Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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MfeSiTCk’^'uVi nfr'nramp~nimiii Nr. 58 Vefirrreichische Wochenschrift Seite 965 Das Fest war gekommen, welches Israel feiert zur Erinnerung an die einst schwer errungene Freiheit, das Fest des Frühlings und der Erlösung, an dessen ersten Abend beim Anblicke der ungesäuerten Brode und unter Einhaltung eines uralten Ceremoniels aus einem ebenso eigenthnmlichen, als alterthümlichen Büchlein erzählt wird über den Auszug aus Mizraim. Da fühlt sich selbst die vereinsamte Seele hingezogen in einen trauten Familienkreis. Ist doch die Familie der feste Felsengrnud, auf dem Israels Zukunft aufgebaut ist für alle Zeiten. Das Abendmahl selbst aber, das am Passah abgehalten wird, heißt in der alten, heiligen Sprache Seder. Mirjam hatte sich auf Gitls Einladung bei dieser guten Freundin eingefunden. Der Bruder der Letzteren, ein ehrsamer Hausirer, auch Dorfgeher genannt, führte bei dem feierlichen Mahle den Vorsitz und nahm die seltsamen, sinnbildlichen Handlungen vor, welche für dieses vorgeschrieben und zu beachten sind. Ahron war etwa in dem gleichen Alter wie Mirjam. Er ernährte sich kümmerlich, indem er Bänder, Spitzen und Knöpfe und andere Dinge, deren die Eitelkeit des weiblichen Theiles der hannakischen Bauernwelt oft in großer Menge bedarf, verkauft. Die ganze Woche hindurch machte er den beschwerlichen Rundgang in der umliegenden Dorfwelt und nur den Sabbath verbrachte er, und ebenso die heilige Festeszeit, in Ghettos, in der Mitte der Gemeinde. Er war aber der natürliche Beschützer seiner Schwester, der trefflichen Gitl. Und er hatte bisher kein Weib erkannt. Oft sprach er mit Gitl über das Los der einsamen Mirjam, die jetzt so ganz allein stand in der Welt, mutterseelenallein. Auch jetzt, da er in singenden Tone hersagte qie alten Psalmen, die da preisen den erhabenen Beschützer „der erhebt aus der Asche den Dürftigen", „der so hoch thronet und so tief schauet", ließ er oft seinen Blick hinüberschweifen auf Mirjam, die sinnend dasaß und bald ihrer Jugend gedachte, als sie auf dem Schoße des gestrengen Vaters gesessen und ihn nach alter Sitte befragte über die Bedeutung des Abends, während die zärtliche Mutter liebevoll ihr über das dunkle Köpfchen mit den Händen strich und dazu lächelte .... Und dann gedachte sie ihres Sohnes, der draußen in der Fremde das Brot harter Arbeit aß . Und wo war er, der sich fein Vater nannte? . . . „Gepriesen seist du Ewiger unser Gott, der erlöset hat unsere Eltern, uns geführt hat aus der Nacht zum Lichte, aus Kummer zur Freude, aus Trauer zur Wonne, aus Schmerzenszeiten zu Festeszeiten," so begann nun erhobenen Tones Ahron und er nahm des Rothen Weines, der vor ihm stand und trank glänzenden Auges Mirjam und Gitl zu. Gitl war es längst nicht verborgen geblieben, daß eine tiefe Neigung Ahron, ihren Bruder erfaßt hatte zu Mirjam. Sie nährte diese Neigung, die sie ersprießlrch hielt für die Herzen Beider. Und als der Herbst gekommen war, feierten sie im Ghetto die Hochzeit des Paares. Ob Mirjam das Glück gefunden in dieser Ehe, das Glück, das sie so lange gesucht? — Ihre Ehe war eine von jenen, wie sie so häufig geschlossen werden im Ghetto. Mann und Frau gewöhnen sich aneinander; er sorgt für den Unterhalt des Hauses und findet darin, sowie in seiner einfachen Häuslichkeit Ruhe und Zufriedenheit. Mirjam schätzte ihren Gatten, und, wenn er ausruhte in feinem Hause nach der Woche schwerer Arbeit, so bot sie alles auf, um ihm die Ruhe zu verschönen und zu versüßen. Was ihr einst ihre Bücher vorgemalt als herrliche Zukunft, dies Glück hatte sie freilich nicht gefunden und ihr ganzes Dasein war nun außer ihrem Gatten auch den Armen geweiht, den Dürftigen der Ghettos, welche das Elend in seiner erschrecklichsten Gestalt darstellen .... Jahre vergingen also. Mirjams Sohn war längst ein tüchtiger Meister geworden, der in dem Orte sich