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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-13 · 2 (13.1.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 20 Orsterreichifchr Wochrnschrifi Nr^ 2 lebte der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß die beiden galizischen Executtv-Comile's, an deren Spitze durch Wissen und Tüchtigkeit hervorleuchtende Männer, wie Director Lazarus in Lemberg und Professor Rosenblatt aus Krakau stehen, sich frei entwickeln, selbstständig agiren müssen, daß jeder Schein von Bevormundung ihnen fern gehalten werden solle. Dabei hat er nur übersehen: die Unterströmungen. — Er hat offenbar unsere Lemberger Zustände niemals näher gekannt, hat keine Ahnung von dem hier hausenden, jedes ehrliche Streben zerwühlenden und vergiftenden Agudas - Akum Geist. Dieser alles um sich her verpestende Geist hat, sobald nur der eine und andere Träger desselben Einlaß in das Executiv-Comite erhielt, seine verheerende Thätigkeit zu entfalten begonnen, und heute steht — Dank der „patriotischen" Mittel und Mittelchen, mit welchen dieser Geist kämpft — das ganze l^ecutiv-Comite, wenigstens bei uns in Lemberg, vollständig in seinem Banne und wehmüthig ruft mancher ehrliche Mann Herrn Lazarus, deffen ehemalige Energie und Schaffenslust er schätzen gelernt, zu: „Es thut mir in der Seele weh', daß ich Dich in der Gesellschaft seh'". In dem hier genügend gekennzeichneten Geiste wirkt nun das Executiv-Comite. Was Wunder, daß alles verkehrt angepackt, alles in unjüdischem, die Bevölkerung in ihren Tiefen aufwühlendem Sinne begonnen und durchgeführt wird, daß nun die Executivcomites das trojanische Pferd der Stiftung genannt werden! Durch die Tagesblätter gieng jüngst ein Bericht über die Stiftung, in welchem zu lesen war, daß das Krakauer Executiv- Comite durch taktvolles Vorgehen und Schonung der religiösen Gefühle die Schulfeindlichkeit der orthodoxen Juden besiegt habe. — Wir sind nicht in der Lage, diese etwas aufdringliche Mitteilung auf ihre Stichhältigkeit zu prüfen, da wir die bezüglichen Zustände Westgaliziens nur obenhin kennen; darüber wird vielleicht der Herr Redacteur anderweitige Informationen haben; wie aber unser Executiv-Comite „die Schonung der religiösen Gefühle" übt, das mag nur eines von den vielen Beispielen, deren manches schon in diesem Blatte in perpetuam memoriain angenagelt wurde, illustriren: In Rawa ruska, einem überaus finstern Städtchen unseres Landes, sollte, wo es wirklich dringend noththat, eine Stiftungsschule gegründet werden. „Man begann damit", so berichtete hier treulich ein angesehenes, aus dem aufgeklärten Brody stammendes, fortschrittlich gesinntes Rawaer Gemeindemitglied, „daß man unter der Aegide des Bezirkshauptmannes, in dessen Hände die für die Chassidim-Kinder zu eröffnende Schule gelegt werden sollte, eine Versammlung von Mitgliedern der Cultusgemeinde einberief. Es fielen hier ganz unparlamentarische Worte; aber schließlich erklärte selbst der Rabbiner, gegen die geplante Schule nichts einwenden zu wollen, insofern sie in dem Lehrprogramm den hebräischen Unterricht nicht aufn eh men würden, für diesen Unterricht nämlich, der ihr heilig sei, werde die Gemeinde schon selbst sorgen. Aha, dachten die bereits gezeichneten Macher des Executiv-Comites, Ihr sträubt Euch gegen unseren hebräischen Unterricht, Ihr sollt ihn justament haben, und ertheilen soll ihn ein bei Euch nicht gut angeschriebenes Individuum: denn nicht den Chassidim zu Liebe, sondern ihnen zum Trutze gründen wir Schulen. So engagirten sie für den hebräischen Unterricht einen jugendlichen, stadtbekannten Bummler, deffen Religiosität von konservativer Seite arg bemängelt wird, der aber das große Verdienst für sich in Anspruch nimmt, neben dem Jargon auch des polnischen Idioms mächtig zu sein. Daran nicht genug. Die Aufsicht und Verwaltung der Schule überliefert man einem jüdischen Advocaten, der vom Judenthum nichts mehr weiß, als was er in der Halle des Agudas-Akum gelernt; zum Schullocale miethet man, während ein Rawaer Bürger sein am Ringplatz gelegenes Haus mit geräumigen und lichten Zimmern um einen annehmbaren Preis anbietet, einige finstere, tief gelegene, für eine Schule ganz und gar unbrauchbare Löcher-um theueres Geld; saber sie haben einen großen Vorzug: sie befinden sich in dem Hause, wo der Rabbiner wohnt, und man gründet doch nicht Stiftungsschulen den Chassidim zu Liebe, sondern ihnen zum Trotze. — Aber dessen ungeachtet zögerte man lange mit der Eröffnung der Schule, aus Furcht vor der erbitterten Bevölkerung, die man muthwillig