Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1 (6.1.1893)
- Date
- 1893-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 1 vertraulichen Kreisen über die moralische Qualität dieser „nationalen Politik" Urtheile gesprochen, welche jeder Ehrenmann ratifiziren wird. Man darf getrost sagen, der Antisemitismus jeglicher Sorte, ob verschämt oder unverschämt, eomprommittirt ^en deutschen Namen, bringt ihn in Mißachtung vor der gesitteten Welt. Er ist überdies in der Hand einer jeden Regierung ein Machtmittel, die Partei niederzuzwingen, sie zu zerklüften, in Atome aufzulösen und diese Gefahr droht ihr bei jedem Conflicte. Heute hat sie Gelegenheit sich für alle Zukunft den Rücken zu sichern. Wird der Moment mit politischer Weisheit und staatsmännischek Einsicht benützt, dann wird die Parteileitung um Oesterreich und um das Deutschthum sich unvergängliche Verdienste erwerben. Wenn sie aber in stolzer Verblendung oder in hochmüthigem Dünkel es verschmäht, in dieser Frage ihre ganze Kraft einzusetzen, wenn ihr persönliche Aspirationen oder die Freundschaft Steinw end ers höher gilt, als der Triumph über diesen bösartigsten Schädling unseres öffentlichen Lebens, dann werden wir Juden den momentanen Schaden zu tragen haben, den dauernden das deutsche Volk in Oesterreich. Der Drei-Guldrn-Chek. Antisemitische Posse in zwei Journalen. Zerschmetterte Glasscheiben, Steine fliegen in die Fenster des bischöflichen Palais. Der christlich-sociale Tartuffe ist zu allem entschlossen, nachdem ihm die Maske abgerissen wurde. Er hat die Fahne der Empörung aufgepflanzt und es fehlt nicht mehr viel und er tritt als Gegenbischof, wie es ja auch Gegenpäpste gegeben hat, in die Schranken. Der christlich-sociale Tartuffe hat auch schon seine Thesen angenagelt, über das, was er als practisches Christenthum bezeichnet. In seinem Munde ist „practisches Christenthum" die Verleugnung aller, christlichen Lehren, die Verleugnung aller z Religion und vielmehr ein „practischer" Geschäftsbetrieb mit recht gemeinen Mitteln. Tartuffe beeilt sich den Beweis herzustellen, wie nothwendig und berechtigt die Warnungen des Linzer Bischofs waren. Er legt unwissentlich Zeugnis für die Wahrheit dessen ab, was der Bischof geschrieben hat. Zum Kriegführen braucht man Geld. Ein Parteigänger hat in überschäumender Begeisterung bereits „drei Gulden" gespendet. Drei Gulden; man baut nicht alle Tage einen Panamakanal. Ein Drei-Gulden-Check ist auch ein Erfolg. Was wir da berichten, ist keine Uebertreibung; wir haben nur die neuesten Vorgänge im christlich-socialen Lager mit wenigen Strichen skizzirt. Die Stadt Linz an der Donau hat in der Geschichte der Freiheitsbewegung keine besondere Bedeutung. Die Traditionen des Bischofssitzes von Linz sind nicht von der Art, daß von dort her eine Begünstigung des „Judenliberalismus" zu befürchten wäre. Allein der Bischof Doppelbauer von Linz hat durch eine oberhirtliche Kundgebung, durch ein Schreiben an den Clerus seiner Diöcese die Geistlichen vor den antisemitischen Blättern gewarnt. Die Worte des Bischofs sind scharf und klar. Die geistige Ueberlegeuheit des Bischofs gegenüber der christlich-socialen Sippschaft manifestirt sichLin jeder Zeile des Hirtenbriefes. Im Talmud steht: „Weder die Pharisäer sind zu fürchten, noch diejenigen, welche Gegner der Pharisäer; aber man hüte sich vor den Heuchlern, welche als Pharisäer sich geben, welche die Thaten Simris vollsühren und den Lohn Pinehas fordern." Das Evangelium aber spricht von „übertünchten Gräbern" und „Wölfen im Schafspelze." Genau dasselbe hat der Bischof Doppelbauer von Linz gesagt. Bischof Doppelb auer schildert das Treiben der bei uns herrschenden antisemitischen Partei mit den folgenden Worten: „Ich meine besonders jene Blätter und Artikel, welche die Zersplitterung der katholisch-politischen Partei anstreben, das Ansehen des heiligen Stahles und der Bischöfe herabsetzen, den maßgebenden Einfluß des Episcopats in kirchlich-politischen Fragen leugnen und das Recht, hierin eigene Wege zu gehen, beanspruchen. Ich warne ferner den hochwürdigen Clerus vor jenen Preßerzeuanissen, welche unter dem Scheine des Eifers für Kirche und Vaterland Tendenzen verfolgen, die von einer wahren Liebe zur Kirche und zum Baterlande weit entfernt lind; warne auch vor solchen Zeitungen, welche dem jungen Clerus mit wohlberechneter Absicht über Gebühr schmeicheln. Ich erhebe endlich auch meine warnende Stimme gegen