Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Orsterrerchischr Wochrnschrist Seite 3 denn in den Antworten der Schriftleitung des genannten Blattes vom 31. December lesen wir: „Von einem katholischen Priester werden uns drei Gulden als Unterstützung unseres Unternehmens zugesandt mit dem Motto: „Aus Freude über den Artikel, „Unbegreiflich" und als Antwort auf das Schreiben des Bischofs Dr. Doppelbauer an „seinen" Clerus". Am letzten Tage des verflossenen Jahres aber veröffentlichte das „Volksblatt" den folgenden Brief aus dem Publikum: Löbliche Schriftleitung! Es ist wirklich unbegreiflich, wie wenig Sinn und Verständnis in jenen Kreisen über die christlich-sociale Bewegung vorhanden ist. Ja, sammeln für den „Peterspfennig", da sollen die Pfarrer social sein, als wenn ohnehin nicht genug Elend im Volke wäre. So dictir; das Consistorium von St. Pölten wenigstens zwei Opfergänge für den heil. Vater! Alle Ehrfurcht vor dem heil. Vater, aber nicht vor jener Mißwirthschast, die mit dem „Peterspfennig" voriges Jahr getrieben wurde, indem durch leichtfertige Gebahrung einige Millionenverloren gingen, was selbst ein Dechant auf einer Pastoral-Conserenz zugestanden hat! Da nützen alle Vertuschungsartikel des „Vaterland" nichts. Unsere«Bischöfe mögen sich's gesagt sein lassen: Der ehrliche und offen kämpfende Theil des Clerus schwärmt für die christlich-sociale Bewegung. Und wenn damit ein Theil unserer H o s b i s ch ö f e nicht einverstanden ist, so müssen wir antworten: „Wir müssen Gott und unserem Gewissen mehr folgen als den Hofbischöfen." .. den 29. December 1892. Pfarrer und Abonnent des „Deutschen Volksblattes"- Man sieht, die Bischöfe find bereits „Hofbischöfe" geworden und dem Papst wird der „Peterspsennig" nachgerechnet. So spricht ein Pfarrer und nun kann man es sich denken, welche Lehren das Volk aus dem Munde eines solchen Pfarrers empfangen wird. Auf diesem Wege kommen wir zur ernsten Seite der Posse. Das „Vaterland" und mit ihm der hohe Adel ernten die Saat, die sie gesät haben. Das „Vaterland" war lange genug ein Organ des entschiedenen Antisemitismus und der feudale Kiel sah in dem Anttsemitismns ein Werkzeug seiner romantischen Politik. Der hohe Adel vergaß, daß der Großgrundbesitz aus der kapitalistischen Wirtschaft den größten Gewinn zieht, es sei denn, daß er leichtfertig im Börsenspiel fein Vermögen vergeude. Was die Kirche betrifft, so ist sie wie jede organisirte religiöse Einheit, wie jeder staatlicher und gesellschaftlicher Organismus auf die Achtung der Autorität angewiesen. Die Auflehnung gegen die Autorität ist die Zerstörung der Kirche und in unserer Zeit gleichzeitig eine gefährliche Erschütterung des Christenthums. So trifft zu, was Dr. Bloch im Parlament den Conservativen warnend vorherverkündet hatte. Die Gebahrung einer Pöbelherrschaft ist Inhalt und Ziel der ganzen Bewegung. Je tiefer sie in den Pfuhl hineinsteigen, um so tiefer wird auch der Schlamm aufgewühlt. Dieses Moment ist bestimmend für die ganze antisemitische Taktik. Das „Deutsche Volksblatt" quittirt selbstgefällig den empfangenen Lohn. Drei Gulden, sechs Silberlinge, sechs Kronen sind ein schöner Preis für Kirche, Christenthum und Civilisation. Arische Wucherbuden. Es ist ein stehender Satz im antisemitischen Schimpflexikon, daß sich die Juden mit Vorliebe dem unreellen Gelderwerb widmen und daß insbesonders der Wucher eine jüdische Erfindung und ein fast ausschließlich jüdisches Privilegium ist. Zu wiederholten Malen haben wir darauf hingewiesen, daß selbst dann, wenn dieser Borwurf begründet wäre, die Schuld hiefür nicht die Juden, sondern die christlichen „Wirthsvölker" träfe, welche den Juden von jeher jedes andere Gebiet menschlicher Thätigkeit verschlossen, ja dieselben aus Gründen der Habsucht sogar zwangen, als Geldverleiher und Bankhalter ihren Erwerb zu suchen. Die jüdische Bevölkerung wurde im Mittelalter von Bischöfen und Fürsten als ein großer Schwamm angesehen, den man ansaugen ließ, um ihn dann gründlich auspressen zu können. Man lieh von den Juden Geld auf Zins, solange es irgend ging. Wenn dann die Schulden und Zinsenlast eine gewisse Höhe erreicht hatte, veranstaltete man ein Judenbrennen, äscherte die Judenhäuser ein und plünderte ihr Hab' und Gut. Allein, weder die Behauptung, daß das Geldverleihen aus Zins im jüdischen Bolkscharacter begründet ist, noch auch jene, daß der Wucher eine der arischen Rasse ftemde Institution sei, beruht