Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-23 · 52 (23.12.1892) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020952--01997-3026065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 944 Orsterreichifche Wochrnschrifk fltr. 52 Künstlerin trotz ihrer 80 Jahre nichts von ihrer Gewandtheit verloren hat. (,Jüd. Familien blatt.") Ein jüdischer Cultusminister in Preußen. Bekanntlich hat der seltsame Zeuge im Ahlwardt-Prozeste, Herr- Paasch, unter seinem Eide die Behauptung aufgestellt, daß Preußen einen jüdischen Cultusminister gehabt habe. Die That> sache ist allerdings richtig, aber der Cultusminister war nicht Goßler, der ja seinen arischen Stammbaum bis zum 16. Jahrhundert nachgewiesen hat. Im Jahre 1848 war aber allerdings, wenn auch nur wenige Stunden, ein Jude Cultusminister: der Abgeordnete zur Nationalversammlung Dr. med. Kosch in Königsberg. Als im Juni des genannten Jahres das schwächliche Ministerium Camphousen zurücktrat, übertrug König Friedrich Wilhelm III. die Neubildung des Ministeriums dem damaligen Finanzminister Hansemann, besten Präsidium zugleich mit dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten Rudolf vou Auerswald übernahm. Als Cultusminister brachte Herr Hansemann, der die neue Regierung hauptsächlich auf das Centrum stützen wollte, den Abgeordneten Dr. Kosch aus Königsberg in Vorschlag, der als einer der Führer des Centrums in der Nationalversammlung, die ihn zu einen ihrer Vicepräsidenten ernannt hatte, sich eines großen Ansehens erfreute. Die Ernennung Kosch's zum Cultusminister war bereits von dem König vollzogen und sollte dem Staatsan;eiger behufs Publication zugehen, als Auerswald, zu besten nahen Freunden sein Königsberger Landsmann Kosch gehörte, davon Kenntnis erhielt und darauf aufmerksam machte, daß ein Jude füglich nicht das Ministerium der geistlichen Angelegenheiten in einem Staate mit vorwiegend christlicher Bevölkerung leiten könne. Dies begriffen denn auch Hansemann uud Kosch, und so wurde die bereits vollzogene Ernennung rückgängig gemacht: an Stelle von Dr. Kosch wurde der Abg. Dr. Rodbertus zum Cultusminister im Ministerium Auerswald- Hansemann ernannt, der freilich schon nach acht Tagen von diesem Amte zurücktrat. * q- * In der Decembersitzung der geographischen Gesellschaft zu Hamburg hielt Architect Herr Robert Koldewey einen Vortrag „Ueber Culturanfänge in Babylonien und Chaldäa, unter besonderer Berücksichtigung seiner eigenen Ausgrabungen in Surghul und El Hibba." Redner führte Folgendes weiter aus: Es interessircn uns heute die Anfänge der babylonischen Cultur in ältester Zeit, auf welche eine Zeit hoher Blüthe folgte. Heute macht das Land wiederum den Eindruck culturlosen Zustandes, nur die Städte, wie Batgad und Kerbela, haben einige arabisch-persische Cultur gerettet. Die Blüthe Babylons fällt in Nebukaduezar's Zeit, circa 600 vor Christi, wo die Fruchtbarkeit des heute wüsten Landes gepriesen wird. Die Ruinen erheben sich über die Ebene in Gestalt von Hügeln. Selten sind von Umfassungsmauern aus Backsteinen noch Reste übrig, wie in Ur in Chaldäa, unförmlich ist Bel's Tempel zu Babylon, ein Schutthaufen von ungeheuerer Mächtigkeit, den Alexander vergebens wegzuräumen versuchte, um ihn wieder herzustellen. Eine andere Form haben wieder die Palastruinen von Korsabad mit mehreren Mauerzügen aus Backsteinen, die den Schult durchziehen. Tempel und Palast vereinigen sich auch zu einer Gebändegruppe, wie in Borsippa, das zugleich eine an den Topffcherben kenntliche Stadtruine bietet. Solche Stadtruinen sind sehr häufig und beeinflußen daher den Character der Landschaft. Ihre Höhe ist das Product wiederholten Wohnungsverfalles; da nach Verfall eines Hauses das Material nicht wieder brauchbar ist, aber auch nicht entfernt lvurde. Ganz anders erscheinen wieder die Canalruinen, als langgestreckte Dämme, nachdem das Canalbett bis an den oberen Rand der Seitendämme verschüttet ist. Eine bisher ganz unbekannte Elaste von Ruinen sind Surghul und El Hibba, deren Ausgrabung und Fundobjecte das Berliner Museum der Freigebigkeit eines Privatmannes in Berlin zu danken hat. Zn der für die Ausgrabung ausgerüsteten Expedition in 1886 gehörte der Redner; die Leitung der Ausgrabung war ihm speciell überttagen. Außer einem großen Ruinenhügel sieht man hier ringsum eine Menge kleiner Erhebungen. Die Ausgrabung ergab, daß man es hier fast nur mit Grabruinen zu thun hatte. Sie geben zum ersten Mal Auffchluß über die älteste Bestattungsweise daselbst. Der glückliche Fund einer Keilinschrift läßt die Gräber aus dem 4. Jahrtausend v. CH. datiren, während die in den jüngeren Schichten