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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-13 · 2 (13.1.1893) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 22 Oesterreichifchr Wochrnschrist Nr. 2 de Mores, der jüngsthin eine antisemitische Versammlung in Paris im Vereine mit Anarchisten und dem ehemaligen korsischen Räuberhauptmann Leandri abgehalten, unterhalt mit Schneider und Liechtenstein einen lebhaften Verkehr und ein Mitglied des Polenclubs sollte den Deutschen ein gemeinsames, geeinigtes Vorgehen gegen das internationale Strauchritterthum nicht empfehlen dürfen!! Nicht um Polen und Deutsche, nicht um Juden und Christen handelt cs sich! Die Frage steht so, ob endlich alle unanständigen Elemente von der Mitwirkung an den Aufgaben des Staates ausgeschiedcn werden sollen oder nicht, und zur Beantwortung dieser Frage in bejahendem Sinn: sind alle anständigen Parteien ohne Unterschied der Nationalität und Confession berufen. Der Interessengemeinschaft der politischen Unzucht muß die Interessengemeinschaft der politischen Ehrenhaftigkeit gegenübergestellt werden. Das ist die Aufgabe, welche dem Polen-Club, den Conservativen und der Linken gestellt ist und an die Letztere richten wir neuerdings die emste unb dringende Mahnung, die Größe dieser Ausgabe voll und ganz zu erfassen. Das Wuthgeheul der Anüsemiten beweist, daß dieselben sich an der Gurgel gepuckl fühlen. Die Linke hat Gelegenheit um deuStaat und um die fortschrittlichen Ideen stch Verdienste zu erwerben, sie entschließe sich mit den Jagdhunden der finsteren Reaction aufzuräumen, und sie wird auf die freudige Gefolgschaft und Waffenbrüderschaft aller ehrlichen Leute, zu denen wir trotz Pan Verganiw vor Allen die große Mehrheit der jüdischen Wählerschaft zählen, rechnen können. Seine und Spree. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" enthält einen Artikel über die „Alliance israeüte“ der für das oberflächliche Urtheil von streng nationalem Standpunkte aus einen Schein von Berechtigung hat. Die Bemerkungen des genannten Blattes richten sich nicht sowohl gegen die „Alliance israeüte“, nicht gegen die Ideen und Principien, nicht gegen die Action dieser Vereinigung, vielmehr sucht das Blatt den Stein des Anstoßes in dem Umstande, daß die „Alliance" ihr Centrum in Paris hat, daß die oberste Leitung sich in Frankreich befindet und aus diesem Grunde werden die deutschen Juden an ihre nationale Pflicht erinnert und werden vermahnt, die Beiträge, welche sie für die „Alliance“ leisten, doch lieber den deutschen Religionsgenossen zuzuwenden. In rhrer jetzigen Gestalt diene die „Alliance" dazu, den politischen Einfluß Frankreichs namentlich im Oriente zu verstärken und es widerstreite der Pflicht der deutschen Juden hier unterstützend mitzuhelfen. In letzter Consequenz richtet sich somit die Spitze des Artikels gegen Frankreich. Allein es ist bekannt, daß es in unserer Zeit zu einem furchtbaren Verbrechen geworden ist, wenn man der Anschauung huldigt, daß der Mensch ftüher war als die Nation, daß der Urvater Adam weder einer bestimmten Rasse noch einer bestimmten Nation zugehörig war. Namentlich gegen die Juden wird die Anklage erhoben, daß sie als Weltbürger sich fühlen und wenn in Frankreich sich Jemand schämt, offen als Antisemit aufzutreten, so spricht er von den Cosmopoliten und damit sind eben auch die Juden gemeint. Die Aeugerungen der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung correspondiren mit diesen neuesten „ent äe Paris“ und sollen in diesem Sinne von uns besprochen werden. Es sind jetzt gerade neunzehn Jahrhunderte, als die Weltgeschichte vor dem wichtigsten Wendepunkte stand, den sie überhaupt zu verzeichnen hat. Damals gab es ein Weltreich — Rom, und eine weltbürgerliche Idee — die Messiasidee in Jerusalem. Rom und Jerusalem hatten in ihren Zielen die ganze Welt eingeschlossen, nur wollte Rom herrschen und vergewaltigen, während Jerusalem erlösen wollte und befreien. Das Christenthum gelangte zur Macht und es war nicht national, es bildeten sich die Kirchen mit sichtbaren Oberhäuptern, waren aber weder in die Grenzen eines Staates noch einer Nation gebannt, waren demgemäß auch nicht national. Es traten die geistlichen Orden ins Dasein und auch diese hatten einen internationalen, einen weltbürgerlichen Charakter. Wir sind dann Zeugen von ziemlich bedeutenden Unternehmungen, die gleichfalls" einen internationalen Charakter an sich tragen. Wir meinen die Kreuzzüge und es wurde damals sogar das internationale Königreich Jerusalem