auf Wahrheit. Wiederholt haben Bischöfe und Päpste ihren Gläubigern verbieten müssen, Geld auf Zinsen zu leihen und diese Art der Bereicherung als unchristlich gebrandmarkt. Und wer sich die Mühe nehmen will, in den Annalen der Strafgerichte nicht blos bei uns, sondern in allen Culturstaaten der Welt zu blättern, der wird finden, daß jene Vampyre in Menschengestalt, welche aus der Roth ihrer Mitmenschen Capital schlagen, unter den Ariern in weit größerem Verhältnisse zu finden sind, als unter den Juden. Ist es doch charakteristisch, daß einer der Führer der antisemitischen Partei in Deutschland, der Reichsraths-Abgeordnete W. Pickenbach in eine Reihe von Wucherprocessen verwickelt war, welche geradezu haarsträubende Thatsachen zu Tage förderten und daß vor Kurzem erst gegen einen Kölner Antisemitenhäuptling ein Steckbrief wegen Wuchers erlassen wurde. In den antisemitischen Blättern wird seit Jahren gegen die behördlich concessionirten Pfandleihanstalten eine systematische Hetze betrieben. Ueber jene zahlreichen Winkel-Versatzämter aber, welche meist von Ariern betrieben werden und den schamlosesten Wucher üben, wird der Mantel christlicher Duldung gebrettet. Wir empfehlen jedoch den Herren Vergani und Consorten, ihr ausgeprägtes Spürtalent auch einmal nach dieser Richtung zu entfalten und wir geben ihnen im Nachfolgenden ein interessantes Factum au die Hand, welches ihnen als Leitfaden auf ihrem labyrinthischen Wege dienen kann. In der Hkumpfgasse Nr. 5, im ersten Stocke, einer Gegend, in welcher der Ritter Stampligius auch nach anderer Richtung schon Erhebungen angestellt haben mag, besteht ein von unzweifelhaften Ariern betriebenes „Manufactur-Geschüft". Bon diesem Geschäft liegen uns folgende interessante Ausfertigungen vor: Es sind kleine Zettel mit der Firma: „Manufactur- Geschäft, I-, Kumpfgasse 5, 1. Stock". Der Firmatrüger will in bescheidener Verschwiegenheit bleiben, ist aber, wie wir eruirt haben, ein raffenreiner Arier. Der eine Zettel ist ausgestellt am 23. Juli 1892 und lautet auf 4 Gulden; am 30. December desselben Jahres wurde auf den Zettel, der eingelöst werden sollte, der Betrag von fl. 5.20 vermerkt. Der zweite Zettel datirt vom 28. Juni 1892 und lautet auf 5 Gulden, am 30. December wurde der Betrag in fl. 6.50 verwandelt. Die beiden Zettelchen sind höchst merkwürdige Beweise für arische Nächstenliebe und Mildthätigkeit. Sie besagen, daß der Besitzer dieses „Manufactur - Geschäftes" ein Winkel-Versatzamt betreibt, welches behördlich nicht angemeldet und daher auch nicht besteuert ist. Aus dem ersten Zettel geht hervor, daß für ein Pfand, welches am 23. Juni 1892 daselbst mit 4 fl. versetzt wurde, bis 30. December 1892 nicht weniger als fl. 1.20, d. h. also 60% an Zinsen genommen wurden. Der zweite Zettel besagt, daß für 5 fl. 1.50 fl.; also wieder 60% an Interessen eingehoben wurden. Das ist der unmenschlichste Wucher, der nur denkbar ist und es sind Arier, die ihn mit Umgehung des Gesetzes betreiben und dabei nicht blos ihre christlichen Mitmenschen aussaugen, sondern auch noch den Staat übervortheilen, indem sie ihn um die Steuern verkürzen. Die Originale jener beiden Pfandscheine sind in unseren Händen und stehen den Herren Vergani und Genossen zur Einsicht frei. Die Wucherbude in der Kumpfgasse ist aber nicht die einzige in Wien. Solche Winkelversatzämter gibt es in unserer Stadt hunderte und sie alle werden von reinen, unverfälschten Ariern betrieben. Ein ausgezeichneter Kenner des Wiener Volkslebens, Herr Vincenz Chiavacci, hat darüber sogar einmal ein treffliches Feuilleton unter dem Titel: „Der Winkelverjetzer" geschrieben. Es sind die Aermsten der Armen, welche ihr Hab' und Gut in diese Höhlen hineintrcrgen und bis auf den letzten Blutstropfen ausgepreßt werden. Und das will noch mit einem anderen Maßstabe gemessen sein, als wenn ein Getzel Wilkenfeld oder irgend ein anderer Lump, der zufällig als Jude geboren ist, einen hochgeborenen Taugenichts einen Wechsel gegen 60 oder mehr Percent prolongirt und dabei Gefahr läuft, daß sein blaublütiger Schuldner unter Curatel gesetzt und damit seiner Verbindlichkeiten ledig wird. Wir haben der hier mitgetheilten Thatsache kein Wort weiter beizufügen und überlassen es den patentirten Bekämpfern der „Bolksausbeuter", die entsprechenden Consequenzen daraus zu ziehen. Wie die biederen Germanen in Wien, so die rechtgläubigen Slaven in Rußland! Auch dort werden die Juden verfolgt