Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020953--02003-3026072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unsere Leser werden an die Einsendung der FränumerationsgebiUir erinnert. Ur. 58 Wien, 30. December L8S2. Iahrgau Centralorgan für die gesammten Intereffei. des Iudenthums. * K. k. PostsparrAssen.-nnt Clesringiirrkrhr Nr. 810.976. Ledsrtion und Administration: Wien I. Fr anx Jofefs-Lusi Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. Eigrnthümrr: Reichsralhs-Abgeordnrtrr vr. Ziloch. -HXH- Erscheint jeden Freitag. Man abonnirt bei allen Postanstaltcn de» Zn- und Auslandes. Bezugspreis: Haldjährig 4 Einzelexemplare 25 kr. Anzeig:»: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. : .—. --=& Inhalt: Leitartikel: Das Programm. — Die Papageien des Equitable. — Fortschreitende Verwilderung. — Aus der Zeiten Sturm. — Zur Schächtfrage. — Der Stammbaum. — Ein Garderobier als Theaterhistoriker. — Englische Nebelbilder. — Der alte jüdische Friedhof in Prag. — Teutobold's zeitgemäße Betrachtungen. — Correspondenzen: Wien, Prag. Berlin, London. — Vermischtes: Wien, Jgluu, Raudnitz, Görz, Stanislau, Csakathurn, Brünn, Prag, Lemberg, Kolomea, Meseritz, Berlin, London, Paris. — Feuilleton: Schoen-Miijam. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Das Programm. Das Ministerium Taaffe hat ein neues Programm ausgearbeitet und am 2. Jänner soll es den Führern der Linken, des Hohenwart-Club und der Polen zur Berathung vorgelegt werden. Die in der Thronrede niedergelegten Grundsätze, welche alle gemäßigten Parteien zur gemeinsamen Arbeit an- und aufgerufen haben, sollen zu positiven Formen verdichtet werden, welche jedes weitere Mißverständniß ausschließen. Denn Mißverständnisse waren es — so sagt man — welche die liberale Partei gezwungen haben, immer wieder gegen die Regierung Stellung zu nehmen, obgleich ein eigener Parleiminister im Nathe der Krone faß, Mißverständnisse waren es, so sagt man — welche die Regierung nöthigten, trotz der Cooperation der gemäßigten Parteien immer wieder die extremen Gruppen in ihren Calcul zu ziehen und dieselben solcher Art zu stärken. Nun soll ein klargezeichnetes, ein festumfchriebenes Programm, eine schriftliche Vereinbarung, das Verhältnis der Regierung zu jeder der drei gemäßigten Parteien, sowie die Stellung dieser Parteien zu einander definiren und vor jeder weiteren Abirrung sicherstellen. Es wäre eines jener „furchtbaren Versäumnisse", deren verhängnißvolle Nachwirkungen die spätesten Geschlechter verspüren würden, wenn die liberalen Parteiführer diesen günstigen, vielleicht nie wiederkehrenden Moment vorüberziehen ließen, ohne die Stellung der Regierung zur antisemitischen Partei und zur Frage der confessionellen Gleichberechtigung im Sinne der Staatsgrundgesetze zu binden und sestzulegen. Die liberalen Parteiführer mögen sich keiner Täuschung hingeben. Der Antisemitismus ist eine eiternde Beule am Leibe des deutschen Volkes und wenn diese brandende Wunde nicht endlich geheilt wird, so wird der Brand um sich greifen und das Deutschthum lahmgelegt, in Oesterreich zur Ohnmacht verurtheilt. Slaven, Tschechen oder Polen hat der Antisemitismus keinen Schaden, sondern blos den Nutzen gebracht, daß die Juden in Massen sich in ihren Schutz geflüchtet. Das Deutschthum aber wurde durch diese Seelenpest innerlich vergiftet, gespalten, zerklüftet und an seiner Wurzel angefressen. Auch darüber werden sich die Führer der deutschen Partei bereits klar sein, daß es dem Prinzen Lichten st ein und dem Dr> Lueger weniger um das Judenthum, als um das liberale Deutschthum zu thun ist, dessen Einfluß als maßgebender Factor im Staate für alle Zeiten gebrochen werden soll. Nicht von den Tschechen, denen gegenüber sich bis jetzt das deutsche Volk in Böhmen tapfer gewehrt hat, sondern blos und einzig und allein von den antisemitischen Volksverhetzern, denen gegenüber die Widerstandskraft der gesunden Vernunft vou Tag zu Tag mehr und mehr abnimmt, droht das Verhängnis für die deutsch-liberale Partei. In ihrem eigensten Interesse sollte also di» Partei die Ausmerzung und Ausreutung dieser häßlichen Schlingpflanze aus dem öffentlichen Leben zur ersten und ausschließlichsten Bedingung eines Einverständnisses mit der Regierung erheben, muß die Vernichtung der öffentlichen Giftverschleißer als integrirenden Bestandtheil des Regierungsprogrammes verlangen. Der Moment ist günstig, wird er benützt mit Weisheit und Mäßigung, so kann und wird er zum Segen werden für das deutsche Volk und für den österreichischen Staat; bleibt er unbenützt, so belasten sich die Führer mit einer schweren Verantwortlichkeit vor ihrem Volk und vor der Geschichte. Wir richten diesen Ruf ebensowohl an die Regierung wie an die liberale Partei. Noch kennen wir nicht die Grundzüge des neuen Programmes, aber wie immer dasselbe formulirt sein mag, die Kriegserklärung an den Antisemitismus wird in demselben nicht fehlen dürfen, wenn die Regierung ihre Pflichten gegen den Staat und die liberale Partei ihre Pflichten gegen die Bevölkerung erfüllen will. Weit wichtiger als die Leitomischler Nachtwächterfrage ist die, ob die Juden der Wohlthaten jener Gesetze theilhaftig werden sollen, welche die liberale Partei einst auf der Höhe ihrer Macht und in der Blüthe ihrer Kraft geschaffen hat. Wenn sich die liberale Partei nicht Hunderttaufende treuer Gesinnungsgenossen, die ihr bis heute auf allen politischen Wandlungen, durch alle Irrwege mit unerschütterlichem Vertrauen gefolgt sind, für alle Zukunft entfremden will, dann muß es eine ihrer ersten, gewichtigsten und nachdrücklichsten Forderungen an die Regierung sein, mit dem antisemitischen Hexensabbath endlich aufzuräumen. Die Abwehr aller Bestrebungen der extremen Gruppen hat ja bereits die allerhöchste Thronrede als unumgänglich nothwendig proclamir». Unter diesen extremen Gruppen ist die antisemitische die schlimmste und gefährlichste. Ihre Tendenzen sind anarchistische, sie richten sich nicht allein gegen den Staat und die Gesellschaft, sie unterwühlen das Rechtsbewußtsein der Bevölkerung und die Achtung vor dem Gesetze; sie rütteln alle unedlen Jnftincte wach, sie erziehen zur Auflehnung gegm die staatliche Ordnung und zur Gewaltthätigkeit gegm friedliche und pflichtbewußte Bürger; sie zerstören das Erstehende und lähmen jede positive Schaffenskraft. Der Antisemitismus ist ein fressendes Geschwür am Körper des Staates, und eine Regierung, welche ihre Aufgabe ernst nimmt, muß dieses Geschwür mit rücksichtsloser Entschlossenheit ausschneiden.