Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 936 Oesterreichifchr Wochenschrift Nr. 52 in allen Meeren kreuzen, so konnte Moritz Wahrmann mit Befriedigung von sich sagen, daß er an alldem einen wesentlichen Antheil gehabt. Dieses segensreiche Wirken niachte ihn zu einer der populärsten Gestalten des öffentlichen Lebens, wiewohl er persönliche Liebenswürdigkeit nur im intimern Verkehr bekundete. Er war kein Schmeichler, und das Talent, das ihm am meisten abging, war dasjenige des Höflings. Sein Esprit war berühmt, doch war es kein harmloser Witz, sondern ein kaustischer und schonungsloser. Er suchte nicht zu verletzen, doch lag ihm nichts daran, wenn man ihn rücksichtslos schalt, wo er seine Meinung unumwunden offenbarte. Seine markante, durch Verdienst und Geist bevorzugte Persönlichkeit räumte ihm eine Ausnahmsstellung in der ungarischen Gesellschaft ein. Man verzieh ihm gern sein urwüchsiges Wesen um der vielen Lichtseiten willen, die seine Individualität aufwies. Sein Haus war der Versammlungsort der besten und hervorragendsten socialen Elemente. Da offenbarte sich auch mancher intime Zug Wahrmann's, der die Manifestation vor der Oeffentlichkeit scheute. Wahrmann, der Gemüthsmensch kam hier im trauten Freundes- und Familienkreise hervor. Seine Tochter Renee an Esprit ihm gleichbegabt und an Anmuth eine der anziehendsten Gestalten des socialen Lebens in Budapest, war der Gegenstand seiner zärtlichsten Liebe und seiner innigsten Hingebung. Seine Wohnung war eine kleine Schatzkammer ungarischer Kunstwerke, er selbst ein Mäcen ungarisch-n Kunstlebens. Die literarischen Kreise, denen er sich intim angeschloffen hatte, schätzten sein vielseitiges Wissen und die Zuverlässigkeit seines ästhetischen Urtheils, dessen Feinheit den ehemaligen Schriftsteller-Diletanten verrieth. Das ungarische Theater hatte keinen eifrigeren Freund als Wahrmami. der seit Jahrzehnten der Entwicklung der darstellenden Kunst seines Vaterlandes das wärmste Interesse zuwandte. Diese Liebe für Kunst und Literatur ist wohl ein überzeugender Beweis dafür, daß Moritz Wahrmann auch in Hinsicht des Gemüthes ein Reichbegabter war, wiewohl er sonst die Gemüthsseite wenig hervorzukehren liebte. — Hinter dieser fast rauhen Hülle schlug eben ein gerechtes, warmfühlendes gut jüdisches Herz. Jawohl, Moritz Wahrmann war Jude, nicht nur in seinem Empfinden, sondern auch in seinem äußeren Gehaben; sein Judenthum, er schämte sich dessen nicht, vielmehr kehrte er es stets ostentativ hervor. Sein Patriotismus war ebenso felsenfest wie sein jüdisches Gefühl. Und weil Niemand an dem Erstern zweifelte, durfte er Letzteres immerdar nachdrücklich offenbaren. Als Ungarn im Jahre 1867 in einen neuen Abschnitt seiner Geschichte trat, da waren seine ersten legislatorischen Sorgen der Aufgabe gewidmet, womöglich die Gesammtheit der Staatsbürger zum loyalen Anschluffe an die wiedererstandene Staatsidee heranzuziehen. Zugleich mit dem Emanzipationsgesetze wurde ein Nationalitätengesetz beschlossen, welches den nicht ungarischen Bolksclaffen die liberalsten Zugeständnisse hinsichtlich ihrer sprachlichen und nationalen Eigenart einräumte, und als Entgelt hiefür lediglich patriotische Treue gegenüber dem Vaterlande heischte, welches die gemeinsame Heimat aller seiner Söhne ohne Unterschied des Glaubens und der Zunge ist. In den Juden hat sich Ungarn nicht verrechnet. Sie haben sich bewahrt, als die treuen opferfähigen, für jede nationale Sache sich begeisternden Söhne des Vaterlandes: sie haben Bürgertugenden entwickelt, deren Fülle in Moritz Wahrmann ihre collective Ausgestaltung fand. Wie anders die Nationalitäten! Ihre überwiegende Mehrheit hat sich bis zum heutigen Tage nicht rückhaltlos dem ungarische» Staatsgedanken angeschloffen. Für die Wohlfahrt, die ihnen der verheißungsvoll erblühende Staat erschließt, für die Freiheit, die ihnen seine liberalen Gesetze gewährleisten, bekunden sie ihre Dankbarkeit dadurch, daß sie theils offen, theils insgeheim einen durch nichts entschuldbaren feindseligen Groll wider die Staatsidee im Herren hegen. Je mehr diese Haltung jeden ungarischen Patrioten erbittert, desto herzlicher sind die Bande, welche die Natton mit derJudenschast des Landes verknüpft. Die öffentliche Meinung fühlt es, daß. wenn dasNationalitätengesetz die Nationalitäten zu gleicher Dankbarkeit gestimmt hatte, wie das Emonzipationsgesetz die Juden gestimmt hat. der ungarische Staat in seiner . inneren Consolidirung erheblich w-iter vorwärtsgeschritten wäre. Diese Empfindung, dringt sie sich auch nicht zu klarem Ausdruck, sie herrscht in den Massen der ungarischen Nation gleichwohl vor, und