Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Orsterrerchische Wochenschrift Seite 5 rathern und Hilfsgenossen in den Vereinigten Staaten in Verbindung getreten, um auch dort Ackerbancolonien zu gründen und wir haben Grund zu der Annahme, daß die Bevölkerung von Nordamerika ihre Sympathien uns nicht versagen wird, zumal, wenn die Thatsache. erst einmal anerkannt worden ist, daß die sich dort niederlassenden jüdischen Elemente ihre Thatkraft weniger den Berufsarten des Handels, als denen des Ackerbaues zuwenden. Nach unseren Absichten indeß muß die argentinische Republik den Prüfstein des Werkes der Colonisation bilden; sobald das Unternehmen dort von Erfolg begleitet ist, kann die Sphäre unserer Thätigkeit auch auf andere Gegenden ausgedehnt werden. Wir können eine Kritik nicht übergehen, die oft angestellt wurde, daß nämlich die Mittel der ckewisb Colonisation Association nicht ausreichen, dieses große Unternehmen durchzuführen und daß, wenn man die große Anzahl der zu versorgenden Individuen in Betracht ziehe, jedes derselben nach dem gegenwärtigen finanziellen Stand nur höchstens ungefähr 20 Francs erhalten würde. Bon diesem Standpunkte betrachtet, würden unsere Mittel allerdings zu klein sein. Aber unser wirklicher Grundgedanke ist ein ganz anderer. Vor Allem müssen wir unserer Arbeit eine solide Basis geben und wenn dies erreicht ist, werden die weiteren Entwicklungsstadien ganz von selbst sich vollziehen. In Wirklichkeit wird das ursprüngliche Capital, welches durch Geschenke bereits vergrößert wurde, von uns nur als Ausgangspunkt betrachtet; wir denken gar nicht daran, das Capital in einer uuproductiven Weise nutzbar zu machen. Es ist unser Wunsch und Ziel, daß die durch dieses Capital erzielten Producte nicht zur Bertheiluug von Dividenden verwandt — das ist durch die Statuten unserer Association verboten — sondern zur weiteren Entwicklung unseres Werkes und zur Erweiterung unserer Wirkungssphäre benutzt werden sollen. Das bereits erworbene Land sowohl, wie dasjenige, welches noch gekauft werden wird, soll den Colonisten nicht kostenlos übergeben, sondern ihnen verkauft werden und zwar in der Form von jährlichen Abzahlungen, zu welchen die Kosten der Jnstallirung und Verwaltung zugeschlagen werden. Es besteht also die Absicht, das ursprüngliche Capital beständig wiederholt umzusetzen und mit vermehrter Ausdehnung zu verwerthen. Um dies verständlicher zu machen, geben wir folgendes Beispiel: Eine Familie erhält für Anpflanzungen und Jnstallirung Eigenthum bis zum Werthe von ungefähr Lstr. 150 und außerdem noch einen Antheil von ungefähr 150 Acres Land im Werthe von Lstr. 100. Auf diese Weise wird die Familie mit 250 Lstr. Schuldner der Association. Diese Summe, verzinst zu 5 Procent jährlich, wird auf zehn jährliche Abzahlungen von ca. 32. 7. s. 6 ä vertheilt, eine Quote, die bei weitem geringer ist, als das Minimum dessen, was andere Colonisten in Argentinien, den dort bestehenden Auswanderungsgesellschafteu oder Privaten zu zahlen haben. Dieser Berechnung ist das normale Erzeugniß des wohlgewählten und gnt bearbeiteten Bodens zu Grunde, gelegt. Wenn wir nun annehmen, daß nach 3 oder 4 Jahren des Probirens die Colonisten vorwärts kommen und in der Lage sein werden, ihre jährliche Abzahlung zu leisten, so kann die Association ihren Wirkungskreis erweitern und in der Capitalisirung dieser jährlichen Zahlungen die für das zukünftige Wirken nöthigen Fonds .finden. Dies ist eine einfache financielle Operation, welche sichere Garantien bietet und Niemandem Opfer irgend welcher Art auferlegt. Wir kommen nun zu der financiellen Lage der Association. Am 30. September waren von dem ursprünglichen Capital, welches Lstr. 2,000.000 betrug, Lstr. 330.«>00 verausgabt, davon Lstr. 960.000 zum Ankauf von Land (ca. 10 Schilling pro Acre), der Rest insbesonders für die Jnstallirung der Colonisten. Die Anzahl der thatsächlich im Besitz von Land befindlichen Familien beträgt ungefähr 1000 und die Ausgaben bis zum 30. September belaufen sich auf ungefähr Lstr. 160 pro Familie, eine Summe, die voraussichtlich erhöht werden wird, wenn man in Betracht zieht, daß die Jnstallirungsarbeiten noch nicht vollendet sind. Bevor wir unseren Bericht schließen, haben wir die traurige Pflicht zu erfüllen, Worte des Gedenkens Herrn Isidore Loeb, einem Mitgliede unseres Berwaltungsrathes zu widmen, durch dessen Verlust die Association eines ausgezeichneten und