Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 964 Orsterreichischr Wochenschrift Nr. 53 Meseritz. (Antisemitische Ausschreitung.) Vor der hiesigen Strafkammer wurde am 17. d. M. gegen den Handlungsgehilfen Meier aus Schwerin a. W. wegen Straßenüberfalls verhandelt. M., der Antisemit ist, hat, wie die Neumärkische Ztg. berichtet, diese That als solcher gegen den Dr. Wolfsohn und deffen Frau begangen und wurde dieserhalb zu vierzehn Tagen Gefängniß und in die Kosten verurtheilt. Berlm. 19. Dezember. Wie man uns schreibt, ist Herr Dr. Samson Weisse, Landesrabbiner in Anhalt-Dessau, Sohn des bekannten Oberrabbiners aus Waag-Neustadtl, vom Vorstand und den Repräsentanten zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde — mit Sitz und Stimme im Rabbinatscollegium — gewählt worden, nachdem derselbe zweimal, in den Synagogen in der Oranienburgerstraße und der Heidereutergasse, mit großem Erfolg gepredigt hatte. Nach aus Kopenhagen eingegangener Nachricht ist dort Herr Rabbinatskandidat Dr. Elias Kali sch er zum Hilfsprediger und Rabbinatsaffeffor gewählt worden. London. Die von Baron Hirsch in's Leben gerufene jüdische Colonisations-Gesellschakt erstattete soeben ihren ersten Jahresbericht. Dieselbe verfügt bekanntlich über ein Capital von zwei Millionen Pfund Sterling und verfolgt den Zweck, russische Juden als Farmer zu colonisiren, namentlich in Argentinien, Die Gesellschaft hat zu diesem Ende 330.000 Acker- Land in Argentinien angekauft und auf denselben gegen 1000 Familien angesiedelt. Jede Familie erhielt ein Los von 150 A<ker zum Kostenpreis von 100 Pfund Sterling; die Jnstallationskosten einer Familie belaufen sich auf 150 Pfund Sterling, so daß jede Familie der Gesellschaft ca. 250 Pfund Sterling schuldet, die in 10 Jahresraten zahlbar sind. Bei normalen Durchschnittsernten ist dieser Betrag leicht aufzubringen. Die Colonien stehen unter der Leitung des Colonel Goldschmid. Die Gesellschaft hat mit Erlaubnis der russischen Regierung ein Centralcomite in Petersburg gebildet, dessen Generalsecretär H«r Dr. Feinberg ist. — Am 30. September 1892, mit welchem Tage die Bilanz abschließt, hatte die Gesellschaft 330.000 Pfund Sterling vorausgabt, hievon entfielen 160.000 Pfund Sterling auf den Landkauf (etwa 10 Schilling per Acker), der Rest entfiel auf Jnstallationskosten. Paris. Ein neuer Preis wurde von M. Mure Weilt aus Straßburg dem Centralconsistorium von Frankreich zur Verfügung gestellt. Der Preis beläuft sich auf 3000 Francs und soll jenem jüdischen Bewerber oder jener jüdischen Familie in Frankreich zuerkannt w.'rden, welche während der vergangenen drei Jahre sich durch große Tugend, hohen Grad von Moral, Acte von Generosität und Nächstenliebe ausgezeichnet bat. Feuilleton. LelLoen-MHam. Eine einfache Geschichte aus dem Leven des mährischen Ghettos. Von Dr. Max Grünfeld. (Schluß.) Sie hatte recht: es fand sich für Mirjam kein Mann in der Gaffe. Schön war sie, aber auch hochmüthig und hatte kein Geld. Drei Eigenschaften, welche in ihrer Verbindung keinen Mann anlocken im Ghetto. Und nun kani der Fall für den Hochmuth. Die alte Gitl hat die Sache oft erzählt thränenieri Auges. Es lag Romantik in dieser Erzählung von Mirjam's Fall, den ein schmucker Reiterofficier herbeigeführt, welcher das excentrische, schöne Judenmädchen vollends verrückt gemacht hatte. Kriegsspiel im Frieden, das zur Sommerzeit in der Näh? des Ortes abgehalten wurde, hatte ihn an denselben gebracht. (Ist es so schwer, ein Mädchen, das nie über die Mauern einer engen Gaffe hinausgekommen und das doch voll ist von ahnungsvollen, sehnsüchtigen Gedanken über eine unbekannte Welt, in deren Haupte starre, kleinliche Wirklichkeit und eingebildeter, glänzender Schein hart neben einander lagern, zu bethören?) Mirjam, die kaum zwanzigjährige Tochter des Ghetto's. gab sich ganz hin den eitlen Versprechungen und Verführungen des leichtsinnigen und leichtlebigen Officiers, der ihr eine schöne Welt an seiner Seite versprach, die er ihr doch vermöge der Berhältniffe nie zu bieten im Stande war. Und da er ihr nun sprach vom Glaubenswechsel und vom Entfliehen aus der Eltern Hause, erkannte sie den Abgrund, an dem sie wandelte. Aber es war bereits zu spät! Sie horte die grollende Stimme des Gottes in ihrem Innern, der ihr zurief: „Weil Du mein Gebot