Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'II11,1 B5!^WlW^pS.,^p|Wß»WP Nr. 52 Orsterrrdtzischr Wochrnschryt Seite 931 würden. Diese trifft die Verantwortlichkeit in viel höherem Grade, als Ahlwardt. Auch daß Ahlwardt in den Reichstag kommt, wird uns nicht übermäßig aufregen. Wir sind allmählich daran gewöhnt worden. Der Schritt von Pickenbach zu Ahlwardt ist nicht groß; der Schritt von Liebermann zu Pickenbach ist auch nicht groß; der Schritt von Stöcker zu Liebermann gleichfalls nicht, und der Schritt von Treitschke zu Stöcker erst recht nicht. Jedweder, der in dem Antisemitismus einen berechtigten Kern anerkennt, wird sich auch die Blüthen gefallen lassen müssen, welche aus diesem Kern hervorgehen; „sie sind nvthwendig wie des Baumes Frucht; sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln." Der Reichskanzler hat durch den Hinweis darauf, daß die Demagogen der Reaction bemüht sind, Antisemitismus und Bimetallismus vor denselben Wagen zu spannen, in hohem Maße das Mißfallen sowohl der offenen Bimetallisten als auch der verkappten Antisemiten unter den Conservativen erregt. Das Mißfallen würde weniger groß sein, wenn Graf Caprivi mit seiner Bemerkung nicht ins Schwarze getroffen hätte. Nur laufen vor diesem Wagen noch eine ganze Reihe anderer Pferde: der protektionistische Gaul, die etwas abgetriebene Zunftmähre, der staatssocialistische Cirkusschimnnl u. s. w. Dies ganze buntscheckige Gespann wird seit Jahren mit der agitatorischen Peitsche bearbeitet, um den conservativen Karren vorwärts zu bringen. In all diesen Zugmitteln lebt ein und derselbe reactionäre Gedanke, nämlich die Idee, daß man den wirthschaftlich Zurückbleibenden dadurch zu Hilfe kommen müsse, daß man ihre Concurrenten durch die Machtmittel des Staates niederdrückt. Diese Reaction ist von einer solchen Armseligkeit des Geistes, daß sie nichts anderes vermag, als die vorwärts Strebenden mit polizeilichen Bleigewichten zu belasten. In dieser Tendenz liegt der Grundunterschied zwischen dem Liberalismus und der Reaction. Der Liberalismus will die Schwachen stärken, die Reaction will die Starken schwächen. Der Liberalismus kann sein Ziel nur erreichen, indem er das moralische, intellectuelle und technische Bildungsniveau der Schwächeren erhöht; die Reaction nur dadurch, daß sie die Stärkeren in der Entwicklung hemmt. Wir halten nichts von den Mitteln der Gesetzgebung, sofern sie nicht die individuelle Leistungsfähigkeit erhöhen; unsere Gegner glauben, sich ums Vaterland verdient gemacht zu haben, wenn sie im Wege gesetzgeberischer Mechanik der „nothleidenden Landwirtbschaft" einen Concurrenten vom Halse schaffen oder dem wirthschaftlichen Schlendrian das Leben fristen. Es hat sich auf diese Weise förmlich eine gesetzgeberische Zärtlichkeit für alles Absterbende herausgebildet. Daß eine derartige Politik besonders in wirthschaftlich schwierigen Zeiten laute Anhänger findet, ist sehr begreiflich. Wer Jemandem, dem es nicht allzu wohl geht, vorredet, daß er nicht selbst schuld an seinem Schicksal sei, sondern ein Anderer oder ein Anderes: der Jude, die Goldwährung, die Gewerbefreiheit, der Freihandel — oder wie das Schreckgespenst gerade im Augenblicke heißt: der darf stets aus Bestall rechnen. In dieser Beschönigung der Trägheit, des Leichtsinns und jeglicher Unzulänglichkeit hat von jeher das innerste Wesen der Demagogie bestanden. Unparteiische Briese aus Rußland. i. Es ist eine betrübende Thatsache, daß die meisten Berichte über jüdische Zustände in Rußland, welche von Zeit zu Zeit in der europäischen Presse erscheinen, den Stempel unverkennbarer Subjectivität an sich tragen. Entweder ist der Berichterstatter ein Russenfeind, und alsdann werden die Judenverfolgungen in grellen Farben geschildert, oder er hat einen Hang zu Judenfresserei und alsdann — nun, wir wissen ja, wie alsdann die Berichte ausfallen. In beiden Fällen wird die wahre Sachlage entstellt und in beiden Fällen hat die Entstellung betrübende Folgen für die russischen Juden. Ja, wir haben guten Grund anzunehmen, daß das „Gruselnmachen" der russenfeindlichen Presse uns nicht weniger — vielleicht gar mehr — geschadet hat, als die geflissentliche Schönfärberei mancher „russificirten Blätter" und auch als das rohe Zujubeln Seitens der Hep - hep - Preffe. Aber auch abgesehen davon, hat eine falsche Vorstellung der jüdischen Lage in Rußland, sei sie von russen- oder judenfeindlichem Geiste dictirt, noch die unangenehme