gefundenen Gefäßformen bis ins zweite Jahrtausend hinabreichen. Nach der Meinung der Keilschrift-Gelehrten finden wir in Babylonien-Chaldäa zwei Völker nebeneinander; erstens die nicht-semitischen Snmerier oder Akkadier, die eine eigene Bilderschrift Hallen, die später vereinfacht zur Keilschrift wurde; ihre Dynastien herrschten in jenem Surghul, standen aber unter den Fürsten von Ur in Chaldäa, von wo einst Abraham auszog. Von Ur ging die Herrschaft zweitens auf die semitischen Dynastien von Nisin und später Babylon über, Letzteres circa 2250 v. Ch. Die Nekropole von Surghul lehrt, daß die Leichen verbrannt wurden mit Schilf und Asphalt. Die Leichen wurden in hockender Stellung mit einem Lehmmantel umklebt und das Ganze mit Brennstoff umhäuft; oder die Leichen wurden mit Ziegeln nmsetzt und bis zum Verbrennen geglüht.» Die Aschenreste wurden mit allerlei Beigaben beigesetzt. Der wiederholten Verbrennung von Leichen verdankt der Haupthügel von Surghul seine Entstehung. Auch Reste von Siegelcylindern der Verbrannten fanden sich. Die Gräberhügel waren ehrwürdige Denkmäler, umso ehrwürdiger, je höher sie waren, und wurden das Vorbild der späteren Thurm-Tempel, die die Könige von Babylon gern bis an den Himmel bauen mochten. Sie wurden aus ungebrannten Ziegeln gebaut. Vielfach wurden die Aschenreste der Todten in eigenen Häusern beigesetzt, daneben Gefäße mit Lebensmitteln, wie Datteln und Getreide. Der Todte erhielt auch seinen eigenen Brunnen, aus übereinandergesetzten Thonröhren gebildet. Solche Brunnen finden sich mehrere in einem Hause, je nach der Zahl der Beisetzungen. Wahrscheinlich wurden die Leichen zur Verbrennung weither nach Surghul und El Hibba gebracht, wie noch heute die Todtenkarawanen aus Persien nach den benachbarten Kerbela ziehen. Mitgetheilt von Dr. Lümdörfer. Schoen-Mirjam. (Fortsetzung.) Der Vater war ein Lehrer, welcher die zarten Kinder einweihte in die Anfangsgründe des Bibellesens. Im engen Stübchen saßen da auf hölzernen Bänken die Knäblein neben einander und wurden eingeführt in eine verschollene Welt, die unfaßbar war ihrem Geiste. So mag zu Muthe sein einem Wilden, wenn er die Pyramiden Aegyptens anstaunt. Diese Kinderschule heißt in der Ghettosprache Obeäer, der Lehrer Obeäer- Llelsmeä. Mirjams Vater, der alte Jaakow, hatte bereits Generationen in dieser Weise herangebildet. Vom frühcn Morgen bis zum späten Abend widerhallte der Obeäer von dem einförmigen Getöne hergesagter Bibelverse. Und war auch die Zahl von Jaakows Schülern nicht klein, so reichte das ihm entrichtete Honorar doch kaum hin, um des Lebens Noth zu bekämpfen. Und doch waren die Bedürfnisse in der Zeit des Ghettos noch sehr geringe. Da griff nun Jaakows Weib Hanna in energischer Weise ein. Sie errichtete einen Milchhandel, um durch diesen Erwerb dein unpraktischen Gelehrtensinn ihres Gatten kräftiglich entgegen zu arbeiten. Und Mirjam hatte die Pflicht, die Milch m die Häuser der Käufer zu tragen. So trat ihr, im zarten Kittdesalter schon, die Prosa desLebens,starr und hohläugig entgegen. Und wenn sie von den schweren Gängen zurückgekehrt war, spann sie sich ein in ihre Träume von einer herrlicheren, schöneren Welt, die jenseits der Ghettomauern lag. Der Vater hatte dem aufgeweckten Mädchen mannigfache Kenntnisse beigebracht, hatte ihr selbst die Geheimnisse des deutschen Alphabets enthüllt und Mirjam hatte sich in diesen Kenntniffen selbst weiter auszubilden. Unter den alten, meist hebräischen Büchern ihres Vaters fand sie auch manches zerschlissene deutsche Buch, dessen vergilbte Blätter einen muffigen Modergeruch ausströmten, dessen Inhalt aber Mirjam oft wunderbar anzog. So saß auch einst das Mädchen, das gerade damals das 14. Lebensjahr erreichte, an einem schwülen Sommerabend vor der Thür des niederen Ghettohäuschens. Die Cheder-Jünglinge hatten das dumpfe Schulzimmer verlassen und jagten sich nun fröhlich herum auf dem großen Hofraume, welcher die Synagoge umschloß, Schulhof genannt; in der Gaste selbst herrschte schwüle Todesrnhe. In der Hand hielt Mirjam ein zerlesenes Büchelchen und ihre Augen verschlangen mit Gier dessen Inhalt. Immer glühender wurden sie, immer röther die Wangen, immer hastiger des Mädchens Athem . . . Und jetzt entströmten dem herrlichen Augenpaare Zähren, unaufhaltsam, immer stärker hervorbrechend. So trafen sie die Eltern, welche des Kindes stillen Ernst schon längere Zeit beobachtet hatten. „Was ist Dir, Mirjam?" fragte die zärtlich besorgte Mutter. „Ich Hab' cs längst gewußt," fiel der strenge Vater ein, „die deutschen Bücher werden nichts Gutes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.