Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ti mum Nr. 52 Oesterreichifchr Wortzrnfchrist Seite 933 Moritz Wahrlmann. Gedenkrede gehalten im Vereine ..Oester, israel. Union" am 17. December 1892 vom ung. Reichsrathsabgeordneten Universitätsprofessor Dr. Armin Reumann. Meine Herren! Das erste Wort, das ich in dieser hochgeschätzten Versammlung spreche, sei dasjenige des aufrichtig empfundenen Dankes für Ihre freundliche Einladung und für den sympathischen Empfang, der mir in Ihrem werthen Kreise bereitet wurde. Sie sind so gütig gewesen, mich in Ihre Mitte zu berufen, um aus dem Munde eines parlamentarischen College» weiland Moritz Wahrmann's die Würdigung jener Verdienste zu hören, die den Hintritt dieses bedeutenden Patrioten und hervorragenden Glaubensgenossen, zu einem so schmerzlichen Verluste für sein ungarisches Vaterland und für die Sache des Judenthums gemacht haben. Unumwunden gestehe ich, daß ich durch Ihren bezüglichen Auftrag mich im hohem Maße geehrt fühle. Zunächst thut es mir wohl, daß es mir gegönnt ist, dem Andenken meines verewigten Führers und Freundes den Zoll der Pietät, hier auf österreichischem Boden, außerhalb des ungarischen Vaterlandes abzustatten. Denn indem Sie, meine Herren, sich anschicken, sich mit mir in diesem Werke der Pietät zu vereinigen, legen Sie zugleich Zeugniß dafür ab, daß Sie dem öffentlichen Wirken desjenigen, um den heute ganz Ungarn trauert, st e t s eine sympathische Aufmerksamkeit zugewendet haben. Und das ist wohl das zuverlässige Kriterium der wirklichen Bedeutung eines im Dienste des Gemeinwohles seiner Nation stehenden Menschen, daß seine edlen Intentionen, sein Eifer und seine Fähigkeit, auch außerhalb der Grenzpfähle der eigenen Heimath r i ch tig gewürdigt und a n erk a n n t w e rden. Die Ehrung, die S ie heute Abends dem Andenken Moritz Wahrmann's zutheil werden lassen, wird allenthalben in Ungarn sympathischen, ja dankbaren Widerhall wecken. Denn nichts vermag den Schmerz einer Nation um den Hintritt eines verdienstvollen Sohnes, wirksamer zu lindern als die Wahrnehmung, daß ihre Trauer auch in der Ferne getheilt wird. Am dankbarsten werden Ihnen meine Herren, die ungarischen Staatsbürger jüdischen Glaubens für Ihre Theilnahme sein, denn sie sind ja auch von dem Verluste am schmerzlichsten betroffen worden. Das Ansehen, die Energie, der Eifer Moritz Wahrmann's um die Angelegenheiten unserer Confession, sie waren dem ungarischen Judenthume ein kostbares Gut und eine unschätzbare Bürgschaft ferneren Gedeihens. Dieses Gut ist uns entrissen, die Bürgschaft uns hinweggerafft worden, und so standen wir denn doppelt verwaist an seiner Bahre: als treue Patrioten und als treue Juden, die eine geschwundene Säule des nationalen Erblühens und den geistigen Führer unserer Confession zu betrauern hatten. Meine Herren! Ich gehe schwerlich fehl, wenn ich annehme, daß neben Ihrer glaubensbrüderlichen Theilnahme, auch noch ein anderes Motiv Sie zu dem Entschlüsse bewogen hat, dem Andenken Moritz Wahrmann's den Tribut Ihrer Verehrung abzustatten. Der Kreis, >n dessen Mitte ich heute zu erscheinen die Ehre habe, war auch durch ein anderes Band mit dem Verewigten verknüpft. Ihr Verein führt den stolzen, schönen Namen „Union". Sie streben die gesellschaftliche Einheit Ihres uns befreundeten und sympathischen Vaterlandes an, und weil das der Inhalt Ihres Strebens ist. befehden Sie muthig und ausdauernd das Prinzip der Zerklüftung, wie es sich in der r eli g i ös en U n dn l d sa mke i t und in dem reactionären Ringen nach Belebung mittelalterlicher Klassenprivilegien geltend macht. Sie sind wackere Streiter für jenen Fortschritt, dessen sieghaft leuchtende Fackel die Phantome des rückschrittlichen Geistes znrückbannt in ihre finsteren Schlupfwinkel. Halten Sie fest an jenem aufgeklärten Freisinn der sich wehrhaft für die Errungenschaften der Democratie, der religiösen und nationalen Toleranz einsetzt und allen entgegengesetzten Bestrebungen entschloffen die Stirne bietet. Und darin war Moritz Wahrmann einig mit Ihnen, meine Herren. Der fortschrittliche Liberalismus den er mit Ihnen gemein hatte, läßt Sie in ihm auch einen Verlust für Ihre Sache betrauern; denn es gibt Hoffnungen und Bekümmernisse, Freuden und Sorgen, die sich auf alle Völker erstrecken, oder doch auf Diejenigen in aller