Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 53 Orsterrrichiptzr Wochrnschrifi Seite 953 Und dennoch umfängt uns, wenn wir diese formvollendeten Gedichte voll Schönheit, Anmuth und Kraft lesen, ein unsagbar schmerzliches Gefühl, so als ob glühende Nadeln sich uns in die Brust bohren würden. Die edelsten Empfindungen des Herzens sprechen aus diesen Gedichten; der Flug des Geistes erhebt sich zu den höchsten Höhen der Menschheit; die Dichter wandeln dort, wo die Cherubim thronen und die Seraphim wandeln. Und die Anerkennung, der Lohn? Die Vertreibung aus Spanien;, der Feuertod für Tausende. In der Sammlung ist ein überaus trauriges Gedicht enthalten. Es heißt: „Die Vertreibung aus Frankreich." Man lese doch dieses Gedicht und wer noch ruhig bleibt, der hat kein Blut in den Adern. Die Thiere der Wüste werden nicht so gehetzt, wie wir verfolgt wurden. Und diese Schmerzen, diese Leiden, diese Verfolgungen, diese Verzweiflungsrufe zum Himmel, der sich unserem Gebete verschließt; beruhige dich stürmisches Gemüthe: „Elegant gebundene Exemplare sind durch jede Buchhandlung zu beziehen." Tröste Dich, Jehuda Halevi, über den Untergang Zions: elegant gebunden liegt Dein Divan auf dem — Weihnachtstisch. Seit der Vertreibung der Juden aus Spanien und der Entdeckung Amerikas sind wiederum vier Jahrhunderte verflossen. Während wir diese Zeilen schreiben, ist draußen der schönste Wintertag. Der blaue Himmel erscheint, um mit Rückert zu reden, als der Brief Gottes und die Sonne als das Siegel d'ran. Der Sonne konnten sie noch nicht gebieten, daß sie nur den Christen Licht und Stärke spende. Das Urtheil über unsere Zeit ist in den Worten Jehuda Halevis niedergelegt: „Die Zeit ist schlecht — und Großes suchst du in der Zeit? Such' es nicht!" Man kann das kurze Gedicht (Seite 125) Nachlesen. „Elegant gebundene Exemplare sind durch jede Buchhandlung zu beziehen." Ueber die Entstehung des Buches gibt die Einleitung Ausschluß, welche Professor Dr. David Kaufmann als Meister und Wissender dem Buche voraugeschickt hat; sie ist einerseits der liebevollste Nachruf, der dem Uebersetzer gewidmet werden konnte und andererseits die würdigste Ankündigung der Welt der Dichtung, die sich vor uns ausbreitet. Dem genannten Gelehrten gebührt ein beträchtlicher Theil des Dankes, den wir dem Buche schulden. Die Anregungen, das Drängen Doctor Kaufmanns war nothwendig, damit S. Heller sich überhaupt mit der Arbeit befaßte und Dr. David Kaufmann ist es auch, der in echter Freundestreue die Herausgabe des Nachlasses in die Hand genommen hat. Seligmann Heller, ein Jude aus Raudnitz in Böhmen, war vom Schicksal dazu ansersehen, Dichtungen ferner Jahrhunderte, die größtentheils in südlichen Gegenden, in einer dem Orient verwandten Atmosphäre entstanden sind, zu neuem Leben zu erwecken. Die Harfe des Orients wurde in der deutschen Werkstätte neu hergestellt und sie tönt melodisch und kraftvoll wie unter der Hand der alten Meister. Seligmaun Heller hatte, wie Professor Kaufmann es ausdrückt, die Kammhöhe des Lebens bereits überschritten, als er an diese Arbeit gieng. Und gerade diese Aufgabe. sollte er mit wahrer Meisterschart, mit angeborener dichterischer Kraft bewältigen und oas Höchste leisten, was auf diesem Gebiete überhaupt erwartet werden kann. In Rußland haben sie geossenbarte Bilder; wir möchten die hier gesammelten Gedichte geofsenbarte Uebersetzungen nennen. In der Ueberwindung der Schwierigkeiten wird gerade nach dem Urtheile Desjenigen, der auf diesem Gebiete sich, versucht hat, das Unmögliche geleistet. Und wie es bei einer vollkommenen Uebertraguug immer der Fall sein soll, so glaubt man auch hier selbstständige Dichtungen vor sich zu haben. David Kaufmann selber spricht über das Verhältniß der Urdichtung zur Uebersetzung sich folgendermaßen aus: „Wer mit dem Geiste dieser alten Dichtungen sich erfüllt, der wird staunend das Wunder inne werden, daß sie hier wirklich übersetzt, in ihrer vollen Pracht und Duftigkeit in den neuen Boden verpflanzt worden sind, um hier von Neuem zu grünen und zu blühen, wie in der Erde, wo sie gewachsen sind. Der Uebersetzer wird hier wirklich, wie Michael Barnays vom Shakespeare Schlegels gesagt hat, zum Dichter des Dichters oder, wie das mittelalterliche Hebräisch das Uebersetzen nennt, seine Seelenwanderung." Den Zweifel, ob der Uebersetzer nicht allzu viel von Eigenem dazu gethan, bekämpft Kaufmann mit den Worten: „Bei näherem Zusehen gilt es doch immer von Neuem zu betonen, daß es nur ungeahnte Tiefen der Originale sind, die sein Seherauge vor uns aufgeschlossen, daß es nur die volle Versenkung in seine Vorlage gewesen ist, und ihn zu solchen Höhen