Folge, daß die meisten europäischen Juden keine richtige Vorstellung von ihren russischen Glaubensgenossen erlangen und sie entweder als fanatische, culturfeindliche, arbeitsscheue Parasiten, oder im besten Falle als eine durch systematische Knechtung, geistig und moralisch stark heruntergekommene Menschenclasse betrachten. In diesen „Unparteiischen Briefen" wird der Versuch gemacht werden, wenigstens dem letztgenannten Uebel etwas abzuhelfen und durch wahrheitsgetreue, streng objective Berichte den jüdischen Lesern eine richtige Kenntniß der geistigen, moralischen und materiellen Zustände der russischen Juden beizubringen, wie auch zur richtigen Beurtheilung der Tragweite und der Folgen der seitens der russischen Regierung von Zeit zu Zeit erlassenen „Judengesetze" zu verhelfen. Also strenge Objectivität! Und mögen diese „Unparteiischen Briefe" von den Streich instrumenten der russischen Censur verschont bleiben! .... * * * Die russischen Juden sind, objectiv betrachtet, auch Menschen und nichts Menschliches ist ihnen fremd. Wohl strengt man sich an, an ihnen Fehler zu entdecken, die nicht allgemein menschlich wären, aber — diese über- oder untermenschlichen Fehler existiren nicht. Das „schlimmste", das ihnen nachgesagt werden kann und auch nachgesagt wird, ist ihre wirklich außerordentliche Mäßigkeit und Genügsamkeit: diese jüdischen Eigenschaften sind auch in der That sehr schlimm — für die unmäßigen und ungenügsamen Russen, die mit den Juden aus den Gebieten des Handels und Gewerbes zu concurriren haben. Objectiv betrachtet, ist die so verrufene jüdische „i^ploitation" die reine Mildthätigkeit gegenüber dem Ausbeutungssystem, welches die Stockrussen und die sonstigen Arier hier zu Lande, im Groß- und Weinhandel betreiben. Nicht umsonst schreit das Landvolk in denjenigen Ortschaften, wo die Juden ausgewiesen wurden, daß man ihm doch seine „Schidy" (Juden) zurückgeben möge, und Bittschriften solchen Inhalts laufen in den Kanzleien der Gouvernementschefs in immer zunehmender Menge und in immer e i n d r i n glicherem Tone ein. Ja, der russische Jude, der bekanntlich leine Freizügigkeit genießt, dem fast jeder anständige Erwerbszweig verboten ist und dabei doch einen Magen oder gar eine Familie mit mehreren Mägen hat, ist entschieden ein ^ploitator, d. h. er sucht sein Brod, wo er's finden kann und ist durchaus nicht wählerisch in den Mitteln, es zu erlangen. Aber, wie gesagt, der jüdische „Exploitirer" in dem berüchtigten Ansiedlungsrayon, ist, trotz seiner durch die Regierungsmaßregel immer zunehmenden Armuth, die ihn doch zum Aeußersten treiben müßte — noch immer die Selbstlosigkeit selbst, gegenüber den russischen „Kulaki" (Dorfwucherer) und auch im Vergleich zu manchen russischen Kleinhändlern, die objectiv betrachtet, wahre Raubthiere in menschlicher Gestalt find*). Und die russischen kleinen und großen Ausbeuter exploitiren doch nicht aus Noth, ihnen sind doch alle Erwerbszweige zugänglich, ihnen ist doch der Aufenthalt überall gestattet. Uebrigens hat sogar die russische Hetzpresse in letzterer Zeit aufgehört, das früher so beliebte Thema von der jüdischen Exploitation im „Ansiedlungsrayon" zu behandeln und dagegen findet man in derselben Presse, oie sonst von den Korah-Schätzen der Juden unaufhörlich fabulirte, ganz schaudervolle Schilderungen der Armuth und Noth, die unter den jüdischen „Blutegeln" in den westlichen Gouvernements herrscht. Jüdische Handwerker, die an den Werktagen 18 Stunden täglich im Schweiße ihres Ängesichts arbeiten, sollen sich sogar am Sabbath den Genuß des Fleisches nicht gönnen dürfen; an Wochentagen besteht das Menu dieser „rücksichtslosen Aussauger" aus Surrogaten, denen ebensowenig die Bezeichnung Speise zukommt, als ihnen selbst das Epitheton Schmarotzer. Biel trauriger — falls sich dieses Elend noch steigern läßt — soll, nach den Berichten des „Kiewljanin", Marsch Dnewnik, Wilenski Westnik und anderer ermntisemitischer Blätter (die, beiläufig bemerkt, amtliche Organe sind), die materielle Lage der jüdischen Kleinhändler, Krämer, Hausirer und sonstiger Exploitirer par excellence sein; diese fasten buchstäblich mehrere Tage in der Woche. Daß diese grauenvollen Berichte in der hiesigen Hetzpreffe mit dem rohesten Cynismus und der grausamsten Schadenfreude *) Eine ausführliche Schilderung und Characteristik der rusfischen Ausbeuter in Stadt und Land, findet man in den Werken des berühmten russischen Satyrikers Schtschedrin-Saltikow.