gegründet. Die Reformation war nicht national, wenn sie auch bei dem nationalen Elemente wesentliche Unterstützung finden mochte, denn sonst hätte man in Deutschland nicht den König von Schweden herbeirufen können und auch die mit Hilfe der Jesuiten durchgeführte Contre-Reformation ist wohl kaum als national zu bezeichnen. Ist der Freimaurerorden national, waren die Antisklaverei-Vereine national oder will man vielleicht einige jüdische Führer dafür verantwortlich machen, daß. die Arbeiterbewegung einen internationalen Charakter besitzt? Vielmehr sehen wir, daß die weltbürgerliche Idee neben der nationalen Idee ihr Recht behauptet und in Wahrheit kann man als Mensch mit allen Gliedern der Menschheit Mitempfinden, ohne auf eine starke nationale Gesinnung Verzicht zu leisten. Das Dasein der „Alliance Ssraelite" muß uns schon deswegen mit stolzer Genugthuung erfüllen und sollte auch außerhalb des Judenthums in dieser Bedeutung erfaßt werden, weil diese Frucht nur möglich war als .die Frucht einer großen, culturellen Reform als die Frucht der innern, durch eigene Kraft vollbrachten Emancipation des Judenthums von den Uebelständen, welche die Bedrückungen des Mittelalters zurückgelaffen hatten. Gemeinsames Leiden schafft auch ein Band; die Juden des Mittelalters hatten überall dieselben Gefahren zu bekämpfen, waren überall denselben Verfolgungen ausgesetzt. Zuweilen kamen jüdische Pilger aus dem Occidente nach dem Oriente, um im heiligen Lande zu sterben und zuweilen kamen auch Wanderer aus dem Orient, um Almosen bei den Gemeinden des Occidents zu sammeln. Sie trugen den stolzen Namen Botschafter, sie trugen die weiten Gewänder des Orients und hatten das Haupt mit einem Turban geschmückt. In der Regel waren diese Botschafter schöne Männer, die ein fließendes Hebräisch mit correcter Betonung sprachen und sich mit großer Würde bewegten. Sie wußten wunderbare Geschichten zu erzählen und waren anziehende Erscheinungen für die Jugend. Auf diese Art war doch eine Verbindung zwischen ränmlich weit von einander getrennten Gemeinden hergestellt und man erhielt Kenntniß von den Bedrängnissen, denen die Juden-des Morgenlandes ausgesetzt waren. Es wurde unbegrenzte Gastfreundschaft geübt und die Vornehmsten der Gemeinden hatten ein offenes Thor; aber die Gäste aus der Fremde brachten selten die Botschaft der Freude. Es entsprach dem Charakter unserer Zeit, ergab sich als unabweisbare Forderung aus dem Fortschritte des occidentalen Judenthums, daß endlich eine definitive Organisation sich bildete, um hauptsächlich den Juden des Orientes, aber auch sonst überall, wo ein. besonderer Nothstand für Juden sich einstellte, jene Hilfe zu gewähren, die ein Mensch dem anderen schuldet, wozu aber Glaubensgenossen sich doppelt verpflichtet fühlen müßten. Man hatte endlich eine Centrale, an die sich bedrängte Gemeinden wenden können und es stehen Persönlichkeiten und Mittel in Bereitschaft, um eineHilfsaction durchzuführen. Das ist der Gedanke der „Alüance israeüte1 und nur allzu oft hatte sie während ihres Bestandes Gelegenheit, sich in ihrer Mission zu bewähren. Würden die civilisirten Staaten sich ans der Höhe ihrer Aufgabe befinden, würde die Intervention dieser Staaten überall eintreten, wenn eine Regierung ihre Macht zur Ungerechtigkeit mißbraucht und die eigenen Unterthanen in grausamer Weise quält und bedrückt, dann würde allerdings die „Alliance israeüte" als eine überflüssige Institution erscheinen und man könnte sagen, daß alle civilisirten Staaten vereinigt einen großen Gerichtshof bilden, um die Gerechtigkeit zu schützen. Wie die Dinge aber in Wirklichkeit stehen, müßten die Juden in den verschiedenen Ländern, wenn sie von Bedrängnissen ereilt werden, oft lange warten, bis.irgend ein Staat eine Intervention zn ihren Gunsten versuchen würde. Wo sollten denn die bedrängten Juden anklopfen, an welches Amt sollten sie sich wenden? Allein hier braucht man nicht viel Worte zu verlieren, die Nothwendigkeit einer Institution, wie die „Alliance israeüte" sie darstellt, wird, wenn es dem Juden überhaupt erlaubt ist, an dem Schicksale seiner Glaubensgenossen in fremden Ländern Antheil zu nehmen, auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schwerlich in Abrede stellen. Aber was soll der französische Name der Vereinigung? Aus welchem Grunde hat man Frankreich gewählt? Muß denn immer Babylon die Centrale sein, wenn nicht das Babel aTtt Euphrat und Tigris, so doch das Babel an der Seine? Schickt sich

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