Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 OrflberrrbUsch? WochenschrP Seite 955 zweifeln. Man sieht, wie nöthig es ist, seinen Stammbaum in Ordnung zu halten. Vielleicht empfiehlt es sich, denselben — ähnlich wie vor Zeiten einen Paß — beständig mit sich herumzutragen, etwa in der Form der bequemen Westentaschenkalender. Den Stammbaum könnten sich dann die nicht ganz sicheren Arier von Stöcker oder auch von Liebermann von Sonnenberg visiren lassen. Nur versäume man nicht, sich die christlich-germanische Abstammung sowohl väterlicherwie mütterlicherseits bescheinigen zu lassen. — Wie nothwendig das ist, davon weiß der Schreiber dieser Zeilen ein Lied zu singen. Als ich zum ersten Male um ein Mandat zum Reichstage candidirte und einige Tage vor der Wahl — damals ging cs noch gemüthlicher zu, als heute — aus dem Feldlager beruhigt nach Hause gereist war, überraschte mich plötzlich ein Telegramm des Vorsitzenden meines Wahlcomites folgenden Inhaltes: „Gegner verbreiten die Behauptung, Sie seien Jude". Die Geschichte amüsirte mich ganz höchlichst, und da nicht lange vorher ein Mitglied der Familie meiner Mutter, ein alter Junggeselle, sich die Mühe gemacht hatte, den Stammbaum seiner Familie bis ins dreizehnte Jahrhundert zu eruiren, so telegraphirte ich zurück: „Kann christlich-germanischen Stammbaum Nachweisen mütterlicherseits bis ins dreizehnte Jahrhundert." An diesen Stammbaum wagten die naiveren Gegner der Vergangenheit nicht die Axt zu legen. Heute würde man damit längst nicht mehr durchkommen. Im Gegentheil, man würde aus dem Hinweis auf den mütterlichen Stammbaum sofort die Folgerung ziehen, daß der väterliche Stammbaum augenscheinlich durch und durch verjudet sei. Unter diesen Umständen wäre ich nun eigentlich verpflichtet, hierunter auch den väterlichen Stammbaum zu publiciren. Aber da ich die Glossen zur Zeitgeschichte lieber selbst mache, als über mich machen lasse, so will ich doch mit dem Beweise noch etwas warten, zum Mindesten so lange, bis ich einmal preußischer Cultusminister gewesen bin. Junius. Ein Garderobier als Theaterhistorikrr. Bor wenigen Tagen starb der ehemalige Obergarderobier des Kärntnerthor-Theaters und später des Opernhauses Josef Abeles in seinem 74. Lebensjahre. Derselbe war seit einigen Jahren pensionirt. Durch viele Jahre am alten Kärntnerthor-Theater noch bedienstet, hatte er unvergeßliche Künstler, z. B. Ander, Staudigl, Erl, Rosa Csillag, Gabriele Kraus, Louise Dustmann, Gustav Walter, Beck. Josef Draxler u. s. w., als Garderobier zu bedienen gehabt, und es blieb dies diesem Manne nicht nur eine werthe Erinnerung, sondern schon während seiner Thätigkeit in der Garderobe des Theaters beschäftigte er sich mit großem Interesse als — Theaterstatistiker. Ich habe dies im Monate Februar dieses Jahres zu meinem Erstaunen über die mühevolle, genaue Arbeit des alten Abeles, der ein sogenanntes „altes Theatermöbel" war, erfahren. Am 24. Februar schrieb ich für's „Wiener Familienjournal" eine Skizze über die Leistungen der wenige Tage vorher verstorbenen Sängerin Rosa Csillag. Kurz darauf meldete sich in meiner Wohnung ein alter, graubärtiger Mann und gab seine Karte ab, welche lautete: „Josef Abeles, 5. Grüngasse Nr. 21, 3. Stock, Thür 23./ Er wünschte mich zu sprechen. Bald lernte ich in ihm den alten Obergarderobier des Kärntnerthor-Theaters kennen, der mit zwei großen Foliobänden unterm Arme in mein Schreibzimmer trat. Nachdem er sich wegen etwaiger Störung entschuldigte, rückte er mit seinen „Werken", in der äußeren Form von Meßbüchern, heraus. Er sagte ungefähr Folgendes: „Ich habe Ihren Artikel über die Csillag gelesen, daraus ersah ich Ihr Interesse für Derartiges und wollte Sie aufmerksam machen, daß ich mich seit vierzig Jahren, bis heute noch, damit beschäftige, sämmtliche Vorstellungen der Oper in diese Bücher einzutragen, aber nicht nur die Aufeinanderfolge der Aufführungen, sondern die Zahl der Vorstellungen, welche jede Oper erlebte, wie oft und an welchen Tagen jedes Mitglied des Theaters aufgetreten, an welchen Abenden die Erstaufführungen stattfanden, die