Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Oestrrreichischr Wochenschrift Seite 15 Mein deutsches' Volk! O mögest du dich schaaren, Dem Dienst der Humanität geweiht, Mit hellem Geiste folgen die Fanfaren Zum Kampf für Freiheit! Liebe! Menschlichkeit! Den Höchsten ehren und den Nächsten lieben! So diesem Wort du folgest brüderlich, Ward nicht umsonst die Mahnung dir geschrieben: Wer nichts für and're thut, thut nichts für sich! Friedrich Novak. * * Nationen sinken, Religionen schwinden, Die Götier wechseln, doch die Gottheit bleibt. Und ew'ge Sehnsucht wird nach ihr empfinden Des Menschen Geist, ob er nun zweifelnd schreibt: „Dem unbekannten Gott", wie einst gelesen Sanct Paulus auf athenischem Altar, Ob er, wie Robespierre, dem „höchsten Wesen" Anbetend bringt das Fest der Weihe dar. Zu welchem Gotte sich der Mensch auch wendet, Es gilt für Jude, Muselmann und Christ: Wenn Sprache, Weissagung, Erkenntniß endet, Die Liebe bleibt, da Gott die Liebe ist. Berlin, am Napoleonstage 1892. Otto Franz Gensichen. -i- -i- Der Antisemitismus ist die Modekrankheit des geistigen Pöbels. Meiningen, 7. 92. Rudolf Baumbach. Wer ehrlich seinen Weg durchmißt, Dem wünsch' ich nichts zuleide: Ein schlechter Jud' —_ ein böser Christ — Der Teufel hol' sie beide! Freienwald a. O. Victor Blüthgen. (Fortsetzung folgt.) Alte Literatur im neuen Getvandq. 1. Die rituelle Circumcision nach talmudischen und späteren rabbinischen Quellen bearbeitet, und zugleich hierauf bezügliche ältere Handschriften zum ersten Male veröffentlicht. Von A. I. Glaßberg. Berlin, 1892. — XIX und 312 Octavseiten. 2. Das Buch Henoch aus dem Äthiopischen in die ursprünglich hebräische Absassungssprache zurückübersetzt, mit einer Einleitung und Noten versehen. Bon Lazarus Goldschnndt. Berlin 1892, — XXVI. und 92 Octavseiten. ad 1. Ein Geist der Auferstehung, der literarischen Auferweckung zieht rastlos über den Staub der Bibliotheken hin. Was Jahrhunderte hindurch weltvergessen in den Manuscripten-Codices geruht, hält plötzlich als Druckwerk in die dichtbevölkerte Literaturgeschichte seinen Einzug, um in der großen Bücherwelt einen mehr oder minder wichtigen Platz einzunehmen. Und so sehen wir auch in dem sud i hier angezeigten Buche zwei theils aus dem 12., theils aus dem 13. Jahrhundert datirende Handschriften zum ersten Male edirt vor uns. Die erstere Handschrift ist der Hamburger Stadtbibliothek — Cod. Ms. hebr. Nr. 148 — entlehnt, die zweite stammt aus der werthvollen Handschriftensammlung des gelehrten Halberstamm in Bielitz. Vater und Sohn, Jakob und Gerson Hag ose r, waren die Verfasser derselben, und es sind zwei gleichartige Abhandlungen oder Monographien über den religiösen Act der Circumcision und sämmtliche im weitesten Sinne hieraus Bezug habende Bestimmungen oder Satzungen. Da die Verfasser zugleich auch practisch dieser religiösen Uebung obliegen, so erhielten sie beide das Prädicat Hagoser, welches auch schon in talmudischer Zeit (Sabb. 130 a und jer. Ket. cap. V, vgl. auch Onktes zu 2. Mos. 24, 8) als Bezeichnung für den M o h e l galt. Der Herausgeber, selber practischer Mohel und auch theoretisch in dem Fachschriftthum gründlichst belesen, begnügte sich nicht damit, diese Handschriften einfach zu ediren, sondern fügte denselben erläuternde Randbemerkungen, zugleich aber eine selbstständige Supplementbeigabe hinzu, ein reichhaltiges Material von Excur se n enthaltend, die den kritischen Leser jedenfalls zu weiterem Forschen und Nachdenken anzuregen geeignet sind. So z. B über die in verschiedenen Ländern bei der Circumcision üblichen rituellen Gebräuche, wie in Jerusalem, Japan, Nordafrika, bei den Falaschay; über die Entstehungszeit der Periah über die im Alterthum gegen die Circumcision erlassenen feindlichen Decrete, und Legenden, die sich hieran knüpfen (irrthümlich ist 5. 