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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-30 · 53 (30.12.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 956 Oesterreichische Wochrnschrif) Nr. 53 Im gottesfürchtigen England sind auch die Juden von einer bestimmten Kirchlichkeit angehaucht, die keineswegs dasselbe ist wie Religiosität, und noch weniger durch das nöthige Wissen unterstützt wird. Man kann hier häufig von Männern, die im öffentlichen Leben ihre Rolle spielen, die Aeußerung hören, daß moderne Bildung und religiöse Lebensweise sich nicht vertragen, und daß der gebildete „Fromme" nicht viel besser als ein Heuchler ist. Das ist ein beschränkter Standpunkt, der eigentlich wenig Schaden anrichtet; die Schädlichkeit liegt aber darin, daß dieselben Personen sich berufen fühlen, bei öffentlichen Gelegenheiten ihre Ansichten über Religion und religiöse Erziehung nebst eindringlichen Ermahnungen vorzutragen, wobei das bekannte „wahre Judenthum" nebst der „echten Religiosität" in Parade aufmarschiren. Es wird allerdings niemals gesagt, wie dieses „wahre Judenthum" aussehen soll, das in Wirklichkeit oft aus nichts anderem als einer römischen Nase und etlichen Phrasen besteht, während der geehrte Redner vom eigentlichen Wesen des Judenthums noch nicht die Elemente inne hat. Das wäre so ein Punkt, den ich der Aufmerksamkeit der Makkabäer empfehle. Der Kampf g?gen das geistige Parvenuthum, das viel intoleranter ist, als der übelberufendste Orthodoxe, ist des Schweißes dieser Edlen werth. Mögen sie ihm beizubringen versuchen, daß er nicht lehren soll, wo er zu lernen hat und vor allem bescheiden, statt vorlaut zu sein. Im Kampfe gegen das Borurtheil mögen die Herren Makkabäer aber bei sich selbst anfangen. Sie ringen nach Gedankenfreiheit, die im Grunde weiter nichts ist, als vollkommene Borurtheilslosigkeit. Wie weit sie noch von dieser entfernt sind, beweist einer der Grundsätze, auf dem ihre Gesellschaft gebaut ist. Es ist ein Borurtheil und ganz entgegengesetzt dem, was die Makkabäer sein wollen, wenn sie beispielsweise den Kaufmannsstand von ihrer Gemeinschaft ausschließen. Es ist aber außerdem ein Zeichen von Unreife. Der Gelehrte, der Künstler hat Gelegenheit und Hilfsmittel genug, um sich von Borurtheilen frei zu machen; es ist der intelligente Gewerbetreibende, der Belehrung sucht und zu idealem Streben ermuthigt werden soll. Es ist zwar ergötzlich, einen schwarzballotirten Snob den „Herrn Redacteur" anwimmern zu hören, daß die Makkabäer ihm die Thür vor der Nase zngesperrt haben, aber im Grunde weint er Thränen gerechter Entrüstung, er möchte doch gar zu gern „einen nicht unerheblichen Einfluß" auch auf sich ausgeübt haben. Die geistige und sociale Bedeutung der Makkabäer ist bis jetzt noch lange nicht groß genug, um für Leute von berechtigtem Selbstgefühl die Aufnahme begehrenswerth zu machen. Wenn sie fortfahren, wie sie angefangen haben, ist nicht viel zu erwarten. Die jüdische Gelehrtenwelt des Jnselreiches scheint mit ihnen in geringer oder gar keiner Verbindung zu stehen. Von irgend einer That, die nach Leistung aussieht, ist vollends keine Rede, man müßte denn Diners, Tischreden und Trompetengeschmetter als Reclame für den Anbruch einer neuen Aera ansehen. Aber sie behagen sich augenscheinlich dabei sehr wohl und sind so sehr mit sich selber zufrieden, daß ein neidloser