Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Orsterrerchifche Wochenschrist Nr. 1 unter dem Vorwände, sie wären „Wucherer" und „Blutsauger". Wenn ein unbefangenes Blatt die Hinfälligkeit dieser Anschuldigung darthut, so glaubt man ihm nicht; um so bemerkenswerther ist es deshalb, daß das wüthigste aller Antisemitenblätter Rußlands, die „Nowoje Wremja", dazu beiträgt, dieses Märchen zu zerstören, und zwar in einer Zuschrift aus Barnowka (Wolhynien), welche wichtig genug erscheint, sie in vollem Wortlaute hier mitzutheilen: „Die Ausweisung der Juden aus den Dörfern und Landgegenden wird mit Eifer und Strenge betrieben; es gibt jetzt nur noch wenige Juden in der Gegend, und wird deren bald noch weniger geben. In unserem Dorfe ist kein Jude mehr geduldet worden; wogegen wir deren ehemals fünfzig zählten. Die Bauern sind über ihren Fortgang nicht im mindesten zufrieden. Die wirklichen Juden sind bei uns durch Juden, die der russischen Kirche angehören, ersetzt worden, das heißt durch Christen, sie sind einander werth. Die Bauern sind in die Hände christlicher Wucherer gefallen, die sie erdrücken und in einer Weise zu Grunde richten, wie es die Juden niemals gethan haben. Unsere Bauern sind oft in plötzlicher Geldnoth, und die neuen Wucherer borgen nur zu 100 und 150 Procent jährlich. Oft verlangen die Wucherer sogar Garantien; dem Gläubiger wird alsdann ein Schriftstück über den Schein verkauf des Hauses oder der Grundstücke des Schuldners übergeben. Wenn es dem Bauer nun nicht gelingt, die Zinsen oder das Capital aufzubringen, wird der Scheinverkauf zu einem wirklichen und der Wucherer wird fast umsonst zum Besitzer. Dieser Microbus unserer Landgegenden läßt die früheren jüdischen Wucherer weit hinter sich zurück; dafür können wir uns zum Trost sagen, daß unsere neuen Wucherer der russischen Rasse und christlichen Religion angehören. Daher wird nun auch der Weggang der Juden von unseren Bauern lebhaft bedauert. Wir dürfen hinzufügen, daß seit einiger Zeit und von allen Seiten Klagen laut werden über die Handlungsweise der christlichen Wucherer auf dem Lande. In den Regierungsbezirken des Centrums (wo sich keine Juden befinden) sind die Bauern in Händen von Wucherern, die sie aus das schmachvollste ausplündern. Nach der localen Statistik zahlen die Bauern der Centrumsprvvinzen jäbrlich 200 Millionen Rubel Interessen an die Wucherer. Wenn die hungrigen Wölfe sich jetzt auch daran geben sollten, die Bauern des jüdischen Territoriums auszusaugen, so wird die Lage eine unerträgliche." Die „Now. Wrem." wiederholt hier nur dasjenige, was von anderen russischen Blättern längst bebauptet wurde und allen halbwegs Unterrichteten bereits bekannt war. — Der „Russky Invalid" veröffenllicht eine längere Zusammenstellung über die Ergebnisse der Militär-Aushebung im Jahre 1891 in Rußland, Sibirien und dem Kaukasus. Wie wir derselben entnehmen. waren von den insgesammt ausgehobenen 257.140 Mann 16.500 Juden. Das argentinische Ealonisntiouswerk. Der Verwaltungsrath der „Jüdischen Colonisations Gesellschaft" illen-isb Oe'l'üisLtiou Association), der großartigen Schöpfung des Baron Moriz von Hirsch, hielt vorgestern unter dem Vorsitze ihres Begründers hier eine Sitzung ab, in welcher der erste Rechenschaftsbericht verlesen wurde und somit die erste officielle Kundmachung der Gesellschaft erfolgt ist. Die argentinische Hilssaction steht so sehr im Vordergründe der Antheilnahme, daß zweifellos auch diese ersten osficiellen Mittheilungen das Interesse weitester Kreise finden werden. Der Bericht, aus welchem ein Auszug der „Jüd. Presse" zur Verfügung gestellt worden, beginnt mit einer Darstellung der Entstehungsgeschichte der Gesellschaft, welche bekannt ist, und fährt sodann fort: „Bis heute hat die Association ungefähr 330.000 Acres erworben, welche sich auf die verschiedenen Colonien wie folgt vertheilen: Mauricio (Provinz Buenos Ayres) 72.400 Acres, Mosesville (Provinz Santa Fe) 25.000 Acres, verschiedene Colonien in der Provinz Entre-Rios 232.500 Acres. Diese Ländereien liegen in Provinzen des gemäßigten Climas und haben hinreichend gesundes und trinkbares Wasser. Zum größten Theil ist der Boden fruchtbar, nur in der Colonie Mauricio, welche schon früher gegründet wurde, sind die ackerbaulichen Bedingungen nicht ganz so günstig. Die Grundstücke von Entre- Rios sind äußerst gut bewässert und von Eisenbahnstationen, Wasserwegen rc. nicht sehr weit entfernt. Das pflügbare Land in dieser Provinz gehört zu den fettesten in der argentinischen Republik und gibt überreiche Ernten. Ungefähr 180.000 Acres sind thatsächlich im Besitz der Colonisten und werden theilweise bereits