Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 53 Orsterreichifchr Wochenschrift Seite 959 Herr, sagte sie, welcher kürzlich in der von ihm und dem Fürsten Alois Liechtenstein einberufenen antisemitischen Frauenversammlung in der Bolksüalle mit dem Schlagworte „Schutz den christlichen Arbeitern!" um sich warf und sich als den patentirteu Arbeiterfreund ausgab, behandle seine Arbeiter nichts weniger als „arbeiterfreundlich". In seinen Webereien in Großsiegharts müssen sich bei einer 14stündigen Arbeitszeit die Arbeiterinnen mit Wochenl-öhnen von 1 fl. 80 kr. zufrieden geben. Ich habe, rief die Rednerin, Lohnzettel aus der Zuleger'schen Fabrik in Händen gehabt, die auf 47 und 22 kr. lauteten. Derartige Verhältnisse gibt es bei unseren arbeiterfreundlichen antisemitischen Fabrikanten! (Stürmische Pfuirufe.) Und dieser Herr Zuleger ist ein Kampfesgenosse des Prinzen Liechtenstein und veranstaltet mit ihm gemeinsam christliche Frauenversammlungen zur Hetze gegen die jüdischen Ausbeuter. Seine eigene Ausbeutung genirt ihn nicht, die ist, weil christlich, auch gerechtfertigt. In den öffentlichen Hetzversammlungen ergeht er sich in wüsten Schmähungen gegen feine jüdischen Concurrenten, er verschweigt aber, daß er mit jüdischem Gelde sein Geschäft unternommen hat und daß er ohne dieser jüdischen Unterstützung und Förderung nie in der Lage wäre, auch nur als Kaufmann aufzutreten. E. B. Wien. (Die Verjudung der Gewerbe.) Das gemeine Organ des ..edlen" Dr. Psenner: „Oesterreich i s ch e r B o l k s f r e u n d" ist in der von uns besprochenen Artikelserie bei Spiel-, Galanterie-, Kurz- und Nürnbergerwaren angelangt. Ueber jüdische Industriellen dieser Branchen kann sich Dr. Psenner freilich nicht beklagen, denn die Fabrication derselben ist judenrein, dagegen wird den Juden zur Last gelegt, daß sie sich des Handels nahezu sowohl eu gros, als auch en detail bemächtigt haben. Nun auch das ist ein antisemitischer Schwindel. Auf dem Weihnachtsmarkte am Hof halten hunderte. Spielwarenhändler feil, die sämmtlich Arier sind, das Verdienst können sich jedoch die jüdischen Spiel-, Kurz- und Nürnbergerwaren Händler vindiciren, daß sie die erwähnten Waren den weiteren Bevölkerungskreisen zugänglich machten. Ehedem, als der Handel in rein arischen Händen sich befand, die unter vielhundertfachem Nutzen nicht verkauften, konnten sich nur reiche Leute den Luxus gönnen, ihre Kinder mit Spielzeug zu bedenken. Durch die jüdische Concurrenz erst ist es dem armen Manne möglich, seinen Kindern mit einer Spielerei eine Freude zu bereiten. Dr. Psenner fällt noch weiters über die Geschäftsinhaber her, denen er den Borwurf macht, ihre Bediensteten karg zu besolden und auszunützen. Wir erinnern uns, daß einst das Psenner'sche Organ gerade den jüdischen Principalen den Borwurf gemacht hat, die Geschäftsbediensteten über Gebühr zu entlohnen, wodurch Unzufriedenheit bei den Commis in arischen Geschäften, die bei sechzehnstündiger täglicher Arbeitszeit und elender Beköstigung ein Monatssalair von 5 bis 10 Gulden beziehen, hervorgerufen wird. Man dreht eben das antisemitische Mäntelchen, wie man's braucht. Das ist echte Antisemiten-Moral. Wien. Fürst Bismark läßt in den „Hamb. Nachr." seinen abweichenden Standpunkt vom neuen conservativen Programm betonen. Das Blatt schreibt offenbar in seinem Aufträge: „In den letzten Tagen hat in Folge verschiedener Vorgänge die Discussion der sogenannten Judenfrage in der Presse sehr überhand genommen. Wir sehen den Nutzen davon nicht ein und müssen es daher ablehnen, uns daran zu betheiligen. Wir sind davon entfernt, die Ansichten des Grafen Caprivi in dieser Sache, oder etwa den Standpunkt der österreichischen Regierung zu theilen, aber wir sind der Meinung, daß sich die antisemitische Bewegung auf einem Holzwege befindet und nichts erreichen kann. Gegen einen Zustand, unter dem man thatsächlich lebt, ohne die Kraft zu haben, ihn zu ändern, fortwährend mit fruchtlosen antisemitischen Renommistereien anzukämpfen, halten wir für unwürdig. E. B. Wien, 18. December. (Sigmund Mayer contra Prinz Alois Lichtenstein, das fürstliche Haupt der politischen Schwemme Wiens.) Der von seiner öffentlichen und publicistischen Wirksamkeit kustbekannte ehemalige Gemeinderath der Stadt Wien, Herr Sigmund Mayer, nimmt in einer am 7. d. M. in der „Neuen Freien Presse" begonnenen Artikel-Serie „Die Aufhebung des Befähigungsnachweises Stellung gegen den blaublüthigen und rothschillernden Prinzen Lichten st ein in seiner öffentlichen Thätigkeit