Freund sie mit Titeln belegt, die sich am besten mit „Gesellschaft für gegenseitige Bewunderung" und „Verein Eigenlob" wiedergeben lassen. Ob die Makkabäer je so weit kommen, auf ihre inländischen Glaubensgenoffen überhaupt einen Einfluß auszuüben, und ob dieser Einfluß ein heilsamer sein wird, bleibt abzuwarten. Unklarheit der Absichten und anscheinend gänzlicher Mangel an System stehen mit den großen Versprechungen in Widerspruch. Der hochtönende Name bietet keinerlei Gewähr, ernste Arbeit steht vorläufig noch weniger in Aussicht. So wie sie ihr Wesen letzt treiben, sind sie harmlos; hoffentlich werden sie in Zukunft wenigstens keinen Schaden anrichten. Judaeus. Der alte jüdische Friedhof in Prag. Es dürfte unter den größeren Städten des Continents keine einzige geben, rvo man sich das Ghetto so gut vor die Augen führen kann, wie in Prag. Die alten Buden, die engen Gäßchen, die mit Wendeltreppen und doppelten Dächern versehenen Häuser muthcn uns mir ihren Dachstübchen so recht mittelalterlich an. Dieser Stadttheil heißt heute noch, wenigstens beim Volk, „Tie Judenstadt." Die Stimmung. in die uns der Anblick der Judenstadt versetzt, bekommt erst reckr die historische Staffage, wenn wir das alle jüdische Rathhaus mit dem Thurm erblicken, wo der Zeiger der verrosteten Thurmuhr statt auf 1—2—3 . . . auf -r. 3, j . . . zeigt. Viele Stürme hat dieses Haus miterlebt — es soll vom 14. Jahrhundett herrühren — mehr noch, als die gleich daneben stehende Synagoge, die sogenannte „Alt-neu Schul", auf deren Dachboden all' die nach Prag pilgernden frommen Neugierigen in ihrer Einfalt die Lehmreste des „Golem" anstaunen und betasten. Wenn man in die tief abgelegene Synagoge hinuntersteigt und die schwere eiserne Thür hinter sich raschelnd in's Schloß fallen hört, fährt der Schauer einem durch die Glieder und man sängt zu ahnen an, wie denen zu Muthe war, die hier ihr letztes Gebet verrichteten, während die wüthende Menge draußen tobte und in ihrer blinden Wuth die vermoderten Gebeine der längst Dahingestorbenen aus den Gräbern des Friedhofes herausschleppte (D. Podinbrad: Alterthümer der Prager Josesstadt. S. 71) und in Stücke rissen (1389). Ö, dieser Friedhof, was könnte er nicht alles erzählen! Von Tyrannei und Unmenschlichkeit, namenlosem Elend und Jammer, zerstörtem Menschenglück und unsäglichen Leid! „Könnte die Geschichte davon schweigen Tausend Steine würden reden, zeugen . . ." ' Angesichts der Steine, dieser stummen, beredten Zeugen längst dahingerauschter Zeiten entringt sich unwillkürlich den Lippen des Profeten Wort: „und der Stein wird von der Mauer herausschreien und des Baumes Laub ihm darauf antworten." Die Geschichte hat den Schrei der Steine vernommen, sie horcht den Tönen dieser lebendigen Urkunden, die den Geist vergangener Jahrhunderte für uns hervorzaubern. Ungefähr bis in's 14. Jahrhundert erstreckt sich die Zeit der älteren Steine. Man hat wohl vom 10. Süculunl auch gesprochen, aber das minder geübte Aug' entdecket auch sofort die Fälschung, die an dem Stein, der für den ältesten ausgegeben wurde, noch heute gut erkennbar ist, worauf übrigens schon Rapoport (in Liebens Gal-Ed) hingewiesen hat. Statt (—1584), das wohl wegen der Buchstaben (—Taufung) Anstoß erregt haben dürfte, wurde, indem man aus dem «j einen fl machte, dessen Fuß aber eine entschieden andere Schriftart aufweist, die Jahreszahl (—980) gemacht. Genau diese Art von Fälschung ist aus dem anderen, diesem gegenüberstehenden Steine bemerkbar. Nichtsdestoweniger sind alle diese Grabsteine sowohl vom archäologischen und zumal vom geschichtlichen Gesichtspunkte höchst wichtig. Sie bilden sonst auch eine der nennenswerthesten Sehenswürdigkeiten Prags. So lvie kein Fremder Prag verläßt, ohne den Hradzin oder etwa den silbernen Sarg des in die Moldau gestürzten heiligen Johann Nepomuk, oder die Rathsstube, wo Slawata und Martinitz durch's Fenster hinausbefördert wurden, gesehen zu haben, ebenso wird der alte jüdische Friedhof von Keinem außer Acht gelassen. Der Eindruck, den man hier im ersten Augenblicke gewinnt, ist geradezu überwältigend. Man vermag sich kaum zu fassen. Wie sestgebannt steht man an einem Fleck angewurzelt. Man traut sich kaum, laut zu athmen, auf den Fußspitzen schreitet man weiter, um die Ruhenden in ihrem Schlafe ja nicht zu stören . . . Mit einem Schlage wird man von dem Bediensteten der „Chewra-Kadischah" aus dieser Stimmung herausgerissen. Er waltet seines Führer-Amtes. In monotoner Weise plappert er das von ihm tausend und abertausendmal Gesagte vor uns hin: „Hier liegt Mahral Miprag, das ist der hohe Rabbi Löw, neben ihm seine 30 Schüler, dort sein Enkel Bezalel, Hier der berühmte Olaloth-Ephraim' (D'IBK nr^ty)- Und so geht es weiter. Er befriedigt blos die oberflächliche Neugierde des Dilettanten, dem er einige berühmte Namen herzählt und ihn im vorderen Theil des Friedhofts ein wenig herumführt, wo überall musterhafte Orünung herrscht. Aber rückwärts, wie sieht es aus? Dort sind die Steine zerbrochen, eingesunken, zersprungen. Und die Zeit verrichtet nur zu gut ihr zerstörendes Tagewerk. Stücke lösen sich ab, der Regen zerbröckelt sie, der Wind zerstreut sie. Und so wird allmählig das Gedächtnis eines Menschen — vielleicht eines namenlosen Märtyrers — der Vergessenheit anheimgegeben. Diese Epitaphien zu sammeln und sie für die jüdische Geschichte zu retten, sollte eine eminente literarische Leistung sein. Denn Liebens Arbeit ist blos eine kleine Probe. Dieses unvergängliche Verdienst, 22.000 Epitaphien zusammengeschrieben, mittelst Zurückrechnung eine jede einzeln der kalendarischen Prüfung unterzogen und geschichtlich g.prüft zu haben, hat sich ein Mann erworben, der sich mit diesem Werk, dessen Erscheinen zu erleben ihm nicht gegönnt war. das würdigste Denkmal gesevt hat. Wir sprechen von Simon Hock (gest. 22. Oct. 1887) und seinem Werke „Die jüdischen Familien Prags." Dieses Buch vermag nur der zu würdigen, der die jüdische Geschichte geforscht hat. Unsere Geschichte ist arm an Quellen. Rabbinische Rechisgutachten und Chroniken bilden zumeist ihr dürftiges Knochengerüst. — Geordnetes, geschlichtetes Material, wie Regesten und ähnliches stehen selten zur Verfügung Man pflegt wohl über Regestensam mlcr über diese „Kärrner der Wissenschaft" — wie Chmel sagt — zu spötteln. Der Spott ist wohlfeil. Ohne Steine hat man noch nie ein ordentliches Haus aufbauen könn.n. Hocks Werk ist auch ein solcher Grundstein für den Bau der jüdischen Geschichte. Vieler Jahre Schweiß und Arbeit hat das Werk gekostet, aber cs hat der Mühe gelohnt. „Namen, die wie Irrlichter durch die Literatur huschen, sind hier an Ort und Zeit geheftet, ein Coordinatensystem für tausend un-

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