Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 934 Oesterrerchische Wochenschrist Nr. 53 Als Moritz Wahrmann seinen Geist aushauchte, erschauerte die Metropole Budapest und das weite ungarische Vaterland von den Karpathen bis zur Adria in tiefer Trauer. Es gibt Verluste, deren Tragweite man den Massen nicht erst darzulegen braucht. Verluste, die man im Saale der Gesetzgebung, wie auf der Straße, im Palast, wie in der Hütte gleich lebhaft empfindet; weil allenthalben die Empfindung sich regt, daß aus dem Inventar der eigenen Nation ein kostbares Gut ab banden gekommen. Dieses Gefühl hatte Wahrmann's Hintritt in Ungarn erweckt. Das Parlament verlor in ihm einen erleuchteien Geist, einen weisen Kopf und eine außerordentliche Arbeitskraft; die Bollswirthschast betrauerte in ihm die Quelle so mancher Idee, welche das Werk der oekonomischen Regenerirung unseres Volkes wesentlich gefördert hat. Die Nation beweinte in ihm einen der erprobtesten und muthigsten Streiter für ihre Wohlfahrt, für ihren Fortschritt und für ihr Recht. Und wir Juden endlich, wir standen furchtbar gebeugt an seiner Bahre, denn derjenige, der in diesem Sarge gebettet lag, war unser tteuer, guter, starker und muthiger Führer gewesen. Ach, wenn es einen Trost für uns Juden gab, für unfern Schmerz, welcher der größte war, weil wir in ihm das Meiste verloren hatten, so ist dieser Trost aus der Erkenntniß geflossen, daß unsere Trauer vom ganzen Vaterlande empfunden, unser Leid durch die ganze Nation getheilt wurde. Wohl war er uns kostbarer als unfern Brüdern — aber daß diese Brüder ihn mitbeweinten, linderte unfern Schmerz, denn es offenbarte sich darin der Werth und der Erfolg jenes Lebenswerkes, dem Moritz Wahrmann sich gewidmet hatte. Während an seinem Sarge die tausendjährigen Todlengebete der Juden gemurmelt wurden, brachte Ungarn's Parlament — eines der stolzesten Parlamente der Welt — seinem Andenken eine Huldigung dar, wie solche nur den größten und bedeutendsten Söhnen der ungarischen Nation zuerkannt zu werden pflegen. Und hinter dem Sarge des Juden Wahrmann schritten die Rathgeber der Krone, die Bannerherrn des Reiches, die Mitglieder der Legislative und eine unabsebbare schmerzlich ergriffene Menschenfluth durch schwarzbeflaggte Gaffen einher: ein Trauerzug, ler ein überzeugender Ausdruck der von Millionen empfundenen nationalen Trauer war. (Lebhafte Bewegung). So ehrte Ungarn's Hauptstadt, Ungarn's Volk, das patriotische Verdienst des Verblichenen. Und — meine Herren! die ungarische Nation ist kein serviles Volk, das aus Wohldienerei sich von den Mächtigen eine Gefühlsmanifestation dictiren ließe. Die öffentliche Meinung meines Vaterlandes ist frei und unabhängig gegenüber den Machthabern; eher trotzig und mißtrauisch, als vertrauensseelig und gefügig. Die ungarische Nation hat den Muth, Freude zu äußern, um den Mächtigen unangenehm zu sein, und Leid zu offenbaren, wenn die Gewaltigen sich freuen. Ich betone dieß, wie bekannt es auch sei. Denn ich befinde mich diesseits der Leitba, wo es leider nicht überflüssig ist, jeglichen Zweifel daran zu bannen, als ob die durch Wahrmann's Tod hervorg>.rufene Trauer nicht die unverfälschte und spontane Kundgebung eines die ganze Nation durchbebenden Schmerzes war. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Ja mehr als das! Wäre Wahrmann kein Jude gewesen, die Trauer um ihn hätte sich wahrscheinlich um einige Nuancen gelinder gestaltet. Gerade den Juden in ihm wußte die freie und selbstbewußte ungarische Nation am besten und am dankbarsten zu würdigen. Den Juden, der als vornehmster Vertreter seiner Glaubensgenossen ein lebendiges Sinnbild seiner hingehenden Vaterlandsliebe, jener patriotischen Opferwilligkeit und Schaffensfreudigkeit, jenes innigen rückballslosen treuherzigen Anschmiegens an die nattonalen Ideale Ungarn's, kurzum all' jener bürgerlichen Eigenschaften war, welche die ungarische Judenschaft zu erlangen sucht, um dem Baterlande darzutbun, das keine Unwürdigen durch das Emancipationswerk des Jahres 1867 als gleichberechtigte Mitglieder in die ungarische Volksfamilie ausgenommen wurden. Denn das ist das Merkmal der Rltterlichkeit in Völkern wie in Individuen, daß sie den schuldigen Dank der Dankbaren mit freiwilligem der Großmuth entspringenden Danke vergelten. Es ging das Gefühl durch's ganze Land, daß mit Wahrmann ein moderner Ungar jüdischer Confession zu Grabe stieg, der Zeit seines Lebens Vaterlandsliebe und Glaubenstreue bekundet und hiedurch erwiesen hat, daß zwischen Beiden kein Gegensatz bestehe. Gerade heute, wo eine weit mächtigere Confeffion den Gehorsam gegen das Staatsgesetz mit Berufung auf ihre Dogmen