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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-13 · 2 (13.1.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2 Oesterreichische Wochenschrift Seite 27 schen Landesvberrealschule Eingang gefunden. Bezeichnend ist ein blödes Poem, das in der siebenten Classe circulirt und nachstehend lautet: „Es ward einmal geschlagen In Septima die Schlacht, Die Juden rauszujagen War Jedermann bedacht, Der Christ erhob zum Schwur die Hand, Hinaus mit den Inden in's gelobte Land." Es liegt wohl im eigensten Interesse, gegen diese die Jugend vergiftende Strömung entschieden einzuschreiten. Ohne Frequenz der jüdischen Schüler, gäbe es ja überhaupt keine deutsche Mittelschule in Proßnitz. Es darf daher der Erwartung Raum gegeben werden, daß die allerdings vom besten Willen und Eifer für das Wohl und Gedeihen der Schule beseelte Direction mit aller Energie in's Zeug gehen werde, zumal es sich um Ungezogenheiten einiger unreifer und lümmelhafter Bursche handelt. Lomnitz, 8. Jänner 1893. „Non oletu ist noch immer für Kreise bestimmend, in deren Mitte Acte antisemitischer Tendenz vollführt werden. Denn wo es gilt, vom Juden Geld zu gemeinnützigen Zwecken zu erlangen, findet die Gleichberechtigung die bereitwilligste Anerkennung. Daß dem so ist, konnte ich mich erst am 5. d. M. überzeugen. Wie alljährlich schickte mir auch heuer der „Geueral-Losvertrieb" in Wien 10 Stück Lose der Armenlotterie. Wiewohl wir hier für die Armen jüdischer Confession ganz allein einstehen müssen und außerdem von den christlichen Ortsarmen stark in Anspruch genommen werden, suchte ich immer die mir gesandten Lose für Wiener Arme vbzusetzeu. Anders aber heuer. Gleich nach Erhalt remittirte ich sie unter beifolgender Erklärung: „Wenn ich gegen Gewohnheit die mir übersandten Lose retournire, gestatte ich mir, die, mich bei dieser Entschließung geleiteten Gründe bekannt zu geben. Das Erträgniß der Lose dient dazu, die Wiener Commune von der sie schwer drückenden Pflicht der Armenversorgung zu entlasten. Nachdem aber das Oberhaupt der Wiener Großcommune kein Bedenken trug, den von den Mitteln aller Steuerträger ohne Unterschied der Confession erbauten städtischen Saal dem Prinzen Liechtenstein zur Verfügung zu stellen, um in einer Versammlung für „Kauft nicht bei Juden', Propaganda zu machen, erachte ich es für unvereinbar mit meinem Gewissen als jüdischer Geistlicher, etwas zu Gunsten dieser Commune zu thun. In Ihrem Aufrufe heben Ew. Wohlgeboren selber „die gegenwärtigen schwierigen Erwerbsverhältnisse" hervor. Es kann nicht geleugnet werden, daß anch jüdische Gewerbetreibende unter diesen schwierigen Verhältnissen viel zu leiden haben. Da sollte ein städtisches Oberhaupt sich hüten, den Bestrebungen zum Nachtheile einer ganzen Classe von Gewerbetreibenden Vorschub zu leisten." Ohne Jemanden präjudiciren zu wollen, glaube ich Herrn Dr. Prix am wirksamsten seinen verkappten Antisemitismus austreiben zu können, wenn die Juden, bei denen nicht mehr gekauft werden soll, für sich die Parole ansgüben „Kauft keine Lose". — Nng.-Brod, 9. Jänner. Am 8. Jänner beehrte Herr- Rabbiner Dr. Wolfsohn aus Lomnitz unseren Verein „Chorebh" mit einem hochinteressanten Vortrage über das Thema: „Was haben die arischen und was die semitischen Völker zur Verbreitung der Cultur geleistet?" Der mit großer Sachkenntnis, scharfer Denkung und klarer Schlußfolgerung vorgetragene Stoff hielt das Auditorium unausgesetzt in Spannung. Großer Beifall lohnte die Mühe des sichtlich angenehm ergriffenen Redners und der Wunsch wurde ausgesprochen, es möge diese ausgezeichnete Leistung dem Drucke übergeben werden, um dieselbe zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Wir wollen nur eine kleine Probe vorführen, um die Qualität des Vortrages anzudeuten. Wir greifen die Parthie über Patriotismus ans demselben heraus: „Patriotismus ist heute — das muß anerkannt werden — bei allen civilisirten Völkern zu finden. Es fragt sich nur, ob derselbe stets bei denselben eine Stätte im Herzen hatte. Gehen wir zurück zur Zeit der Völkerwanderung. Deutsche, Slaven, Magyaren, wird allgemein behauptet, kamen aus Asien nach Europa. Aus Asien! Woher aus Asien? Asien ist doch um einige Kilometer größer als der Teutoburgerwald oder der Bakonyerwald! Warum verließen diese Völker ihre Heimat, ihr Vaterland? Kein Lied, keine Sage nennt uns den Ort, das Land in dem sie geliebt und gelebt! Wie ganz anders das inferiore Judenvolk. Ganz