Herren Lander, die ihre patriotische Treue mit der Begeisterung für die gemeinschaftlichen Ideale der ganzen Menschheit zu vereinigen wissen. Wohl mochten auch Sie darum den Schmerz Mitempfinden, der das ungarische Volk ob des Hinscheidens Moritz Wahrmann's ergriff. Die Freiheit, die Aufklärung, der Fortschritt: sie sind ein Gemeingut aller edel Denkenden. Und wenn ein wackerer Streiter für diese Ideale von hinnen geht, dürfen die Ueberlebenden, welche Zunge sie auch sprechen, nach welchem Ritus sie auch zu dem einen Gotte beten mögen, eine stille Thräne weihen dem Andenken des tobten Kameraden. In solchem Sinne war unser Verlust auch der Ihrige, meine Herren: Und indem ich daran gehe, mit den unzulänglichen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, die Bedeutung Moritz Wahrmann's für Ungarn, für seine jüdischen Glaubensgefährten und für den liberalen Gedanken zu erörtern, bin ich sicher, daß Sie mir wohlwollende Nachsicht, meinem Thema aber aufrichtige Sympathien zuzuwenden die Güte haben werden. (Lebhafter Beifall.) * * Meine Herren! Das bekannte Wort, wonach man in des Dichters Lande gehen müsse, um den Dichter zu verstehen, findet auch auf den Staatsmann seine Anwendung. Wie tief auch die Kluft sei. welche die Politik von der Poesie trennt — gerade weil sie Gegensätze sind, haben die Beiden Manches mit einander gemein. Zunächst — und das ist das Entscheidende — ist die Politik ebenso wie die Kunst überhaupt, und in ihr die Poesie, das Werk einer seltsamen Mitarbeiterschaft eines individuellen und eines collectiven Urhebers. Das Kunstwerk hat nicht allein seinen unmittelbaren Schöpfer zum Verfasser; — ohne daß Letzterer es ahnte, hatte er zu Mitarbeitern sein Vaterland mit seinen klimatischen Eigenschaften, seinen geschichtlichen Ueberlieferungen, seiner sittlichen und kulturellen Atmosphäre. Und was im Kunstwerke zum Ausdrucke gelangt, ist nicht lediglich die Idee und die Gestaltungskraft des Künstlers, sondern auch die Nation, ans der er hervorgegangen, die Natur, die ihn umwebt und der Jdeenschatz eines Volkes, in den er hineingeboren worden. Das Gleiche gilt vom Staatsmanne. Dieselben politischen Ziele werden in jedem Lande auf andere Art zu verwirklichen getrachtet; dieselben politischen Ideen gestalten sich bei den verschiedenen Nationen in verschiedener Weise aus. Der Politiker ist ebenso wie der Dichter in unlöslichem Zusammenhänge mit seiner Nation und ohne daß er es wußte, haben die Traditionen, die Sitten, d e Ideen seines Vaterlandes sein politisches Wirken in hohem Grade mit beeinflußt. Wie Goethe, so konnte auch Bismark nur auf deutschem Boden erstehen, und wie Shakesspeare. so konnte auch Pitt nur eine Frucht des britischen Volksgeistes sein. Und wäre die täglich wahrnehmbare Wechselwirkung zwischen Kunst und Politik denkbar. wenn nicht Beide im nationalen Leben wurzelten und aus diesem Boden die besten Lebenskräfte zögen? Meine Herren! Um Moritz Wahrmann zu verstehen, müssen wir in Moritz Wahrmann's Lande gehen. Losgelöst von der ungarischen Nation, der er ein treuer Sohn gewesen, ist sein Wirken ein schwerverständliches. Der Perspective des modernen ungarischen Staatslebens entrissen, verliert seine Gestalt an Wahrheit in der Darstellung und an Bedeutung im Inhalte. Es ist, als schnitte man ans einem Landschaftsgemälde eine Baumgruppe ans um sie als selbstständiges Kunstwerk zu verwerthen. Diese Baumgruppe mag an sich noch so meisterhaft gestaltet sein, zu ihrem Berständniß fehlen die Snit_ und das Licht des Ganzen; der Himmel, die ringsumher sprießende, quellende und ragende Natur. So wollen wir denn Moritz Wahrmann's Charakterbild in feinem Zusammenhänge mit dem modernen Ungarn betrachten. Vielleicht wird uns die gegenwärtige Entwicklung meines ungarischen Vaterlandes manch' wichtigen Aufschluß über sonst räthselhafte Züge in Wahrmann's Charakter bieten; und vielleicht wird Manches im Leben und Wirken meines verewigten Freundes, gewisse Erscheinungen im politischen und wirthschaftlichen Leben Ungarn's in ein neues Licht rücken. Denn fest verwoben war die individuelle Thätigkeit Wahrmann's durch fast drei Jahrzehnte mit den Geschicken des ungarischen Vaterlandes, so fest, daß es nicht nur pietätlos, sondern auch unklug wäre, die Fäden zu zerreißen, welche diesen Zusammenhang vermittelt haben. * * *