Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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— Säte WS OrArrrrichischr Wochrnschrrst Nr. 53 1 lehren des Chriftenthums und der christlich-socialen Heilslehre klafft ein unübersteiglicher Abgrund und nichts vermag die schamlose Heuchelei deutlicher zu veranschaulichen als die Thatsache, daß) die Horde ihre Bestialität hinter jenem erhabenen Grundsätze zu verbergen sucht, welchen die christliche Religion aus der jüdischen adoptirt hat. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und „Friede den Menschen auf Erden!" Ein katholischer Hetzpriester hat die Nächstenliebe dahin definirt, daß dieselbe vor Allem bei dem eigenen Ich anfange und das antisemitische Hetzblatt erklärt, daß die Juden nicht zu jenen Menschen gehören, welche des Gottessriedens theilhastig werden sollen. Das Evangelium wird also zu Zwecken des nacktesten Egoismus und des gewaltthäügften Rassenhasses gefälscht, die „christliche Nächstenliebe" wird in eine specifische „arische Nächstenliebe" umgewandelt. Diese „arische Nächstenliebe" ist aber gerade in der Weihnachtswoche durch eine Reche geradezu grauenvoller Thatsachen illustrirt worden. Vor wenigen Tagen meldeten die Zeitungen, daß in Baden bei Wien eine Frau ihre leibliche Schwester, welche halb oder ganz blödsinnig war, jahrelang im Schweinestall eingesperrt hielt, um die geistig Verkommene auch physisch zu Grunde gehen zu lassen. Unmittelbar darauf berichteten die Blatter über einen zweiten ähnlichen Fall. In Simmering hatte die Gattin eines Staatsbeamten die Schwester ihres Mannes wiederholt in den feuchtkalten Keller gesperrt, wo die Unglückliche zuletzt, halbtodt vor Hunger und Kälte, ausgesunden wurde. Es wurde constatirtz daß das beklagenswerthe Wesen in grausamster Weise mißhandelt worden, so daß sein Leib mit Striemen und Flecken bedeckt war, und daß es seine Nahrung von mitleidigen Nachbarn hatte erbetteln müssen. Seltsamer Weise fand stch bei jener Notiz die Bemerkung, daß der Bruder von diesen, seit zehn Jahren an seiner Schwester verübten Grausamkeiten nichts gewußt, sie vielmehr liebevoll behandelt habe. Die beiden Fälle, die wir hier anführen, sprechen deutlicher als hundert und als tausend Zeitungsartikel. Die Entmenschung und Verthierung des weiblichen Gemüthcs ist ein Merkmal des antisemitischen Zeitalters, eine Erscheinung, die man ausschließlich bei den arrschen Völkern beobachtet. Kein jüdisches Weib wäre einer solchen Barbarei fähig und vergebens wird man in der Geschichte des Judenthums auch nur nach einem einzigen Beispiele solcher Entartung des Weibes suchen. Wenn nun die „arische Nächstenliebe" solche Ungeheuerlichkeiten gegen die Genossen der eigenen Rasse zu zeitigen vermag, wie kann es da Wunder nehmen, daß diese „Nächstenliebe" alle Schändlichkeiten und Scheußlichkeiten gegen die Juden begeht? Man könnte noch weiter ausgreifen, man könnte von dem Nervenkitzel sprechen, den die römischen Damen empfanden, wenn sie die Todeszuckungen der im Kampfe mit wilden Thieren gefallenen Gladiatoren sahen, von dem Sinnenrausche, der die spanischen Duennas erfaßt,wenn sie das Horn des wüthenden Stieres von dem Herzblut des Matadors gefärbt sahen, von dem entsetzlichen Vergnügen, das sich erlauchte Damen des Mittelalters verschafften, indem sie den Folterungen und Hinrichtungen beiwohnten. Wird doch von einer ungarischen Edelsrau erzählt, daß sie mit eigener Hand täglich mehrere Mädchen zu Tode prügelte, um sich in deren Blute zu baden. Es fällt uns nicht ein, diese wahnwitzigen Ausschreitungen des verirrten Menschengerstes, diese Verthierung der Frauenseele dem Christenthum aufs Kerbholz zu schreiben. i Aber daß . sie ein ausschließliches Merkmal und Kennzeichen des Arierthums sind, das muß ausgesprochen und immer wieder festgestellt werden, angesichts der Thatsachen, daß eine nichtswürdige Rotte von Volksverführern und Volksverderbern ihr blutrünstiges Evangelium des Hasses mit der Lehre von der „christlichen Nächstenliebe" zu decken sucht und die Superiorität der arischen Rasse zu einem Dogma erheben will, kraft dessen die Juden wie das Wild gehetzt werden sollen. Wer die Geschichte zu lesen und zu deuten versteht, der wird