Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Oestrrrrrchiptzr Wochenschrift Seite 23 das für deutsche Juden? Wir wollen uns auch über diesen Punkl mit aller Offenheit aussprechen. Wir verkennen es nicht, daß der preußische Staat schon vor der großen Revolution bemüht war, seinen Juden ein gewisses Maß von Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Allein es ist auch nicht zu verkennen, daß es erst der Siegesschritt Napoleon I. war, wodurch in vielen deutschen Ländern für die Juden die Zeichen der tiefsten Schmach zum Verschwinden gebracht wurden. Das hinderte nicht, daß die, deutschen Juden während der Befreiungskriege mit aufrichtiger Begeisterung sich der nationalen Bewegung anschlossen und daß sie, fern von allem Heroencultus in Napoleon bloß den Feind deutscher Unabhängigkeit und den Räuber deutscher Ruhe und deutscher Ehre sahen. Aber als der Idealismus der Freiheitskriege verflüchtigt war, da kam eine böse Zeit und da mußte, namentlich von 1830 bis 1848, nicht nur den deutschen Juden, sondern auch vielen anderen Deutschen, Frankreich, um mit Heinrich Heine reden, als das sonnige Frankreich erscheinen. In Frankreich blühte die Freiheit, in Frankreich kannte, man keine Ausnahmsgesetze, in Frankreich waren die Juden Staatsbürger und hatten Zutritt zu allen Aemtern und Ehren; der französische Staat sah auch in dem Juden nur den Franzosen. Was will man von den Juden? Wie stand es dann mit den deutschnationalen Gesinnungen am Rhein bis 1848? Schlimmer vielleicht als jetzt im Elsaß. Aber dieses Moment, das wir nicht unberührt lassen wollten, hat mit der , Alliance israelite“ gar nichts zu schaffen. Zur Zeit als die „Alliance israelite“ gegründet wurde, konnte man unmöglich eine Ahnung davon haben, daß die Gegensätze in Europa sich mit solcher Zähigkeit zu solcher Schärfe sich entwickeln würden, wie dies allen idealistischen Principien zum Trotze Wirklichkeit geworden ist. Frankreich verfügte über eine große Flotte, hatte einen ausgedehnten Colonialbesitz, es konnte' an der nordafrikanischen Küste und in den Hafenstädten des Orients, also gerade dort, wo Eruptionen des mohamedanischen Fanatismus am meisten zu befürchten waren, mit Leichtigkeit in wirksamer Weise interveniren. Neben einem starken nationalen Bewußtsein war in Frankreich und namentlich in Paris auch weltbürgerlicher Sinn in ausreichendem Maße vorhanden. Die Thore von Paris waren gastfrei allen Nationen geöffnet. In der französischen Gesellschaft erfreuten sich die Juden der vollen Gleichstellung; sie waren in ihrem Verkehre mit den einflußreichen Persönlichkeiten frei von jenen Hemmnissen, die anderswo sich fühlbar machen. Bei den französischen Ministern waren jene Vorurtheile ausgeschlossen, die anderswo doch nicht ganz verdrängt werden konnten. Dabei behaupteten die „Principien" in Frankreich ein Gewicht, wie in keinem anderen Staate. Bei einem Appell an die Principien der Freiheit und der Humanität konnte man in Frankreich nicht leicht in brutaler Form abgewiesen werden. Dazu gesellte sich der ausschlaggebende Umstand, daß zu den einflußreichen Spitzen der französischen Gesellschaft Juden zählten und noch heute zählen, welche das Herz für ihre Glaubensgenossen in aufopfernder Weise zu bethätigen wissen. Paris ergriff die Initiative und nur Paris konnte als der geeignete Mittelpunkt der „Alliance israelite" gewählt werden. In der Natur dieser Institution liegt es, daß die patriotischen Verpflichtungen der Juden in den verschiedenen Ländern dadurch in keiner Weise beeinträchtigt werden. Es hat sich in Frankreich allerdings manches verändert und wir geben zu, daß der Gang der Dinge in Frankreich sich noch nicht übersehen und umsoweniger in seiner Tragweite sich äbschätzen läßt. Trotz dessen wäre es eine unverzeiliche Uebereilung, wenn man heute die Verlegung des Sitzes der „Alliance israelite" zur Erörterung bringen wollte. Antisemitische Demonstrationen im stolzesten Viertel von Paris, ein Jahrhundert nach der großen Revolution, machen allerdings einen deprimirenden Eindruck. Allein noch ist die Hoffnung berechtigt, daß der französische Geist die Versuche, ihn zu erniedrigen, siegreich überwinden wird. Die große Revolution hat noch mehr gekostet, als der Panamacanal und wenn die Errungenschaften dieser Umwälzung preisgegeben werden, dann erst könnte man von dem Panamacanal sagen, daß er das Glück und die Ehre Frankreichs verschlungen habe. Gerade im gegenwärtigen Augenblicke können die deutschen Juden sich nicht von der „Alliance israelite' lossagen, ohne