auf gewerblichem Gebiete. In so drastischer und nackter Art hat es noch niemand gewußt, die demagogische und zersetzende Thätigkeit des Prinz-Antisemiten oder Antisemiten-Prinz zu zerfasern. Wie sagt nur Mayer vom rothen Loisl: „Prinz Lichten st ein ist ohne jeden tief unten in der Seele liegenden Ernst, welcher allein den Demokraten von dem Demagogen, den Staatsmann vom Sportsmann unterscheidet. Des Prinzen Lichtenstein Reden im Parlamente sind eine vielfarbige, leere Flasche — Geist ohne Character, Genie ohne Stoff, Romantik ohne Logik." Allein auch gegen die Hintermänner des Prinzen, der feudal-clericalen Sippe wendet sich Herr Meyer in höchst wirkungsvoller, mit reichen historischen Daten ausgestatteter Darlegung. „Keinen wirklichen Fortschritt des Geistes mit auch nicht einer Ausnahme, sagt Mayer, hat die Menschheit dem Feudal-Adel als Stand zu verdanken, er erinnert an die Stockerauer Adelsversammlung vom Jahre 1296, welche die Wiener Zünfte zur Rebellion gegen den zweiten Habsburger, Albrecht, aufhetzte, an die Feudalherren, welche für ihren Privilegienstreit mit Kaiser Friedrich im Jahre 1462 dieZünfte zur Belagerung in der Hofburg angestiftet und angeführt haben, dieselben Feudalgrafen und Barone, welche damals um ihre ständische Anmaßung den Mantel der „Reinigung des Glaubens" umgehängt, gegenwärtig in der „christlich-socialen Reform (id est Antisemitismus) eine ausgezeichnete Decke für die gleichen feudal-egoistischen Bestrebungen finden und denen es nicht um die Erhaltung, sondern um Niederhaltung des Bürgerstandes, um die Festnagelung des Bürgers bei einem möglichst liefen Niveau des Besitzes und Einflusses zu th un ist. Wir bedauern lebhaft, daß Herr Sigmund M a y e r der öffentlichen Thätigkeit freiwillig entsagt hat und geben der zuversichtlichen ErwartungRaum. daß seine Mitbürger den ersten sich bietenden Anlaß wahrnehmen werden, um demselben mit einem seinen hohen Fähigkeiten und großen Talenten enssprechenden Mandate zu betrauen. E. B. Wien. (Reserve-Officiers-Ernennungen.) Unter den vom Verordnungsblatt für das k. k. Heer veröffentlichten Ernennungen von Reserve-Officieren für das k. u. k. Heer befindet sich eine große Zahl jüdischer Einjährig-Freiwilliger. Dies darf freilich nicht befremden, denn die Juden widmen sich mit Vorliebe dem Einjährig-Freiwilligendienste und wo sie die Qualification hiezu nicht ichon durch ein Abiturienten-Examen besitzen, erwerben sich dieselben die erforderlichen Kenntnisse durch Vorstudien. Die Juden bestehen aber auch die derzeit sehr strengen Officiersprüfungen nahezu ausnahmlos. Während der Durchschnitt der befriedigend erfolgreichen Examina im Allgemeinen circa 80 Percent beträgt, so ergibt sich bei jüdischen Freiwilligen ein Percentsatz von circa 97, was auf deren Intelligenz, Fleiß, Ausdauer und zufriedenstellendes Verhalten ein schönes Licht wirft. E. B. Wien. (Jüdische Maroni- und Erdäpfelbrater.) Dies ist das jüngste epochale Ereigniß. Bisher war das Gewerbe der „Maronibrater" wenigstens judenrein, nun ist auch in dies „einträgliche Melier" die semitische Rasse eingedrungen und es wird wohl nicht lange dauern, so werden einige Juden mehr Ringstraßenhäuser kaufen und Latifundien erstehen, denn es ist zweifellos, daß, sobald auch Juden „Maronibrater" werden, das Gewerbe als ein höchst lukratives ausgeschrieen werden wird, dessen sich die Juden nun bemächtigen, um die erbgesessenen arischen Gotscheer zu verdrängen und Reichthümer anzuhäufen. Uns aber ist der jüdische „Maroni- und Erdäpfelbrater" ein betrübendes Symptom, welches darauf schließen läßt, daß der Jude zu den wenigst einträglichen Gewerben greifen muß, um nur sich und den Seinen das nackte Leben fristen zu können. Wien. (Eine verkrachte Genossenschaft.) Die Wiener Kleiderzunft ist insbesondere, was die Vorstehung betrifft, excessiv antisemitisch gesinnt, trotzdem der erheblichste Theil der Mitglieder von der Arbeit, die ihnen die Juden gewähren, lebt. Da haben sich die antisemitischen Schneider, an deren Spitze der bekannte Radau-Antisemit „Waschina", der Leitung des von fortgeschrittenen Genossenschaften gegründeten „Rohwaarenlagers" bemächtigt und nach kurzer Thätigkeit ist man gezwungen, an die Nachsicht der Gläubiger zu appelliren, d. h. Bankerott anzusagen. Der Fall ist typisch. Liberale, fortschrittlich gesinnte Handwerker crriren eine an und iür sich löbliche Institution. Natürlich fürchtet man, daß eine erfolgreiche Thätigkeit den Contrast gegen das zersetzende Wirken der Finsterlinge allzu grell