sie bildet zum Theile auch die Grundlage jener Toleranz, die diese sonst zu chauvinistischen Uebertreibungen hinneigende Rasse gegenüber den Juden bekundet. Jawohl, laut und stolz darf ich es hier verkünden: dem Antisemitismus fehlt es im ungarischen Baterlande an Boden. (Lebhafte Zustimmung.) Einst gab es eine trübe, dunkle Zeit — eine Zeit der schmerzlichsten Prüfungen für u n s. die wir die treue ungarische Vaterlandsliebe niit jüdischer Glaubenstreue zu vereinigen wissen. Die Krankheit unserer Zeit und zugleich das Schandmal derselben; der fanatische Glaubens- und Rassenhaß hielt seinen Einzug auch in Ungarn. In den gesunden sittlichen Organismus des ungarischen Volkes impften ruchlose Hände diesen aus der Fremde geholten Krankheitsstoff hinein und schreckliche Fieberschauer durchrütteln darob die Nation. Die ungarische Gesellschaft war krank, die antisemitische Blutvergiftung richtete in ihr trostlose Verheerungen an. Das Bewußtsein inniger Zusammengehörigkeit zwischen den erbgesessenen Söhnen des Vaterlandes und ihren jüdischen Brüdern ward gelockert. Das Band der Liebe riß entzwei und eine tiefe Kluft des Hasses drohte sich aufzuthun in diesem Lande, das mehr als jedes andere in Europa angewiesen ist, auf die hingebende opferwillige Treue all derer, die unter seinen Gesetzen leben. Ach, es war eine Zeit, reich an quäl.'nden Erregungen und banger Trauer! Die Blutvergiftung wirkte inzwischen "fort und eine häßliche, brennende, gefährliche Eiterbeule bildete sich am Körper der ungarischen Nation. Diese entsetzliche Schwüre, sie hieß — Tisza — Eszlar. Schrecklicher Name, Inbegriff von Schmach, Verrohung und böser Leidenschaft! Name, der uns ungarischen Patrioten die Scham- und Zornesröthe in's Antlitz schleudert und der in uns Juden eine Fluth demüthigender peinigender Erinnerungen weckt! Name, der noch später« Enkelsgeschlechtern das Sinnbild sein wird einer beispiellosen Sittenverwilderung und dessen Klang die ungarische Nation für und für daran gemahnen wird, wie ihre wachgerüttelten Leidenschaften sie an den Rand eines Abgrundes geführt haben, in welchem ihre bislang robuste sittliche Individualität zu zerschellen drohte. Die Gif-beule ist nufgegangen. Die bösen Säfte sind dem ungarischen Volke entsickert, der kraftstrotzende Organismus hat den Krankheitskeim von sich abgestoßen. Der Antisemitismus war in Ungarn eine flüchtige Krankheit, die sich nicht einzunisten vermochte, der ritterliche Edelmuth, die angeborne Toleranz und die Gerechtigkeitsliekn des Volkes haben dagegen siegreich reagirt und die Gefahr überwunden. (Beifall.) Tisza - Eszlar hat eine gründliche Sühne geheischt und gefunden: Diejenigen, die dieses verbrecherische Beginnen auf dem Gewissen haben, sie sind heute geächtet, ihr Name ist verschollen und sie selbst haben entweder ihre Verirrungen abgeschworen, oder sich mit dem Gedanken abgefunden, von der gesitteten Gesellschaft gemieden zu werden. Im Parlamente Ungarns gibt es keine antisemitische Partei mehr. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Die Auflösung derselben war die letzte Expiation für das entsetzliche Unternehmen Derer, die das Volk zum Evangelium des unduldsamen Hasses hatten bekehren wollen. Der Jude gilt heute in Ungarn wieder als ein nützlicher, treuer Patriot, auf dessen hingebenden Opferwillen das Vaterland stets zählen kann. Ja, inniger denn je sind heute die Bande brüderlicher Solidarität zwischen den Söhnen der ungarischen Nation und ihren Söhnen jüdischen Glaubens geknüpft: die Gesellschaft scheint beseelt von dem Bemühen, das Unrecht, das sie dem Juden zugefügt, vergessen zu machen und ein Zug freudiger Eintracht herrscht nunmehr dort, wo das Princip der Zerklüftung kürzlich noch sein verderbliches Werk hatte durchführen wollen. (Beifall.) Froh blicktdie ungarischeJudenschaft wieder um sich, neue Zuversicht ist bei ihr eingezogen und dankbar opfert sie nach wie vor an den Altären der Vaterlandsliebe; und ihre christlichen Brüder rechnen es ihnen hoch an, daß die bittere Unbill ihr patriotisches Gefühl nicht herabzumindern, ihre patriotische Treue nicht wankend zu machen vermochte. Und auch in jenen Tagen einer grausamen Heimsuchung ist uns Moritz Wahrmann ein weiser und starker Führer gewesen. Ec hat im ParlamLpte sein gewichtiges Wort mit Mannesmuth erhoben gegen die infamen Lügen. welche der antisemitische Fanattsmus ersonnen, und er hat in einem Duelle I dem Tode in's Antlitz geschaut. Ein festcr Vertreter für heilige Sache der Sittenreinheit, jenes Glaubens, der die monotheistische Idee und die Liebe zu seinem Nächsten zum Gemeingut der Menschheit gemacht. (Bravo! bravo!)