daß dadurch auf das Verhalten der Juden überhaupt ein schlechtes Licht fallen würde. Man darf den deutschen Juden auch nicht zumuthen, daß sie etwas thun, was die Existenz der „Alliance israölite" irgendwie gefährden könnte. Die deutschen Juden können nicht jede Hilfe verweigern, wenn das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in fremden Ländern ihre Theilnahme verlangt, das gienge wider ihre Ehre . und ihre Ueberzeugung. Gerade die Pflichttreue, die dem deutschen Geiste innewohnt, verbietet den deutschen Juden ein solches Verhalten, und sie würden den deutschen Namen schlecht ehren, wenn sie den Muth ihrer Ueberzeugung verleugnen wollten. Man findet es durchaus gerechtfertigt, daß die nach Amerika ausgewanderten Deutschen, obgleich sie Bürger der Union sind, ihre Sympathien für Deutschland in enthusiastischer Weise manifestiren. Man nimmt keinen Anstoß daran, daß die Amerikaner irischer Abstammung mit allen erdenklichen Mitteln in die irische Bewegung eingreifen. Es ist auch nicht zu ändern, daß hochwichtige Institutionen der christlichen Welt oder der ureuropäischen Gesellschaft einen weltbürgerlichen oder doch internationalen Character haben. Die katholischen Missionen im Oriente haben nach dem offenen Geständnisse französischer Staatsmänner eine ausgesprochene politische Tendenz und der Voltairianer in Paris wird zum strammen Katholiken, wenn er als politischer Agent nach dem Oriente geschickt wird. Dennoch sind Geistliche deutscher Abstammung thätig im Dienste dieser Missionen und dennoch werden in deutschen Bezirken Oesterreichs Handwerker für diese Missionen herangebildet. Das wird mit Recht hingenommen als eine ganz natürliche Sache. Nur den Juden verargt man es, daß sie gegenüber ihren Glaubensgenossen in fremden Ländern eine rein menschliche Pflicht zu erfüllen suchen. Während man den Juden in Paris ihre deutsche Abstammung zum Vorwurfe macht, sie in feindlicher Weise als deutsche Colonie attaguirt, wird in Deutschland für die deutschen Juden ein besonderer Prüfstein erfunden, um den Höhegrad ihrer nationalen Gesinnung festzustellen. Hat denn niemals der deutsche Adel in fremden Staaten Dienste genommen? Sind es denn nur Juden, welche in fremden Ländern Erwerbsunternehmungen gründen? Man zähle doch die fremden Firmen, man schätze sie aber nach ihrer Bedeutung, nach ihrem Kapital und nach der Ausdehnung ihres Geschäftsbetriebes und man wird finden, daß die fremden Juden in allen Ländern entschieden in der , Minderzahl sind gegenüber den Fremden, die ihren Taufschein von vielen Generationen ererbt haben. Man wird den Inden Cornelius Herz so wenig vergessen, wie den Juden Süß, als ob es nur Juden wären, welche als Günstlinge eines Königs oder einer Gesellschaftsschichte ihre Stellung mißbraucht hätten. Der ewige Jude — er allein ist verantwortlich, wenn die politische Welt Frankreichs in Corruprion verfällt, wenn Eitelkeit und Vergnügungssucht in der französischen Gesellschaft Verheerungen anrichten. Die europäischen Ströme und Flüsse haben in der Geschichte des Judenthums eine eigenartige Bedeutung erlangt. An der Donau erblickte unter Friedrich dem Streitbaren jenes Judenprivilegium das Licht der Welt, welches den Generalprivilegien Großpolens und der schlesischen Herzog thiimer als Muster und Vorbild diente. Wir haben an der Donau auch noch manches andere erfahren. Bon den Ufern der Spree, sonst nicht der mächtigste unter den Strömen, ging jene großartige culturelle Reform hervor, welche auf das ganze Wesen des mittel- und westeuropäischen Judenthums den größten Einfluß genommen hat. An den Ufern der Seine aber wurden die Menschenrechte proclamirt. Man sollte in Berlin die Juden in gerechter Weise beurtheilen. Der Ruhm der Spree, der Ruhm des civilisatorischen Wirkens der Mendelssohn'schen Schule wird nicht verdunkelt werden und wenn man die Segnungen erwägt, die sich an den Namen Moses Mendelssohn knüpfen, dann darf Deutschland diesen Denker zu seinen . ersten und besten Männern beizählen. Jetzt hat Frankreich seine kritischen Tage. Ganz von selber kann Deutschland ein moralischer Gewinn zufallen, wie er durch keinen Krieg erzielt worden. Wenn es von Berlin aus gelingt, den deutschen Antisemitismus zu überwinden, dann braucht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" wegen der „Alliance israelite“ sich keine Sorge zu machen. Unter allen Umständen aber werden die deutschen Juden stets ihre deutsche Gesinnung zu bewähren wissen und sie werden in diesem Punkte hinter keinem andern Deutschen zurückstehen.