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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-30 · 53 (30.12.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 53 Oesterrrichischr Wochrnfitzrrst Seite 961 abhängige wiederholen gläubig und kritiklos diese alten Schlagworte." Die Vortragende schickte sich nun an. nachzuweisen, daß wirklich die Juden das erste Volk gewesen seien, welches die Nächstenliebe aus seine Fahnen geschrieben. An der Hand der fünf Bücher Moses erlänterte Frau Dr. Remy die Satzungen der jüdischen Nächstenliebe durch zahllose Beispiele. „Der alte Gott ist ein Gott der Rache" sagen die Feinde des Judenthums, denn er strast die Sünden der Väter an den Kindern und Kiudeskindern bis in's dritte und vierte Geschlecht." „Aber den Nachsatz: er belohnt bis in's tausendste Geschlecht — den verschweigen die Herren", sagte die Rednerin, „weil er ihre Worte Lügen straft. Jedem von uns gebietet die einfache Gerechtigkeit, Entstellungen von Thatsachen entgegenzutreten. In Bezug auf die Bibel ist das sehr leicht, denn die befindet sich ja in jedem Hause, man braucht nur nachzuschlagen. Doch freilich, heutzutage liest man die Bibel nicht mehr und die Hausfrauen kennen sich darin nicht aus." Die Vortragende griff weiter einige Beispiele von besonderer psychologischer Feinheit heraus. „Du sollst dem Tauben nicht fluchen!" Warum? Er hört es ja nicht! Eben deßwegen, meinte sie, denn er kann sich nicht wehren und du gehst straflos aus. Frau Dr. Remy widmete auch der leidigen Dienstbotenfrage einige Worte. „Die Dienstboten sind auch unsere Nächsten, wenngleich sie uns untergeordnet sind. Sie sollen auch ihre Ruhe haben, feiern, gut essen und trinken und sich schön kleiden. Ich habe aber gefunden, daß die dienstbaren Geister gerade an Sonntagen mehr geplagt sind, als an allen anderen Tagen. Da kommen die Gäste und die Vorbereitungen und Bedienungen nehmen kein Ende. Ich esse, wie wohl ich eine Andersgläubige bin, an Samstagen mit Vorliebe die jüdische Nationalspeise Schalet, weil ich weiß, daß das Schalet schon vor dem Samstage znbereitet wurde und der Köchin die Arbeit am Ruhetage erspart wurde." — Ein anderer Satz der Bibel lautete: Man soll den Vogel aufheben, der aus dem Neste gefallen ist. Bei solchen Ansprüchen begreife man es, daß bei den Juden niemals Thierquälereien Vorkommen. Den anderen Völkern gebühre der traurige Ruhm, die öffentlichen Thierquälereien eingeführt zu haben, -von den Stierkämpfen der gläubigen Spanier, bis zu den Hahnenkämpfen der bigotten Engländer, ganz abgesehen von den Pferderennen, die in allen civilisirten Staaten der Erde eingeführt ünd. „Wir haben erst die fünf Bücher Moses besprochen", schloß Frau Dr. Remy, „noch bleiben die geschichtlichen Werke, die Apokriphen, die herrlichen Psalmen, die an Anssprüchen der Nächstenliebe überreichen Sprüche Salomons, noch bleiben uns die Propheten. Aus der reichen Gallerie biblischer Charakterköpfe sei nur Hiob hervorgehoben, das Ideal werkthätiger Nächstenliebe. Diese Satzungen sind eben so umfassend, daß auch ein zweiter Bortrag kaum genügen würde, das Thema zu erschöpfen. Man prüfe nur und man wird sehen, nicht nur in der Nächstenliebe, sondern in allem, was hoch und heilig ist, bleibt das alte Testament das Lehrbuch der Menschheit." Stürmischer, langanhaltender Beifall lohnte die Rednerin nach ihren gediegenen Ausführungen, die von gründlichem, vertieftem Studium der jüdischen Wissenschaften, von hohem Geiste und von weiser Weltanschauung ein glänzendes Zeugniß