genau ist die Scholle dem Gedächtnis des Volkes für ewige Zeiten eingeprägt, der Ort, an dem Israel gekämpft und gelitten. Gezwungen durch feindliche Mächte, mit gebrochenem Herzen und Thränen in den Augen griff dieses Volk zum Wanderstabe, und wer die Klagelieder des Jeremia und den bekannten Psalm: „an den Mauern Babels" gelesen, der erfährt, was Patriotismus ist. Dieses Schweigen der Sagen und Lieder über die asiatische Heimat der Deutschen, Slaven. Magyaren rc. ist sehr beredt. Es zeigt eben, daß eine Liebe zur Heimat den genannten Völkern in jener Zeit noch etwas ganz Unbekanntes war. Sie lebten heute hier, morgen dort, da entwickelt sich eben kein patriotisches Gefühl. Wer ist also hier Lehrer und wer Schüler? Haben die Juden, die lange vor dem Christenfhum die Klagelieder des Jeremia besessen, Patriotismus von den, unbekannt woher kommenden, arischen Völkern gelernt oder umgekehrt?" Berlin, 1. Januar. Selbst in die ärztlichen Bezirksvereine, die einen rein sachlichen Character haben, suchen die Antisemiten politischen Zwiespalt zu bringen. Bisher galt als alleinige Vorbedingung für Aufnahme in diese Vereine die thatsächliche Ausübung des Berufs und bürgerliche Unbescholtenheit, da die Vereine lediglich die Interessen des Berufs vertreten sollen. Demgegenüber aber haben im ärztlichen Verein des Südwestens einige antisemitische Aerzte den Antrag gestellt, die Kugelung über Aufnahme oder Nichtaufnahme von Mitgliedern entscheiden zu lassen, in der offenkundigen Absicht einer consessionellen Sonderung, trotzdem von anderer Seite selbst gegen die Ausnahme ausgesprochener Antisemiten bisher kein Einspruch erhoben worden war. Der Antrag der kugelungssüchtigen Mitglieder wurde mit 100 gegen 26 Stimmen abgelehnt, und nun betreiben diese 26, unter sorgfältiger Wachsamkeit darüber, daß nur.Nichtjuden ihrem Kreise angehören, die Begründung eines neuen ärztlichen Vereines, in welchem unverfälscht christlichgermanische Krankeuheilung der Aufmerksamkeit der Fachgenossen gewidmet werden wird. Hoffentlich sind diese Aerzte so consequent, sich anch bei der Annahme von Patienten ans ihre Confessio nsangehörigen zu beschränken. Darmstadt, 3. Januar. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts sollte heute eine Verhandlung stattfinden, aus deren Ausgang man in weiten Kreisen gespannt ist. Das ganz im antisemitischen Fahrwasser segelnde Fachblatt „Der Bienenzüchter" hatte eine Reihe angeblicher Uebersetzungen aus dem Talmud veröffentlicht, in Folge deren die Staatsanwaltschaft gegen den verantwortlichen Redacteur Theiß Anklage wegen Beschimpfung der jüdischen Religion erhob. Ein ausführliches Gutachten von Professor Dr. Strack in Berlin weist in den Uebersetzungen zahlreiche Unrichtigkeiten und Entstellungen nach, spricht sich aber dahin aus, daß der Herausgeber ohne eigene Kenntniß der Sache und im guten Glauben an die Zuver.ässigkeit von Gewährsmännern (Professor Rohling u. A.) gehandelt habe. Theiß, der wegen anderer Angriffe aus seine jüdischen Mitbürger schon bestraft ist, hat die Hauptverhandlung in der vorliegenden Sache wiederholt zu verzögern gewußt. Auch diesmal brachte er in letzter Stunde ein ärztliches Zeugniß bei, wonach er wegen hochgradiger Nervosität nicht vor Gericht erscheinen könne, deshalb mußte die Verhandlung abermals vertagt werden. (Sein Bertheidiger, Rechtsanwalt Metz IH, hat übrigens der „Franks. Ztg." zufolge die Bertheidigung niedergelegt.) Stratzburg, Elsaß, 28. December. (T u g e n d p r e i s e.) Das israelitische Consistorium zu Straßburg hat an die Herren Rabbiner und Synagogenverwalter nachstehende Bekanntmachung erlassen: „Ja Ausführung eines Vermächtnisses der bei Lebzeiten in Straßburg wohnhaft gewesenen Eheleute Michel und Fanny Weil wird hiermit den Israeliten Elsaß-Lothringens zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß am 17. Januar 1893 ein Preis und am 2. August 1893 ein anderer Preis, jeder von 8(30 Mark, zu vergeben sind, und zwar an solche Personen oder Familien, welche in den vier verflossenen Jahren durch Beweise großer Tugend, guter Führung, Gefühle von Großmuth und Menschenliebe diesen Preis verdienen. Die Bewerber um den nächsten Preis haben ihre Gesuche sofort in den ersten Tagen des künftigen Monats (Januar) und diejenigen des zweiten Preises vom 1. Juni bis zum 13. Juli 1893, dem Consistorium in Straßburg zu übermitt-ln. Das Israelitische Consistorium des Unter-Elsaß."

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