Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-23 · 52 (23.12.1892) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020952--01990-3026058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 52 Vrstrrreichifche Wochenschrift Seite 937 Der Unmuth gegen die judenfeindliche Hetze verleitete ihn nie zum Abfälle von den patriotischen Idealen der ungarischen Nation. Sein Beispiel wirkte auf die Gesammtheit seiner Glaubens - genossen. Die Judenschaft Ungarns blieb wie der Dichter Büros - marty sang: „dem Baterlande standhaft, und unerschütterlich trcu keinen Augenblick lang die Hoffnung aufgebend, daß der Nacht der Verfolgung doch wieder sonnige Tage der Duldsamkeit folgen werden." Die Tage tiefer Demüthigung für das ungarische Israel haben Wahrmann nur noch fester mit seinen Glanbensgenossen verbunden; er mochte es fühlen, daß sie seiner jetzt mehr denn je bedürfen. Und was er bislang unter Hinweis auf seine Ueberbürdung beharrlich zurückwies: das Präsidium der Pester israelitischen Gemeinde — jetzt konnte, jetzt mochte er es nicht ablehnen und unter der Mitarbeiterschaft einer Repräsentanz, die eine Summe von Intelligenz in sich einigte, ist unter seiner Leitung die Pester israelitische Gemeinde zum Gemeinwesen erstarkt, auf welches das gesammte Judenthum mit Stolz aufblicken darr. (Zustimmung). Mit Moritz Wahrmann kam ein neues, frisch pulsireudes Leben in dieselbe^ Eine neue moderne Gemeinde war zu schaffen und in ihr der jüdische Geist zu wecken. Beides wurde erreicht. Das vordem unklare Verhältniß zwischen der Gemeinde und den einzelnen in ihrer Mitte bestehenden, zum Theile sehr bedeutenden Instituten, wie z. B. das jüdische Knaben - Waisenhaus, das jüdische Landes-Taubstummen- und Blinden-Jnstitut, der israelitische Handwerkernnd Ackerbauverein ist endgiltig und ersprießlich geregelt worden; der Religionsunterricht, welcher bislang großen Schwierigkeiten begegnete, wurde in das richtige Geleise gebracht auf welchem er ersprießlich vorwärtsschreitet. Drei neu eingerichtete hebräische Fortbildungsschulen haben sich vortrefflich bewährt. In dem Jugend - Gottesdienste erblüht eine neue für die Zukunft der Gemeinde höchst wichtige Institution, welcher Wahrmann seit ihrer Entstehung eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet hat. Das neue, allen Anforderungen der modernen Wissenschaft entsprechende, wahrhaft großartige, jüdische Krankenhaus verdankt seine Entstehung seiner Initiative und kann überhaupt als seine Schöpfung betrachtet werden. Die Kosten für dasselbe, — mehr als 600.000 Gulden — wurden ganz durch freiwillige Spenden und Stiftungen beschafft. Ein erst jüngst neu erbautes „Gemeindehaus" in welchem sämmtliche Bureaux und Sitzungssäle in würdiger und entsprechender Weise untergebracht sind, ist eine weitere Errungenschaft seiner Amtirung. Größer aber als diese sichtbaren Errungenschaften sind seine moralischen Verdienste um die jüdische Gemeinde. Sein Beispiel hat die religiöse und confessionelle Gleichgültigkeit, welche immer mehr um sich griff, verscheucht und das Interesse für Gemeinde und Judenthum auch in solchen Kreisen wachgerufen, welche für dasselbe fast verloren zu sein schienen. Moritz Wahrmann, der an Samstagen und Festtagen der Erste im Tempel war und der Letzte, der denselben verließ, eiferte zur Nachahmung an. (Beifall und Händeklatschen.) Sein Haus, der Sammelplatz aller ungarisch-jüdischen Coriphäen der Hauptstadt, durchwehte ein ebenso echt patriotischer wie jüdischer Sinn. In regem Gedankenaustausch wurden dort die Interessen der Gemeinde besprochen, die confessionellen Angelegenheiten der ganzen ungarischen Judenschaft erörtert. Kann es da Wunder nehmen, wenn die Pester isr. Gemeinde, ja die ganze ungarische Judenschaft seinen Verlust für unersetzlich hält! — * * Meine Herren! In Ungarn feiert derzeit der liberale Gedanke, speciell in seinen Beziehungen zum Judenthume seine schönsten Triumphe. Das Ziel, für welches Moritz Wahrmann gestritten, ist heute die offen erklärte Grundtendenz des Regierungsprogrammes, welcher — zur Ehre meines Vaterlandes sei es gesagt — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen — sich alle Parteien der Volksvertretung anschließen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Und wieder wie vor 25 Jahren tritt die