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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-30 · 53 (30.12.1892) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 960 Oxsterreichische Wochenschrift iUr. 53 erscheinen lassen könnte. Da erscheinen die Antisemiten an der Oberfläche. Die Streber verdrängen die Ehrlichen, Lueger, p. Latschka und Genoffen kommen mit Brandreden, Verdächtigungen zu Hilse, die Leitung geht nun ganz in antisemitische Hände über, es wird nach Antisemiten-Art gemißwirthschaftet und das Ende ist der Krach. Wir kommen auf das Thema noch zurück. Wien. Die Langmuth des Landesschulrath es gegenüber den Ausartungen gewisser antisemitischer Jugendbildner scheint zur Neige zu gehen. Man theilt uns mit, daß gegen den vorortlichen Bürgerschullehrer Rauscher, welcher bekanntlich der antisemitischen Partei des Gemeinderathes angehört, wegen eines argen Rede-Exzesses, den derselbe jüngst verbrach, Disciplinarschritte bevorstehen. Wiederholt hat sich der Bezirksschulrath veranlaßt gesehen, die Landesschulbehörde auf das für einen Lehrer unziemliche Treiben Raus che r's aufmerksam zu machen. Seine Landtagscandidatur im neunten Bezirke, obwohl sie abgewiesen wurde, scheint Herrn Rauscher stark in den Kopf gestiegen und in ihm einen Größenwahn hervorgerufen zu haben. In einer vor Kurzem stattgehabten Versammlung, in der die Abstinenz der gemeinderäthlichen Antisemiten erörtert wurde, nahm Rauscher das Wort zu höchst gehässigen Ausführungen gegen die Majorität des Gemeinderathes, in welcher er antisemitische Aeußerungen that und den Bürgermeister in der frechsten Weise beschimpfte, indem er denselben einen „Expensenschneider" nannte. Der Bürgermeister ist aber nicht nur der Vorsteher der Gemeinde, sondern auch der Obmann des Wiener Bezirksschulrathes und sonach der Vorgesetzte des Bürgerschullehrers Rauscher. Der obersten Schulbehörde des Landes kann es nun nicht gleichgiltig sein, wenn ein Lehrer in öffentlichen Versammlungen als antisemitischer Apostel agitatorisch auftritt und die Spitzen der Schulbehörden beschimpft. Der Lehrer Rauscher wird sich nunmehr wegen seines Vorgehens vor der kompetenten Schulbehörde zu verantworten haben. Wie«. (Ein Duell zwischen Aerzten.) Vor einigen Tagen fand in Wien zwischen zwei hiesigen Aerzten ein Säbelduell statt, das mit der Verletzung beider Kämpfer endigte. Dr. B., ein Deutschnationaler Schönerer'scher Observanz, hatte im Laufe einer Controverse eine ihm mißfällige Äußerung des Dr. L., eines Liberalen, als semitische Frechheit bezeichnet, worauf dieser das Wort „urarische Arroganz" mit dem Hinzufügen fallen ließ, er sei zu jeder Satisfaction bereit. Dr. B. schickte alsbald seine Sekundanten, und da eine gütliche Beilegung der Angelegenheit nicht zu erreichen war, fand, wie erwähnt, der blutige Zweikamps statt, nach dessen Beendigung sich die Gegner versöhnten, wenn dieser Ausdruck mit Rücksicht auf die politische Gesinnung derselben gestattet ist. Die Affaire selbst hat in ärztlichen Kreisen peinliches Aufsehen erregt — umsomehr, als man allgemein geglaubt hatte, daß die wiederholten Angriffe in hervorragenden Körperschaften und Wählerversammlungen aus den gesammten ärzlichen Stand in der Folge alle Mitglieder desselben zu einträchtigem Vorgehen veranlassen werde. Wien. (Der Antheil der Judenschaft an der Entdeckung von Amerika.) Bekanntlich hat die Judenschaft der Bereinigten Staaten Nordamerikas beschlossen, sich an der am 31. Mai 1893 anläßlich der vierhundertsten Jahreswende der Entdeckung Amerikas in Chicago zu eröffnenden Weltausstellung mit einem Werke zu betheiligen, welches auf historischer Basis Nachweisen soll, welchen Antheil seinerzeit die Judenschast an der Entdeckung Amerikas genommen. Mit der Ausarbeitung dieses Werkes wurde der auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsschreibung als Capacität ersten Ranges anerkannte Prediger der Budapester israelitischen Gemeinde, Dr. M. Kayserling, betraut. Dieser hat behufs Durchführung des ihm gewordenen ehrenvollen Auftrages eine Studienreise gemacht. Dr. Kayserling, der bereits im Sommer in der Wiener kaiserlichen und in der Grazer Statthalterei-Bibliothek Studien gemacht hat, trat am 8. v. M., mit von hoher Stelle kommenden Empfehlungsschreiben versehen, die Reise nach Spanien an, um dort in den verschiedenen Bibliotheken und Archiven diese Studien fortzusetzen. Den ersten Aufenthalt nahm Dr. Kayserling auf italienischem Boden in Mailand, wo er in der Ambrosiana reichliche Daten fand. In der Stadtbibliothek zu Genua verbrachte Dr. Kayserling drei Tage, da hier die reichste Sammlung der Columbus- Literatnr aufgestapelt ist. Bon Genua aus reiste er dann nach Barcelona, wo er in der Handschriftensammlung Archivo della Corona