Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr- 53 Oesterreichischr Wochenschrifi Seite 951 zum Mitschuldigen dieses Treibens. Es hat nicht den Anschein, als ob Lesk und Schwidernoch in Wien oder auf österreichischem Boden das Licht der Welt erblickt hätten. Dennoch fanden Lesk und Schwidernoch es mit ihrer angestammten Bescheidenheit vereinbar, bei der Wahl des Dr. Kronawetter ihr Geschäft der antisemitischen Agitation zur Verfügung zu stellen und nicht als Wähler, sondern als Buchhändler und in buchhändlerischer Wirksamkeit aufs Leidenschaftlichste sich an dem Feldzug zu betheiligen, der den ersten Wahlbezirk Wiens, man darf wohl sagen, den ersten Wahlbezirk des Reiches für den Antisemitismus erobern sollte. Und nachdem es nicht gelungen, Wien in so heilloser Weise zu compromittiren, als die Freunde von der Sippe Lesk und Schwidernoch unsere Stadt nicht so tief herunter bringen konnten, wie sie es beabsichtigt hatten, da fanden Lesk und Schwidernoch, deren Namen weder wienerisch noch österreichisch klingen, es mit ihrer angestammten Bescheidenheit vereinbar, von ihrem Schaufenster aus eine Anzahl der ehrenwerthesten Wähler unserer Stadt bildlich zu insulliren. Die Juden der Innern Stadt Wien können hinsichtlich aller guten Eigenschaften und hinsichtlich aller Leistungen, die vom Bürger beansprucht werden, können nach ihrer socialen Stellung und gleichviel, ob man sie nach ihrem äußerlichen Auftreten oder nach ihrem sittlichen Wesen und ihrer geistigen Bildung beurtheilt, sich ruhig neben Lesk und Schwidernoch sehen lassen. Die Antisemiten der Innern Stadt, wenn sie ohne Zuzug von außen en masse aufmarschiren würden, hätten mit den von Lesk und Schwidernoch ausgestellten Carricaturen weit größere Aehnlichkeit als die Juden der Innern Stadt. Die Verjudung der Antisemiten der Innern Stadt geht sehr weit bis zum Mauscheln und selbst Lesk und Schwidernoch erscheinen in dem von ihnen versendeten Flugblatt in verdächtiger Weise geistreich, als hätten sie früher jeden Freitag Abend das jüdische Dampfbad einer polnischen Stadl besucht und sich dort das weitschweifige Erzählen angewöhnt. In diesem Flugblatte (Circular) machen Lesk und Schwidernoch, die Namen gefallen uns, ihr Privaterlebniß, es wurde ihnen gekündigt und sie ziehen um; zu einem öffentlichen Ereigniß und gemäß der Methode ihres Geschäftsbetriebs benützen sie wiederum eine geschichtliche Ankündigung, um den Abgeordneten der Innern Stadt, Dr. Kronawetter, in unqualificirbarer Weise zu verunglimpfen, weil Dr. Kronawetter freisinnig ist, weil er die Staatsgrundgesetze achtet, weil er Wien nicht unter Berlin stellt und weil er österreichisches Gefühl besitzt. In angestammter Bescheidenheit insultiren Lesk und Schwidernoch, zwei Buchhändler, welche erst durch ihre Carricaturen und ihr Flugblatt sich bekannt machten und welche die Eigenart ihres Geschäftsbetriebs selber so characterisiren, daß uns nichts zu sagen übrig bleibt — diese beiden sonst nicht näher bekannten Buchhändler insultiren einen Politiker von dem Ansehen, der Vergangenheit und den hervorragenden Eigenschaften des Dr. Kronawetter imb sie bezeichnen vollberechtigte patriotische Staatsbürger als die Angehörigen einer fremden Rasse. Es fällt uns nicht bei, mit Lesk und Schwidernoch, obwohlsie jüdlscheDampfbäder besucht und bei einem polnischen Maggid (polnischer Wanderprediger) die Kunst des Erzählens erlernt haben, über den Nationalitätenbegriff, über Heimaisgefühl und Patriotismus zu streiten. Ihr ganzes Gebühren ist uns ziemlich gleichgiltig. Wir haben es nur mit dem Equitable und seinen Vertretern zu thun. Lesk und. Schwidernoch hatten das Ihrige gethan, damit sie sich, um einen Ausdruck Martin Luthers zu gebrauchen, ruchbar machten von der Teinfaltstraße bis zum Stephansplatz. Lesk und Schwidernoch haben bewiesen, daß sie bei ihrem Geschäftsbetrieb den Scandal nicht scheuen und ihr Flugblatt beweist, daß sie den Scandal als Geschäftsmittel benützen. Die Vertreter der amerikanischen Assccuranz-Gesellschaft können somit nicht Unwissenheit vorschützen und der „Equitable" hatte als Hausherr der Innern Stadt darauf zu achten, daß Diejenigen, welche ihm theuern Miethzins bezahlen, nicht