niedergelassen und sich die Achtung nicht nur der Bewohner des Ghettos, sondern auch der andersgläubigen Bevölkerung errungn. Gttl aber sah mit Wonne das Glück ihres Bruders. Hatte sich doch hier wieder ihr weiser Ausspruch bewährt „das Glück einer Heirath macht sich erst nach geschlossener Verbindung und kann nicht vorausgesagt werden." Gitl's Spruch war, wie leicht e'mzusehen, gegen die „moderne" Liebe gerichtet, welche von den Bücherschreibern und anderen Müßiggängern als Grundlage einer glücklichen Ehe bezeichnet zu werden pflegt. Auch Mirjam hatte ihr viel davon gesprochen, denn sie hatte so viel gelesen und las noch immer in den deutschen Büchern Vor dieser Bildung hatte Gitl ihren Respekt, einen Respekt, den der Ungebildete immer vor der ihm unbekannten Bildung haben wird. Aber die Wahrheit des in diesen Büchern über Liebe und Ehe Gesagten, konnte Gitl nicht einsehen. Und was hatte Mirjam die vielgepriesene Liebe gebracht? Schande. Und die Ehe mit ihrem Bruder, geschloffen nach altem Gesetz und alter Gewohnheit, die hatte Mirjam das Glück gebracht. O, Gitl, Du sprichst wie die Klugheit ... Ein kalter Winterabend war's. Draußen heult der Sturm und trieb den Schnee an die gefrorenen Fensterscheiben. Die beiden Frauen saßen im wohlgeheiztentrauten Stübchen. Ahron aber hatte sich zum Btz, suche eines Jahrmarktes begeben, der im benachbarten Städtchen abgehalten wurde. Wäre er nur heute zu Hause geblieben"; flüsterte nun Mirjam, die betrübt dasaß. Mir ahnt nichts Gutes." . . . Und ein heftiger Windstoß bekräftigte nun gleichsam drohend die böse Ahnung Mirjams. „Aengstige Dich nicht, Kind", ttöstete Gitl, „bald wird er da sein und die Lichtlein anzünden zur Feier des Weihefestes." Grade sprach sie so, d«r tönte ängstliches Geschrei von der Gasse herauf zu den Weibern. Windesheulen und jämmerliches Getöse vermengten sich; und sie brachten ins Zimmerchen den sterbenden Ahron . . . Vom hochbeladenen Wagen war er gar unglücklich gestürzt. Die kräftigen Arme von Mirjams Sohne hielten ihn umfaßt. So hauchte er^ seine Seele aus, umgeben von den Männern, welche ihm die L-terbegebete nachsagten und das Glaubensbekenntnis nachriefen in das bessere Jenseits, umgeben von der jammernden Schwester und der liebenden Gattin, bei welcher der, Schmerz, der außerordentliche, wie einst bei Hiobs Freunden in Worten nicht und nicht in Thränen sich äußern konnte . . ° Sie haben ihn begraben den guten Mann und Mirjam hat um ihn tief getrauert. Gitl's Schmerz aber war namenlos. Und doch hat die Zeit auch diese Wunden geheilt. (Ist sie doch der beste Wundarzt für alles Leid . . .) Mirjam lebte jetzt nur noch ihrem Sohne und den Armen. Sie war die stille, gute Fee des Ghettos. Und als sie auch ihre letzte Stunde herannahen fühlte, traf sie Bestimmungen darüber, daß das Andenken ihres verstorbenen Gatten und ihr eigenes Andenken nicht untergehen in der Gemeinde. Ihre letzte Fürsorge aber waren ihre Armen. Man hat sie auf dem „guten Orte" neben ihrem Gatten zur ewigen Ruhe gebettet und oft hat mir Gitl, die ein schier patriarchalisches Lebensalter erreichte, erzählt von diesem einfachen Leben, das doch in sich einschloß eine solche Summe von Liebe und Schmerz, eine Welt im Kleinen, ganz so wie das ehemalige Ghetto, dessen enge Mauern und graue Hauser, dessen Thore und Riegel nun längst gewichen sind, dem feindlichen Anstürme einer neueren, befferen, freieren Zeit . . . Wochenkalender. Kislev. 5653. — Januar 1893. 11 Freitag 30! E. b. N. 4*1 55‘5m 12 Samstag 31 Wachi 13! Sonntag 1 ui Montag 2 j!5i Dienstag 3 | 16* Mittwoch 4 | 17 Donnerstag 5 i 18 Freitag 6 Briefkasten. Sion. Für uns ungeeignet. Frau Kl.—M. Fl. 1.— als Spende für den polnisch-jüdischen Tempel bestätigen wir. P. in A. Die Stiftungen des Herrn Loria in Mailand und des Doctor Levy in Görz sind in der'„Oesterr. Wochenschrift" bereits ausführlich erwähnt worden. inarzt Med. Dl EN6EL früher Praterstrasse 25, ordioirt jetzt I», WOLLZEILE 34»