Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 52 Oeflrrrrichifche Wochenschrift Seite 939 Woche hindurch in höchster Spannung gehalten, hat mit der Ber.- urtheilung der Angeklagten zu sechs Jahren Kerker geendet. Es war ein klägliches jämmerliches Bild, welches dieser Prozeß bot. St. Pölten ist eine judenreine Stadt und auch nicht ein Jude war in dem Prozesse verwickelt. Wucher der gemeinsten Sorte, Kuppelei und Gelegenheitsmacherei auf der einen, Geldgier, höch st e Fructificirungssucht und bodenlose Leichtgläubigkeit auf der anderen Seite! Dazwischen die Figur des P. Kalchhauser, als Sparcassen-Director. über welche eine Schilderung zu geben wir uns aus leichtbegreiflicheu Gründen enthalten müssen. Was sagen die Herren Schlesinger, G e ß m a n n, Lueger, L i ch te n st e i n und Schneider als Beschützer der von Juden bewucherten und betrogenen Arier zu diesem neuesten arischen Sittenspiegel in der glaubenstreuen Bischofsstadt St. Pölten? Wien. (Oesterr. israelit. Union.) Samstag, am 17. d. M. veranstaltete der genannte Verein im großen Festsaale der Handels- und Gewerbekammer eine Gedenkfeier für Moritz Wahrmann. Die Gedenkrede hielt der ungar. Re ichstagsabg. Universitätsprofessor Dr. Armin Neumann welche durch ihren gediegenen Inhalt, als auch durch ihre Formvollendung, die Zuhörer in hohen Grade fesselte. Der Saal war von einem distinguirten Publicum bis aufs letzte Plätzchen gefüllt, und bemerkte man u. A. die Abgeord. Dr. Bloch und Dr. Krona Wetter, die Gemeinderäthe Stiaßny, Tagleicht, Djörup, Lang, Dr. Alfred Stern, die Cultusvorsteher, Salo Cohn, Moriz Leinkauf und Sole. Eine besondere Weihe erhielt der Abend durch die Anwesenheit fast sämmtlicher Mitglieder der Fam lie Wahrmann, so der Brüder Alexander und Josef aus Pest, des Dr. Sigmund Wahrmann aus Wien, des Schwiegersohnes Isidor Kraus de Megyer und der Schwester des Verblichenen Frau Amalie Pollak sammt Tochter. Die Budapester Cultusgemeinde würdigte das Bestreben der „Union" durch Entsendung ihres Mitgliedes Herrn Machlup aus Pest. Die Versammlung wurde vom Herrn Cultus-Vorstand Dr. Josef Grünfeld geleitet, der in seinen einleitenden Worten den Zweck der Feier zeichnete. Dem Reichstagsabg. Dr. Neumann wurde ein überaus sympathischer Empfang bereitet, seine Rede, die wir an anderer Stelle wörtlich reproduziren, wurde oft vom stürmischem Beifall unterbrochen. Namentlich am Schlüsse konnte der Redner sehen, an der minutenlangen stürmischen Acclamation, welch' lebhaftes Echo seine zündenden Worte geweckt haben. Der Vorsitzende sprach dem Redner den Dank aus im Namen des Vereins-Vorstandes und im Namen der Wiener Judenschaft. Die Versammlung ehrte das Andenken Moritz Wahrmanns durch Erheben von den Sitzen. Lissa a. d. Elbe, den 14. December 1892. „Bis der Antisemitismus anderswo aufhört, wird er hier anfangen." Diese Bemerkung mußte ich oft von meiner Frau hören, wenn davon die Rede war, daß wir in Böhmen von dieser Pest verschont geblieben. — Sonderbar, daß die alten Weiber doch immer Recht behalten. Wir sitzen nun mitten drin. Die Seuche ist da, wir sind nicht besser daran, als anderswo, wir hinken in der Mode bloß nach, — Der Anlaß war folgender: In dem eine Meile von hier entfernten Benatek, dem Sitze eines Bezirksgerichtes, wird seit mehreren Wochen ein Mädchen vermißt. Sie diente bei einem christlichen Gerichtsbeamten daselbst. Eines Tages bemerkten ihre Dienstgeber ein auffallendes Benehmen an ihr; es schien, als wäre sie von Sinnen, endlich beruhigte sie sich wieder und begab sich zur gewöhnlichen Stunde zur Ruhe. Bald darauf jedoch, war ein Geräusch in ihrem Zimmer wahrnehmbar, der Hausherr ging, um nach der Ursache zu sehen und fand das Mädchen angekleidet zum Weggehen bereit. Auf die Frage wohin sie wolle und was sie denn vorhabe, antwortete sie: „Ich will Wasser holen, morgen ist Waschtag." Der Herr verwies ihr das Ungeziemende eines solchen Vorhabens, sie begab sich wieder zur Ruh', doch nur, um den Vorgang vielleicht noch zweimal zu wiederholen. Endlich schliefen die Herren fest ein und als sie früh aufstanden, war das Mädchen fort und ist seitdem verschollen. Bemerkt muß werden, daß das Städtchen auf einer ziemlich steilen Höhe liegt, daß die Wasserleitung beschädigt und die Bewohner ihren Wasserbedarf von unten aus der Jser holen müssen, was im Finstern mit Gefahr verbunden ist. Was mit dem Mädchen geschehen — wer kann es wissen? Wahrscheinlich ist es ertrunken, doch