im eigenen Hause Tag für Tag beschimpft, beleidigt und in ihren Geschäftsinteressen angegriffen werden, wie das künftighin zu erwarten ist und er mußte auch darauf achten, daß der Antisemitismus in Wort und Bild nicht in seinem Hause eine Centralstation errichte. Unwissenheit kann da nicht vorgeschützt werden. Viel näher liegt die Vermuthung, daß die Vertreter der „Equitable" für die Intentionen des Lesk und Schwidernoch ein inniges, sympathisches Verständniß besitzen. Man sieht es ja; kaum war die Localität ausgenommen, so wurde in Gestalt des erwähnten Flugblattes ein neuer Scandal in Scene gesetzt. Dieses Flugblatt gibt uns einen Begriff von Dem, was wir im nächsten Jahre im Palais des „Equitable" Alles zu erwarten hocken. Die Verantwortlichkeit aber trägt der „Equitable" und ganz allein der „Equitable." „Das schönste Haus am schönsten Platz" — damit ist das Palais Equitable gemeint. Der Bau macht jedenfalls einen imposanten Eindruck und es ist dem Schönheitsbedürfniß Rechnung getragen. Ueber alten Bauten, über alten Ruinen schweben unheimliche Sagen. Aus den Steinen reden die Gespenster, reden die Geister Derjenigen, die einstens hier eingekerkert waren, die verschmachteten, weil sie das Lösegeld nicht bezahlen konnten. Was spricht aus den Steinen zu uns, wenn eine Assecuranz-Gesellschaft sich ein solches Palais bauen kann? In den Statuten steht's geschrieben und eine Affecuranz-Gefellschaft handelt immer statutengemäß. Aber ein Wucherer stellt auch seine Bedingungen, das Opfer kennt diese Bedingungen und blutet den Bedingungen gemäß, die es mit zitternder Hand selber unterzeichnet hat. Wenn ein Versicherter die ihm auferlegten Einzahlungen nicht pünktlich fortzahlen kann, dann sind die Statuten die Scheere, welche ihm den Versicherungssaden entzwei schneiden. Das bis dahin eingezahlte Geld ist entweder ganz oder theilweise verfallen, wie die Statuten es eben vorschreiben. Das gibt große Summen und mit diesm Summen lassen sich imposante Paläste bauen. Schreit gar kein Judengeld aus den Steinen des Palais Equitable? Ist die amerikanische Assecuranz-Gesellschaft Equitable künftighin gesonnen, ihr Geschäft unter der Devise: „Juden hinaus" zu betreiben? Sie soll das nur deutlich sagen. Die Firma Lesk und Schwidernoch, welche Circulare so gut zu schreiben versteht, wird ja auch für den Equitable ein Circular anzufertigen wiffen. Es ist eine hohe und stolze Aufgabe für den Equitable, von seinem großen prachtvollen Palais aus den Judenhaß zu fördern. Obgleich das amerikanische Zollsystem einen völkerfeindlichen Character hat, obgleich durch dieses System in Oesterreich taufende von Existenzen zu Grunde gerichtet wurden, so braucht der Equitable sich doch nicht an die Rücksichten zu binden, die sonst der gesittete Fremde sich selber auferlegt. Der Equitable kann furchtlos den Bürgerzwist in Wckn und Oesterreich vermehren, kann, obgleich fremd, zur Störung des innern Friedens das Seinige beittagen und er kann auch die feindliche Agitation gegen wohlgesinnte und pflichttreue Bürger des Staates nach Kräften unterstützen. Das ist eine sociale Bezahlung für die dem „Equitable" gewährte Gastfreundschaft. Jetzt stehen wir zweifelnd und fragen, was das echte Wahrzeichen Wiens sei, ob der Stock im Eisen oder das Palais Equitable oder die antisemitische Bude im Palais Equitable. Wir haben, wie es der Gebrauch vorschreibt, unfern Nagel eingeschlagen und dachten dabei, daß der Antisemitismus und das amerikanische Goldsystem wenigstens den einen Berührungspunkt haben, daß sie auf Wien die verderblichsten Wirkungen äußerten. Der Condor mag in seinem Horste den Eulen Unterkunft gewähren; ob sie bei Tag oder Nacht stiegen, sie haben dennoch einen gemeinschaftlichen Jnstinct. Fortschreitende Verwilderung. Mit dem Satze: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" hat das Organ der Wiener Antisemiten seinen diesjährigen Weihnachtsartikel begonnen und mit dem Satze: „Friede den Menschen auf Erden" hat es denselben geschlossen. Zwischen Anfang und Schluß aber wurde der blutigste Haß, wurde Unstiede, 'Verfolgung und Bedrückung Hundertlaufender, die im Ebenbild Gottrs geschaffen, gepredigt. Zwischen den Grund-