aufgereizt: Denn auch der Heldenmuth unserer Fortschritts-Tartüffe hat seine unübersteiglichen Grenzen. Er strahlt im Hellen Glanze da, wo nichts zu befürchten steht; vor einer geballten Faust aber verkriecht er sich in's Mauseloch." „Endlich wurde die Schule mit einigen nackten und von Hunger verzehrten Knaben, denen man — was eine große Wohlthat war — mit completer Bekleidung und Bespjisung entgegenkam, eröffnet; jedoch gegen alle Tradition still uch geräuschlos. Da aber der gefürchtete Sturmesausbruch auiblieb und die Schule durch mehrere Wochen unangefochten forvegetirte, schwoll unfern Talmi-Polen wieder der Muth. Wä;e es denn nicht eine Schmach gewesen, sich die Gelegenheit, „pctriotische" Reden zu halten und den Chassidim einen Faustschlcg zu versetzen, entgehen zu lassen? Ein Spectakelstück mußte, da es gefahrlos war, aufgeführt, die feierliche „Eröffnung", Venn auch lange post kestmn, durchgesetzt werden. — Und das E;ecutiv-Comite? es schüttelte wie in der Jobsiade mit dem Koste." Wer wird aber, um dem ganzen Agudas Akum=©tMeiit die Krone aufzusetzen, zu dieser feierlichen Eröffnung delegfck? Etwa die durch Gelehrsamkeit und Mäßigung ausgezeichneten Mitglieder des Executiv-Comites, welche doch einigermaßen beschwichtigend und vertrauenerweckend auf die empörten Gemüher wirken konnten? Etwa Männer wie Salomon Bub er und Sclomon Chajes, wie Dr. Gottlieb rc., deren bloße Namen rine Friedensbürgschaft bedeutet? Weit gefehlt! Als Delegirte )es Executiv-Comites gingen nach Rawa ruska der eh em ah ge Agndas-Aknm-Präsident und sein Johannes, der ehemalige stedacteur des untergegangenen Denunzianten-Organs. Bei Zusammensetzung des Local-Comites, bei der Grrmdung der Schulen hat man Alles aufgeboten, die Bevölkerung zu reizen und ihr Mißtrauen zu steigern. Selbst schulfreundliye Gemeinden, welche um eine Stiftungsschule schriftlich gebetsn und zu einer ausgiebigen Subvention bereit waren, haben sich schließlich zurückgezogen als man in die Local-Comites entweder ausschließlich talmipolnische Fanatiker oder Wahlmacher berief. Und die Leidensgeschichte der Schule in Stanislau, die unier der Verwaltung der Allianz erfreulich prosperirte und glänzende Resultate aufwies, in der Stiftungsaera aber Gegenstand der feindseeligsten widerspruchsvollsten Experimente geworden — bald will man die Classen reduciren, bald einen, bald zwei hebräische Lehrer abschaffen — läßt beinahe die Vermuthung zu, es gälte die ^Stiftnug ad absurdum zu führen. Oder wußte man nicht, daß gerade Schulsachen bje zarteste Behandlung fordern, weil besonders auf dem Schulgebiete die religiösen Leidenschaften am heftigsten aufeinanderstoßen? Und nach alledem wundert man sich über die in Galizien gegen die Stiftung herrschende Aufregung. Bei uns können nur aus Liebe, unter wirklicher Schonung der religiösen Gefühle gegründete Schulen gedeihen und Bestand haben, das hat die Allianz gezeigt, die noch heute bei uns als Messias verehrt wird. Die galizischen Organe der Stiftung aber haben Wind gesäet — und der Sturm ist da; allerdings früher, als man erwartet. Denn Agudas-Akum, der eingesargte, ist, vom Zauberstab der Stiftung berührt, dem Grabe wieder entstiegen und — „die Todten reiten schnell." — Und jetzt erschallt allerorten der Ruf: Wo ist das Curatorium? Curatorium, hilf, beschwichtige den in deinem Namen heraufbeschworenen Sturm! Wem fällt da nicht die Geschichte von dem Zauberlehrling ein, der mit Hilfe einiger von seinem Herrn und Meister erlauschter halbverstandener Zaubersprüche in Abwesenheit des Meisters den Herrn spielen wollte und den Besen Wasser zu holen schickte, worauf dieser, erst allein, dann in zwei getheilt, zu zweien eine nicht mehr zu bewältigende Ueberflutung anstiftete. Im Augenblicke schwerster Noth wird endlich nach dem Meister gerufen. Er erscheint und spricht die erlösende Formel: „In die Ecke, Besen! Besen! Seid's gewesen! . . . ." G. Pan Vrrganiw und Genoffen über die „Oesterreichische Wochrnschrifi." Die beiden Artikel der „Oesterreichischen Wochenschrift", in welchen der liberalen Partei die Pflicht in Erinnerung gerufen wurde, bei den Verhandlungen mit der Negierung auf energische Maßregeln gegen die antisemitische Seelenpest zu dringen, haben in den „christlich-socialen" Blättern ein wahres Wuthgeheul hervorgerufen. Um die Ohren des Herrn v. Plener'gellt ein wildes Furioso, in welchem sich Spott, Hohn, Haß und Furcht in schrillem Mißklang mischen. Ja, Haß und Furcht, denn die antisemitische Meute weiß es, daß ihre Stunde ge-

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