die Leiche kam nicht zum Vorschein, aber es könnte sein, daß sie bei dieser Jahreszeit, wo sie nicht aufschwillt, leicht vom Gestrüpp festgehalten wird, wie sich ja solche Fälle dort schon ereigneten. Aber die Fama weiß sich zu helfen: „Der Jud hat's gethan." — Zwei Schwestern, hiesige Mädchen, im Alter von 15, beziehungsweise 9 Jahren, die nach B. zu Besuche gingen, erzählten, wie sich ihnen unterwegs ein altes Weib zugesellt und wuthschuaubend die Begebenheit erzählte: „Ja der Jude S— hat sie aufgefressen und sich mit den bluttriefenden Fingern vor seine Hausthüre gestellt." Die armen Kinder waren halb zu Tode geängstigt und froh, von der Megäre nicht als Jüdinnen erkannt worden zu sein. — Die Erzählung hatte etwas Komisches an sich: Ein alter unbeholfener Mann, der sich mit Muh' den Rock anzieht, wird als Raubthier dargestellt, das Menschen mit Haut und Haaren frißt, ungefähr so, wie der böse Kater den armen Kanarienvogel. — Doch die Sache wird ernster. Man beschuldigt einem nach den andern und endlich alle; man schimpft, schmäht und droht, die Leute werden geschäftlich benachtheiligt und böswillige B-schädigungen sind auch schon vorgekommen. Je weiter, je schlimmer. Da es hiefür keine Contumaz giebt, so wird die Sache nach allen Richtungen verschleppt und ist auch bereits hieher gelangt. Letzten Sonntag verlangt unser Dienstmädchen ihre, auf einem Dorfe in der Gegend wohnenden Angehörigen zu besuchen; ich muß sie schicken, meinte meine Frau, damit ihre Leute sich überzeugen, daß sie wohl und munter ist. Zurückgekehrt, erzählte das Mädchen, die glücklicherweise anständig und vernünfttg ist, wie alles dort davon spreche, wie jedes Weib, das nach B. ginge, ein Schmählied in ihrem Korbe finde, ohne zu wissen, wie es hineingekommen ist und wie ihr Schwager sie gewarnt habe, sie möge ja auf ihrer Hut sein. Es gehört nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, zu einer solchen Zeit in einem Kaufladen zu stehen und den ganzen lieben Tag gegen solche Angriffe sich zu wehren. Kommt da ein Weib mit einer giftigen Zunge und behauptet zum so und sovielten Male: „Die Sache wäre wahr. Endlich richte ich an sie die Frage: „Würden Sie eine solche That begehen?" — „Ich nicht" war die Antwort. — „Nun, wie können Sie mir, oder meinesgleichen so etwas zumuthen? So brav wie Sie bin ich doch auch; oder haben Sie in den vielen Jahren je etwas Unrechtes an mir gefunden?" — „Das nicht, aber die dort können es gethan haben." — „Ich will mit meinem Leben dafür einstehen, daß es nicht der Fall ist . . Sie wurde kleinlaut. aber daß sie bekehrt ist, will ich nicht behaupten: „Ich will mein Kampfspiel haben" heißt es im „Fechter von Ravenna". Was kann auch ein vernünfttges Wort nützen, Leuten gegenüber, die abergläubisch sind und systematisch fanattfirt werden. Es gibt hier noch viele, die da glauben, die Cholera werde von den Aerzten ausgestreut. Nun denken Sie sich den Fall, es würde dieß von gewiffen Kategorien der Presse, der Kanzel, des Katheders belästigt; es würde sich sogar ein Universitätsprofessor vorfinden, der es sich zur Aufgabe macht, solche Irrlehren zu verbreiten. Wehe dann den Aerzten! In einer solchen Situation befinden wir uns. Gott bessere es! E. Oberwarth (Ungarn.) am 11. Dezember. Die hiesige „Sonntags-Ztg." schreibt: Bor ungefähr zwei Monaten ist von Oberwarth ein Bäckerlehrling unter ganz eigenthümlichen Umständen bei helllichtem Tage verschwunden und gleich darauf war ein Fleischerlehrling aus Oberschützen abhanden gekommen. Selbstverständlich hat sich der Fanatismus dieses räthselhaften Verschwindens bald bemächtigt und es wurde sofort von dem blödsinnigen Märchen des rituellen Mordes gesprochen. Nun sind aber nach 2 Monaten diese beiden Burschen aufgefunden worden. Gewissenlose Hetzer haben während dieser Zeit ihr Möglichstes gethan, um nicht nur einzelne Personen, sondern eine ganze Confesfion in Verdacht zu bringen und bei unserer Bevölkerung fällt — zur eigenen Schande sei es gesagt — ein solcher Same auf fruchtbarem Boden. Was die Folge nun sein wird, läßt sich leicht errathen: eine Kette von Ehrenbeleidigungsklagen von der einen, und Unannehmlichkeiten für die andere Seite. Prag. (Im Vereine zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums hielt kürzlich der Bereinsobmann Herr Rabbiner Dr. S. Gelbhaus einen literarischhistorischen Vortrag: „Ueber das zweite Targum zum Buche Esther". Zuerst widmete er dem dahingeschiedenen Ehren-