188 R. Gamaliel als Vater des R. Jehuda Hanaßi genannt); über Androgynos; über die Circumcision bei anderen Volksstämmen; über den Eliasstuhl; über die Namensbeilegung der neugeborenen Knaben (zu dem S. 250 aus kerein ebemed IV citirten Briefe von Professor Della-Torre, betreffend christliche Gelehrte mit biblischen Namen, ließen sich noch hinzufiigen: Hiob Ludolf, Jmanuel Kant und Ephraim Lessing); über Proselyten (zu dem S. 280 besprochenen angeblichen Uebertritte des Philosohen Aristoteles zum Judenthum und seinem täglichen Morgengebete, vergl. meine „Studien" S. 261). Der kundige Leser ersieht hieraus, wie viel fruchtbarer Stoff zu selbstständigen Nachdenken sich ihm hier bietet. Daß aber dieses Buch des fleißigen Sammlers sich auch anderweitig mit Vergnügen liest, erweist z. B. (S. 226) die rührende Erzählung von dem redlichen jüdischen Schneider, oer aus seinem Todtenbette letzwillig hinterließ, man solle ihm seine Scheere und seine Elle in das Grab mitgeben, und aus. dem Tisch, auf dem er die Kleiderstoffe zuschnitt und nähte, seinen Sarg zimmern. Wir fügen noch endlich hinzu, daß das Buch in einem fließenden, correcten Hebräisch geschrieben ist. ad 2. Nach einer midraschischen Legende hatte Gott am 6. Schöpfungstage aus den Staubatomen aller Erdzonen den Stoff gebildet, aus dem der Mensch hervorging, damit er als echter Weltbürger auf dem gesammten Erdrunde ungeschmälertes Heimatrecht beanspruchen könne. Nun könnte man fast Aehnliches auch von unserem jüdischen Schriftthum aussagen — daß nämlich alle Erdtheile und Länderstriche durch das Medium ihrer verschiedenen Sprachidiome zusammengewirkt haben, das jüdische Schriftthum zu einer Weltliteratur zu gestalten. Abgesehen von den modernen Sprachen, hatte doch auch schon die vollendetste und ausgebildetste Sprache der alten Welt, die griechische, durch unschätzbare Beiträge unser jüdisches Schriftthum bereichert. Und auch Roms Weltsprache ist hierin nicht ganz zurückgeblieben. Was Syriens und auch Persiens Sprachen mirgewirkt, braucht keinem Kundigen erst gesagt zu werden. Und nun erst welch' kostbaren Tribut an literarischen Schätzen, die nicht nur gezählt, "sondern auch gewogen werden können, hat Arabiens herrliche und feinsinnige Sprache zur Bereicherung unserer jüdischen Weltliteratur in so großer Fülle beigetragen! Aber siehe da, selbst die viel ärmere und nur wenig gekannte Schwestersprache, der arabischen — die sogenannte Lesana Geez, das ist, Abyssiniens Hauptsprache, die Aethiovische — die der deutschen Gelehrtenwelt erst durch die 1702 erschienene Grammatik Hiob Ludolfs zugänglich geworden — hat zur Bereicherung des großen jüdischen Schristthums durch zwei werthvollet literarische Beiträg emitgewirkt: „DasBuch derJ ub ilä e n" (Deusch von Dillmann, Göttingen 1859) und das „Buch Henoch" (im äthiopischen Original, London 1844, Deutsch von Hoffmann, Jena 1838 und von Dillmann, Leipzig 1853). Jedoch wie der dunkle Erdtheil, aus dem die beiden Schriften kamen, eben so dunkel ist die literarische Entstehungsgeschichte dieser beiden Schriftdenkmäler. Welches war die Ursprache derselben, in welchem Jahrhundert sind sie entstanden und wer waren die Verfasser? Daß das Buch Henoch das ältere von Beiden ist, das steht fest. Denn im 4. Cap. der Jubiläen wird schon das Henochbuch besprochen (vgl. die Einl. des hier angezeigten Buches). Ebenso sichtbar ist, daß die beiden Schriften schon in die mittelalterliche Midrasch-Literatur Eingang gefunden. Das Verdienst, dieses Letztere zuerst nachgewiesen zu haben, gehört unbestritten dem Herrn Dr. Jellinek. Mit dem instinctiven ° Scharfblicke des literarischen Kritikers hatte er schon im 3. Bde. seines Bet-Hamidrasch (S. XXIII) Anklänge an das Henochbuch im mittelalterlichen hebr. Schriftthum vermuthet, und diese Vermuthung verwandelte sich ihm dann im 5. Bande (S. XXIV) zur vollen Gewißheit, durch das agadische Material, das er auf ,S. 170—190 mitzutheilen in der Lage war. Und ebenso verhält es sich auch mit dem Buch der Jubiläen. Die Anregung, die hierüber Jellinek im 3. Bande (S. X) gegeben, brachte den gelehrten Kritiker Abraham E p - stein (Beitr.zurflid. Altherthumskunde S. V) auf die Idee, daß diese Schrift dem Midrasch Tadsche zu Grunde liege. Interessant ist auch der von Herrn Epstein (S. VII) erbrachte Nachweis, daß dieses Buch der Jubiläen schon in Zeiten Saadia Fayumi's und zwar viel vollständiger als im äthiopischen Text — den Gaonen bekannt war.