bearbeitet. Die Zahl der bis heute angesiedelten Familien beträgt ungefähr 1000. Im Allgemeinen wird angenommen, daß jede Colonisationsfamilie ungefähr 150 Acres gebraucht, damit eine Familie von 6—10 Köpfen ausreichendes Fortkommen findet. Die Gesellschaft ist gegenwärtig mit der Frage beschäftigt, ob noch mehr Landstrecken angekauft werden sollen, aber sie war gezwungen, die Expedition von Emigranten einzustellen, einmal wegen der in Rußland herrschenden Cholera und dann weil die Verwaltung es für unumgänglich nöthig erachtet hat, die völlige Reorganisation der bestehenden Colonien abzuwarten. Man glaubt, daß dies binnen Kurzem geschehen sein wird, und während einerseits die Thätigkeit nach dieser Richtung hin eifrig verfolgt wird, ist andererseits jede Vorsichtsmaßregel getroffen, um eine Wiederholung der in der Vergangenheit gemachten Fehler zu verhindern. Die kaiserlich russische Regierung hat unsere Association zur Organisation eines Auswanderungssystems autorisirt und ihr besonders erlaubt, die für den Zweck am besten geeigneten Leute auszuwählen. In Uebereinstimmung mit den von der Regierung gntgeheißenen Statuten ist in St. Petersburg unter den Auspicien der Association ein Central- Comite und in den großen Centren der Provinzen je ein Lokal- Comite gebildet worden. Das erstere ist bereits in Thätigkeit und hat Herrn D. Feinberg zum Generalsecretär ernannt, welcher in der Ausführung dieser schwierigen Aufgabe eine Sachkenntniß und Hingabe entwickelt, welche anzuerkennen uns zum Vergnügen gereicht. Die Thätigkeit der Association in Rußland besteht in der Auswahl von Einigrantengruppen, welche sich, bereits mit Ackerbau beschäftigt haben und in der Bildung einer Organisation, welche es ermöglicht, daß diese Gruppen ihre eigene Verwaltung übernehmen können. Die bisherige Erfahrung beweist in der That, daß die Schwierigkeit, mit der der Verwaltungsrath bei seinem Bestreben, auf jede kleinste Einzelheit des Werkes und der Jnstallirung desselben einzugehen, zu kämpfen hatte, derart groß ist, daß unmöglich irgend eine Körperschaft der Aufgabe ganz gewachsen wäre, und daß es in Folge dessen nöthig wurde, die Thätigkeit auf ganz anderer Basis zur Ausführung zu bringen. Daher hält es die Association für vortheilhafter, die Lehrmeister der Colonisten aus ihrer Mitte zu wählen, anstatt dieselben, von Außen zn suchen, unter Leuten, die weder mit der Sprache, noch mit den Gewohnheiten der Auswanderer vertraut sind, so daß also als Pionnire der Colonisation nur solche gewählt werden, welche im Landbau erfahren und im Stande sind, soweit wie möglich autonome Gruppen zu bilden. Aus diesem Grunde beabsichtigt die Association ihre erste Auswahl auf 400—500 Familien zu beschränken, welche, der ackerbautreibenden Bevölkerung Rußlands entnommen, dortselbst in Gruppen von 50 Familien organisirt werden und je einen oder zwei Delegirte wählen können. Diese Gruppen werden als eine Art Vorposten nach Argentinien gehen, um für die später folgenden Familien die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Einzelne solche Gruppen sind bereits gebildet, haben bereits ihre Delegirten ernannt und erwarten nur die Ermächtigung der Oberverwaltungsbehörde zur Abreise. Diese Gruppen werden, soweit die Verhältnisse es zulassen, ihre inneren Angelegenheiten nach den Principien der Selbstverwaltung erledigen, und die Association wird sich selbst nur die Controle Vorbehalten, sobald die Colonisten endgiltig in Stand und bei der Arbeit sein werden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß jede Uebereilung Unheil zeitigen muß; deshalb werden im ersten Jahre nur wenige Familien nach La Plata gesandt werden. Sobald die ersten Versuche erwiesenermaßen von Erfolg begleitet sein werden, was wir zuversichtlich erhoffen, kann die Auswanderung nach Argentinien in größerem Maßstabe erfolgen. Dieselbe wird aber dann auch nach anderen Ländern gerichtet werden können, so daß die Zeit, die augenscheinlich verloren worden ist, wieder zurückgewonnen werden wird. Wir wünschen die Thatsache besonders zu betonen, daß wir, zur Verhinderung eines zu starken Zusammenströmens jüdischer Colonisten in Argentinien — was nicht wünschenswerth erscheint — auch die Bildung von Ackerbaucolonien in anderen Theilen Amerikas in Erwägung gezogen haben. Zur Förderung dieses Gedankens hat die lervisb. Colonisation Association die Alliance israelite universelle in der Bildung neuer Colonien in Canada unterstützt und mehr als 100 Familien sind dort bereits unter der Leitung eines vorzüglichen Comite's, das seinen Sitz in Montreal hat, an der Arbeit. Der Präsident der Association ist ebenfalls bereits mit seinen Be-