Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 950 OrsterreichifttzeZWschrnschrist Nr. 53 In unserem Reiche der Unwahrscheinlichkeiten aber ist es möglich geworden, daß trotz des ernsten Willens der Regierung, alle gemäßigten Elemente um ihr Banner zu schaaren, die antisemitische Partei gerade in der jüngsten Zeit zu erhöhter Bedeutung gelangt ist. Es ist möglich geworden, daß dieser Abschaum der bürgerlichen Gesellschaft als ein politischer Factor betrachtet wurde, mit dem man zu rechnen habe. Es ist möglich geworden, daß im Parlamente nicht die 'Ludenhetzer, sondern diejenigen, welche ihnen iu gerechter sittlicher Entrüstung entgegentreten, als Störenfried gelten konnten. Es ist möglich geworden, daß die Zeitungen dieser Partei Tag für Tag ungestraft den Krieg Aller gegen Alle predigen und daß in öffentlichen Versammlungen unter dem Stillschweigen der Regierungs-Commissäre die Redner dieser Partei zu Mord und Brand gegen eine ganze Claffe von Staatsbürgern, deren Patriotismus von höchster Stelle anerkannt ist, Hetzen durften. Und es war noch mehr möglich! Es konnte geschehen, daß diejenige Partei, deren unerbittlichster Feind diese ehrvergessene Bande ist, gegen die gehässigsten Angriffe derselben kein Wort der Abwehr fand, es konnte geschehen, daß die liberale Partei in chren öffentlichen Enunciationen jedem Worte, welches auch nur eine Kritik dieser schmachvollen Bewegung enthalten hätte, scheu aus dem Wege ging und sorgsam darauf bedacht war, mit den Vertheidigern der Rechte der Juden, mit den Fürsprechern der Gleichheit aller Staatsbürger nicht verwechselt zu werden. Und das Alles aus Angst vor einer Figur — rote Steinwender. Durch welche Umstände sich eine solche Verkehrung aller politischen Begriffe, eine solche Verschiebung der Standpunkte herausbilden konnte, das soll hier unerörtert bleiben. Die Ereignisse haben gezeigt, daß das Verhältniß der Regierung zu den parlamentarischen Parteien ein uttgesundes und verschrobenes war, und wir stehen heute vor dem Versuche, dieses Verhältniß wieder auf eine gesunde und regelrechte Basis zu stellen. Und in diesem Augenblicke soll und muß es laut und vernehmlich gefordert werden: Eine der ersten und wichtigsten Bedingungen der Verständigung ist die Ecrasirung der antisemitischen Partei. Nicht die bloße Bekämpfung derselben, ihre völlige Vernichtung muß in Angriff genommen werden, wenn unser öffentliches Leben wieder gesunden soll. Die Juden, die im bosnischen Kriege sich als tapfere Vertheidiger des Staates erwiesen haben, die auf allen Gebieten des politischen, wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, Muster treuer Pflichterfüllung sind, haben ein Recht, in diesem Staate zu leben und des Schutzes der Gesetze theilhaftig zu sein. Und die liberale Partei hat gegen sie nicht blos die Pflicht der Dankbarkeit zu üben, sie ist es ihrer eigenen Vergangenheit und den Grundlagen ihrer Existenz schuldig, jene Verheißungen zur Wahrheit gn machen, die sie selbst in dem Staatsgrundgesetze niedergelegt hat. Wenn man an die gemäßigten Elemente appellirt, so muß man endlich bekennen, daß es kein stabileres, gemäßigteres, patriotischeres Element gibt, als die Juden. Wenn man das Bestehende erhalten will, so muß man sich endlich sagen, daß an dem Bestände gefestigter Verhältnisse Niemand ein größeres Interesse hat als die Juden. Und wenn man sich der liberalen Tradition wieder erinnert, so muß man sich gestehen, daß an dem Siege des Liberalismus die Juden einen unvergänglichen Antheil haben. Die Papageien des Equitable. Keine Fabel. Zur Umgehung aller Beschimpfungs-, Ehrenbeleidigungs¬ und Verleumdungsparagraphe des Strafgesetzes eignet sich kein zweites Mitglied der Thierwelt in dem Grade, wie ein mit Gedächtnis und Fleiß ausgerüsteter Papagei. Er stellt in dieser Richtung alle sprechkundigen Vögel der gemäßigten Zone tief in den Schatten. Wer kann es mir wehren, wenn mein Papagei bei seinen Kletterübungen die verwegensten Redensarten auf die