hingebungsvollen Förderers beraubt wurde. In Uebereinstimmung mit den Statuten ist Seitens des Berwaltungsrathes Herr Herbert Lousada an seine Stelle gewählt worden." Eine Frage. „Werthe Freunde des Reiches Gottes!" Unter dieser Aufschrift wird jetzt von orthodoxer Seite ein vom General-Superintendenten Dr. theol. Braun empfohlenes Flugblatt verbreitet, in welchem Herr Pastor Wilhelm Faber in Tschirma bei Greiz um milde Spenden bittet zur Betreibung der Judenmission noch weit hinter der Türkei, nämlich in Persien. Eingeleitet ist das Flugblatt durch folgende Sätze: „Mit GotteS Hilfe bin ich von meiner viermonatlichen Reise nach Persien zurückgekehrt: ich habe den Ararat, den hehren Zeugen der großen Thaten Gottes, in seiner stillen Majestät gesehen, an der ihm wohl kein Berg aus der Erde gleichkommt. Ich habe Nacht um Nacht aufgeschaut zu dem strahlenden Sternenhimmel, den Abraham schaute, und bin in den Ländern gewandert, wo seine Herden weideten. Die kümmerlichen Reste des Volkes, das einst an den Wasserflüssen Babylons saß und weinte und seine Harfen . an die Weiden hing, habe ich ausgesucht; es ist dort heute noch gedrückt wie in den Tagen der babylonischen Gefangenschaft. Gerade durch den Druck aber und durch den täglichen Schimpf, den es von den Bekennern des Islam ertragen muß, ist sein Herz ein wenig empfänglicher als in andern Ländern. In Miandab saßen in stiller Nachtstunde auf dem Dache dicht gedrängt die Häupter der jüdischen Familien um mich und klagten mir ihr Leid. In Sakkas hatte gerade die Wut des Pöbels eine Synagoge bis auf das Fundament zerstört." Also der islamische Pöbel beschimpft die Juden täglich und die Juden werden dadurch in Persien ein wenig empfänglicher für das Christenthum. Bei uns werden gegen die Juden von Christen, und zwar von der besonders' ausgezeichneten Spielart, der Antisemiten, in Versammlungen, in der Presse, in Flugblättern täglich die beschimpfendsten Äußerungen ausgestoßen. Es ist dies vielleicht der Grund, warum die Juden hierzulande im Allgemeinen für das Christenthum weniger „empfänglich" sind, als ihre Glaubensgenossen in Persien. Nun giebt es zwar auch bei uns eine Judenmission, über deren Erfolge wir uns kein Urtheil aumaßen. Aber es wird den Juden in einer vom christlichen Standpunkt aus allerdings gänzlich unbegreiflichen Mißachtung des Werthes eines christlichen Sakraments, von den gegen sie hetzenden Christen oft genug gesagt, daß die christliche Taufe für sie nichts bedeute; sie blieben doch, was sie gewesen. Weniger unchristlich, dafür aber mehr „wissenschaftlich" ausgedrückt, heißt das, die sogenannte Judensrage sei eine „Rassensrage". Wäre es unter solchen Umständen nicht besser, die christliche Mission, welche nach Persien gehen will, um dort das Reich Gottes auszubreiten und dadurch die verfolgten und gehetzten Juden gegen den antisemitisch-islamitischen Pöbel zu schützen, finge ihr Werk bei uns an, um sich mit Ostentation christlich nennenden Antisemiten mit den Grundlehreu des Christenthums als einer Religion der Liebe ein wenig bekannter zu machen? Freilich käme es darauf an, ob die Antisemiten empfänglich für diese Lehre sein würden, empfänglicher etwa, als die Juden in Miandab und Sakkas, deren Synagoge der dortige, antisemitische Pöbel in Asche gelegt hat. Vielleicht senden die europäischen Antisemiten einige Missionäre nach Persien, um den dortigen Juden Begriffe vom „practischen Christenthum" beizubringen, zu zeigen, daß wenigstens in Bezug aus Niedertracht und Verfolgung, Orient und Occident sich einander die Hände reichen. Die Generalversammlung des Israel. Tempelvereinrs für Mariahilf und Neubau. Mittwoch am 28. December 1892, Abends 7 Uhr. fand im Restaurant S. L ö b l, VI., Kasernengasie 20 die XIX. ordentliche Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau unter ungewöhnlich starker Betheiligung der Bereinsmitglieder statt. Der Vereinspräsident, (5 u l t u s v o r st e h e r A r ch i t e k t Max Fleischer hat sich durch sein ernstliches Unwohlsein nicht hindern lassen, auch diesmal seine Pflichten als Präsident z.l erfüllen. «Er eröffnete die Versammlung und begrüßte in herzlichen Worten den Vertreter des Wiener israelitischen Cultusvorstandes Herrn Salo Cohn, sowie den Reichsrathsabgeordneten Herrn Dr. Bloch, welche als Gäste erschienen. Vorstandsmitglied Herr Hermann Lieberuraun verliest das Protokoll der letzten Generalversammlung, nach Verificirung des-