d’Aragon reiche Schätze für sein Werk fand. Der Gelehrte brachte hier neun Tage zu, woraus er sich am 24. November nach Madrid begab. Hier suchte Dr. Kayserling den Botschafter unserer Monarchie, Grafen Dubsky, auf, dem er ein Empfehlungsschreiben des Ministers des Aeußern, Grasen Kalnoky, überreichte und der ihn auf das Freundlichste empfieng und sofort in die ständige Columbus-Ausstellung geleitete. Hier empfieng den Prediger, der Mitglied der königlichen Akademie in Madrid ist, der Präsident der Ausstellung, Don Fidel Fita, als College» in der herzlichsten Weise. Am dritten Tage der Anwesenheit Kayserlings hielt die Academie eine Sitzung, zu welcher derselbe eine besondere Einladung erhielt. Der Bice-Präsident der Äcademie, Saavedra, begrüßte Dr. Kayserling, nach dessen Dankes- Worten der spanische Historiker Cesareo Turo in einstündigem Vortrage die wissenschaftliche Thätigkeit Kayserling's würdigte. Hierauf behandelte Don Fernändez y Gonzales einzeln die Werke des Dr. Katzserling, welche sich mit der Geschichte Spaniens beschäftigen. Zum Schluffe der Sitzung verlas Don Fidel Fita eine in Madrid geschriebene Arbeit Dr. Kayserling's. Die Madrider Zeitungen brachten täglich Berichte über die Anwesenheit des gelehrten Gastes. Die Herzogin de Orsuna, eine der geistreichsten Damen Madrids, kam zu Kayserling in die Ausstellung, um ihn nach halbstündiger Conversation zu Tische zu laden. Kayserling, der in Madrid in Ermanglung ritueller Fleischspeisen sich mit Milch, Eiern, Fischen :c. nährte, lehnte die Einladung dankend ab. Am letzten Tage seines Madrider Aufenthalts erhielt Dr. Kayserling den Besuch des Botschafters Grasen Dubsky, der ihm vom Tode Moriz Wahrmann's Kenntniß gab, und des . Adjutanten der Königin - R e g e n t i n, Grafen Trochu, der ihm mittheilte, daß sich Ihre Majestät nach ihm erkundigt habe und ihn nach ihrer Rückkehr nach Madrid empfangen werde. Dr. Kayserling mußte jedoch, da er seine Abreise nicht aufschieben konnte, auf diese Auszeichnung dankend verzichten. Von Madrid reiste Dr. Kayserling nach Toledo, wo er die ehemals berühmte Synagoge (später Sante Maria-Kirche) besichtigte und im Archiv Alkala de Hinares drei Tage verbrachte. Nach einem viertägigen Aufenthalte im spanischen Kronarchiv zu Saragossa begab sich Dr. Kayserling wieder nach Barcelona, wo er am 18. d. M. über Südfrankreich, die Schweiz und Oesterreich, die Heimreise antrat und am 21. d. M. Abends nach Budapest zurückkehrte. Prag. 21. December. (Ein Antisemitenführer als Defraudant.) Der bei der hiesigen Speditionsfirma Schenker & Comp, angestellte Buchhalter Peter v. Mittis ist seit gestern, nach Unterschlagung von 2000 fl. abgängig. Mittis gehörte zu dem Borstande des die antisemitische Agitation in Prag betreibenden „Deutschen Clubs". Nach einer Mittheilung des „Deutschen Abendblattes ' fand der Chef in der Wohnung des Defraudanten, welcher seine Gattin und eine Tochter zurückließ, massenhaft antisemitische Schriften. Broschüren und Bildnisse von Schönerer. Die Gattin erzählte weinend, Mittis gehöre seit Jahren zu den Antisemitenführern Prags und verbringe zweimal wöchentlich die Nächte in deren geheimen Conventikeln. Er habe dieser Agitation «seine ganzen Ersparnisse, sowie auch die defraudlrte Summe geopfert. Frau Mittis versprach, bei den anderen hiesigen Antisemitenführern, mit denen ihr Gatte in stetem Contacte stand, vorzusprechen und dieselben zur Aufbringung der defraudirten Summe zu veranlassen. Prag. Vor einem überaus zahlreichen, zum größeren Theile aus Damen bestehenden Publicum, hielt Samstag abends die Berliner Schriftstellerin Frau Dr. Nahida Remy im Wintergarten des Grand-Hotel den angekündigten Bortrag über das Thema .Die Nächstenliebe nach den Satzungen des Judenthums". Der Obmann des „Centralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten", Herr Sigmund Mauthner, begrüßte vorerst in herzlichen Worten die erschienenen Bereinsmitglieder und Gäste, dankte sodann der gefeierten Schriftstellerin für ihr Erscheinen und bat dieselbe schließlich, ihren Vortrag zu beginnen. Frau Dr. Remy, eine ungemein sympathische Erscheinung mit überaus wohlklingendem, zur Seele sprechendem Organe, leitete ihren Bortrag mit ungefähr folgenden Worten ein: „Man sollte, es kaum für möglich halten, daß von verschiedenen Seiten fort und fort behauptet wird, das alte Testament kenne die Nächstenliebe nicht; erst das neue Testament habe die Menschenliebe eingeführt und gelehrt. Die Original-Ideen des alten Testamentes werden im neuen nur wiederholt und von gewisser Seite immer wieder als neutestamentarische aufgestellt. Und das sagen nicht nur Leute, welche in clericalem Sinne so sprechen, sondern auch Freie, Un-

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