ablegten. Berlin, 20. December. Ueber „die anthropologische Stellung der Juden" hat Herr Dr. F. von Luschan. Privat-Docent an der hiesigen Universität, ans der diesjährigen allgemeinen Versammlung der „deutschen anthropologischen Gesellschaft" in Ulm einen Vortrag gehalten, welcher die berechtigte Bewunderung auch der Gelehrtenkreise gefunden hat, welche mit den wissenschaftlichen Ergebnissen nicht in allen Punkten sich einverstanden erklären konnten. Der Bortrag, der in der These gipfelt, daß die Juden nur zum geringsten Theil semitischen Stammes sind, liegt nunmehr in dem von Prof. Dr. Johannes Ranke herausgegebenen „Correspondenzblart der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte" wörtlich vor. In seinen wesentlichen Ausführungen ist er ja nur für den Fachgelehrten bestimmt; den Schlußausführungen sei indeß hier Einiges entnommen: „ - - - Somit kann ich das Ergebnis der bisherigen Untersuchung dahin zusammenfassen, daß die iilodernen Juden zusammengesetzt sind: erstens aus den arischen Amoritern, zweitens aus wirklichen Semiten, drittens und hauptsächlich aus den Nachkommen der alten Hethiter. Neben diesen drei wichtigen Elementen des Jndenthums kommen andere Beimengungen, wie sie im Laufe einer mehrtausendjährigen Diaspora ja immerhin möglich waren und sicher auch vorgekommen sind, gar nicht in Betracht. Und nun bitte ich zum Schlüsse noch eine einzige Frage aufwerfen zu dürfen — die nach den ethischen Eigenschaften der Inden Renan hat die Semiten einmal als eine „rnee iuferieure“ bezeichnet, und dieser Ausspruch, den jetzt vielleicht niemand mehr bedauert, als der große und verdiente Gelehrte selbst, der ihn einst gethan (Renan lebte noch, als der Vortrag gehalten wurde. D. Red.), hat so viele Anhänger gefunden, daß ich es mir nicht versagen kann, denselben hier zu beleuchten. Und da darf ich zuerst wohl ganz bescheiden mit Hommel daran erinnern, wie diese „inferiore Rasse" schon lange vor Homer epische Dichtungen gehabt hat, wie sie ein fertiges Keilschriftsystem besessen und wie sie großartige Paläste mit kunstvollen, heuie noch angestaunten Bildwerken zn einer Zeit schon geschaffen hat, in der wir Demsche noch in Höhlen und Erdlöchern gewohnt haben und kaum noch gelernt batten, den Feuerstein zn Werkzeugen zn bearbeiten. Ebenso möchte ich bescheiden daran erinnern, daß unsere christliche Religion ans semitischem Boden entstanden ist und daß jene '„inferiore Rasse" ein Jahrtausend früher die Buchstabenschrift erfunden hat, aus der sich nachher alle europäischen Alphabete entwickelt haben, und daß ein Jahrtausend später die arabische Wissenschaft in Spanien zu so hoher Plüthe gelangt ist. daß man aus ganz Europa dahin zusammenströmte, um Mathematik und Astronomie, Medicin und Philosophie, Geographie und Geschichte an der Quelle zn stndiren. So braucht man also nur an Babylon und Ninive zn denken, an Tnrns und Carthago, an Bagdad und Granada, um die culturhistoriscbe Bedeutung der Semiten in den drei großen Zeiträumen ihrer Geschichte zu erkennen. Aber auch von ihrer Politiken und militärischen Kraft har diese „inferiore Rasse" Proben abgelegt, die nicht ganz unansehnlich sind: Die assyrischen Könige haben ein Weltreich geschaffen, gefestigt und erhalten, wie vor ihnen keines je bestanden, und müssen als die ersten militärischen Organisatoren angesehen werden, denen wir in der Geschichte begegnen-, vor E.n'tdago hat Rom gezittert, und der Sturmlaus, in dem später der Jcstam die Mittelmeerländer eroberte und ein neues Weltreich