Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-06 · 1 (6.1.1893) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
1 (6.1.1893)
Date
1893-01-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020955--02034-3026103
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 1 Heite -10 Orsterrerchrfche Wochenschrift Damit war die Sache erledigt. Der liebe Ehrendirector jedoch wollte oder konnte sich von den genannten Bildern nicht trennen und machte keine Miene, das Geld zu retourniren, bis Her Vater durch einen Kartenbrief dasselbe energisch verlangte. Er hätte vielleicht dem nicht entsprochen, wenn nicht eben gegen ihn eine Untersuchung wegen ungerechtfertigten Vorgehens gegen die jüdischen Lehren vorläge. Diesen Ehrenmann werden wir in der nächsten Nummer illustriren, daß die Welt staunen wird, wie man einen solchen Mann als Director einer Bürgerschule belassen kann. bull. Wodniau, 29. December. (Zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Judengemeinden.) Wie bekannt, wurde das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelit. Cultusgemeinden längst promulgirt, und die Bollzugsclausel bestimmt, daß dasselbe binnen drei Jahren, d. i. bis 21. März 1893, durchgeführt sein Müsse. Dies ist bei den meisten Cultusgemeinden der im Reichsrathe vertretenem Länder bereits geschehen, mit Ausnahme von Böhmen, wo das Operat schon seit fünf Vierteljahren beim Ministerium für Cultus und Unterricht unerledigt liegt. Welches Chaos diese Verzögerung in den Cultusgemeinden Böhmens dadurch Hervorrufen wird, läßt sich leicht erklären. Hie und da lehnen sich selbst vermögende Mitglieder der Cultusgemeinden gegen Cultusabgaben auf und zahlen diese Beträge nicht; die Vorstände. der Gemeinden appelliren in allen Instanzen und gehen mit ihrem Anliegen bis an den Verwaltungs-Gerichtshof, der von dem sanctionirten Gesetze vom 21. März 1890 keine Notiz nimmt und die säumigen, respective renitenten Zahler in ihrem Vorhaben bekräftigt. Diese traurigen Verhältnisse äußern ihre Rückwirkung aber am meisten auf die Functionäre der Cultusgemeinden, da sie materiell und social darunter leiden. Und noch immer wartet man auf die Erledigung der Angelegenheit durch das Unterrichtsministerium. Budapest. 15. December. Eine besondere Ehre wurde heute unserem, unter den städtischen Aerzten eine hervorragende Stellung einnehmenden, hochgeachteten Glaubensgenossen Doctor Jacob Schächter zu Theil. Derselbe wurde nämlich in der heute äbgehaltenen Sitzung des Municipalausschusses als Stadtrepräsentant der Haupt- und Residenzstadt Budapest, einberufen, Dr. Schächter, welcher Bicepräses der hiesigen orthodoxen Gemeinde, wie auch Präses mehrerer Wohlthätigkeitsvereine ist, um deren Aufblühen er sich besondere Verdienste erworben, ist einer der gesetzestreuesten Jehudim Ungarns, und wurde daher seine Ernennung als Stadtrepräsentant in allen diesen Kreisen fteudigst begrüßt. L. Berlin, 29. Dez. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat mit geringer Mehrheit beschlossen, sich mit einer Adresse oder Petition an den Kaiser zu wenden, um Schutz gegen den Antisemitismus oder dessen etwaige Ausschreitungen zu erbitten. Sehr angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind gegen diesen Plan und in den freisinnigen politischen Kreisen hält man ihn für einen großen Fehler. Dem gibt heute die „Volkszeitung" in einem Leitartikel Ausdruck. Sie sagt: Die Verfaffung gewährt den Juden alle staatsbürgerlichen Rechte; was wollen sie also darüber hinaus erbitten? Wollen sie sich etwa persönlich unter den Schutz des Kaisers stellen? Sie haben Rechte und brauchen nicht zu bitten. Es liegen keine Anzeichen vor, daß die Staatsregierung ihre staatsbürgerlichen Rechte etwa beseitigen wolle. Auch ob eine etwaige Verurtheiluug des Antisemitismus durch den Kaiser Erfolg haben würde, sei ftaglich. Wie die „Volksztg." mittheilen kann, ist der telegraphisch erwähnte Beschluß des Vorstandes, der hiesigen jüdischen Gemeinde eine Petition um Schutz an den Kaiser zu richten, im Repräsentantenkollegium nicht einstimmig gutgeheißen worden, vielmehr haben sich fünf Mitglieder gegen die Adresse erklärt. München. 29. December. (Literarischer Proceß.) Ein interessanter literarischer Proceß kam vor dem Landesgerichte in München dieser Tage zur Verhandlung. Der Schriftsteller Hoftath Maximilian Schmidt hatte Differenzen mit der Verlagsanstalt Liebeskind in Leipzig, weil diese plötzlich den dreizehnten Band seiner Werke in kleinerem Druck und kleinerem Format als die früheren Bände erscheinen lassen wollte. Schmidt verweigerte das Lesen der Correcturbogen und wurde deshalb von der Firma auf Schadenersatz verklagt. Er stellte Widerklage auf Herstellung der noch fehlenden Bände in dem ftüheren Format und Druck. Das Landgericht hat die Klage der Firma abgewiesen und sie verurtheilt, drei Bände von 1891 in dem bisherigen Druck und Format herzustellen, wenn Schmidt den Eid leistet, daß er mit der Firma niHsts ausgemacht, die Bände im