wer nie nach der Decke sich hat gestreckt, Der hat sein Verschulden im Juden entdeckt. Karl Stellert Wir wünschen, daß auch eine billige Volksausgabe von diesem Sammelwerke erscheinen möge, damit es eine große Verbreitung finde. _ Literatur. Or Chadasch, Heft V, Commentar zu Jjob und Habakuk von Berisch Goldenberg, Tarnopol im Verlag des Verfassers. Preis 1 fl. ö. W. An Poesien soll man zwar nicht»zu viel difteln und deuteln, sie nicht zu viel analysiren oder in sie neue Gedanken hineintegen wollen, weil dadurch ihre Schönheiten verloren gehen; nichtsdestoweniger kann diese Art „kritischer Beleuchtung" nicht uninteressant sein, wenn dabei eine Vielseitigkeit entfaltet wird, die den Leser mit bisher unbekanntem- Wissensmaterial bereichert und zum Nachdenken anregt. Wer kann der Biene grollen, wenn sie von den Blumen den Schmelz abwischt und Honig sammelt? Und diesen bietet uns der Verfasser in seinem Commentare zu den beiden erhabendsten Poesien des hebräischen Schriftthums. Er zeigt eine seltene Belesenheit und Gelehrsamkeit in den beiden Talmnden, wie in Midraschim und kabbalistischen Schriften und man merkt es, wie sich ihm während des Schreibens die Gedanken aufdrängen. Und wenn sie ihn auch öfters zu Abschweifungen verführen, so sind diese doch immer anregend und belehrend, denn sie umfassen das weite Gebiet der Philologie. Culturgeschichte, der Archäologie und anderer Wissenschaften. Wenn wir uns eine Rüge an dem Werke erlauben dürfen, iso betrifft sie die zu viel angewendeten Abbreviaturen, die bei der Kürze des Styls, deren sich der Verfasser befleißigt, das Buch fast nur für Gelehrrenkreise genießbar macht. In diesen Kreisen wird es sich aber ganz gewiß Würdigung nnd Anerkennung verschaffen.