Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Vesterrrichische Wochrnfchrrst Seite 7 holt von Beifall unterbrochenen Erläuterungen. Der Rechnungscbschluß j*eiqt eiiteu Gebahrungsüberschuß von ff. 5500. SSott einzelnen Posten sind heworzuheben: Die Vermiethung der Betsitze haben ergeben fl. 5847. — Trauungstaxen fl. 2112. Ein Beweis, welcher Anerkennung der Vereinstempel sich erfreut. Cassasaldo schließt ab mit fl. II.08I , qegei! fl. 9916 im vorigen Jahre, trotzdem fl. 200v mehr an Schulden getilgt worden sind. (Lebhafter, langanhaltender Beifalls. Im Namen der Revisoren beantragt Herr Neschowsky, dem Vorstand das Absolntorium zu ertheilen. (Einstimmig angenommen). Cultusvorstand Herr Salo Cohn spricht seine Befriedigung aus über das erfreuliche Bild des Gedeihens, welches er hier wahrnimmt. Unter sämmtlichen Tempelvereinen Wien's bietet der Mariahilfer einen Lichtblick. Hier zeigt sich geordnete Verwaltung, fiuancielle Consolidirung und ein vielbewunderter Gottesdienst. Der Verein dankt oas in erster Linie seiner intelligenten Leitung und seinem hochverdienten Präsidenten. Er werde nicht ermangeln, dem isr. Cultusvorstande von diesen Wahrnehmungen getreulich Bericht zu erstatten. (Lebhafter Beifall). Präsident Fleischer dankt dem Vorredner nicht blos für die freundliche Anerkennung, sondern auch für die vielen Wohlthaten. die er dem Tempelvereine erwiesen und bittet ihn, dem isr. Cultusvorstand den Dank der Generalversammlung zu übermitteln. Im Namen der Scrutatoren verkündet Herr David Kohn das Wahlresultat. In den Vereinsvorstand wurden gewählt: Herr Liebermann mit 90, Herr Po link mit 90, Herr Ruzicka mit 88, Herr Fessler mit 87. Herr Tofsler mit 56 Stimmen. Auf Fabrikanten Adolf Roseubaum entfielen 37 Stinnnen. Hierauf erklärt der Präsident Herr Max Fleischer die 19. Generalversammlung für geschlossen. Eingesendet. Aus Mariahilf erhalten wir nachstehende Zuschrift: Geehrter Herr Redaeteur! Sie werden mich und mit mir viele Gesinnungsgenossen verpflichten, wenn Sie nachstehender Zuschrift Raum in Ihrem geschätzten Blatte gewähren. Herr Adolf Rosenbaum wurde, von vielen Bereinsgenossen, darunter auch von einem Mitgliede des Vereinsvorstandes wiederholt eingeladen, in die Vereinsleitung einzutreten, für den Vorstand zu eandidiren. Er hat dieses Ansinnen für jetzt entschieden abgelehnt und um jeder Eventualität zu entgehen, hat er es vorgezogen, den Tag der Wahl zu geschäftlichen Versorgungen außerhalb Wiens zu verbringen. Wenn trotz dieser entschiedenen Ablehnung seitens des Herrn Rosenb aum 37 Stimmen, nahezu die Hälfte auf seinen Namen sich vereinigten, so geschah das nicht in seinem Sinne, aber es war immerhin ein Beweis der Beliebtheit, deren sich Herr Rosenbaum erfreut. In der That waren viele angesehene Vereins« genossen, Kaufleute, Hausbesitzer und Fabrikanten in die Vereinsversammlung gekommen, speciell um Herrn Rosenbaum zu wählen. Wäre er persönlich erschienen und hätte erklärt, eine Wahl anzunehmen, so wäre er zweifellos gewählt 'worden, trotz der unleugbaren sympathischen Persönlichkeit des Herrn Toffler. W. Synagogrnchor und Orgel. Von Obercantor I. Singer in Wien. (Schluß.) Ist die Orgelbegleitung beim Synagogengesang nothwendig? Eine schier müßige Frage in einer Zeit, da in Tausenden von Synagogen bereits Orgelklang ertönt und selbst die kleinste Dorfgemeinde auf die fortschrittliche Errungenschaft, den Orgeldienst, mit Emphase hinweist. Seltsamer Weise findet sich jedoch in keinem einzigen Mischen Gemeindestatute irgend eine Andeutung bezüglich der Wirksamkeit der Orgel in der Synagoge. Und darin besteht der große Fehler, den unsere Altvordern mit den überhasteten Synagogen-Orgelbauten begingen. Anstatt vorerst festzustellen, tvozu eigentlich die Orgelklänge taugen oder nicht taugen, und dann zu einem eventuellen Resultate des Nichtbauens zu gelangen, proclamirte man zuerst den Bau, sammelte die Gelder für denselben und beeilte sich, den einer momentanen Lieblingsidee entstammenden, jedoch jeder berechtigten Nothwendigkeit entbehrenden Orgelbau möglichst rasch zu vollenden. Nun ward das große Werk vollendet; die heißersehnte Orgel stand in der Synagoge, und jetzt erst legte man sich die Frage vor: Wann und was soll die Orgel spielen?