Verhältniß zu ihrem Absatz erscheinen zu lassen. Die Firma hatte nämlich das Letztere behauptet und dabei geltend gemacht, die Schriften Schmidt's fänden weniger Absatz, weßhalb sie durch billigere Herstellung einen Ausgleich habe schaffen wollen. Durch den kleineren Druck hätte sich auch das Bogenhonorar für den Autor ermäßigt. Maximilian Schmidt behauptet, die Differenzen mit der Firma datiren von seiner Weigerung, ihr eine antisemitische Erzählung zu schreiben. Posen. (Unerhörte antisemitische Rohheit). Die „Posener Ztg." schreibt: Von zuverlässigen Augenzeugen erhalten wir aus S am t e r folgenden Bericht über ein antisemitisches Heldenstückchen, das an Niedrigkeit und Brutalität schon deshalb kaum seines Gleichen haben dürfte, als die Verüber der sogenannten „akademisch gebildeten" Classe angehören. Wir wollen hier unsere Gewährsmänner selbst zu Worte kommen lassen: „In unserem Bahnhofsrestaurant, welches doch eigentlich nur für das reisende Publikum bestimmt ist, besteht seit Langem ein regelmäßiger Verkehr von Beamten, namentlich solchen, die antisemitisch gesinnt sind. Solange dieses Treiben jedoch kein Aergerniß erregte und nicht in directe Beleidigungen ausartete, wurde es nicht an öffentlicher Stelle gerügt. Folgendes hat sich aber in der Nacht vom 17. zum 18. zugetragen. Es saßen im Wartesaale 1. und 2. Classe der Sanitätsrath Dr. Schneider, der Thierarzt Melzin, der Kreissecretär, der Rentmeister Müller und verschiedene Andere, sogenannte Notabilitäten der Stadt. Die Herren Moritz Mottek und Louis Holländer, der Kaufmann Louis Cohn nebst Sohn aus Breslau sowie eine Dame aus Obersitzko wollten des Nachts um 4 Uhr verreisen. Als Herr Mottek in den Wartesaal trat, wurde er mit schmählichen Beleidigungen vom Sanitätsrath Dr. Schneider überschüttet lmd zwar begrüßte ihn derselbe mit den Rufen: „Da kommt schon wiedermal so ein verfluchter Jude, was will denn der Jude, raus mit ihm" und verschiedene andere Redensarten, die zu gemein sind, um hier niedergeschrieben zu werden. Sch. drohte mit dem Bierseidel in der Hand und da M. von den anderen Herren nicht mit einem Worte geschützt wurde, und der Uebermacht nicht gewachsen war, verließ er schieunigst den Saal. Als die Genannten nach mehrmaligem Nachsehen, ob die Fahrkarienstelle geöffnet sei, endlich solche geöffnet fanden, schritten Alle heran und dabei spie der Sanitätsrath zweimal vor Herrn Louis Cohn aus, und begann wieder auf die Juden zu schimpfen. Um Beschwerde zu führen, ging Cohn ins Stationszimmer und wurde vom Sauitätsrath verfolgt. ' Da die also Jnsultirten Thätlichkeiten befürchteten, begleiteten alle Herrn Cohn. Doch wurden dieselben vom Stationsbeamten nicht geschützt, sondern mußten sich noch neue Beleidigungen seitens des Sanitätsrathes mitanhören. Dr. Schneider wollte den p. Cohn ohrfeigen, doch traf der Schlag den Moritz Mottek ins Gesicht. Wunderbar ist es, daß solchen Herren gegenüber unsere Beamten leine Energie zu besitzen scheinen. Wie es schon bekannt wird, hat die genannte Gesellschaft auch unseren Rabbiner Dr. Wreschner, der in der Nacht um 1 Uhr so tfuhr, und noch in Hamburg weilt, beleidigt. Ein rechtes Beispiel für ihren rücksichtlichslosen Rassenhaß haben die genannten Herren noch den Fahrgästen des um s/47 Uhr abgehenden Zuges bewiesen. Einem Herrn von Mielinsky, Pole, den die Herren für einen Juden angesehen haben, wurde der Mantel vom Körper heruntergerissen. dabei wurde Herr v. M. geschlagen und „Judenjunge" geschimpft; hierbei hatte sich besonders der Thierarzt Melzin in seiner ganzen Größe gezeigt." So weit unsere Gewährsmänner; auf die Sache selbst werden wir natürlich noch zurückkommen. Wie wir von anderer Seite erfahren, soll sich unter den gröblich Jnsultirten auch eine Dame (wahrscheinlich jene Dame aus Obersitzko?) befunden haben. Da, wie wir ferner hören, eine gerichtliche Untersuchung bereits eingeleitet ist, so wollen wir uns nähere Auslassungen über das Verhalten der dienstthuenden Beamten, deren Namen wir ebenso wie die der übrigen Theilnehmer an dem Scandal noch veröffentlichen werden, aufsparen, bis noch mehr Licht in die ganze abscheuliche Angelegenheit gekommen ist. Wir hegen das feste Vertrauen zu unseren Behörden; daß sie sowohl gegen die activ Betheiligten, wie gegen die durch ihr passives Verhalten Mitschuldigen mit einem Ernst Vorgehen werden, der hoffentlich seinen heilsamen Eindruck auf ähnliche Cumpane nicht verfehlen und die Ehre unserer Bahnbehörden den Mitbürgern wie dem Auslande gegenüber auf's nachdrücklichste wahren wird. Hannover, 26. Dezember. Auf die Behauptung des Herrn Liebermann v. Sonnenberg, daß auch einige, „wölfische Abgeordnete zu den jüdischen Freicorps zählen", erwidert pas Organ der Deutsch-Hannoveraner, die Deutsche Volksztg.: „Ein Freicorps waren wir ja auch im Culturkampfe und unterm Socialistengesetz in Bezug auf die Katholiken und- Sociale Demokraten. Vater jener Äusnahmegesetze wollte später bekannt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.