gründete, ist auch keine eben verächtliche Leistung. Aber auch das zweite Element, aus dem die heutigen Inden hervorgegangen sind, die alarodischen Hethiter, lernen wir jetzt als ein altes Culturvolk kennen, das von Jahr zu Jahr in unserer Achtung steigt, das schon in grauer Borzeit sich eine eigene selbstständige Bilderschrift erfunden hat und das in Baukunst und Scnlptur der Lehrmeister der Assyrier und der Griechen gewesen ist. Das also sind die anatomischen und moralischen Eigenschaften der Juden und das war ihre Vergangenheit: über ihre Zukunft zu sprechen, würde mul) von dem Geoiet der Thatsachen aus das der Bermnthungen bringen, und ich will es daher lieber unterlassen: aber die eine Bermuthnng möcbte ich doch noch aus- 'prechen, daß die innige Blutmischung, die schon seil dem fernsten Alterthum zwischen Ariern, Semiten und Alarodiern stattfindet, wenn sie auch durch kurzsichtige und undankbare Gesinnnig und durch brutale Jnftincte zeitweise erschwert, verzögert und unterbrochen werden konnte, schließlich dermaleinst doch zu einem völligen Jneinanderanfgehen und Verschmelzen dieser Rassen führen wird. Inzwischen aber erkennt in der Gegenwart der gebildete Europäer in seinem jüdischen Mitbürger nicht nur den lebenden Zeugen und Erben einer uralten und ehrwürdigen Cultnr, sondern er achtet und schätzt und liebt ihn als seinen besten und treuesten Mitarbeiter und S t r e i t gen o s s e n im Kampfe um die höchsten Güter dies e r Erd e, i in K a m p f e n in d e n F o r t»ch r i t t und u m d i e gei sr i g e Fr e i h ei t." London, 21. November. Gestern fand in den Räumen des „jüdischen Arbeiterclub" eine öffentliche Sitzung des „Schomre- Schabbarh-Vereins" statt. Alle Plätze waren dicht besetzt. Der Chiefrabbi, welcher den Vorsitz führte, erinnerte die Zuhörer bei Eröffnung der Sitzirng daran, daß man durch Entweihung des Sabbath's den Grundpfeiler des jüdischen Religionsgebäudes untergraben würde Es-wäre auch ganz unbegreiflich, wie die, welche um der Religion willen aus Rußland entflohen, hier in einem freien Lande, wo kein Gewissenszwang auf ihnen laste, dieselbe Religion unter die Füße treten könnte. Es wurde alsdann beschlossen: „Die Versammlung verpflichtet sich. Alles aufzubieten, daß sowohl von Seiten der Arbeitgeber als der Arbeiter Gelegenheit geboten werde, die Sabbathfeier halten zu können." Dr. Lerner, welcher die Resolution unterstützte, erklärte: „Wir wollen durchaus keinen Eingriff in die Domaine der Gewerbe-Vereinigungen thun; wir haben nur einen religiösen und Humanitären Zweck im Auge. Es ist unglaublich, zu hören, wie besonders die Schneider am Freitag Abend übermäßig arbeiten, was nicht allein eine traurige Wirkung auf die Religion, sondern auch auf den Comfort der ganzen Familie übt. Der Freitag Abeno ist der einzige Abend in der Woche, an welchem die jüdischen Arbeiter während einiger Stunden in religiöser Weihe und gemütlichem Verkehr mit Frau und Kindern zubringeu können, dessen erhebende Feier sie gemeinschaftlich begehen und dessen Mahl sie gemeinschaftlich in Ruhe und Gemütlichkeit begehen können. Die Wurzel des Uebels liegt darin, daß man in diesem Gewerbe die Arbeit bis zu den letzten Tagen der Woche sich anhäufen läßt. Die einfache Einrichtung, die Hauptarbeit am Mittwoch und Donnerstag zu erledigen, würde allein hinreichen, die Sabbathfrage zu lösen. Die Arbeiter müssen die Arbeitgeber zu veranlassen sich benlühen, ihnen in diesem Bestreben entgegen zu kommen."

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