neue liberale Aera ihr Walten mit einem in Aussicht gestellten Gesetze an, welches berufen ist, die völlige Gleichberechtigung der Juden zu begründen. Was die Emancipation für den jüdischen Staatsbürger, das ist die geplante Receptton für die jüdischen Glaubensgenossenschaft, welch' letztere dadurch allen christUchen Confeffiouen gleichgestellt werden wird. Noch ist das Ziel nicht erreicht, noch dürfte es bis dahin manchen Strauß auszufechten geben; allein es wäre ein durch nicht's gerechtfertigter Kleinmuth, wollte man an dem Erfolge eines Strebens zweifeln, das von der Gesammtheit der Vertreter der Natton getragen wird. Indem wir freudig diesem Glauben leben, wenden wir uns dankbar dem Grabe zu, in welchem Moritz Wahrmann den Todtenschlummer schläft. Sein Name ist mit leuchtenden Buchstaben eingegraben in den Erztafeln der Geschichte Ungarn'». In Liebe und Pietät, wird sein Name gehegt im Kreise seiner Nation, der er jeden Gedanken seines Geistes, jede Regung seines Herzens gewidmet hatte. Sein Vermächtnis wird kostbar sein allen Jenen, die er durch feinen Lebenslauf gelehrt hat, dem Glauben der Väter nnd dem Patriotismus in gleich unerschütterlicher Treue anznhängen. Und indem ich nun schließe, , glaube ich dieß nicht würdiger als mit jenen so warm empfundenen schönen Worten thun zu können, welche Max Falk tieferschüttert am Grabe seines unvergeßlichen Freundes sprach: „Der Herrhat Dich uns gegeben, derHerr hat Dich genommen und wir segnen den Herrn dafür, daß er uns nur Deinen Leib nimmt, daß wir der Erde nur das zurückgeben müffen, was der Erde angehört, daß wir aber Deinen Geist behalten, daß wir ihn gleich einer heiligen Erbschaft bewahren und unseren Söhnen und Enkeln überliefern dürfen, die dann in diesem Deinen Geiste der Vaterlandsnnd Menschenliebe weiter fortführen werden, was Du so ruhmvoll begonnen hast. Deine Leiden sind zu Ende, aber Deine Be strebungen, Deine Kämpfe übernehmen wir alle, und werden sie fortsetzen, bis wir zum vollen Triurnphe verholten haben jenen erhabenen Ideen für welche Tein edle» Herz sich so sehr begeistert hat." «Lebhafter, langanhaltender Beifall und Händeklatschen. Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen.) Wien. Die deutschen und österreichischen Antisemiten jubeln darüber, daß ihnen für die Niederlage im Ahlwardt- Prozesse die Genugthuung geworden, anläßlich des Geschäftsanerbietens der Firma Löwe an Boulanger über Berrath am Baterlande schreien zu können. Daß der Jude Löwe sich angeboten hat, an Frankreich Waffen zu liefern, ist ein Verbrechen. Dagegen freuen sich die guten Arier, daß eine andere christliche Firma Stein len in Mühlhausen mit ihren Anttägen in Paris glücklicher gewesen sei, als Löwe; daßzum Beispiel Krupp heute noch ein Geschäft zum Vertriebe seiner Erzeugnisse in Paris unterhalte, seit langen Jahren Kriegsmaterial nach Rußland liefere und zum Beispiel einmal im Jahre 1868 auf eine Eingabe an Napoleon JH. über seine Gußstahlkanonen von diesem die Antwort erhielt, „daß Seine Majestät lebhaft den Erfolg und die Ausdehnung einer Industrie wünsche, welche die Bestimmung hat, der Menschheit beträchtliche Dienste zu leisten". Die letztere Bemerkung über die Kanonengießerei entbehrt nicht eines gewissen mephistophelischen Humors. Doch die Hauptsache ist: worin liegt der Unterschied zwischen dem, was Krupp 1868. und dem. was Löwe 1886 gethan hat? Doch nur darin, daß Löwe Jude, Krupp aber Christ ist. Das antisemittsche Korruptionsblatt in Wien publicirte am 20. d. M. einen Schmähartikel gegen Löwe; Krupp und Steinlen dagegen sind brave Deutsche. Dem Arier ist Alles gestattet — dem Juden ist Alles ein Verbrechen. — Ein vom deutsch-socialen Verein zu Steglitz (Vorort Berlins) für Ahlwardt eingereichtes Gnadengesuch ist vom Kaiser abgelehnt worden. Zu ihrem großem Schmerze theilt die „Kreuz-Ztg." mit: „Der juristische Vertreter Isidor L.oewes im Ahlwardt- Prozesse, Rechtsanwalt Munkel, ist zum Justizrath ernannt worden". Wien, 13. December. Wir lesen in der „Jüd. Presse." Unter den geradezu grotesken Episoden von unfreiwilliger Komik, an denen der in seinem Anlaß, seinem Verlauf und seinem Ausgang so überaus traurige „Prozeß Ahlwardt" überreich war, steht obenan die zeugeneidliche Vernehmung des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.