verweigert, wiewohl sie an Autorität und irdischen Gütern eine in der Welt beispiellos glanzvolle Stellung einnimmt; gerade heute mußte die öffentliche Meinung der ungarischen Nation doppelt schmerzlich ergriffen fein, von dem Tode desjenigen, der durch sein Beispiel dokumentirt hat, daß die Judenemancipation in Ungarn, der Sache der nationalen Freiheit und der nationalen Rechte 700.000 neue und begeisterte Streiter zugeführt habe. Und hier wird es wohl am Platze sein, die Bedeutung zu schildern, welche Wahrmann gerade als Jude für unser ungarisches Vaterland gehabt, und die tiefgehende Wirkung nachzuweisen, welche sein Lehenswerk auf die ungarische Natron und ihre Söhne jüdischen Glaubens geübt. * * * Als Ungarn im Jahre 1867 seine verfassungsmäßigen Rechte wieder errungen hatte, da war für dieses Land vorerst nur noch eine Lebensbedingung erkämpft. Die Verfassung gab Ungarn seine staatliche Individualität wieder, doch nun galt es, die zweite Bedingung der gedeihlichen Entwicklung zu schaffen und das war die Umgestaltung der staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen im modernen Sinne. Der Impuls, den das Jahr 1848 in dieser Beziehung gegeben hatte, fing nun an fortzuwirken. Nur im Geiste der Demokratie und nur in liberaler Richtung konnte sich diese Umgestaltung vollziehen, zunächst weil dieß im Zeilgeiste und dann weil es auch im Blute der ungarische < Nation lag. Die Aufgabe war sonach die, mit den Trümmern der ständischen Verfassung im Staate und des feudalen Geistes in der Gesellschaft gründlich aufzuräumen. Diese Nothwendigkeit drängte Ungarn mit elementarer Gewalt auf die demokratisch-liberale Bahn. Daher kam es, daß eine der ersten Schöpfungen des modernen Ungarn, die Judenemancipation war. Die Letztere bedeutete eine Verbrüderung, die von Begeisterung beseelt war. Die ungarische Nation gab freudig und die Juden empfingen dankbar. Eine Welle dieser Begeisterung trug Moritz Wahrmann in das Parlament hinein: den Juden unter die Christen, den Kaufmann unter die Juristen und Grundbesitzer, gleichwohl ward er vertrauensvoll begrüßt: denn in jenen schönen Tagen einigte alle Elemente der Volksvertretung das Band der Vaterlandsliebe. Bon der Stunde ab, da Wahrmann im Parlamente zum erstenmrle erschien, bis zu seinem letzten Athemzuge war er der Unermüdlichsten einer unter Jenen, die seit einem Vierteljahrhundert an der Regenerirung des ungarischen Staates arbeiteten. Es wäre ein Jrrthum, zu glauben, daß seine Thätigkeit sich lediglich auf wirtschaftliche und financielle Angelegenheiten erstreckte. Sein scharfes Urtheil, seine nüchterne Denkungsart, seine Fähigkeit, die verworrensten Fragen von allem Beiwerk zu läutern und in ihrem Kern zu erfassen, wurden bald bekannt und verschafften ihm ein Ansehen, das selbst von seinen politischen Gegnern nie unterschätzt, noch beeinträchtigt wurde. Der Wiederaufbau des ungarischen Staates, das Werk der neuen Organisation der ungarischen Gesellschaft, die Sache des Culturfortschrittes. das Interesse der geistigen und sittlichen Entwicklung der Nation: sie alle hatten in Wahrmann einen ebenso hingebungsvollen Förderer, wie die financiellen und wirtschaftlichen Anforderungen unserer staatlichen Wiedergeburt. Nicht vorwiegend in großangelegten rednerischen Leistungen bethätigte sich seine Schaffensfäbigkeit und seine Arbeitslust. Wie wohl ihm die Gabe der Rede nicht versagt war, hatte er, der Mann der That, eine Scheu vor dem Worte. Es war seine Ueberzeugung, daß die Aufgabe einer so riesigen Umgestaltung, wie sie sich dem ungarischen Volke auferlegte, durch unverdrossenes Handeln und nicht durch rhetorische Kunststücke gelöst werden müsse. Und es ist mit eine Errungenschaft die er seinem Vaterland als Vermächtniß zurückläßt, daß diese Ueberzeugung sich allmählig auch dem öffentlichen Bewußtsein mittheilte. So oft aber auch Wahrmann das Wort ergriff, war seine Rede klar wie ein Krystall, gegen jeden Angriff gerüstet und gepanzert, wenn nöthig von ebenso beißender alL gefürchteter Satyre und immer von unerschrockenem Muthe, insbesondere wenn es galt, in confeffionellen Fragen Stellung zu nehmen. „Der sogenannte israelitische Schulfond" sagte Wahrmann in einer denkwürdigen am 17. Feber 1870 im Parlamente gehaltenen Rede, „ist kein Fond und hat keinerlei gesetzlichen Zweck, — die in demselben enthaltene Summe ist nichts Anderes als jene von Haynau den Juden auferlcgte Strafe von einer Million Gulden dafür, weil sieim Freiheitskawpfe desJahres 1818/49 als treue Söhne des Vaterlandes unerschütterlich an der Seite ihrer ungarischen Brüder gekämpft haben. Diese Summe ist blutiges Eigenrhnm der ungarischen Judenschaft und muß denselben