Daten der Gastspiele, kurz Alles, was in unserer Oper und im Ballete seit vierzig Jahren vorging. Ich bin bereit, Ihnen jede derartige Frage auf Grund meiner Ausschreibungen genau und verläßlich zu beantworten. Wenn Sie vielleicht einmal Daten darüber benöthigen, stehe ich Ihnen gerne zu Diensten." Nachdem ich seine umfatzlich und ausführlich geschriebenen Werke durchgesehen, konnte ich mit der Anerkennung für seinen riesigen, andauernden Fleiß nicht zurückhalten, was ihn sichtlich zu freuen schien. Zufällig bot sich aber keine Gelegenheit, sein Anerbieten in Anspruch zu nehmen. Es wäre aber wünschenswerth, wenn seine emsige Ameisenarbeit von so vielen Jahren nicht verloren ginge, und deshalb hauptsächlich schreibe ich diese Zeilen. Beim Leichenbegängnisse der einst berühmten Sängerin Roso Csillag im letzten Februar sah man den alten Abeles auch unter den wenigen Trauergästen am Zentralfriedhof. Nun ist auch ihr Garderobier in die kühle Erde gebettet worden! Adolf Friedrich Prager. Englische Nebelbilder. Die Makkabäer. Worüber kann man wohl am Chanukkah geeigneter schreiben, als über die Makkabäer? Erschrick nicht, lieber Leser, ich will keine Abhandlung schreiben über jene Recken, welche die Syrer zusammengehauen und schließlich das poetische Chanukkafest erfunden haben. Ihnen gilt mein Lied nicht, sondern ihren Namensvettern in Frack und weißer Binde, den Makkabäern des schönen Albion. Der Unterschied zwischen beiden besteht sonst nur noch in den großen Thäten, die jene allerdings aussührten,. ehe ihr Name ruhmreich war. Bei ihren Epigonen werden die großen Thaten unzweifelhaft noch kommen, vorläufig begnügen sie sich mit dem Namen. Es ist aber derselbe ideale Zug, der durch beide geht. Jene haben für Glaube und Vaterland Schwert und Lanze ergriffen und ihr Herzblut vergoffen; diese kämpfen viel civilifirter mit Messer und Gabel und in Strömen fließt der Rothwein. Es geht ihnen nichts über ihre Ideale. Manch ein unzufriedener Grimmbart auf dem Continent glaubt den englischen Glaubensbrüdern Vorhalten zu dürfen, daß sie in ihren idealen Bestrebungen etwas langsam sind. Die neuen Makkabäer des Geistes werden dieses thörichte Borurtheil nicht mehr gestatten, denn sie haben das Ideal auf ihre Fahne geschrieben. Frägt einen: was sind diese Makkabäer denn eigentlich? Man weiß das nicht so genau, und sie selbst wiffens auch nicht. Was wollen sie? das wissen sie erst recht nicht und sie sagen'» allen, daß sie's nicht wissen. Sie nennen sich eine Gesellschaft ohne Vermögen, ohne Gesetze, ohne Programm. Sie haben nichts als Ideale, die sie besonders gern bei Tische predigen, Aber obwohl sie nicht wissen, was sie wollen, erheben sie den Anspruch, „dereinst einen nicht unerheblichen Einfluß aus die Juden des Landes auszuüben." Es ist ein stolzes Wort und hört sich besonders gut nach einer kräftigen Mahlzeit an. Worin soll dieser Einfluß bestehen? Ein besonders gefeierter Makkabäer hat es neulich verrathen. Die Seele des modernen Makkabüerthums soll sein ein Protest gegen die großen mittelalterlichen Borurtheile der Christen gegen die Juden, der Juden gegen Christen, und beider gegen den „freien Athen: der Wissenschaft und der Gedankenfreiheit". Schön gesagt, und der laute Beifall, welcher den Redner umtoste, bewies, daß die Makkabäer endlich ihr Programm gefunden hatten. Nun, wenn die Herren Makkabäer beweisen könnten, daß die Christen ihre Borurtheile gegen die Juden fahren lassen, sie verdienten ihren Namen hundertfach. Wir würden sie alle einfach anbeten, denn das Borurtheil ist ein reißendes Thier, und es ist bis jetzt noch niemandem gelungen, es zu bändigen. Es ist dann auch tausend gegen eins zu wetten, daß die Juden ihre Borurtheile gegen die Christen aufgeben, die, wo sie existiren, nur eine Folge jener sind. In dem schönen Kriegsrm gegen die Borurtheile ist aber eines vergessen worden — das Borurtheil von Juden gegen Juden, denn dies gehört zu den giftigsten und seine Wirkungen sind sehr verderblich. Es geht aber auch hier so, daß viele, die sich von demselben frei dünken, ihm mit Leib und Seele ergeben sind.