dichterischen Gefühles emporgetragen hat." Bedenken kann der Rhytmus erregen, für welchen der Uebersetzer eine beharrliche Vorliebe äußert. Er liebt den kurzen raschen Ruderschlag, wie wenn das Glück auf dem bewegten Kahn eine lustige Fahrt machen würde. Die Urdichtungen bewegen sich in der Regel in einem feierlichen Rhytmus und gerade dann, wenn der hebräische Dichter zu kurzen Satzfügungen seine Zuflucht nimmt, sei es um innere Seelenstürme wiederzugeben oder um bestimmte Resultate des Denkens, wie den Schmerz und die Nichtigkeit des Daseins, scharf abgegrenzt zum Ausdrucke zu bringen, gerade dann fallen die Worte mit Wucht nieder, wie Hammerschläge auf den Amboß und man empfängt einen tiefen, oft erschütternden Eindruck. Wir erinnern uns, daß Jehuda Halewi's berühmter „Gruß an Zion", wie Seligmann Heller das Gericht benennt, einmal in einer Synagoge mit der heitersten Melodie vorgetragen wurde. Man konnte den Vortragenden für den Herold halten, der dem purpurbekleideten Mordechei voranschreitend, der persischen Reichshaupt- und Residenzstadt Sieg und Befreiung zu verkündigen batte. Unsere Dichter, die sind nur mit den Nachtigallen zu vergleichen, die in Sternennächten in den Rosengehegen der Alhambra ihr Lied ertönen lassen und man darf nicht an die Lerchen denken, die in der Frühlingssonne zum Himmel jubiliren. Der Gegensatz des Rhytmus führt zu anderen Gegensätzen. Professor Dr. David Kaufmann hebt fett hervor, daß bei Seligmaiin Heller der Verstand sich im Conflicte befand mit dem Gemüthe. Heller stand, um es in kurzen Worten zu sagen, mit seinem philosophischen Wirken nicht mehr im heiligen Bezirke des Judenthums; dafür aber war er mit seinem Gemüth ganz und gar an das Judenthum gefeflelt. Glücklicherweise wird auch bei guten Menschen der bewußte Wille durch die Macht des Unbewußten seinen Zielen zugeführt. Der gute Dämon siegte, in den Uebersetzungen Hellers kommt die Tiefe seines Gemüths zur Erscheinung, der von den Vätern ererbte Geist, der von den Vätern ererbte Glaube. Am 19. December des Jahres 1886 schreibt S. Heller bezüglich seiner Sammlung: „Natürlich wäre es kein Erbauungs-, sondern ein Lesebuch für Heide. Jud und Christ." Ein Lesebuch? Ein elegant gebundenes Lesebuch? Uns ist die Sammlung kein Lesebuch: uns ist sie ein Denkmal und ein Bermächtniß. Dreimal waren die Semiten in Spanien. Erst kamen die Phönizier mit ihren Factoreien, segelten echt jüdisch durch unbekannte Meere, knüpften echt jüdisch Handelsverbindungen an mit unbekannten Völkern. Dann kamen die Punier aus Carthago und unternahmen echt jüdisch den Hannibalszug über die Pyrenäen und Alpen. In dem Sprichworte: „Hannibal vor den Thoren" hat sich das Andenken an den semitischen Feldherrn erhalten. Zwei neuere Religionen, Christenthum und Islam, hatten die alten Götter verdrängt, als mit den Mauren und Juden semitische Cultur zum dritten Male in Spanien heimisch wurde. Und gerade diese dritte Periode hat eine poetische Kraft entwickelt, welche unsere Bewunderung erregt und» von welcher die Dichtungen der Juden ein unvergängliches Zeugniß ablegen. Die vorliegende Sammlung trotz aller Herrlichkeit gibt doch nur eine Vorstellung, nur ein skizzenhaftes Bild von dem geistigen Schaffen jener Jahrhunderte. Das find Edelsteine aus einer reichen Schatzkammer, wo Kronen und Diademe zusammen gehäuft waren. Wenn man von der Meisterschaft des Uebersetzens die richtige Vorstellung gewinnen will, dann vergleiche man einzelne Gedichte Alfred de Muffet's mit den Uebersetzungen Freiligrath's und wird sehen, wie weit die Uebersetzung hinter dem Original zurückgeblieben ist. Und doch waren hier nur zwei moderne Sprachen einander näher zu bringen von Völkern, die hart neben einander wohnen, und waren Dichter und Uebersetzer Söhne derselben Zeit. Allein der Unterschied der Sprachen begründet nicht auch im gleichen Grade eine Entfernung im Denken und Schauen. Wer h§ch genug steht, um die volle Empfänglichkeit für die „echten hebräischen Melodien" zu , besitzen, der wird bekennen, daß unsere Dichtungen keineswegs das ausschließliche Gepräge des Orients an sich tragen, sondern vielmehr in Gesinnung, Denken und Schauen, oft auch in der Einfachheit und Wahrheit ihrer Ausdrucksweise den großen und hohen Empfindungen aller Zeiten und Zonen stch verwandt zeigen. Die Sehnsucht nach der Freiheit, die Begeisterung für die Erlösung der Menschheit, das freie Denken in Bezug auf Gott und Welt macht diese alten Poesien zu Dichtungen des Abendlandes und der Gegenwart. In seinen Dichtungen aber offenbart sich der Geist eines Volkes, sein innerstes Fühlen, seine innerste Gedankenwelt. Kann ein glänzenderes, unwiderleglicheres