Straße hinunter schreit? Die bunten Farben tragen nur dazu bei. die Aufmerksamkeit auf den immunen Redner zu lenken. Will man nun einen Papagei gut und mühelos unterrichten, so ist Folgendes in Anwendung zu bringen. Man trage eine Woche hindurch den abzurichtenden Papagei in alle Antisemitenversammlungen. Am Ende der Woche wird der Papagei den Fürsten Lichtenstein, den Mechaniker Schneider und möglicherweise sogar den Dr. Lueger übertreffen. In Salzburg war ein Papagei, nach Brehm, im Besitz von 117 Redensarten, die er immer bei passender Gelegenheit anzubringen wußte. Einhundertsiebzehn Phrasen, das genügt, um die ganze antffemitische Rhetorik zu erschöpfen. Man denke sich, ein Hausherr habe seine schönsten und theuersten Localitäten an Juden vermiethet und wolle für diese Zwangslage in vornehmer antisemitischer Weise sich Revanche verschaffen. Er kauft sich einen Papagei und gibt ihn bei einem Antisemiten in Kost und Erziehung. Die Localitäten werden bezogen, die Waarenmagazine werden eingerichtet, der Miether zahlt seinen halbjährigen Zins, 15.000 Gulden, 20.000 Gulden, auf die Höhe des Betrages kommt es nicht an. Plötzlich bemerkt er, daß die Leute auf der Straße stehen bleiben und von der nächsten Ladenthüre her hört er den Ruf: „Kauft nur bei Christen, kaitft nichts bei Juden!" Dann hält der Papagei eine lange Rede mit den üblichen Schmeicheleien für die Staatsbürger, welche Juden sind oder waren, bringt einige gefälschte Stellen aus dem Talmud zum Vortrag und richtet dann an das Publicum jene Aufforderungen, die man auch in Volksversammlungen hören kann. Der Papagei weiß auch die Sprechweise nachzuahmen; bald hört man den Professor Schlesinger, dann den Lueger, dann den Schneider, dann den Fürsten Lichtenstein, zuweilen auch den Gregorig u. s. w. u. s. w. Der Jude hat seinen Zins gezahlt, der Vertrag ist unterzeichnet, der Hausherr muß auch seine Genugthuung haben. Die amerikanische Assecuranzgesellschaft „Equitable" hat zwar für ihr Palais am Graben und Stock im Eisenplatz keine Papageien angeschafft, die bei den Antisemiten in die Schule gegangen wären; sie hat sich diese Ausgabe erspart, dafür aber hat sie eine ihrer Localitäten an eine antisemitische Buchhändlerfirma vermiethet, die genau dasselbe und im Nothfalle noch etwas mehr leistet, als der von uns geschilderte Papagei. Ein Buchhändler kann hinter seinem Auslagcfenster durch Bilder, Prospecte, durch die Titelbilder von Büchern und Brochüren und durch die Schaustellung von antisemitischen Zeitungsartikeln das Publicum noch in ganz anderer Weise haranguiren als ein Papagei, der extra zu dem Zwecke nach Europa gekommen ist, um eine Rede des Fürsten Lichtenstein auswendig zu lernen. Da können in langer Reihe Exemplare und Brochüren aufgestellt sein mit dem Titel: „Kaust nur, bei Christen"; dann kommen Zeitungsartikel desselben Inhalts, es folgen die sämmtlichen Werke des Professors Rohling, dann antisemitische Witzblätter, dann Flugblätter aus Leipzig, dann jene unfläthigen Bilder, in denen eine niedrige und namenlos gemeine Gesinnung schamlos sich selber an den Pranger stellt und die auf die rohesten Jnstincte berechnet sind. Das alles ist jetzt möglich im Palais des „Equitable"; der Jude aber hat seinen Zins gezahlt, der Jude ist durch den Vertrag gebunden. Die Entschuldigung, daß man beim Vermiethen einer Wohnung sich nicht nach der politischen Gesinnung und dem politischen Glaubensbekenntniß des Miethers zu erkundigen brauche, ist hier in keiner Weise statthaft. Nicht davon ist die Rede, daß die Buchhändler Lesk und Schwidernoch Antisemiten sind; wohl aber fällt es in's Gewicht, daß die genannte Firma den Antisemitismus als Geschäft betreibt, ihren Buchhandel für die antisemitische Agitation ausnützt und zwar bis zu dem Grade, daß es ihr bereits gelungen ist, skandalöses Aussehen zu machen. Aus diesem Grunde wurde der Firma die Localität in der Teinfaltstraße gekündigt und indem der „Equitable" ihr Aufnahme gewährt, macht er sich