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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-23 · 52 (23.12.1892) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 52 Orsterreichischr Wochenschrift Seile 945 thun und den Geist des Kindes vergiften. Warum, Mirjam, suchst Du nicht auch die Gesellschaft der Mädchen unserer Gasse,! freust Dich mit ihnen, spielst und scherzest nicht? Nicht einmal am heiligen Sabbath oder am Festtage bist Du heiter mit heiteren Menschen, vergräbst Dich in diese alten Bücher, die wahrscheinlich nichts Gutes enthalten. Denn was könnte es Gutes geben, das nicht schon in unseren heiligen Schriften uns überliefert wäre?".„Oh, Vater," so rief nun Mirjam schluchzend aus, „laste mir die unschuldigen Freuden, welche diese Bücherwelt mir bietet. Was ich gelesen habe in den heiligen Büchern unseres Stammes, wie ist es doch verschieden von dem was große Dichter anderer Zeiten geschrieben. So sieh doch hier dieses Büchlein, es enthält die Geschichte zweier Söhne, die ganz verschieden waren an Sitten und Anlagen, und beide haben sie viel Leid angethan einem alten Vater; der eine ist Räuber geworden und der andere verkommen in seiner Schlechtigkeit und Niedertracht, gleich Absalom, von dem die Schrift uns erzählt, dem widerspänstigen und ungehorsamen Sohn. Und der Räuber findet seinen Vater in einem elenden Loch, in welches der schlechte Sohn und Bruder ihn gesteckt, und der arme Greis i spricht ihn an mit den Worten: „Wenn Du ein Mensch bist und | ein menschliches Herz, Erlöser, den ich nicht kenne" .... weiter : konnte Mirjam nicht sprechen, ein Thränenftrom brach hervor j aus ihren Augen, der Vater nahm das Büchlein und eilte damit! in den Cheder, die Mutter aber umfaßte ihr Mädchen mit ihren , Armen zärtlich, indem sie wiederholt ausrief: „Laß' dies, mein Kind, ist es doch alles nicht wahr, was sie da schreiben, diese Bücherschreiber; verrückte Leute sind sie, und sotten jmir meines Kindes Kopf nicht verdrehen . . . ." Und doch war Mirjam's Kopf schon „verdreht". Die Beschränktheit des Ghetto's, diese kleine Welt mit ihren kleinlichen Sorgen, dieser enge Raum und diese enge Gasse erzeugten auch kleinliche Anschauungen und Ansichten bei ihren Bewohnern. Und diese starre Wirklichkeit stand im krassen Widerspruch zu der Welt des Scheines, die sich in des Mädchens Köpfchen herausbildete. Und je älter Mirjam wurde, desto stärker trat dieser Widerspruch hervor. Mit der ganzen Welt des Ghetto's lag sie bald in einem offenen Kampfe. Sie galt für stolz und hoch müthig, diese Milch-Mirjam, wie sie die Feindinnen nannten und ihr Fall wurde von allen vorausgesagt. Wenn am Sabbath nach dem Hauptgebete die weibliche Bewohnerschaft des Ghetto's beim Bäcker sich versammelte, um hier die aufgewärmte Sabbathspeise, das Schalet, in Empfang zu nehmen, da wurde Gericht abgehalten über das hochnäsige Mädchen, dessen Bildung und Schönheit nicht Gnade fand vor diesen strengen Richterinnen. Und nur eine war es, die sich schon damals als Vertheidigerin aufwarf für das verkannte schöne Mädchen, jene Gitl, welcher der Allgütige Alles versagt hatte, was er in so verschwenderischer Fülle der angefeindeten Mirjam gegeben, die sich aber ewige Jugend bewahrt hatte in ihrem guten Herzen. „Lasset mir Mirjam in Ruhe," so ries Gitl den keifenden Mädchen und Weibern der Gaste zu, „ihr versteht sie alle nicht; ist sie doch viel gebildeter, als ihr alle zusammen; nur, wo ist der Mann in der Gasse, der diese Bildung wird zu schätzen wiffen?" . . . Also sprach Gitl und nahm den Schalettopf mit der duftenden Speise, die auch ihren Sänger schon gefunden im deutschen Dichterwalde, und begab sich nachdenklich in ihr Zimmerchen. (Schluß folgt.) Wochenkalrnder. Briefkasten. I. F. R. Baron Hirsch de Gereuth, Paris Rue de l'Elysee 2. Für Bräute! 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