*) . *) In einer venetianischen Synagoge befindet sich eine Orgel tuit zerrissenen Bälgen und zerbr ochenen Tasten. Im jerusalemitifchen Tempel soll ein Instrument angewendet worden sein, welches aus Pfeifen bestand cm cm2 tifisn xrnrr», deren Größe allmählig zunahm nm-rra rrcmV Dttxy D'3^m — das ist jedenfalls die Pauspfeife — oder wie der talmudische Ausdruck lautet „Maschrokita". Beide Benennungen „Pauspfeife, Maschrokita" deuten unstreitig auf den nichtjüdischen Boden hin, dem sie entstammen, und auf nichtjüdischem Boden wurde auch die Vervollkommnung des Instrumentes bis zur heutigen Vollendung der Orgel mit Registern und Manualen herbeigeführt. — Fromme christliche Componisten und gottbegnadete Männer arbeiteten mit ihrer ganzen Künstlerschaft für die Orgel, so daß im Laufe der Zeiten sich eine specielle Orgelliteratur, die mit dem Kirchenstyle identisch ist, herausbildete; so entstanden die Werke Palestrina's, Händel's, Bach's :c. — Die Orgel und ihre Literatur dienten lediglich dem christlichen Gottesdienste und galten für unentbehrliche Behelfe der katholischen Kirche, deshalb galten auch die betreffenden Kirchencomponisten für fromme Männer, die in ihrer Gottesbegeisterung die betreffende religiöse Musik schufen.*) Orgelklang, Kirchengesang und Orgel erscheinen somit als sich deckend^ Begriffe und können durch Deuteleien ihrer Eigenart nicht entkleidet werden. Selbst heute, in unserer so überaus fortschrittlichen Zeit, wo man die Orael als Coneertinstrument benützt, darf und kann kein Orgelvirtuose es wagen, auf der Orgel eine andere als eine Kirchencomposition vorzutragen. Was ferner das Vorhandensein einer Orgel im Tempel zu Jerusalem betrifft, gehen die Ansichten auseinander; Hieronymus spricht von einer hebräischen Orgel, bei welcher zwei Elepbantenhäute als Blasbälge dienten, die eherne Pfeifen in solch mächtiger Weise anbliesen, daß der Ton auf mehr als tausend Schritte gehört lvurde. Auch im Talmud Tractat Erachin fol 10 c. 2 ist vou einer Magripoh. einem Instrumente die Rede, welches 10 Vertiefungen (Ne kowim) hatte, von denen jede zehn verschiedene Klänge (Mine .--einer), demnach genau hundert verschiedene Klänge hervorbrachte. Diese bedeutungsvolle Stelle könnte für minder Eingeweihte den scheinbaren Beweis erbringen, daß im Tempel zu Jerusalem wirklich ein Pfeifenwerk beim Gottesdienste verwendet tvurde. Allein, wer nur einigermaßen mit dem Baue der selbst ältesten Orgeln vertraut ist. tveiß es zur Genüge, daß es musikalisch unmöglich sei, zehn Pfeifentöue gleichzeitig anzublasen, wenn dieselben nicht harmonisch abgestimmt werden. Da nun von einem harmonischen Zusammenklinqen (Accord) zu jenen Zeiten noch gar keine Rede war. so müssen diese vielen Pfeifen entweder einen riesig verstärkten Einklang oder ein Zusammenschallen verschiedener Klänge hervorgebracht haben, was jedenfalls nur ein Chaos von Klängen, demnach nur einen verworrenen Schall bewirkte, der sehr weit gehört wurde. Diese Anschauung wird auch durch eine Stelle im Erachim bestätigt, die da lautet: nc>':n ns im>'m m> demnach einen verworrenen Eindruck machte. Es wird auch in der That nirgends behauptet, daß das Instrument Magripoh bei den gottesdienstlichen Gesängen Anwendung fand, sondern lediglich dazu verwendet wurde, um zu einer gewissen Zeit durch eine mächtige Schallwirkung den außerhalb des Tempels sich befindlichen Personen auzuzeigen, wie weit die gottesdienstliche Handlung vorgeschritten sei (Tract. Tbamid fol. 33 L.i) und in der That war die Magripoh nichts anderes als ein eigenartig gebautes Schallwerkzeug, welches zur obenerpiähuten Zeit von einem Leviten auf ein Becken geworfen wurde (npc') und den erwähnten, auf mehr als tausend Schritte zu hörenden Schall hervorbrachte. So viel von der Magripoh. Eine bei den Griechen übliche hydraulische Orgel gab es im Tempel nicht (tsnpöa ,*r»n »V cSrnn) — dieser Ausspruch im Tract. Erachin enthebt uns jeder weiteren Auseinandersetzung. Wir vermeinen nun nachgewiesen zu haben, daß der übliche Hinweis auf eine im jerusalemitifchen Tempel schon in Anwendung gewesene Orgel hinfällig erscheint, demnach als eine etwaige Entschuldigung für die Orgeleinführung in der modernen Synagoge nicht erachtet werden kann. __ Biel wichtiger noch als das Borangeschickte muß jedoch die Thatsache erscheinen, daß die Prosodie der hebräischen Sprache *) Wir können uns hiebei einen Ausspruch des Biographen Jvh. Seb. Bach's als klarsten Beweis für unsere Behauptung nicht versagen. (H. Bittner sagt: „Bach gehörte der großen Zahl von Männer an, 'welche im orthodoxen Glauben erzogen, die strenggläubige Lehre in sich ausgenommen, mit ihr völlig verwachsen waren: er war ein treuer Diener seiner Kirche; die kirchlichen Anschauungen waten ihm die Lebenslust, in der er athmete.