übertreten, so sei.verstoßen aus dem Paradiese der Unschuld und Deines Vaters Haus sei verflucht um Deinetwillen!" Zu spät erkannte Schöen-Mirjam, welch' einen Fluch sie gebracht über ihre Eltern. Und diese erkannten zu spät, wie schlecht sie ihr Kind gehütet. Wie hatte doch Gitl gesagt, sie war schön, aber auch ein wenig leichtsinnig. Wie mitleidig beurtheilte doch die gute Gitl Mirjam's Schwäche .... In der Gaffe zischelten die gewissen mitleidigen und doch so bösen Zungen Allerlei. Man steckte die Köpfe zusammen und sprach von Ungeheuerlichem, noch nicht in der Gasse Vorgekommenen. Der schmucke Reiterofficier war längst nicht mehr im Orte. . . Auch Mirjam wurde nicht gesehen? Wohin hatte sie ihre Schande getragen? Eine furchtbare Veränderung war mit dem Cheder-Melamed vorgegangen. Kinder unterrichtete er nicht mehr. Im starren Hinbrüten verbrachte er die Tage. Hanna aber, sein Weib, trug nun des Lkbens Jammer und Kummer ganz allein auf ihren Schultern. . . . Und es kam der heilige Versöhnungstag. Am Vorabende desselben war die Gemeinde im Gotteshaus versammelt, bereit zum Beten und Büßen. Die Männer standen da in weißen Sterbegewändern. Auch Jaakow starrte, mit dem weißen Kittel bekleidet, auf die Bundeslade hin, die mit einem weißen Tuche verhüllt war. Und nun begann der Vorbeter in klagend-singendem Tone: „Und es soll verziehen werden der ganzen Gemeinde Israels, auch dem Fremden, der wohnt in ihrer Mitte, denn sie alle handelten im Jrrthum"... „Im Jrrthum," so schrie nun der Cheder-Melamed aus, „auch sie, das sündige Kind, das gefrevelt har gegen Gott und Eltern!" Aller Augen waren auf Jaakow gerichtet, der hingestürzt war und in furchtbaren Krämpfen sich wand; ein entsetzlicher Anblick. Schreiend und jammernd war sein Weib um ihn beschäftigt. Man brachte den armen Mann in sein Stübchen, und als sie am nächsten Tage inr Gotteshause das erschütternd; Gebet sprachen, das in ergreifender Weise jedermanns Geschick darstellt, „wer leben wird und sterben, wer in Ruhe leben soll und wer in Unruhe, wer durch Feuer sterben soll und wer durch's Wasser, wer durch Hunger und wer durch's Schwert, wer erhöht werden soll und wer erniedrigt", hauchte der Melamed seine Seele aus . . . Er hat sein Kind nicht wieder gesehen.- Wie unergründlich tief ist die Mutterliebe! Als sie kam und Schoeu-Mirjam das Zeichen ihrer Schande, aber auch das Unterpfand ihrer Liebe brachte in's einsame Vaterhaus, nahm Hanna die reuige Büßerin auf ohne einen Vorwurf, ohne ein Wort der Anklage. Aber die Tochter war nicht mehr die schöne Mirjam von ehemals, sie war vielmehr die tiefbetrübte, elende Büßerin, die nun nur ihrem Kinde lebte, einem Kuäblein, das aufgenommen wurde in dem Bunde Abrahams. Gitl nahm sich des armen Würmchens an, für dessen Versorgnng allmonatlich eine größere Summe an den Rabbiner des Ortes gelangte. Hanna siechte dem Tode entgegen. Und nun konnte Gitl den ganzen Schatz ihres guten Herzens der einst vielangefeindeten Mirjam gegenüber zeigen. Die spitzen Zungen schwiegen nun so gewaltigem Unglück gegenüber. Wo das Unglück mit so harten Worten spricht, vergißt man selbst die Schuld Derjenigen, die es herbeigeführt.Der kleine Jaakow aber wuchs kräftig heran. Die ganze Gemeinde nahm theil an seinem Wohl und Wehe. Der Rabbi belehrte ihn im Glauben des Großvaters und als er an seinem 13. Geburtstage bei der heiligen Thora das Bekenntnis des Glaubens ablegte, laut und feierlich, da schluchzte es laut auf im Gotteshause und mit den Thränen der Großmutter und Mutter mengten sich die manchen rauhen Mannes .... Der Knabe hat nie erfahren, wer sein Vatergewesen. Bei einem schlichten Handwerksmaune hat er das Schlofferhandwerk erlernt, nut dem Schweiße des Angesichtes, bei harter, rauher Arbeit gelernt, sich des Tages Brot verdienen .... Auch Hanna, die Mutter, war nun eingegangen in das große Reich der Ewigkeit. Und Mirjam? Leer waren; und inhaltslos der Schwergeprüften Tage. Für des Sohnes . Wohlfahrt hatte sie nicht mehr zu sorgen. Die Summe, welche : pünktlich für ihn beim Rabbiner eintraf, war zu einem statt-; lichen Vermögen angewachsen. Sollte man es glauben, daß sich - nun Mirjam die Sympathien der Ghetto-Bewohner mehr zuwandten, als ehedem, da sie in ihrer Schöne und Reinheit des ' Herzens hervorgeragt über alle Töchter der Gaffe? ...