sich Rechenschaft geben können über die Ursachen, welche die Juden zu Märtyrern und die Arier zu ihren Peinigern gemacht haben. Und um die „Nächstenliebe", wie sie von dem Antisemiten verstanden wird, voll und ganz zu würdigen, sei hier noch ein dritter Fall erzählt, der uns mitgetheilt wird. Am 1. d. M. berheilte der inierconfessionelle Humanitätsverein „die Glocke" in Marek's Restauration, III., Pragerstraße 2, dreißig arme Schulkinder ohne Unterschied der Confession mit vollständiger Winterkleidnng. Der Feier wohnte ein zahlreiches, distinguirtes Publikum bei. Im Verlauf derselben betrat der Finanz-Oberaufseher Olhmar Müller in Uniform den Saal und apostrophirte die Gesellschaft mit den Worten: „Die Juden drah'n auf! Judengesindel!" rc. Vom Obmanne zur Ruhe verwiesen, entfernte sich der würdige Genosse des Ritters Stampiglius, nachdem er einen falschen Namen angegeben hatte. Bemerkt sei noch, daß der Verein „die Glocke" 110 Mitglieder zählt, von denen die Hälfte Christen sind, und daß von den 30 Schulkindern die Mehrzahl der katholischen Confession angehörte. So wird von den Antisemiten die Lehre von der Nächstenliebe und der trostvolle Ruf: „Friede den Menschen aus Erden" verstanden; so werden durch die Rassenhetze Beamte des Staates zur Uebung ihrer Pflichten erzogen. Aus der Zeiten Sturm. „Kein Auge sieht sich satt an all' den Wunderbildern; sie fühlt das Herz, wird matt das Wort auch, sie zu schildern". Diese Worte Jehuda Halewi's sind unbedingt das passende Urtheil für das mittelalterliche Psalmbuch, das in schöner deutscher Uebertragung soeben an das Licht getreten ist. Die Gedichte und Lieder sind alt und hebräisch geschrieben, aber in dieser Art zusammengestellt und gesammelt, sind sie als Ganzes etwas Neues. Aus losen Blättern, die aus der Zeiten Sturm uns zugeflogen, ist ein Buch geworden und dieses Buch erscheint merkwürdiger Weise in deutscher, nicht in hebräischer Sprache. Es ist, als ob die Schriftgelehrten, welche die Bibel für die Welt gerettet haben, die hebräischen Urtexte im Stiche gelassen und gleich zur griechischen Uebersetzung ihre Zuflucht genommen hätten. Beim Neuen Testament wurde dieser Vorgang wirklich beobachtet; von der Muttersprache der ersten Christen, eines Paulus und Petrus, ist fast nichts übrig geblieben. Die aus Palästina stammende Religion hat gleich in den von den Göttern verlassenen hellenischen Tempeln ihre Altäre und Symbole aufzurichten verstanden. Hinsichtlich des Buches aber möge man uns, da wir uns auf orientalischem Boden befinden, das Gwichniß gestatten: Das Buch macht den Eindruck, als ob die Oasen einer Wüste zu einem einzigen Paradiese, zu einem einzigen Palmengarten sich vereinigt hätten. Das Buch aber führt den Titel: „Die echten hebräischen Melodien. Uebersetzungen von S. Heller. Aus dem Nachlasse herausgegeben von Professor Dr. David Kaufmann. Trier. Verlag von Sigmund Mayer 1893. Elegant gebundene Exemplare sind durch jede Buchhandlung zu beziehen." Die Gedichte selber, auch nicht gesammelt, auch nicht dem modernen Geiste näher gebracht, sind ein Denkmal und ein Vermächtniß. Das deutsche Buch ist wiederum für sich ein Denkmal des Judenthums in unserer Zeit und ein Vermächtniß an die Zukunft. Die Psalmen David's sind zur Weltsymphonie geworden; sie übertönen heute noch alle anderen Gesänge und Lieder. Die Antisemiten müssen diese semitischen Lieder mitsingeu, wenn sie nicht auf den Besuch aller Kirchen verzichten wollen. Die Psalmen haben ihre unerreichbaren Vorzüge. Es gibt kein zweites Buch, das im Laufe der Jahrtausende die frommen und guten Menschen aller Nationen in Noth und Betrübniß so getröstet, so ermuthigt und ausgerichtet hätte wie die Psalmen. Aber unser Buch, die Psalmen der Juden des Mittelalters, kann damit dennoch in Vergleich gebracht werden und es hat sogar seine stolze Eigenart, die es für uns Juden wenigstens zu einem werthvollsten Schatze macht. Das Buch ist eine Bereicherung der Weltliteratur und speciell eine Bereicherung der deutschen Weltbibliothek; es nimmt, wie Professor Dr. David Kaufmann in seiner Einleitung mit Recht hervorhebt, einen würdigen Platz ein neben dem Besten, was deutsche Meister in der Kunst der Uebertragung geleistet haben.