Blätter und Artikel, die wiederum unter dem Scheine, das Beste zu wollen, das bestehende Gute bekämpfen, die das Vertrauen des Clerus und des Volkes auf die conservativen Bestrebungen erschüttern und so nach und nach an der Zerstörung der katholischpolitischen Partei mit und ohne Absicht arbeiten." Darauf antwortete das „Deutsche Bolksblatt" mit einem Artikel, der den Titel führt: „Unbegreiflich". In den ersten Zeilen dieses Artikels sagte das Organ Bergani's: „Die bischöfliche Kundgebung beweise, daß das Episcopat nach wie vor der christlich-socialen Bewegung feindlich gegenübersteht." Die innere Verlogenheit des Artikels war gleich in diesen ersten Zeilen dargethan. Wenn der Episcopat der christlich-socialen Bewegung immer feindlich gegenüberstand, wo ist denn das „Unbegreiflich" in dem Schreiben des Linzer Bischofs? Dann erzählt das löbliche Blatt eine rührende Geschichte von dem antisemitischen Abgeordneten Pater Schnabl, der durch den Einfluß der Judenliberalen mit Vermittlung des Bürgermeisters Dr. Prix iu Ausübung des städtischen Paternatsrechts um seine Stelle als Cooperator bei der Kirche St. Othmar unter den Weißgärbern gebracht wurde und der nur durch das heldenmüthige Eingreifen des Prälaten Sebastian Brunner gerettet würde. Das Blatt behauptet, „das Consistorium habe die Versetzung Schnabels beantragt" und findet es wiederum „unbegreiflich", daß die Feinde der antisemitischen Bewegung beim hohen Clerus Unterstützung finden. Die ganze Geschichte von Pater Schnabl aber war eine Lüge. Das „practische Christenthum" des Herrn Vergani gestattet somit auch die Lüge als Angriffswaffe wie gegen Juden so auch gegen den hohen Clerus. Und dieses sich christlich nennende Blatt sagt von den Bischöfen, daß sie sich „mit den Feinden des christlichen Volkes verbinden" und es ruft den kirchlichen Würdenträgern zu, daß „ihr Ehrgeiz höher stehen sollte, als mit Herrn Hofrath Nothnagel und Dr. Kronawetter in eine Linie gestellt zu werden." Und gleich darauf verlangt das löbliche Blatt Duldung für seine Bestrebungen im Namen der Staatsgrundgesetze, jener Staatsgrundgesetze, welche dem „Judenliberalismus" ihre Entstehung verdanken. Freitag, am 30. December 1892 war das „Deutsche Volksblatt" gezwungen, die folgende Berichtigung zu veröffentlichen: „Es ist unwahr, daß ich das Patronatsrecht der Stadt Wien gegen Pater Schnabel geltend machen wollte, unwahr, daß ich mich corporativ mit dem Vicebürgermeister Richter zum Weihbischof Dr. Angerer begab, unwahr, daß ich die Amovirung oder mindestens die Versetzung des Paters Schnabel verlangte und ist es daher auch unwahr, daß der Weihbischof Dr. Angerer auf mein Ansinnen eingieng. Wien am 29. December 1892. Der Bürgermeister Dr. Prix." Darauf ist Herr Vergani die Antwort schuldig geblieben. Dagegen enthielt das Blatt unter der Unterschrift: „Ein journalistischer Kunstgriff" einen heftigen Artikel gegen das „Vaterland", weil dasselbe einen Brief des Cardinals „Grafen" Schönborn an den "Grafen" B e l c r e d i veröffentlicht hatte. In diesem Briefe wird km „Vaterland" Namens des Bischofs- Comites Dank und Anerkennung für seine publicistischen Leistungen ausgesprochen. Vom „Vaterland" wird behauptet, daß es «fiesen Brief zu einer „Reclame" und zum?„Abonnentensammeln" oder „Abonnentenfang" benütze. Unterdessen hatte das „Vaterland" sich auch in seiner Nummer vom 20. December mit dem „Deutschen Volksblatt" beschäftigt. Das „Deutsche Volksblatt", wird darin gesagt, möge aufhören mit seinem Christenthum zu flunkern. Die Anschuldigung gegen die Bischöfe sei von unqualificirbarer Impertinenz. Der ganze Artikel des „Deutschen Bolksblatt" sei sowohl in seinen principiellen Auffassungen, wie sogar in seinen thatsächlichen Angaben grundfalsch. In seiner Nummer vom 31. December beschäftigt sich das „Vaterland" zum zweiten Male mit dem „Deutschen Volksblatt", um dessen Behauptungen über das Schreiben des Cardinals Schönborn als Fälschungen zu bezeichnen. Von dem Blatte Verganis wird gesagt, daß es ungeschminkt die Auflehnung der Geistlichkeit und des Volkes gegen die Bischöfe predige. Was ist nun die Tendenz der Posse? Das „Vaterland" glaubt sich über das Wasser zu halten durch Anlehnung an die Empfehlung des Cardinals. Der Erfolg ist uns unbekannt. Das „Deutsche Bolksblatt" glaubt seine Leferzahl zu verstärken, indem es den .nieder» Clerus gegen den hohen Clerus marschiren läßt. Das „Deutsche Volksblatt" aber hat einen sichern Erfolg,